Die 9. Berlin Biennale für zeitgenössische Kunst >>The Present in Drag<< findet vom 4.6. – 18.9.2016 an vier verschiedenen Ausstellungsorten statt. Kuratiert wird sie von dem New Yorker Kollektiv DIS

BB9 – ESMT - GCC – Positive Pathways - Installation View - 2016. Foto © Timo Ohler

BB9 – ESMT – GCC – Positive Pathways – Installation View – 2016. Foto © Timo Ohler

Inmitten einer Tartan-Laufbahn, die von spärlichen Sandhaufen umgeben ist, steht eine in moderner arabischer Mode gekleidete Frauenfigur und gibt einem kleinen Jungen ein Quantum Touch: „You are the Future“. Eine strenge, weibliche Lautsprecherstimme erklärt in der Installation >>Positive Pathways<< des Künstlerkollektivs GCC (Gulf Cooperation Council) diese Geste vermittle ,,Victory, triumph and I love you“. Die Bewegung steht im Kontext einer affirmativen Pseudowissenschaft, die sich mit in der Golfregion entstehenden Selbstoptimierungsstrategien befasst. Die Installation bezieht sich nicht nur über die beiden Figuren auf den Appell zu einer bejahenden Lebenshaltung, sondern die Optimierungstechniken des Selbst werden auch über die Laufbahn, die an die ,,weitverbreiteten, ausgewiesenen Laufstrecken in den Golfstädten“[1] erinnern soll, thematisiert. Die mulitmediale Arbeit wird in der European School of Managment and Technology (ESMT) – im ehemaligen Staatsratsgebäude der DDR am Schloßplatz – auf der diesjährigen 9. Berlin Biennale >>The Present in Drag<< ausgestellt.

Das Kuratoren-Kollektiv DIS hat das Kunstfestival an den ökonomischen, sozialen und kulturellen Ballungszentren der Stadt platziert. So sollen diese Orte der Stadt als Räume der Ausstellung mit ihren symbolische Ordnungen, die Agenda der Biennale transportieren:

,,Die 9. Berlin Biennale für zeitgenössische Kunst will die digitalen Konditionen und Paradoxien greifbar machen, die die Welt (…) prägen: das Virtuelle als das Wirkliche, Nationen als Marken, Menschen als Daten, Kultur als Kapital, Wellness als Politik, Glück als Bruttoinlandsprodukt und so weiter. Sie wird dafür an verschiedenen Orten, die immer auch einen Hauch von der ,,Paradessenz“ (Paradox + Essenz) unserer Zeit verströmen, Gestalt annehmen (…)“[2]

Es lässt sich viel spekulieren über diesen hybriden Slang aus Marketing-Sprache und Gegenwartsdiagnose. Fest steht, dass das Kollektiv DIS die institutionellen Orte für ihren Slogan bewusst nicht an den Rändern der Stadt positioniert haben: 1998 entschieden sich die Kurator*innen für das KW Institute for Contemporary Art als Pionierstätte für die Biennale. In der ESMT werden heute in großen Hallen zukünftige Führungskräfte und Global Player ausgebildet; die noch junge Feuerle Collection in einem ehemaligen Telekommunikationsbunker repräsentiert die Instrumentalisierung fremder Räume durch private Sammler. Das Ausflugsschiff Blue Star passiert in einer zweistündigen Fahrt touristische Epizentren der Stadt: Berliner Museumsinsel und Regierungsviertel. All diese Orte seien also Formen für das durch den Neologismus der Paradessenz beschriebene Phänomen. Doch was bedeutet das?

Das Leitmotiv der Biennale >>The Present in Drag<< beschreibt eine verkleidete Gegenwart, eine Gegenwart der Umkehrung und der Paradoxien; eine Post-Gegenwart:

,,In diesem Zeitalter totaler Spekulationen erkennst du nicht einmal mehr eine Gegenwart, von der aus sich eine Zukunft denken würde.“, heißt es auf einer Tafel im Foyer der Akademie der Künste. Die Gegenwart antizipiert eine Zukunft als deren eigene Vergangenheit, sie nimmt die Zukunft vorweg und bringt sich selbst zum Verschwinden. Es gibt keine lineare Zeitstruktur; Gegenwart und Zukunft werden ununterscheidbar. Das bedeutet Post-Gegenwart. Diese Zeit-Diagnose passt zu der Vorstellung eines beliebigen Raumes, die der Literaturwissenschaftler Joseph Vogl in einem Aufsatz zur städtischen Topographie[3] beschreibt:

,,Schließlich ist dieser Raum auch nicht im Zusammenhang mit einer chronologischen Ordnung darstellbar. Er besteht aus zusammenhangslosen Stellen und Orten, die weder durch eine zeitliche Sukzession noch durch eine narrative Abfolge aneinandergereiht werden. Mit diesem räumlichen Gefüge löst sich eine motivierte und lineare Anordnung von Vorher und Nachher auf, es gibt keinen Vektor der Zeit, der hier eine Linie von Vergangenem über die Gegenwart bis in das Künftigste hineinzieht. Man hat es vielmehr mit einer stillstehenden, besser noch: leeren Zeit ohne Gegenwart, Vergangenheit und Zukunft zu tun, die all das enthält, was sich ereignet hat oder ereignen wird, aber im Augenblick nicht, nicht mehr oder noch nicht geschieht.“[4]

