Um 1700 wird der Architekt und Künstler Andreas Schlüter vom Kurfürsten Friedrich III. zum Schlossbaudirektor ernannt und erhält somit die Möglichkeit, die zur Stadt gerichtete Fassade, sowie einige Räume und Treppenhäuser des Berliner Schlosses neu zu gestalten. Knapp 250 Jahre später wird das Schloss bei Bombenangriffen während des Zweiten Weltkriegs beschädigt und schließlich unter sowjetischer Regierung komplett abgerissen. Nur wenige Überreste des im klassischen Barockstil errichteten Bauwerks sind bis heute erhalten. Diese jedoch werden in der Schlossbauhütte in Spandau von Steinmetzen und Bildhauern restauriert, repariert und konserviert.

Die Fotografin Beatrice Kühne ist von der Sorgfalt und Hingabe bei der Bearbeitung der bildnerischen Überreste begeistert und kreiert eine Fotoausstellung, in der sie Szenen aus der Werkstatt festhält. Die Ausstellung wurde bereits von September bis November 2015 in Spandau präsentiert und feiert nun am 11. Juni 2016 im Rahmen des „Tages der offenen Baustelle“ im Humboldt-Forum ein kurzweiliges Comeback.

Das Humboldt-Forum soll neben der Museumsinsel, die vor allem Exponate aus europäischen und nahöstlichen Kulturkreisen beherbergt, nun ein zweites museales Zentrum darstellen, diesmal vor allem für außereuropäische Kulturen. Am „Tag der offenen Baustelle“ können sich BesucherInnen ein Bild über die Baufortschritte machen und werden durch ein Programm von Kurzvorträgen, Installationen und Ausstellungen über geplante Konzepte des Kulturprojekts informiert.

Die Ausstellung „Schmerz und Schönheit“ von Beatrice Kühne ist Teil dieses Programms. Im ersten Geschoss des Rohbaus verteilt, hängen eine Reihe von Fotografien, die im Format 70x100cm auf Museumskarton gedruckt sind. Bei den Motiven handelt es sich um die Skulpturen von Halbgöttern, Putten und Genien, die in der Werkstatt restauriert werden. Eine der Fotografien zeigt den Kopf einer Skulptur, dessen Flügel an der Kopfbedeckung darauf hindeuten, dass es sich um Hermes handeln soll. Die Skulptur hat einen Riss am Hals, der einem tödlichen Schnitt durch die Halsschlagader ähnelt. Die eigentlich steinerne Figur wird dadurch vermenschlicht, sodass die Beschädigung als Verletzung deklariert wird. Man vergisst beim Betrachten fast, dass es sich um eine Statue handelt und empfindet Mitleid und Entsetzen darüber, was ihr widerfahren ist. Diese Personifikation setzt sich sowohl im Begleittext auf einer Tafel neben den Fotografien fort, auf der es heißt: „Die Götter, Halbgötter, Famen, Genien, Putten, Adler warten geduldig auf ihre Heilung“, als auch im Titel „Schmerz und Schönheit“, der den Skulpturen ein Schmerzempfinden unterstellt. Besagte Personifikationen symbolisieren den Prozess von der Zerstörung des Schlosses bis hin zu seinem Wiederaufbau und sollen somit wohl ein Gewahrsein über die Schrecklichkeit/den Schrecken von Zerstörung und Krieg hervorrufen, welches durch den Aktualitätsbezug des laufenden Wiederaufbaus den Charakter einer Zukunftsweisung erhält. Die Ausstellung lässt sich also dahingehend interpretieren, dass sie zum einen vor vergangenen Ereignissen mahnt und zum anderen in die Zukunft weist.

Hierfür stellt das zukünftige Humboldt-Forum einen äußerst angemessenen Ort dar. Einerseits befindet sich die Baustelle ebenso inmitten des Heilungsprozesses wie die Skulpturen. Andererseits wird die Ausstellung, genau wie die ethnologische Sammlung aus der Peripherie Dahlems nach Mitte verlegt wird, zumindest für einen Tag von Spandau ins Zentrum der Stadt gebracht. Diese Verlegung der Fotoausstellung gleicht der Restitution von Raubkunst, weil die Skulpturen nun, nachdem sie gewaltsam beschädigt und nach Abriss des Schlosses verstreut wurden, wieder an ihren ursprünglichen und rechtmäßigen Ort zurückkehren. Die Ambivalenz zwischen Mahnmal und Zukunftsweisung lässt sich auch hier wieder herauslesen, weil Restitution bedeutet, dass die Verbrechen der Vergangenheit anerkannt werden, um den Weg in eine friedvollere Zukunft zu ebnen.

Genau dieses Motiv der Ambivalenz durchzieht die gesamte Ausstellung. Schon der Titel „Schmerz und Schönheit“ verweist auf den Kontrast, der die Geschichte des Schlosses von der Zerstörung zum Wiederaufbau und gleichsam den Prozess der Restaurierung der Skulpturen bestimmt. Dieser Kontrast findet sich auch wieder im bildnerischen Gegensatz zwischen den reinen weißen Skulpturen, die die Fotos zeigen, und ihrem rauen Hintergrund der unfertigen Baustelle.

Die Ausstellung fungiert im Humboldt-Forum als sorgfältig konzipiertes Mahnmal, das bei all der Euphorie um das neu entstehende kulturelle Zentrum dafür appelliert, die Gewalt, die den Wiederaufbau des Schlosses erst notwendig machte, nicht zu vergessen. Die vermenschlichten Skulpturen unterstreichen dieses Ziel sehr effektvoll und künstlerisch und betonen durch ihre prophezeite Heilung gleichermaßen einen optimistischen Blick in die Zukunft des Museums.

 

 


Schmerz und Schönheit
„Tag der offenen Baustelle“, 11. Juni 2016

Humboldt-Forum
Schloßplatz
10178 Berlin

www.stadtmuseum.de