Einen Bericht zur Lage des fortschreitenden und wuchernden Kapitalismus geben? Eine Gegenwart adressieren, die sich in der Verschränkung von Vergangenheit und Zukunft auflöst? Ein Unbehagen einfangen, dessen Wind nicht mehr wie gehabt von der animalischen Vergangenheit des Menschen her weht, sondern aus seiner antizipierten und damit vergegenwärtigten Zukunft bläst? Die diesjährige neunte Biennale in Berlin präsentiert „The Present in Drag“ – Die Gegenwart im Gewand der Zukunft, die Accessoires radikal „Post-Alles“.

Flyer, Poster, Logos erinnern allesamt eher an das Infomaterial eines Pharmakonzerns oder einer Bank. Aufs Wesentliche reduziert und mit einer strikten Einheitlichkeit gibt sich die Kunstbiennale im Stil eines wohl durchdachten und auf globale Beziehungen ausgelegten Corporate Designs. Ein wahrer Nexus aus politischen, ökonomischen, und ökologischen Themenkomplexen lässt sich hierbei bereits erahnen. Was will hier verhandelt werden? Erwartet die BesucherInnen ein riesiger Trümmerhaufen, den die Dekonstruktion übrig lässt und der als Ergebnis von Interventionen und Unterbrechungen die Kategorien des betrachtenden Bewusstseins in ein schwarzes Loch der Sinnlosigkeit stürzt? Das klingt brutal. Lächelnde Menschen auf Flyern und ungemein zufriedenstellenden „Werbevideos“ säumen die Biennale und zeugen von einer ungewöhnlichen Haltung gegenüber diesen klassischen Themen von Kulturkritik. BesucherInnen sind hier Konsumenten und als solche einkalkulierte, quantifizierte und antizipierte Elemente einer Gegenwart der Biennale, die ganz von der Zukunft bestimmt und von der Vergangenheit abgekoppelt ist. Für mehr als drei Monate soll eine Brutzelle der „Post-Gegenwart“ an verschiedenen Orten Berlins installiert werden, die eine zu komplex gewordene Zeit, in der der Vorgriff auf die Zukunft die Gegenwart zum Verschwinden bringt, durch eine Flut von ‚Content‘ erfahrbar macht.

Als Ergebnis von Beschleunigung, von Glasfaserkabeln und besseren Wifi- und Mobilfunkstandards, von schnelleren SSD-Festplatten und besseren Prozessoren ist Content das aus dieser immer stabileren Vernetzung resultierende Genre. Memes, Clickbait, Newsletters, Persönlichkeitstests, Buzzfeed-Listen, Imgur-Bilderflut… Ein verpöntes Subgenre des eigentlichen Inhalts, ein sinnentleertes, von Bedeutung befreites Generikum, das sich lediglich durch seine Affinität zur Verbreitung auszeichnet. Ein Zeitfresser und der Kern des Virus der Prokrastinations-epiedemie. Grund genug sich vor Content zu fürchten. Grund aber auch, den Umgang mit Content zu reflektieren.

Die Performance „Signals“ von Alexandra Pirici im Erdgeschoss des KW Insitutue for Contemporary ermöglicht dies auf eindrucksvolle Weise. Motion-Capturing-Anzüge tragende KünstlerInnen stellen sich dabei über mehrere Stunden lang unter das Diktat eines Algorithmus, der einen Zyklus von dreißig Programmpunkten aus einem Katalog aktueller Internet-Trends generiert. Im kleinen, spärlich beleuchteten Raum wird alles, was der durchschnittliche User an Content aus dem Internet kennt zur Performance: ein Coca-Cola Werbespot, Tinder Profile, eine ein Euro Münze, Tutorials für Grafikprogramme, Siris morgendliche Motivationssprüche, die Klagemauer in Jerusalem, ein Exoskelett, ein verwirrter John Travolta, Todesursache Selfie. Über eine Internetadresse (http://bb9.berlinbiennale.de/alexandra-pirici/) können BesucherInnen dieses Stimmungsbild der beliebten Trends mit beeinflussen. Es entsteht damit eine Performance, bei der ZuschauerInnen und PerformerInnen in ein enges Verhältnis miteinander treten. Aktionen, die in der Gegenwart getroffen werden, werden im Hinblick auf die Zukunft der Performance getätigt. Die Gegenwart der Performance ist eine Zukunft der Vergangenheit, eine Selektion, die in einer zurückliegenden Zeit getroffen wurde. ZuschauerInnen sind Teil des Algorithmus, der auf die Zukunft vorgreift und diese den KünstlerInnen vorwegnimmt. Eine seltsame Umkehr der Verhältnisse, die Chance, hinter den Bildschirm und in die Maschine zu treten. Es gibt keine Kameras, die die Bewegungen der Motion-Capture-Anzüge aufzeichnen. Die weißen Klett-Kugeln adressieren den aufmerksamen Algorithmus, der am Rande des schwarzen Raums aufgereiht lauert und die Bewegungen antizipiert. BeobachterInnen sind Teil des Schwarzen, Unsichtbaren, das berechnet und dafür sorgt, dass für die Berechneten – die KünstlerInnen – ihre eigene Zukunft unerkennbar bleibt, da sie in der Gegenwart erst konstruiert wird.

