Wie würde eine Ausstellung wohl in einer postdigitalen Ära aussehen? Welche Fragmente ließen sich in den naturgeschichtlichen Museen einer fernen Zukunft betrachten?

Der Künstler Julian Charrière nähert sich diesen Fragen in seiner Einzelausstellung Into the Hollow. Die Berliner Galerie Dittrich und Schlechtriem wurde hierfür in ein Naturkundemuseum der Zukunft transformiert. Die sonst weißen Wände sind anthrazitgrau übermalt und der nunmehr dunkle Raum durch symmetrisch genauestens angeordnete Glasvitrinen unterteilt. Die grauen Sockel, auf denen sich gläserne Schaukästen befinden, scheinen fest im Boden verankert zu sein und es entsteht eine Statik im Ausstellungsraum, die an Wissensaustellungen aus dem Bereich der Mineralogie, Zoologie oder Paläontologie erinnert. Jeder Glaskasten wird von der Decke mit einem Spotlight ausgeleuchtet, das die präsentierten Objekte in helles Licht taucht. Die Lichtkegel bilden senkrechte Achsen im Raum und brechen mit den Waagerechten, die durch die akribische Anordnung der Vitrinen am Boden bereits erzeugt wurden. Es entsteht ein geometrisches Raster, welches durch die Dunkelheit im gesamten Ausstellungsraum besondere Wirkmacht erfährt.

Die ausgestellten Objekte sind Hybride aus erstarrtem Magma und technologischen Geräten – Smartphones, Notebooks oder Festplatten. Nach ihrem abgeschlossenen Verarbeitungsprozess wurden jene Technologien von Charrière artifiziell in ihren Urzustand zurückversetzt – es entstehen mögliche Funde aus der Zukunft.

In jeder der insgesamt acht Vitrinen, die sich auf zwei übersichtliche Räume aufteilen, befindet sich ein solcher, scheinbar geologischer Fund: Graue scharfkantige Gesteine in verschiedener Form und Größe, die beim näheren Betrachten feine Bronzeschlieren aufweisen – rot-braun glitzernde Stellen und metallisch-grüne Sprenkel auf der unebenen Oberfläche. Neben der Farbenvielfalt weisen die Gesteinsformationen aber auch Strukturen auf, die sich, wie nach einer Fossilisation, starr in das Gestein eingliedern. Zu erkennen ist beispielsweise die feine Rasterstruktur einer eingeschmolzenen Festplatte oder der verbogene Rahmen eines iPads. Es lässt sich nur erahnen, dass diese metallischen Schichten aus technischen Apparaten von heute bestehen.

Rund 1,5 Tonnen solcher Informationstechnologien wurden, samt aller darauf gespeicherter Daten, von Julian Charrière mithilfe des heißen Magmas eingeschmolzen. Aus den entstandenen Steinformationen wählte der Künstler einzelne Brocken mit ihren metallischen Elementen aus, um sie als kuriose Objekte auszustellen. Kurios nicht nur durch ihre Form oder Farbenvielfalt, sondern vielmehr durch die Kombination von Gegensätzen, die aus ihnen sprechen und ästhetisch funktionieren: Die Speicherfähigkeit blieb in den urtümlich wirkenden Steinbrocken als bloßes Potenzial erhalten. Unsichtbare Daten wurden so im Raum fixiert und – durch ihrer Verschmelzung mit der festen mineralischen Steinmasse – sichtbar gemacht. Als BesucherIn fasziniert und widerstrebt der Anblick dieser zu Stein gewordenen Hardware gleichermaßen und passt keinesfalls zu den unsichtbaren Netzwerken, die wie selbstverständlich die Grundlage für die weltweite Kommunikation und den Informationsaustausch unserer Zeit bilden.

Täglich werden über das iPhone, den Laptop oder den Computer jene Strukturen genutzt. So ungreifbar und unsichtbar das globale Netz von Kommunikationskanälen also zu sein scheint; die technologischen Objekte, durch welche seine Nutzung erst möglich wird, sind greifbar und physisch – wir tragen sie mit uns herum, halten sie in der Hand, telefonieren, tippen und surfen und werden durch sie zum Teil des unsichtbaren Datenflusses.

