Der Gang ist schwach beleuchtet, macht eine Kurve und endet an einem Informationstext. Plötzlich bemerke ich zu meiner Linken ein unendliches, glitzerndes und funkelndes Gebilde, in dem hin und wieder einige seltsame Gesichter auftauchen und wieder verschwinden. Durch zwei fenstergroße und eine türgroße Öffnung scheint dieser Raum fast unwirklich hindurch. Eben noch von Außen betrachtet, werde ich beim Durchschreiten des Türrahmens Teil der Welt hinter dem Rahmen, so als wäre ich in einen Fernseher hineingeschlüpft. Ein schwach beleuchteter, grauer Weg schlängelt sich durch bogenförmige Podeste. Über ihnen schweben jeweils rechts, links und wieder rechts drei große Bildschirme, die auf pyramidenförmigen Unterbauten aus der Wand ragen. Sie alle zeigen nichts anderes als bewegte Gesichter, die im Drei-Sekunden-Takt wechseln. Alte, junge, fröhliche, traurige, schöne, verzerrte, bärtige und sommersprossige, bunte und schwarz-weiße und viele mehr. Die Fülle der Blicke spiegelt sich in jeder Richtung bis ins Unendliche, denn bis auf den Weg, der sich zwischen den drei Bildschirmen hindurch schlängelt, ist alles, von der Decke bis zum Podestboden, mit meterbreiten Spiegelplatten gespickt. Alles spiegelt sich ins Tausendfache und überall tauchen die Blicke der Gesichter auf den Bildschirmen neben meinem eigenen Spiegelbild wieder auf und mit ihnen hunderte verschiedene Emotionen, Szenerien, Einstellungen und Charaktere. Der Raum ist vollständig stumm, doch die Blicke auf den Bildschirmen und ihren hundertfachen Spiegelungen sprechen mit ihrer eigenen Sprache Bände. Die Filmleinwand fungiert als Spiegel in dem wir das Eigene, das Ich, erkennen. Ähnlich sah es bereits der französische Filmtheoretiker Jean-Louis Baudry als er in den 1990er Jahren Jacques Lacans Terminus des „Spiegelstadiums“ in seiner psychoanalytisch ausgerichteten Filmtheorie etablierte. Vielleicht spiegelt der Raum auch jene Theorie des Films optisch wieder.

Der erste Ausstellungsraum, der sogenannte „Spiegelsaal“, der Dauerausstellung des Museums für Film und Fernsehen am Berliner Potsdamer Platz macht mit seinen Besuchern eine sehr schnelle Zeitreise. Mit dem Betreten des dunklen Ganges wird das Jetzt verlassen. Durch die Rahmen in der Wand blickt man auf ein Jahrhundert Filmgeschichte zurück. Ein kurzer Text informiert: Vom Jahr 2000 reist man nun in die Vergangenheit bis ins Jahr 1895. So sind die Bilder auf dem ersten Bildschirm des Spiegelsaals noch farbig, auf dem zweiten bereits in schwarz-weiß und auf dem dritten sind es nur noch die schwammigen Kontraste von hell und dunkel, die das Bild erzeugen. Auch die Kleidung verändert sich, die Räume, die Aktionen, und die Umgebungen. Ich kann mich nun ganz auf die ästhetischen Dimensionen des frühen Films einlassen und die modernen Filme mit ihren effektvollen, schnellen Montagen für kurze Zeit vergessen. Damit ist jedem Besucher ein Ausgangspunkt für den weiteren Verlauf der Ausstellung geboten. Denn hinter dem Spiegelsaal geht es mit dem Verlauf der deutschen Filmgeschichte sukzessiv wieder auf die Gegenwart zu.
Mein zweiter Blick im Spiegelsaal folgt den Linien der Ausstellungsarchitektur und erkennt Zusammenhänge, Parallelen und vor allem Differenzen, zum Beispiel in der räumlichen Ordnung der Bildschirme. Ihre Organisation im Raum simuliert zwar eine Reihenfolge, ein historisches Hintereinander von Stumm-, Schwarz-Weiß- und Farbfilm vergangener Filmepochen, doch haben sie auch alle etwas gemeinsam: Ihre Protagonisten sprechen eine alte, heute immer noch unmissverständliche Sprache, nämlich die der Blicke, Gesichtsausdrücke und Emotionen. Doch diese Stationen der Filmgeschichte werden nicht in Abschnitten hintereinander an einem geraden Weg durch die Bildschirme repräsentiert, sondern fächern sich an einem geschlängelten Weg auf, sodass eine Fließbewegung simuliert wird, welche die eine Filmepoche in die nächste überfließen lässt. So, wie auch die Epochen der Filmgeschichte nicht in Abschnitten verlaufen, sondern langsam ineinander überfließen, indem neue Ideen aus der Reflexion des Alten entstehen können.

Erstarren, Staunen, Schaudern, Nachdenken, ein Nicken, Freude, Lachen, Trauer, Weinen, ein Abschied, ein Augenzwinkern, eine Kopfdrehung, ein verliebter Blick, Angst. In der Medienwelt können wir uns selbst wiederfinden. Das Medium Film zeigt menschliche Affekte und hat besonders Gesichtsausdrücke zu seiner Sprache gemacht, die für uns nichts Fremdes darstellt. Im Kino passiert viel mit den Augen heißt es im Informationstext, vor allem im Stummfilm, aber auch im klassischen Tonfilm. Es geht dem Ausstellungskörper nicht um historische Wissensaneignung, nicht um Filmgeschichte, sondern um das, was den frühen Film ausmachte. Egal aus welcher Zeit die Aufnahmen stammen, es werden Emotionen ausgedrückt, die uns als Menschen zutiefst bekannt und zu Eigen sind. Damit ist das Verhältnis von Subjekt (Betrachter) und Objekt (Bildschirme) der Ausstellung mit der Betrachtung des Eigenen in ein besonderes Verhältnis gesetzt. Das Medium Film ermöglicht auf besondere Art die Reflexion des Eigenen, die durch die Ebene der Spiegel noch einmal verstärkt wird, indem unser eigenes Gesicht zusammen mit den Gesichtern von hundert Jahren Filmgeschichte aus den Spiegeln zurückblickt. Die Ebene der Spiegel demonstriert somit das filmische Verfahren selbst.
Doch der Spiegelsaal erzeugt auch Ambivalenz. Das Gefühl von Identifikation wird gestört, wenn der Blick vom grauen Weg zwischen den Spiegeln abschweift. Dann verirrt man sich, wie Rotkäppchen im Wald. Einem Wald aus tausend Gesichtern, verschlungenen Wegen und unzähligen Affekten und ein Gefühl von Verlorenheit im endlosen Strom der Bilderwelten des Films wird erzeugt. In ihrer Masse haben die Bilder der Filmwelt doch etwas Befremdliches an sich.

Dauerausstellung
Deutsche Kinemathek – Museum für Film und Fernsehen
Potsdamer Straße 2
10785 Berlin
www.deutsche-kinemathek.de