Diese unerkennbare Zukunft wird spektakulär von der Berliner Künstlerin Cécile B. Evans in einer der nächsten Räume in Szene gesetzt. Eine große, düstere Halle wurde dafür mit Wasser geflutet. Über den Wasserspiegel hinweg erstreckt sich ein weißer Steg in Form eines T’s. Den Blick nach vorne gerichtet, in Richtung eines antizipierten Horizonts, an dem sich Wasser und Himmel treffen würden, trifft er stattdessen auf eine große Projektion, die ein Video zeigt. Obskure, farbenfrohe und krude animierte Szenen spielen sich dort ab. Eine in ihrem ontologischen Status vollkommen unklare Entität namens „Hyper“ erzählt mit den Bildern ihre Geschichte. Sprechende Ohren, verlorene Seelen im Reich des digitalen Nirwanas (das ganz im Sinne der Vaporwave-Ästhetik die Form eines verlassenen Einkaufszentrums zu haben scheint), seltsam zufriedenstellende Werbeunterbrechungen, ein aus Händen bestehendes Wimperntierchen… Die Faszination, die von dieser Installation ausgeht, liegt vor allem in ihrer Unfassbarkeit begründet. Es geht darum, ferne Zukunft in die Gegenwart zu projizieren.

„Hyper“ ist weit voraus. So weit, dass sie nicht mehr in einer gegenwärtigen Zukunft besteht, in einer Zukunft, die den Horizont der Gegenwart bildet. Ihre Zukunft weicht ab von dem, was gegenwärtig konstruiert wird und ist daher unberechenbar, unverständlich, offen. Es ist eine Vision, die hinter dem Horizont liegt, hinter dem, was sichtbar wäre, wenn das Wasser bis zum Horizont reichen würde. Dass diese Vision, diese Antizipation des weit vorausliegenden auf einem blinden Fleck der Gegenwart liegt, wird eindrucksvoll in der Erfahrung der Überforderung beim Betrachten offenbar. Elena Espositos Befund aus der Analyse heutiger Risikoberechnungen der Finanzwelt kann diese Erfahrung erhellen:

Keiner kann sich selbst in der zukünftigen Gegenwart lokalisieren, »vor« dem Heute und seinen Zwängen, weil die zukünftige Gegenwart noch nicht existiert und unberechenbar bleibt. Es ist die Zukunft, deren Vergangenheit unsere heutige Gegenwart ist, mit unserer gegenwärtigen Zukunft und all unseren Versuchen, sie zu vorauszusehen.
Diese Zirkularität ist der blinde Fleck (im Sinne von Foerster) der Finanzwirtschaft und ihrer Logik, wie sich in der Krise zeigte, die durch strukturierte Finanzprodukte ausgelöst wurde: Finanzmodelle können alle möglichen zukünftigen Kurse auf den Märkten vorausberechnen, nur nicht die Zukunft einer modellgeleiteten Finanzwirtschaft – die einzige Zukunft, die später eintreten wird.

Elena Esposito, „The Construction of Unpredictability“
(http://bb9.berlinbiennale.de/the-construction-of-unpredictability/)

Die letzen Windungen der Treppe im „KW Institute für Contemporary Art“ führen in den 4. Stock. Hoch hinauf. Richtung Zukunft? Eine Vision, die Sinn stiftet? Beruhigung für die Angst vorm Content? Eine Utopie, an der festgehalten werden kann? Eine amerikanische Besuchergruppe steigt die Treppe wieder hinunter. „It’s just Howdy“, gibt eine von ihnen zu verstehen. In der Tat. Eine verschlossene Stahltüre auf die ein Sackgassenschild projiziert ist. Der weiße Balken trägt die Aufschrift „Howdy“, die aus dem amerikanischen Südstaatendialekt bekannte Kurzform für „How do you do?“. Die Biennale wirft zuletzt ihre BesucherInnen auf sich selbst zurück. Wie geht es euch damit? Jetzt seid ihr in der Gegenwart – spekuliert ihr mit?


9. Berlin Biennale
04.06. — 18.09.2016

KW Institute for Contemporary Art
Auguststraße 69
10117 Berlin

www.bb9.berlinbiennale.de