„DEMO:POLIS: Das Recht auf öffentlichen Raum“ fand vom 12. März bis 31. Mai 2016 in der Berliner Akademie der Künste am Hanseatenweg statt. Kuratiert wurde die Ausstellung von Wilfried Wang.

DEMO:POLIS – Das Recht auf Öffentlichen Raum. Akademie der Künste, Ausstellungsansicht. Foto © Miriam Papastefanou

DEMO:POLIS – Das Recht auf Öffentlichen Raum. Akademie der Künste, Ausstellungsansicht.
Foto © Miriam Papastefanou

Der öffentliche Raum hat sich verändert und die Transformationen sind nicht nur physischer Natur. Er ist Austragungsort gesellschaftlicher wie politischer Debatten und befindet sich somit im Kreuzfeuer der Interessen. Für die Macher von DEMO:POLIS ist jedoch ganz klar: Der öffentliche Raum gehört der Allgemeinheit und ist Repräsentant derselben. Die Forderung: In Zukunft soll der öffentliche Raum von der Zivilgesellschaft gestaltet werden. So wird die Ausstellung selbst zum politischen Programm.

Doch was ist das eigentlich, öffentlicher Raum? Hier entsteht bereits im Eingangsbereich eine massive Diskrepanz zwischen dem Physischen und Abstrakten.

Geht man nach Giambattista Nolli, dessen Planwerk „La Nuova Topografia di Roma“ von 1748 als erster Schwarzplan überhaupt gilt, dann ist das Öffentliche zunächst einmal das Weiße im Gegensatz zum Schwarzen.

Dass dieses Weiße aber überhaupt nichts mit Leere zu tun hat, zeigen Studierende der TU Berlin mit ihrer Arbeit „Die Mitte ist nicht leer“. Hier wird eine abgewandelte Version des klassischen Schwarzplans präsentiert, der Orte kennzeichnet, an denen sich öffentlicher Raum durch Handlungen und Erinnerungen – also als Ort an dem Geschichten kulminieren – manifestiert. Und der kuratorische Wandtext ergänzt diese These: Der öffentliche Raum ermögliche es dem Einzelnen, sich zu jeder Zeit ungehindert in ihm zu bewegen und zu sprechen. Er ist ein zusammenhängendes räumliches Gefüge, das die Kontaktaufnahme zu anderen Menschen erlaubt. Das macht ihn zu einem Kommunikationsmedium.

Wie kommt man nun von einer weißen Fläche zu solch einer bedeutungsschwangeren These, wie sie Kurator Wilfried Wang aufstellt? Im Falle von DEMO:POLIS theoretisch durch die Gliederung in drei große Themenblöcke – Transformationen, Paradigmen und Visionen ­– praktisch durch quadratmeterweise Polyphonie in Form von künstlerischen, politischen, architektonischen und stadtplanerischen Ansätzen und Aussagen. Am Hanseatenweg ist so ein Konglomerat aus Ideen, Idealen und Realitäten entstanden, mit Hilfe dessen man versucht sich eines Themas anzunähern, das sich vor allem durch seine Vielschichtigkeit auszuzeichnen scheint – dies macht nicht zuletzt eine filmische Arbeit, ebenfalls von TU-Studierenden entwickelt, deutlich. In „Rita Schäfer gibt nicht auf“ wird auf unterhaltsame Weise dargestellt, dass über den Begriff des öffentlichen Raums anhaltende Verwirrung herrscht. Theoretisch eröffnen diese Ungereimtheiten ein weites Möglichkeitsfeld, welches praktisch allerdings nur bedingt bespielt wird. Statt zu versuchen, das Urbane und den öffentlichen Raum erlebbar zu machen, greift DEMO:POLIS vielerorts auf reine Repräsentationen zurück: auf Modelle, Pläne sowie filmische und fotografische Dokumentation. Das gestaltet es nicht nur schwierig, architektonisch und stadtplanerisch weniger versierte Besucher bei Laune zu halten, sondern erzeugt auch eine stark informative Atmosphäre. Der Versuch, sich dem Thema auf abstraktere Weise zu nähern, wurde im Teilbereich Visionen primär universitären Projekten überlassen. Deren Ergebnisse sind mehrheitlich im letzten Raum der Ausstellung zu finden – der vorausgegangenen Beispielflut können sie allerdings kaum standhalten.

