Das Hauptgebäude der Humboldt-Universität zu Berlin liegt in direkter Laufnähe der Museumsinsel. Dennoch ist es nicht der offensichtlichste Anlaufpunkt für Touristen und Museumsbesucher. Wen es doch einmal in den dritten Stock des Westflügels verschlägt, der findet dort in den Räumlichkeiten des Winckelmann-Instituts die Ausstellung „Forum Romanum 3.0“. In einem einzigen länglichen Raum wird hier das Ergebnis des Forschungs- und Lehrprojektes „digitales forum romanum“ präsentiert, das am Lehrbereich Klassische Archäologie sowie in Zusammenarbeit mit dem Exzellenzcluster Topoi entstanden ist. Ziel des Projekts ist die digitale Rekonstruktion des ehemaligen Markt- und Versammlungs-platzes des antiken Roms. In der Ausstellung werden nur Teile dieser Arbeit gezeigt, der komplette Stand der Forschung ist gut aufbereitet im Internet zu finden.

Damit ist „Forum Romanum 3.0“ zunächst einmal eine Projektpräsentation, die auf eine andere, scheinbar umfangreichere Vermittlung des gleichen Wissens durch ein Medium jenseits des Ausstellungsraumes verweist. Daher stellt sich die Frage: Was kann demgegenüber das Medium Ausstellung leisten? Gibt es einen bestimmten Zugang zu universitärem Wissen, den nur eine Ausstellung bieten kann? Erlaubt die selbständige Interaktion und Konfrontation mit dem Ausgestellten den Besuchern vielleicht letztendlich doch ein vollständigeres Erschließen des Wissens?

Am Eingang der Ausstellung wird der Besucher zunächst von einem Foto der heutigen archäologischen Stätte des Forum Romanum begrüßt – ein Anblick, der Vielen bekannt sein dürfte. Angesichts der teils gut erhaltenen Säulen und Fundamente fällt es nicht schwer, sich vor dem inneren Auge ein erstes Bild vom ursprünglichen Zustand des Platzes zu machen. Hier ein Triumphbogen, dort ein Tempel, dahinter eine große Markthalle – so sah das Forum Romanum also aus!

Doch mit diesen vorschnellen Schlüssen aus der touristischen Besichtigung der Ruinen möchte die Ausstellung aufräumen. In der Mitte des Raumes stehen zwei Modelle des Forum Romanum, die durch 3D-Druck aus den digitalen Rekonstruktionen entstanden sind. Hier sieht plötzlich alles ganz anders aus als in den heutigen Ruinen. Selbst wenn man die beiden Modelle, die jeweils das komplette Forum zeigen, untereinander vergleicht, sind sie kaum wiederzuerkennen. Das eine zeigt den Zustand des Platzes um 100 v. Chr., also zur Zeit der späten Republik, das andere um 14 n. Chr. zur Zeit des Kaisers Augustus. Im Kontrast der beiden Modelle stellt sich die historische Wandelbarkeit des Forums heraus. Ausführliche Beschreibungen der einzelnen Gebäude direkt neben den Modellen beleuchten ihre architektonischen Besonderheiten und Funktionen und geben dem Besucher damit erste Hinweise, warum welche Bauten nun genau zu welcher Zeit standen – und mitunter nach hundert Jahren schon wieder anderen weichen mussten.

Zugleich wird im Rückbezug auf das Foto der Ausgrabungsstätte klar: Die Ruinen lassen auf den ersten Blick nur Rückschlüsse auf den allerletzten Zustand des Forums vor seinem Verfall zu. Und so widmet sich die Ausstellung auch den archäologischen und geschichts-wissenschaftlichen Arbeitsweisen, die eine Rekonstruktion einer solch komplexen architektonischen Konstellation erst ermöglichen. An einem Arbeitstisch, der mit Dokumenten, Grundrissen, Zeichnungen, Fotografien und historischen Texten bedeckt ist, wird gezeigt, aus welch vielfältigen Quellen sich Historiker das Gesamtbild eines einzigen Gebäudes erst zusammenpuzzeln müssen. Auf einem Bildschirm läuft exemplarisch die Rekonstruktion des Caesar-Tempels vom Fundament bis zum fertigen Gebäude ab. Dabei wird auch auf die Bedeutung hingewiesen, die ein einziges erhaltenes Stück haben kann: Die Gestaltung eines kleinen Kapitellsteins kann schon Aufschluss über das Aussehen des ganzen Tempels geben.

