Strahlender Sonnenschein lässt den neoklassizistischen Hörsaal des Tieranatomischen Theaters fast skulptural wirken. Er fällt durch die runde Deckenöffnung und die hohe Fensterreihe und ergreift Besitz von dem leeren Auditorium. Wer den Saal erwartungsvoll betritt, um der Lichtinstallation des französischen Künstlers Michel Verjux beizuwohnen, wird geblendet von seiner strahlenden Helligkeit. Langsam und andächtig wagt man sich daher vorwärts und erklimmt behutsam, um ja kein Geräusch zu verursachen, die Treppe zu den Zuschauerreihen. Als fordere die optische Stille nach akustischer Ruhe. Erst nach einigen Momenten des Wartens und des tastenden Sehens gibt das helle Sonnenlicht ein wenig Raum für die Wahrnehmungen der Besucher*innen frei. Was sich weiß und blendend eröffnet hat, wird nun von Details durchsetzt. Die Verzierungen an den stufenförmigen Sitzreihen zeichnen Konturen in den reinen Raum. Sie werfen Schatten und durchziehen ihn mit Struktur. Struktur, die erneut von Licht durchbrochen wird: Das künstliche Weißlicht der Installation wirft frontal einen großen Kreis auf die Besucherreihen des Hörsaals. Fast unmerklich treten diejenigen, die auf den Bänken Platz genommen haben, in die Installation ein. Der Raum der Besucher*innen und der Raum des Kunstwerks werden überblendet. Nur durch seinen zartbläulichen Farbrand kann sich der Lichtkreis dann überhaupt als solcher im hellen Sonnenlicht zeichnen. Figur und Grund unterscheiden sich in dieser Anordnung nur minimal. Als Licht betrachtet gehen sie ineinander über, brechen nur an ihren Kanten auseinander.

Ohne Licht kann es keine Ausstellung geben. Die Installation führt diese elementare Erkenntnis an sich selbst vor. Doch auch jede andere Ausstellung ist auf Licht und Beleuchtung angewiesen, um Wirkungen zu erzielen. Exponate und Ausstellungsobjekte werden so in Szene gesetzt. Ihre Eindrücklichkeit ist nicht nur aus sich selbst heraus intensiv, sondern muss durch die Gestaltung der Ausstellung realisiert werden. Sie erfolgt nicht nur über kuratorische, sondern auch über handwerkliche und mitunter sehr technische Entscheidungen wie der Beleuchtung, deren Wirkungen gern unter Begriffen wie dem der Aura verschlüsselt werden. Aura zu „atmen“ heißt für Walter Benjamin zum Beispiel „einem Zweig [zu] folgen, der seinen Schatten auf den Ruhenden wirft“.[i] Umgangssprachlich wird der Begriff der Aura auch synonym mit „Ausstrahlung“ verwendet. Strahlen und Schatten als Spielarten des Lichts, die für eine Atmosphäre des Hier und Jetzt, der Präsenz, der Nicht-Reproduzierbarkeit, also für Affizierung sorgen.

Im dramaturgischen Handeln mit Licht und Beleuchtung arbeiten Ausstellungen mit und gegen dieses Licht. Häufig wird es gezähmt, soll nicht blenden, spiegeln, oder Schatten werfen. Ausstellungsräume eignen sich hauptsächlich dann als solche, wenn sie das natürliche Licht kontrollieren lassen. Die ausgestellten Objekte sollen dem Licht nicht ungefiltert ausgesetzt sein. Techniken des Ausstellens bündeln es so, dass es nur indirekt einwirkt und kostbare Exponate nicht beschädigt. Gleichzeitig ist eine gute Beleuchtung elementarer Bestandteil des Ausstellens. Eine als natürlich wahrgenommene, weiche und indirekte Beleuchtung tritt hinter dem ausgestellten Exponat zurück. Ihr liegt eine Form der Inszenierung zugrunde, die sich zwar im Hintergrund, aber nicht weniger wirkungsvoll im Hantieren mit Mattglas, Vorhängen und Blendschutzklappen abspielt.

Ist es dann nur konsequent, dass sich Michel Verjux’ Weißlichtprojektionen noch einem zweiten Raum im Tieranatomischen Theater widmen? Es handelt sich um die Werkstatt des Theaters, die sich in der gleichen Etage wie der Hörsaal befindet und dennoch sein Gegenstück darzustellen scheint. Normalerweise ist sie für Besucher*innen verschlossen, weshalb am Eingang zur Ausstellung freundlich darauf verwiesen wird, wie sie zu finden ist. Hier lagern Pappkartons, Werkzeuge, Überreste von vergangenen Ausstellungen und Veranstaltungen. Verschiedenste Materialen, Holzpaletten und Glasscheiben stapeln sich auf und neben den Tischen. In diese Szenerie hat Michel Verjux den gleichen runden Weißlichtstrahl gerichtet wie in den schmucken Hörsaal. Dieser Lichtkreis verschwimmt nicht mit dem Hintergrund, sondern dringt auf ihn ein. Seine Verwandtschaft mit optischen Medien wie der Lupe oder der Taschenlampe, die dazu dienen ein Sichtfeld zu eröffnen, das sonst verborgen bliebe, scheint an dieser Stelle keine ferne zu sein. Der Raum, an dem sich normalerweise die technischen Prozesse von Ausstellungen abspielen, der neben den hellen, klaren Repräsentationsräumen dunkel und verschlossen bleibt, wird vom hellen Lichtkreis zum gleichberechtigten Schauplatz der Ausstellung erklärt. Im Licht der Installation betrachtet werden Bühne und Werkstatt als zusammengehöriges Ensemble erkennbar. Umso bemerkenswerter, dass der Lichtstrahl im eigentlichen Nicht-Ort der Ausstellung eine weitaus eindrucksvollere Wirkung erzielen kann, als im ohnehin schon spektakulären Hörsaal. Hier gelingt es ihnen, eine Reihe grundlegender Fragen aufzuwerfen. Muss das künstliche Licht sich hier nicht mit der Ausstrahlung des neoklassizistischen Hörsaals arrangieren? Liegt es daran, dass in der zweiten Szene der Installation der Raum der Zuschauer*innen und der Raum der Installation wie in klar voneinander getrennt sind? Kann das, was im Abwesenden einer jeden Ausstellung passiert, nur dann als Teil einer Ausstellung gewürdigt werden, wenn es durch mediale Distanz sichtbar gemacht wird?

Die beiden Scheinwerfer, die das Tieranatomische Theater für zwei Tage in Besitz genommen haben, lassen erscheinen, dass Ausstellungen auf allen Ebenen von den Wirkmächten von Medien durchzogen sind. Ohne Antworten geben zu wollen, deuten sie nur an, was geschehen könnte, wenn diese Medien Erwartungen durchbrechen und nicht nur als V‚ermittler für die Ausstellung arbeiten, sondern sich als deren konstitutiven Kräfte zu erkennen geben.

[i] Walter Benjamin, Das Kunstwerk im Zeitalter seiner technischen Reproduzierbarkeit, Stuttgart: Reclam 2011, S. 17.


Michel Verjux
Berlin Gallery Weekend
29. – 30. April 2016

Tieranatomisches Theater
Philippstraße 12/13
10115 Berlin

www.kulturtechnik.hu-berlin.de/tat