Die East Side Gallery. Sie ist eine der populärsten Sehenswürdigkeiten Berlins und auch jedem, der sie noch nicht selbst besichtigt hat, schweben die berühmten Bilder vor vom Bruderkuss, dem Trabi, der durch die Mauer bricht und Scharen an Touristen, die drängelnd versuchen, ein gutes Foto zu schießen. Auf etwa 1,3 Kilometern erstreckt sich zwischen Ostbahnhof und Oberbaumbrücke die größte Open Air Gallery der Welt und außerdem das größte noch erhaltene Stück der Mauer. Von 1961 bis 1989 trennte sie Ost- und Westberlin und teilte somit den Rest der Welt in Ost und West, in Gut und Böse – Konnotationen, die in wechselseitige Richtungen erfolgten.

Als die Mauer fiel, schufen 129 Künstler aus 20 Ländern 106 Bilder (von denen nach der Sanierung 2009 noch 100 erhalten sind). Seitdem ist das verbliebene Stück der Mauer, die einst teilte, ein Symbol für Wiedervereinigung, ein geeintes Deutschland und eine geeinte Welt. Im Zuge städtebaulicher Maßnahmen, die jegliche Überreste aus der Zeit der deutschen Teilung tilgen sollten und bedroht durch Witterung und Verfall, war die East Side Gallery schnell gefährdet. Daraufhin gründete sich 1996 der Verein Künstlerinitiative East Side Gallery e.V., bestehend aus den Künstlern, die von nun an als „Kuratoren“ dieser einzigartigen Gallerie dafür kämpften, ihre Werke für die Nachwelt zu erhalten.

Als Denkmal lässt sie sich heute als eine foucault’sche Heterotopie par excellence verstehen. Foucault erläutert in seinem Aufsatz „Von anderen Räumen“ die Idee der Heterotopie als „[…] reale, wirkliche, zum institutionellen Bereich der Gesellschaft gehörige Orte, die gleichsam Gegenorte darstellen, tatsächlich verwirklichte Utopien, in denen die realen Orte, all die anderen realen Orte, die man in der Kultur finden kann, zugleich repräsentiert, in Frage gestellt und ins Gegenteil verkehrt werden.“ (Foucault [1967] 2006, 320)

Eine Eigenschaft des heterotopen Ortes ist, dass er als Gegenort das Hinterfragen anderer kultureller Orte ermöglicht. Verwirklicht ist diese Eigenschaft zum Beispiel im Motiv „Brandenburger Tor“, das Hans Bierbrauer 1990 als Kunstwerk auf der Mauer realisiert hat. Es zeigt eine vereinfachte karikaturistische Zeichnung der Freiheitsstatue, die statt der Fackel das Brandenburger Tor emporhält. Daneben stehen die Worte: „Schauen…Glück, Berührung…Unglück“, sowie „Buddha…Nirvana, Christus…Kreuz, Mohammed…Licht“ geschrieben. Die Freiheitsstatue steht zum einen symbolisch für die Befreiung und Emanzipation Berlins und Deutschlands aus Fremdbeherrschung und Krieg und die Wortpaare, die jeweils für eine Weltreligion stehen, versinnbildlichen die damit einhergehende Einigung der ganzen Welt. Das Wortpaar „Berührung…Unglück“ könnte zum anderen aber dafür stehen, dass das Eingreifen in andere fremde (Kultur-) Konflikte Unglück nach sich ziehen kann. Der Bezug zu den USA, der durch die Freiheitsstatue hergestellt wird, deutet damit auf Amerikas die Geschichte durchziehende außenpolitische Eingriffe in fremde Kriege und Konflikte hin. Die Mauer als Heterotopie spiegelt sich hier in ihren Kunstwerken wider und ermöglicht das Hinterfragen anderer kultureller Orte oder in diesem Sinne Praktiken.

Heterotop wird die East Side Gallery außerdem durch das Paradoxon, dass eine Mauer für Einigung und Frieden zugleich steht. Nach dem Fall der Mauer strebte die Regierung danach, jegliche Bewachungs- und Abgrenzungsanlagen so schnell wie möglich abzurüsten, darunter auch die East Side Gallery als Teil der Mauer. Der Verein Künstlerinitiative protestierte erfolgreich dagegen. Es gelang eine Rekontextualisierung des Bauwerks durch die Kunstwerke: Die Mauer stand nun nicht mehr symbolisch für die Trennung Europas, sondern für Einheit und Frieden. Die East Side Gallery durchläuft einen historischen Prozess, durch den sich das Verhältnis vom Ort zum Raum verändert. Eine Heterotopie verhält sich auch zum gesamten restlichen Raum und ist immer nur das, was sie in Bezug auf den restlichen Raum darstellt. Wenn sich ihr Umfeld verändert, verändert sich auch die Funktion der Heterotopie. Zur Zeit der Trennung grenzt sie zur anderen Seite der Mauer ab, zum Feind, dem Rande der jeweiligen Gesellschaft. Identität von Ost und West begründeten sich zum Teil in der Abgrenzung zum Anderen und die Mauer war dabei das zentrale Symbol. Im  foucault’schen Sinne zeigte die Mauer als Nicht-Ort die Grenzen der etablierten Gesellschaft auf und ermöglichte damit Identitätsstiftung durch Abgrenzung auf der einen, aber auch das Hinterfragen der eigenen Gesellschaft auf der anderen Seite. Heute ist die East Side Gallery ein heterotoper Ort, weil sie die Frage der Grenze thematisiert. Als Mahnmal appelliert sie, dass das Abrenzungsdenken aus der Zeit der Teilung aus der heutigen etablierten Gesellschaft verbannt werden muss und es durch den Fall der Mauer bereits partiell gelungen ist. In Zeiten der Flüchtlingskrise ist dieser Appell aktueller denn je und wirft einen kritischen Blick auf die Zustände, die weit entfernt sind von einem friedlichen geeinten Europa.

Die East Side Gallery hat also zwei grundverschiedene Gesellschaftsformen überdauert und in beiden auf unterschiedliche Weisen Heterotopien dargestellt.

Der zeitliche Aspekt ist durch die Vergänglichkeit der Kunst, die durch Verwitterung und Vandalismus geprägt ist, im Gegensatz zum Ewigkeitsanspruch des Bauwerks Mauer, das sogar den Fall der Mauer überdauerte, verdeutlicht.

Ein Kunstwerk ohne Titel auf der Mauer von Kani Alavi und Muriel Raoux zeigt eine Sprechblase auf einem Hintergrund, der zur einen Hälfte aus einer kahlen Landschaft mit abgestorbenen Bäumen und zur anderen Hälfte aus bunt blühenden Blumen besteht. In ihr steht geschrieben: „Viele kleine Leute, die in vielen kleinen Orten, viele kleine Dinge tun, können das Gesicht der Welt verändern. (Afrikanisches Sprichwort)“ Dieses Sprichwort wirkt fast zu sehr bemüht, die Mauer zum reinen Symbol des Friedens zu machen. Die Interpretation der East Side Gallery als Heterotopie ermöglicht, von dieser einseitigen Symbolik abzuweichen und stattdessen ein ambivalentes Bild der Gesellschaft zwischen europäischen Einigungsbestrebungen und aufkommenden rechtspopulistischen Strömungen aufzuzeigen, welches durch das Denkmal Mauer symbolisiert wird.

Literatur:

Foucault, Michel ([1967] 2006): Die Heterotopien. Der utopische Körper: Zwei Radiovorträge. Frankfurt/Main.


East Side Gallery
Mühlenstraße
10243 Berlin

www.eastsidegallery-berlin.de/