Der erste Eindruck ist bei einer zwischenmenschlichen Begegnung entscheidend. Häufig wird in den ersten Sekunden des Kennenlernens abgeglichen, ob das Gegenüber gängigen, kulturell produzierten Schönheitsidealen entspricht. Aus äußeren Merkmalen werden blitzschnell Rückschlüsse auf den Charakter einer Person gezogen. Dieser Zusammenhang von Körper, Identität und Schönheitsidealen ist eines der Themen, die das Schaffen der Konzeptkünstlerin Isa Genzkens stark beeinflusst haben. Einen Querschnitt ihres Werkes können sich Besucher_Innen des Martin-Gropius-Baus in Berlin in der Ausstellung „Mach dich hübsch!“ noch bis zum 26. Juni ansehen.

Über sieben Räume verteilt bilden Installationen, Skulpturen und Fotografien, die unterschiedliche Themenbereiche verhandeln, gewissermaßen eine Collage des Œuvres der Künstlerin. Zwar sind die Objekte lose nach den Schwerpunkten Körper, Porträt, städtische Kultur und Identität geordnet. Doch dieses System erschließt sich den Rezipient_Innen in seiner Gänze erst durch die dezent neben den Türrahmen eines jeden Raums platzieren Schilder, die ohne Weiteres aus dem Blickfeld verschwinden können. Nur einzelnen, in den Augen der Kuratoren Beatrix Ruf und Martijn van Nieuwenhuyzen besonders wichtigen Kunstwerken wurde eine Tafel mit Hintergrundinformationen gewidmet. Auch diesem Hierarchisierungsprozess können sich Besucher_Innen nahezu problemlos entziehen, denn die Tafeln befinden sich nicht direkt am Objekt, sondern sind im Raum verteilt. Der Rezipient hat damit die Freiheit, sich werkimmanente Zusammenhänge selbst zu erschließen.

Dabei finden sich bestimmte Themenkomplexe immer wieder, in den Hinweistexten wird auf die vermeintlich wichtigsten Werke immer wieder Bezug genommen. Die Ausstellung selbst verzichtet aber in ihrer fragmentierten Form darauf, Assoziationen innerhalb des Rundgangs festzulegen. Der Interpretationsspielraum, der dadurch für das Gesamtwerk Isa Genzkens entsteht, ist schier endlos. Eine chronologische Aufarbeitung ihres Schaffens würde sich aufgrund der assoziativen, repetitiven Arbeitsweise der Künstlerin auch schlicht und ergreifend verbieten.

Bereits zu Beginn der Ausstellung wird deutlich, dass eine fragmentierte, assoziative Präsentation der Objekte sehr gut mit der Konzeption der ausgestellten Kunstwerke korreliert. Namensgebend für die Ausstellung sind dabei jene Werke, die Modeindustrie, Schönheitsideale und Frauenbilder parodieren und verzerren. Eine der ersten Installationen, die dem Rezipienten auf seinem Streifzug begegnet, ist ein Nofreteten-Quartett. Vier Gipsabgüsse der berühmten Pharaonengemahlin wurden jeweils einzeln auf einer Säule positioniert – Und dann mit modernen, quietschbunten Accessoires dekoriert, sodass sie beim ersten Anblick eher ein Schmunzeln als Ehrfurcht vor ihrer göttlichen Schönheit auslösen. Mit Perücken, Sonnenbrillen und Gasmasken ausgestattet soll Nofretete, eines der Sinnbilder für Weiblichkeit im alten Ägypten, augenscheinlich an das 21. Jahrhundert herangeführt werden. Die Göttin hat sich „hübsch gemacht“ für ein neues Zeitalter.

Dadurch wagt das Kunstwerk letztendlich in gewisser Weise auch etwas, von dem die Kuratoren in der Konzeption ihrer Ausstellung Abstand genommen haben: Gegenstände, die theoretisch in keiner Weise kulturell oder zeitgeschichtlich miteinander in Verbindung stehen, werden zusammengeführt. Der Betrachter kommt darüber hinaus nicht umhin, wahrzunehmen, dass in dieser Installation Schönheitsideale überspitzt, parodiert und damit letztendlich zur Diskussion gestellt werden. Mit den Sonnenbrillen aus Plastik und den bunten Perücken sehen die Gipsbüsten aus, als wären sie von einem 1-Euro-Shop ausgestattet worden. Die Gasmasken sind zudem eine Rekursion auf die ökologischen Probleme, mit denen vor allem städtische Regionen zunehmend konfrontiert werden – der urbane Raum ist immerhin ein ebenso häufig verhandeltes Thema in den Arbeiten Isa Genzken. Das Maximum an Überspitzung stellt aber ein Gummipenis dar, der an eine der Säulen montiert ist, auf denen die Büsten der Nofretete aufgestellt sind und auf die Willkürlichkeit von Begrifflichkeiten wie Geschlecht und sexuelle Identität hinweist.

Im weiteren Verlauf der Ausstellung werden Schönheit und Genderkonzepte immer wieder thematisiert. Da sich die Ausstellung aber dem Gesamtwerk Isa Genzkens widmet, finden auch die anderen Interessengebiete der Künstlerin in den Räumen des Martin-Gropius-Baus Platz. Dieses über weite Strecken tatsächlich sehr farbenfrohe Potpourri entzieht sich inhaltlich jeglicher Hierarchisierung der Objekte oder der Themen, mit denen sich die Künstlerin auseinandergesetzt hat.

Auch räumliche Hierarchisierungsmechanismen werden weitestgehend gemieden. Die Installationen, Skulpturen und Gemälde werden einerseits ganz individuell präsentiert. Dafür wird zum Teil auch der Museumsboden genutzt, auf dem beispielsweise Collagen aus Magazincovern ausgebreitet werden. Alle Werke sind in ihrer speziellen Konzeption deutlich abgegrenzt von anderen Arbeiten Genzkens und fügen sich nichtsdestotrotz in das Ensemble ein, das in den einzelnen Räumen erschaffen wurde. Die einzelnen Objekte stechen entweder durch ihre leuchtenden Farben oder, im Falle der Skulpturen, durch ihre Monumentalität hervor. Dadurch, dass die Ausstellungsräume selbst in einer neutralen Schlichtheit daherkommen, lenken sie nicht von der Buntheit der Werke ab.

Insgesamt sind die Besucher_Innen von „Mach Dich Hübsch“ durch die fragmentarische, collagenhafte Konzeption der Ausstellung eingeladen, sich einen individuellen Pfad durch das Werk von Isa Genzkens zu erschließen. Dadurch werden die Möglichkeiten, einen eigenen Schwerpunkt zu setzen und zu einem persönlichen Zugang und Verständnis der Objekte zu gelangen, schier endlos.

 

 


Isa Genzken: Mach Dich Hübsch!

9. April bis 26. Juni 2016

Martin-Gropius-Bau
Niederkirchnerstraße 7
10963 Berlin

www.gropiusbau.de