Über die eigene Beobachtung hinaus wird dem Besucher hier also der wesentlich tiefer greifende geschichtswissenschaftliche Erkenntnismodus nahegebracht. Gleichzeitig wird dabei aber auch deutlich, dass man als Laie aus diesem wissenschaftlichen Modus ausgeschlossen bleibt. Erst das Ergebnis all der komplexen Arbeitsschritte, auf die nur verwiesen wird, ist dann in Form des Modells wieder für jeden erschließbar. So versteckt sich unter der Schicht an Dokumenten auf dem Schreibtisch des Historikers womöglich sogar eine Kritik an den Ausschlussmechanismen von universitärem Fachwissen.

Als wollte sie nach dem trivialen Touristenwissen auch dieser allzu elitären Form des Wissens entgegenwirken, macht die Ausstellung ihre Inhalte zumindest an einer Stelle medial recht einfach erfahrbar: Am hinteren Ende des Raums finden sich vier Hörstationen, die jeweils von einer Büste gekrönt sind. Es sind die Köpfe von Caesar, Cicero, Cato und Augustus. Entsprechend sind es Reden und Aufzeichnungen dieser großen Persönlichkeiten, denen man an den Stationen zuhören kann. Sie alle erzählen natürlich vom Forum Romanum, von seiner Wichtigkeit als Zentrum der Öffentlichkeit, aber besonders von ihren persönlichen Interessen und Beiträgen zu seiner Gestaltung. Cato berichtet zum Beispiel stolz, er habe die erste Basilika, ein prachtvolles Geschäftsgebäude, auf dem Forumsplatz erbauen lassen – und sich damit seinen politischen Einfluss auf den Handel in der Stadt gesichert.

So werden auf ganz unerwartete Weise die machtpolitischen Interessen und Absichten hinter einzelnen Einrichtungen des Forums deutlich. Wer aus den Berichten die Namen einzelner Gebäude heraushört, der kann deren Form und Position dann auch wieder auf einem der beiden Modelle nachvollziehen. Leider sind die beiden Stationen zu weit voneinander entfernt, um das Gehörte unmittelbar mit einem Blick auf die Bauten abzugleichen. Architektonische und pragmatisch-politische Aspekte der Bauten erscheinen damit fast zu sehr voneinander getrennt. Der Besucher ist dadurch gezwungen, die einzelnen Fragmente des Wissens selbst miteinander in Beziehung zu setzen. Gerade durch diese intensive Beschäftigung mit den Bruchstücken der Erkenntnis entsteht aber womöglich nach und nach ein umso vollständigerer Eindruck des Forums. Ähnlich wie am Schreibtisch des Historikers wird hier nicht bloß Wissen vermittelt, sondern eine besondere Form der Wissensaneignung beleuchtet. Einen solchen Reflexionsprozess ermöglicht erst die klare Führung des Besuchers durch das Thema, vermittelt durch die kuratorische und räumliche Gestaltung, die das Medium Ausstellung ausmacht.

Gerade angesichts dessen hätte die Ausstellung „Forum Romanum 3.0“ ihre Räumlichkeit aber effektiver nutzen müssen. Die beiden kleinen Tischmodelle des Forums sind die einzigen Versuche, das an sich rein digitale Projekt materiell sichtbar zu machen. Haptisch greifbar sind nicht einmal diese Modelle – es wird ausdrücklich darum gebeten, die fragilen Gebäude nicht anzufassen. Der Transfer aus dem digital space in den tatsächlichen physischen Raum ist mit den Modellen also nur bedingt gelungen. Zu deutlich ist hier der Fokus auf die digitale Rekonstruktion und damit auf das ursprüngliche Forschungsprojekt spürbar. Bin mir hier unsicher ob Akkusativ-Beugung korrekt ist :/

Und so bleibt die Ausstellung in einer seltsamen Schwebe zwischen ihrer unleugbaren Rolle als bloße Projektpräsentation auf der einen Seite und den spannenden Ansätzen einer eigenständigen Erschließung des Forschungswissens auf der anderen Seite. Wer sich nun für die Geschichte des Forum Romanum an sich interessiert, dem sei es über die Ausstellung hinaus empfohlen, sich die Modelle in ihrer digitalen Form noch einmal komplett anzusehen. Der aktuelle Stand des Projekts ist auf www.digitales-forum-romanum.de abzurufen.

 


Forum Romanum 3.0 – Roms antikes Zentrum zwischen Realität und Virtualität
10.6.2015 – 22.7.2016

Humboldt-Universität zu Berlin
Unter den Linden 6
10117 Berlin, Raum 3094

www.forumromanum30.hu-berlin.de
www.digitales-forum-romanum.de