Unter den Kellergewölben des Neuen Museums verbergen sich so einige haarige Dinge, genauer gesagt – Bärte. Sehr viele Bärte. Die jungen, überwiegend weiblichen KuratorInnen zeigen den „Bart – zwischen Natur und Rasur“ in einer interaktiven Ausstellung.

Der Raum bietet nicht besonders viel Platz, um sich auszubreiten, dennoch weiß man zunächst nicht wohin mit sich. Schon von Weitem sind Vitrinen, Ölgemälde, Skulpturen und Plastiken sowie Mit-Mach-Stationen und Audio-Ecken zu sehen. Wo soll man anfangen? Der Ausstellungsraum überlässt den BesucherInnen die Entscheidung und verzichtet auf ein vorgegebenes Leitsystem. Die Aufmerksamkeit richtet sich in meinem Fall zuallererst auf eine große Wandtafel, die die kulturellen, politischen, religiösen und ästhetischen Bedeutungen von Bärten und ihre Geschichte knapp zusammenfasst.

Weitaus umfangreicher werden auf schmalen Aufstellern, die im Raum verteilt sind, verschiedene rhetorische Fragen gestellt und mögliche Antworten gegeben: „Der Bart ist machtvoll?“ oder „Der Bart ist wild?“. Gleichzeitig werden aber auch Aussagen, wie „Der Bart ist ab!“, getroffen. Man scheint sich mitten in wandelnden Bedeutungen und verschiedenen Konnotationen von Bärten zu befinden. Rasierklingen aus den Jahren 2700-2200 v. Chr. werden neben Rasierapparaten aus den 1960er Jahren in einer Glasvitrine präsentiert; gleich daneben steht ein mit Samt überzogener Barbierstuhl der 1920er Jahre auf einem Podest und in unmittelbarer Nähe findet sich eine Videoinstallation, die einen rasierten Kaktus zeigt.

So viel Geschichte und Kunst auf so wenig Raum? Beim Thema Bart scheint genau dieser Umstand sehr gut zu funktionieren. Historisches verbindet sich mit Künstlerischem und erzeugt so ein großes Ganzes, das es von den BesucherInnen zu entdecken gilt. So bahnt man sich also nach und nach seinen Weg an Bartpflegesets und Barttassen vorbei. Auf orangefarbenen und mit Fragen versehenen Hockern liegen Bücher bereit, die die Interaktion zwischen Ausstellung und BesucherIn ermöglichen sollen. Antworten auf Fragen wie „Wann ist ein Bart für dich politisch?“ sucht man jedoch bei einem Blick auf die Seiten vergeblich; nur ein paar einzelne Bemerkungen lassen sich finden. Ansonsten wird das offene Buch zu dem gemacht, was es normalerweise in einer Ausstellung ist, nämlich ein Gästebuch, in dem in diesem Fall vor allem junge Menschen ihren Besuch im Museum mit „Hier waren …“ festhalten. Hier verfehlt die Interaktion ihren eigentlichen Zweck, wodurch die BesucherInnen der Auseinandersetzung mit der eigenen Meinung entgehen.

„Alles dreht sich um den Bart“ liest man auf einem Kasten. Drehen ist hierbei wörtlich gemeint, denn an dünnen Stangen sind quadratische Platten befestigt, die zum Anfassen einladen. Auf der einen Seite Text, auf der anderen Seite Bilder. Gezeigt wird hier zum Beispiel, wie die Bärte jüdischer Bürger in aller Öffentlichkeit von nationalsozialistischen Offizieren abgeschnitten wurden, um ihnen ihre Ehre zu nehmen. Auch der religiöse Aspekt des Bartes wird in diesem Bereich der Ausstellung thematisiert, wenn es bei der Darstellung von Jesus Christus und seinem Bart darum geht, ob und wie man sich ein Bild von Gott machen kann.

Bis zu diesem Zeitpunkt scheint der Bart vor allem männlich konnotiert zu sein. Im hinteren Teil des Raumes wird indes ein Thema angesprochen, das in unserer Gesellschaft kaum präsent, wenn nicht sogar verpönt ist: Frauen mit Bärten. Ein kleiner, halboffener Raum mit rotem Vorhang und der Überschrift „Bearded Woman“ widmet sich der Geschichte von Frauen mit Bartwuchs. Die Innenwände sind mit verschiedensten historischen Fotos bärtiger Frauen behangen. Eine kleine Videoinstallation zeigt ein Interview mit Mariam, einer Frau mit Bartwuchs, die einen eigenen Blog schreibt, um anderen Frauen Mut zu machen und ihnen eine Plattform zu bieten. Der kleine Ausstellungsraum ist dem Pavillon nachempfunden, mit welchem Mariam bei Festivals Menschen an ihrer Geschichte teilhaben lässt und gleichzeitig Frauen mit Bärten eine Bühne gibt. Dieser Teil des Ausstellungsraums fasziniert und konfrontiert zugleich. Hier wird Bartwuchs bei Frauen nicht als Makel dargestellt, sondern als ein recht häufiges Phänomen, welchem man mit Offenheit und Toleranz gegenüberstehen sollte.

In Bezug auf das Thema „Bart“ ist innerhalb der Ausstellung auch der modische und ästhetische Aspekt unumgänglich. So werden beispielsweise Bartwettbewerbe und verschiedene Bartkategorien vorgestellt, wobei vorwiegend stereotypisierte, aber auch individuelle „freestyle“ Bartformen auftauchen. Den Abschluss der Ausstellung bildet für mich die interaktive Do-it-your-Selfie-Ecke, in der man mit Hilfe einer Kamera ausprobieren kann, wie welcher Bart am eigenen Gesicht aussieht. Hat man ein Foto gemacht, kann man entscheiden, ob es neben der Kamera auf einem Flachbildschirm unter vielen anderen Selfies erscheinen soll oder nicht. Die Idee der Interaktion von BesucherIn und Ausstellung ist in diesem Punkt definitiv gelungen und passend zum Thema „Bart“ gestaltet. Nichtsdestotrotz stellt das „Selfie-Machen“ ein eher spaßiges Unterfangen, und weniger eine kritische Auseinandersetzung mit der Kulturgeschichte des Bartes, dar. Auch die zum größten Teil unbeantworteten Fragen in den ausgelegten Büchern bestätigen diese Wahrnehmung. Die Ausstellung will die Meinungen und Empfindungen der BesucherInnen erfahren und gleichzeitig „ausstellen“. Bärte liegen im Trend und erleben im Augenblick vor allem bei jungen Leuten ein großes Revival. Das Interesse am Thema ist dementsprechend vorhanden; so ist der Ausstellungsraum während meines Besuches voller Menschen, die sich flink hin und her bewegen, scheinbar auf der Suche nach Antworten und nicht auf dem Weg, Antworten auf offene Fragen zu geben.

 


Bart – zwischen Natur und Rasur

11.12.2015 bis 03.07.2016

Neues Museum Berlin
Bodestraße 1-3
10178 Berlin

www.smb.museum.de