Vogl erklärt, dass mit der Entstehung der Statistik die Stadt zu einem epistemologischen Datenraum geworden sei, in dem Ereignisse und nicht eintretende Ereignisse nur noch in Wahrscheinlichkeiten wahrgenommen werden. Die Entwicklung moderner Großstädte produziere, so Vogl, diesen beliebigen Raum. Es entstehe ein fragmentiertes Wahrnehmungsgefüge, das keine kohärente Narration aus den Ereignissen forme, sondern im Modus des Unwirklichen bleibe. Die Stadt werde zu einem Möglichkeitsraum, in dem wirkliche Vorfälle immer von der Option ihres Nicht-Eintretens begleitet sind und bringe somit eine konstitutive Zweideutigkeit hervor. Durch die Verdichtung von möglichen und virtuellen Ereignissen entstehe damit eine Dunstschicht sozialer Unwirklichkeit: ,,Es wird sich hier mit Sicherheit nichts oder etwas oder dieses oder jenes ereignen.“[5]

Mit ihrer Platzierung an den neoliberalen Orten der Stadt und deren Zuschreibung des Paradoxen thematisiert die Biennale die Möglichkeit, aus ihrer eigenen cleanen Oberfläche und derjenigen ihrer Austragungsorte etwas Anderes als Einheit herauszulesen. Das Virtuelle sei heute das Wirkliche, heißt es, der von Vogl beschriebene Datenraum wird damit sichtbar und virtuelle Ereignisse werden real.

Man könnte meinen, dass die Biennale gerade versucht, durch die Affirmation der sich in unserer Zeit zuspitzenden Doppeldeutigkeit von virtuellem und realem Raum mit einer Vielzahl an Anschlussmöglichkeiten – den sie eben auch über ihre Austragungsorte reflektiert – die Paradoxien der Gegenwart als soziale Wirklichkeit anzuerkennen. Erst mit dieser Bestandsaufnahme ließen sich dann neue Fluchtlinien – ,,Positive Pathways“- im Zeitalter der Daten denken, so könnte ein Argument lauten.

BB9 – AdK – Christopher Kulendran Thomas – New Eelam- Installation View – 2016. Foto © Timo Ohler

BB9 – AdK – Christopher Kulendran Thomas – New Eelam- Installation View – 2016. Foto © Timo Ohler

Die Kurator*innen sind in dieser Arbeit konsequent: Sie wählten primär junge künstlerische Positionen, die heiße Themen der digitalen Jetzt-Zeit bearbeiten und kuratieren mit einer glatten Unternehmensästhetik. Paradigmatisch ist damit auch die konzeptionelle Arbeit >>New Eelam<< des Künstlers Christopher Kulendran Thomas im ersten Stock der Akademie der Künste. Er installierte ein durchdesigntes Wohnzimmer, in dem man sich einen Werbefilm über die Utopie, überall zuhause zu sein, ansehen kann. New Eelam wirbt für flexibles Wohnen globaler Weltbürger, mit der Möglichkeit, schicke Wohnungen an allen Orten der Welt zu sharen bzw. zu streamen. Damit lässt Kulendran Thomas nicht nur die Grenzen zwischen Kunst und unternehmerischer Marke verschwimmen, sondern stellt die Frage nach einer staaten- und grenzenlosen Zukunft zur Disposition. Dabei unterschlägt er aber das Unbehagen und die Gefahr einer (transzendentalen) Obdachlosigkeit, die man sich durch die Möglichkeit eines räumlich ungebundenen Zuhauses miteinkauft.

Und so schafft die 9. Biennale >>The Future in Drag<< vielerorts trotz ihrer treffenden und schlagfertigen Bestandsaufnahme wenig anschlussfähige Möglichkeiten zu denken; sie fühlt sich geschlossen an. Es bleibt trotz aller Faszination und auch Kritik ein schales Gefühl. Denn die rissigen und paradoxen Potentiale der Gegenwart und Zukunft werden nicht ausgeschöpft. Und mag man auch argumentieren, dass diese Affirmation gerade subversiv ist, man fühlt sich nach dem Besuch dieser Orte kalt und entrückt. Die Biennale geht in ihrer kühlen Geschlossenheit zu weit und damit nicht weit genug. Es bleiben nur erste Vorschläge, wie es sich in dieser Post-Gegenwart leben lässt. Doch die Dunstschicht sozialer Unwirklichkeit, sie verflüchtigt sich mit der Intervention der künstlerischen Arbeiten an den globalen Orten der Stadt nur selten.

 

[1] Siehe http://bb9.berlinbiennale.de/de/participants/gcc/

[2] Siehe Beiheft der BB9

[3]Joseph Vogl, Beliebige Räume – Zur Mikropolitik städtischer Topograpie, Thesis, Wissenschaftliche Zeitschrift der Bauhaus-Universität Weimar, (2003) Heft 3

[4]Vogl, Beliebige Räume, S. 42

[5]Vogl, S. 40

 


 

9. Berlin Biennale
>>The Present in Drag<<

Akademie der Künste
Pariser Platz 4
10117 Berlin

ESMT European School of Management and Technology
Schlossplatz 1
10178 Berlin

The Feuerle Collection
Hallesches Ufer 70
10963 Berlin

KW Institute for Contemporary Art
Auguststraße 69
10117 Berlin

sowie:

Blue-Star Fahrgastschiff der Reederei Riedel
Anlegestelle Fischerinsel
Märkisches Ufer 34
10179 Berlin
2 Std.-Fahrt, optionaler Ausstieg am Haus der Kulturen der Welt nach einer Stunde

www.berlinbiennale.de