DEMO:POLIS – Das Recht auf Öffentlichen Raum. Akademie der Künste, Ausstellungsansicht. Foto © Miriam Papastefanou

DEMO:POLIS – Das Recht auf Öffentlichen Raum. Akademie der Künste, Ausstellungsansicht.
Foto © Miriam Papastefanou

Wenn ein abstrakter Ausstellungsgegenstand mit einer konkreten politischen Forderung verbunden wird, kommt man hinsichtlich der Darstellbarkeit wohl zwangsweise ins Schwimmen. Es ist schwer möglich, beiden Anliegen – der Umschreibung eines ungreifbaren Gegenstandes und dem politischen Programm – gleichsam ausreichend Rechnung zu tragen. Im Falle von DEMO:POLIS gelingt der Balanceakt nicht. Hier hat man sich gegen das Erfahrbarmachen des Urbanen und seiner Uneindeutigkeit entschieden, zugunsten einer Ausstellung, die ganz Debatte und wenig sinnliche Darstellung ist. Ihr Kern ist eine Forderung, die es zu illustrieren gilt und so möchte sie vor allem eines: Aufmerksam machen. Aufmerksam darauf, dass der öffentliche Raum schon immer Transformationen unterworfen war und vor allem darauf, inwiefern sich deren Bedingungen verändert haben, beziehungsweise wer diese verändert. Beispielhaft werden Interventionen und Nutzungsweisen von ArchitektInnen, StadtplanerInnen, KünstlerInnen und der Bürgerschaft vorgestellt. Die vorgestellten Aktionen sind umfangreich und ihre Dimension reicht von solchen mit internationaler Wirkmacht und Medienpräsenz – wie Occupy Wallstreet oder den Protesten auf dem Taksim-Platz – zu lokalen Projekten. Der Kollhoff Plan zur Neugestaltung des Berliner Alexanderplatzes findet dabei genauso Beachtung wie der Volksentscheid zum Tempelhofer Feld. Theoretisch stehen diese Elemente gleichberechtigt nebeneinander, doch die Stärkung des Volksentscheids, das die Ausstellung bereits zu Beginn vornimmt, macht deutlich, dass man hier nicht unbedingt Fan von Privatisierung und Spekulation ist. Somit handelt es sich bei DEMO:POLIS um eine meinungsstarke, zielgerichtete Ausstellung, die auf den Status Quo aufmerksam machen und diesen hinterfragen will. Es geht darum, Diskussionen anzuregen, Handlungsspielräume aufzuzeigen und so zum eigenständigen Agieren zu animieren.

Dabei geht dieser Prozess über die eigentliche Ausstellung hinaus. Symposien, Diskussionen und das sogenannte „Urban Parliament“ – dessen Sitzungen man dienstagabends beiwohnen kann – bieten eine Plattform für Debatten. So wird die Akademie der Künste ihrem Leitbild, Stätte der Begegnung und des öffentlichen Austauschs zu sein, gerecht. Allerdings wäre auch zu überlegen, ob die Akademie, die Wangs Definition von öffentlichem Raum keineswegs gerecht wird, überhaupt der richtige Ort für eine Ausstellung dieser Art ist. Wäre es nicht konsequenter und vielleicht auch dem Anliegen der Schau zuträglich gewesen, sie aus der Institution hinaus in den Stadtraum zu verlagern? Dann wäre eventuell auch der Balanceakt zwischen Information und Erfahrbarkeit besser geglückt. Denn wenn man den öffentlichen Raum schon nicht ins Museum holen kann, dann doch vielleicht das Museum in den öffentlichen Raum.

DEMO:POLIS: Das Recht auf öffentlichen Raum
12.03. bis 29.05.2016

Akademie der Künste
Hanseatenweg 10
10557 Berlin
www.adk.de/