Trotz der ständigen Nutzung jener Objekte herrscht allerdings kaum Bewusstsein über ihre industrielle Herstellung. Bewusstsein darüber zum Beispiel, dass Metalle aus seltenen Erden die Hauptressource technischer Geräte sind und somit auch das Fundament unserer gegenwärtigen Digitalität bilden. Dieser ökologisch höchst problematische Prozess wird durch das In-Szene-setzen der Gesteine von Charrière im wahrsten Sinne des Wortes erst ans Licht gebracht und kritisiert.

Seltene Erden werden überall auf der Welt abgebaut, um danach in China, Indien oder den USA in Smartphones, Laptops und andere Technologien zusammengesetzt zu werden. Für ihre Gewinnung müssen tiefe Einschnitte in die Erdkruste vorgenommen werden. Durch das scheinbare Hervorholen der Steine und ihrer naturwissenschaftlichen Präsentation zitiert Charrière den kritischen Prozess des Ausgrabens und erzeugt Sichtbarkeiten. Die Spuren der gegenwärtigen Zivilisation in den Steinen erschaffen das künstliche Bild unserer eigenen Vergangenheit und dem Umgang mit dieser. Gleichzeitig prangert der Künstler die Gewinnung seltener Erdelemente an und lädt zum Nachdenken ein, über die immer tiefer werdende Minen beispielsweise, von denen die Erde zunehmend durchmasert wird. Mit der Ausbeutung der Natur geht weiter die Ausbeutung von ArbeiterInnen im globalen Süden einher, die unter schwersten Bedingungen an der Beschaffung seltener Erden beteiligt sind.

Gewaltvoll scheint der Eingriff, die fragilen technischen Geräte samt ihrer Daten in flüssigem Stein einzuschmelzen. Neben der Entstehung von Müll und Verschleiß während und nach ihrer Produktion, werden entsorgte Smartphones oder Laptops teilweise auch gesammelt, recycelt und zu neuen Technologien verarbeitet. Durch die Einschmelzung wird diese Kreislauf allerdings unterbrochen – ein Bruch in einem nie enden wollenden Produktionsprozess, der durch die vorherrschende Konsumkultur unserer Gesellschaft immer weiter vorangetrieben wird und dessen Ressourcen nicht durch reines Recycling gedeckt werden können: Die Löcher müssen immer tiefer in die Erdkruste gegraben werden, um die Kommunikation lediglich auf der Erdoberfläche zu ermöglichen

Betrachtet man als BesucherIn die Gesteine in ihren gläsernen Kästen, überwältigt zuerst die enorme Schönheit jener Magmabrocken. Während man sich vorsichtig durch den habdunklen Ausstellungsraum bewegt, weiß man gar nicht genau, wo man hinschauen soll, da in jeder erleuchteten Vitrine eine andere Farbnuance aufblitzt und verlockend glitzert. Wie eigentümliche Meteoriten ruhen die Brocken nach ihrer Metamorphose einzeln auf dünnen Metallstangen, wodurch sie nicht den Boden des Ausstellungskastens berühren, sondern leicht zu schweben scheinen. Ob Charrières Gestaltung und Strukturierung des Ausstellungsraumes wirklich einer realen Zukunftsaussicht entspricht, ist schwer zu sagen. Der Anspruch des Künstlers aber, einen naturgeschichtlichen Ausstellungsraum zu schaffen, welcher so auch in der Zukunft existieren könnte, rückt in den Hintergrund neben der Frage: Könnten diese Gesteine wirklich das sein, was in vielen hundert Jahren als Geologie unseres heutigen Zeitalters gelten wird?

Vielleicht braucht es einen künstlich geschaffenen Blick aus der Zukunft auf die eigene Zeit, um diese kritisch hinterfragen zu können. Julian Charrières Gesteine ermöglichen einen solchen kritischen Blick zum Beispiel auf den Lebenszyklus der nunmehr eingeschmolzenen technischen Geräte und auf die Bedeutung der tiefen Einschnitte in die Erdkruste, die einen unabdinglichen Produktionsschritt im Herstellungsprozess unserer täglich genutzten Technologien bilden.

 


Julian Charrière – Into the Hollow
29. April 2016 – 25. Juni 2016

Dittrich und Schlechtriem
Tucholskystraße 38
10117 Berlin

www.dittrich-schlechtriem.com