Die 9. Ausgabe der Berlin Biennale wird vom amerikanischen Künstler-Kollektiv DIS (bestehend aus Lauren Boyle, Solomon Chase, Marco Roso und David Toro) kuratiert. Die Biennale orientiert sich traditionell an zeitgenössischer Kunst. Sie zeigt wie Kunst und Künstler sich im Zeitalter der selbstverständlichen Digitalisierung verändern und versucht hinter die Kulissen der aktuellen Künstlergeneration zu schauen.

Das Kuratorenkollektiv bezeichnet sich als Produkt des Börsenkraches – alle Mitglieder haben durch die wirtschaftliche Krise ihrer Arbeitsplätze verloren, der Name DIS ist von Desillusion (disillusion) und Unzufriedenheit (discontent) abgeleitet. Das Biennale-Programm charakterisiert die Gruppe als unstrukturiert und beschreibt ihre Kunstpräferenzen als post-gegenwärtig bzw. post-Internet. Ein solcher Begriff soll lediglich besagen, dass sich die heutige Generation so selbstverständlich zwischen den digitalen Welten bewegt, dass das Wort Internet gar nicht mehr auftauchen muss. Genau dort sind die präsentierten Werke der Biennale zu verorten: sie zeigen die Positionen der digital natives.

The Present in Drag lautet der Titel der Biennale, und die verkleidete Gegenwart, die hier gezeigt wird, ist in der Tat nicht nur digital, sie ist auch wie eine Hochglanzwerbung entworfen. Plakate, Logo und Webseite der Biennale, sowie die marketingorientierte Sprache erinnern an die trockene korporative Werbung internationaler Konzerne. Die ausgestellten Arbeiten sind politisch stark aufgeladen und selten humoristisch. Ein gemütliches Durchgehen durch die fünf Lokalitäten der Biennale ist daher kaum möglich.

Die zahlreichen Videoinstallationen erfordern höchste Aufmerksamkeit. Zu erwähnen sind hierbei besonders die Videoarbeit Homeland von Halil Altindere in der Akademie der Künste: eine wuchtige Choreographie wütender Menschen, Flüchtlinge vor den Zäunen Europas unterlegt mit dem Soundtrack von Rapper Abu Hajar. Oder die Arbeiten Hito Steyerls ExtraSpaceKraft und The Tower, in denen die Militärpolitik im Irak oder der Ukraine in Computerspieloptik in Bezug zur digitalen Kreativindustrie gesetzt wird. Übertragen in ein digitales Paralleluniversum scheinen die höchst umstrittenen Probleme ihre Dringlichkeit verloren zu haben. Ist die Umwandlung in eine Videospiel-Figur die Zukunft der Menschen in einer digitalisierten Welt?

Während Besucher sich von Installation zur Installation und von einer Ausstellung zur anderen bewegen, drängt sich irgendwann die Frage auf, wo in diesen skurrilen, abstrakten und gleichzeitig höchst aktuellen Post-Internet Kunstwerken der Mensch als Individuum zu verorten sei? Wo haben sich die menschlichen Gefühle, Sorgen und Gedanken versteckt? DIS liefert dazu eine trockene Antwort: Dieser Figur des Selbst bereitet die 9. Berlin Biennale eine Bühne, auf der sie ihre eigene Obsoleszenz durchspielen kann[1]. Wo geht denn die Menschheit hin? Man muss sich durch die Ausstellungsorte kämpfen nur um sich hinterher ausgelaugt zu fühlen. Diese fehlende Menschheit macht viele der gezeigten Arbeiten somit schwer zugänglich.

Doch wirkt die Biennale nicht komplett unmenschlich. Die Videoinstallation What the Heart wants von Cécille Evans hat das gesamte Untergeschoss der KW Institute for Contemporary Art geflutet. Die belgisch-amerikanische Künstlerin untersucht, was den Menschen im digitalen Zeitalter ausmacht und welche Position Maschinen in der digitalen Welt einnehmen. Was sind menschliche Emotionen unter dem Einfluss technologischer Erneuerungen wert? Kann Individualität nicht auch durch Unternehmen definiert werden? Eine computerisierte Stimme sagt: Dies ist unmöglich. Dies ist real.

Auch die französische Künstlerin Camille Henrot zeigt eine menschliche, gefühlsbetonte Perspektive in ihrer Ausstellung Office of unreplied emails in der KW. Zusammen mit Jacob Bromberg präsentiert Henrot handgeschriebene, höchstpersönliche und sehr emotionale Reaktionen auf einhundert unbeantwortete E-Mails aus ihrem Posteingang. Politische und kommerzielle Rundmails stammen von Greenpeace, Groupon und anderen Aktivistengruppen, die ihren Lifestyle oder ihre politische Meinung aufdrängen wollen. Die Antworten sind charmant und ironisch, sie räumen dem Persönlichen gegenüber dem globalen Digitalen einen Platz ein und wehren sich gegen die Automatisierung von Kommunikation.

Jedoch mutet die Diagnose der Post-Gegenwart ganz pessimistisch an. Reagierend auf die akuten politischen und sozialen Ereignisse scheinen die Arbeiten trocken zu sein, als wäre den Kuratoren daran gelegen, einen positiven Ausblick in die Zukunft zu verhindern. Vielleicht sollte eine solche Aufmachung als Katalysator für Reflexion und Veränderung dienen.

Die 9. Berlin Biennale für zeitgenössische Kunst läuft bis zum 18. September 2016 in fünf unterschiedlichen Lokalitäten. Detaillierte Infos rund um die Biennale findet man unter der offiziellen Seite: http://bb9.berlinbiennale.de.

[1] Pressemappe der 9. Berlin Biennale. Online-Zugriff: http://bb9.berlinbiennale.de/wp-content/uploads/2016/02/bb9_Pressemappe.pdf

 


9. Berlin Biennale
04.06. — 18.09.2016

KW Institute for Contemporary Art
Auguststraße 69
10117 Berlin

Akademie der Künste
Pariser Platz 4
10117 Berlin

ESMT European School of Management and Technology
Schlossplatz 1
10178 Berlin

The Feuerle Collection
Hallesches Ufer 70
10963 Berlin

www.bb9.berlinbiennale.de