Mit der Ausstellung der Geschichte von Film und Fernsehen hat die deutsche Kinemathek in Berlin reichlich Erfahrung. Eine neue Sonderausstellung dringt nun erstmals in die Zukunft vor.

Die Suche nach Kunst und Kultur führt in Berlin wohl zuallererst auf die Museumsinsel. In prunkvollem und beinahe antikem Ambiente werden hier die Klassiker des Preußischen Kulturbesitzes ausgestellt. Nicht allzu weit entfernt von diesem altehrwürdigen kulturellen Zentrum Berlins liegt auch der Potsdamer Platz. Und doch könnte der Gegensatz nicht deutlicher sein. Hier, wo während der innerdeutschen Teilung jahrzehntelang nur brachliegendes Land war, ging die Entwicklung danach umso schneller. Um die Jahrtausendwende entstand um den Potsdamer Platz herum ein beinahe futuristisch anmutender Bürodistrikt.

Den forschen Zukunftsvisionen des Science-Fiction-Genres ist die Realität hier aber immer noch Lichtjahre hinterher. Dennoch ist es nur passend, dass ausgerechnet das im Sony Center beheimatete Museum für Film und Fernsehen nun auf den Spuren des Science-Fiction-Films wandelt. In drei Themenbereichen widmet sich die Sonderausstellung „Things to Come“ dem Weltraum und seiner Erforschung, dem fremden und außerirdischen Leben und auch der irdischen Gesellschaft der Zukunft. Schon vor Betreten der Ausstellung fällt der Blick der Besucher unweigerlich durch die breite Glasfront in den hochmodernen Innenhof des Sony Centers samt seiner ikonischen Kuppel. Angesichts dieses Ausblicks scheint die Zukunft doch nicht mehr so fern zu sein. Und gleichzeitig steckt in der offenen und dynamischen Architektur des Gebäudes im Gegensatz zu den steinernen Prachtbauten der Museumsinsel auch das stille Versprechen von einer neuen Art des Ausstellens.

Doch „Things to Come“ ist gegen seine Umwelt bewusst abgegrenzt. Besonders anschaulich wird das im ersten Themenbereich zum Weltraum. Dieser beginnt unvermittelt mit einem kühlen, vollkommen abgedunkelten Raum. Bereits hier verliert man als Besucher jegliches Gefühl für den realen Raum, den man soeben hinter sich gelassen hat, und kann ganz in die bewegten Bilder eintauchen. Auf einer großen Leinwand laufen Ausschnitte aus über einem Jahrhundert Filmgeschichte. Was sie alle gemeinsam haben, ist das Motiv: Die Startsequenz eines Raumschiffes. Die Installation nennt sich „Countdown“ und so ist es auch dieses Stilmittel, das die meisten gezeigten Filme zum Spannungsaufbau bis hin zum großen Moment des Starts verwenden. Doch das ist keineswegs selbstverständlich. Eine kleine Plakette, angesichts der strahlenden Leinwand leicht zu übersehen, verrät, dass es der deutsche Filmpionier Fritz Lang war, der den Startcountdown 1929 für seinen Film „Frau im Mond“ gewissermaßen erfand. Solche Hintergründe sind in der Ausstellung aber nur nebensächlich. Wer stattdessen gebannt auf die Leinwand sieht, der erlebt viele Male hintereinander und doch immer wieder in veränderter Inszenierung den Start ins All. Und genau wie die Astronauten wird auch der Besucher durch diese Videowand gewissermaßen in den Weltraum katapultiert. Der Weg in die Ausstellung führt durch einen Schlitz buchstäblich in die Leinwand hinein.

Der Besucher findet sich nun im nachgebauten Innenraum eines Raumschiffes wieder. Ein schmaler, in sterilem Silber gehaltener Gang führt in einen kleinen Raum, der durch Spiegel künstlich zu einer kreisrunden Kammer vergrößert wird. Eine Tafel erläutert knapp, dass es sich um eine Kälteschlafkammer handelt. Die Kryonik, ein (noch) rein fiktives Verfahren, dient der Überbrückung von Raum und Zeit während der interplanetaren Raumfahrt. Aber dem Science-Fiction-Kenner muss das nicht erklärt werden. Eine solche Kammer ist ihm aus unzähligen Filmen bekannt. Auch hier läuft wieder auf einem Bildschirm eine Auswahl von Filmszenen, die diesmal das Erwachen aus dem Kälteschlaf zeigen. Der Besucher steht somit in einem Raum, den er parallel dazu im Film sieht. Diese Gleichzeitigkeit von räumlicher Präsenzerfahrung und medial vermittelter Illusion erlaubt dem Besucher gewissermaßen den Eintritt in die filmische Realität. Durch die Spiegel in der Kammer kann man sich sogar selbst in dieser Realität beobachten.

Doch gerade dadurch werden auch die Grenzen des direkten und unmittelbaren Erlebens futuristischer Fantasien aufgezeigt. Denn der Spiegel nimmt eine ähnliche distanzierende Rolle ein, wie es die Leinwand oder der Bildschirm für den Film tut. Bei der Filmrezeption entsteht ein gespanntes Verhältnis zwischen dem realen körperlichen Ich des Zuschauers und dem irrealen Abbild eines Körpers im Film, mit dem sich der Zuschauer identifiziert. Diese Spannung wird im Verhältnis des Besuchers zu seinem Spiegelbild im wahrsten Sinne reflektiert.

Im gesamten Themenbereich „Weltraum“ werden die Besucher zu einem Teil der Ausstellung. Sie bevölkern das Raumschiff ähnlich wie es die Figuren im Film tun und sind dabei immer wieder aufgerufen, deren Rollen einzunehmen. An einer digitalen Konsole inmitten eines größeren Raumes kann man sich Szenen von den bekannten Kommandobrücken aus Film und Fernsehen ansehen und dabei zum Beispiel dem filmischen Vorbild Captain Kirk im futuristischen Drehstuhl direkt nacheifern. Direkt nebenan kann man an einem halbrunden Tisch, der in eine Leinwand übergeht, an der Lagebesprechung der Crew des Raumschiffs Nostromo aus der „Alien“-Filmreihe teilnehmen und fühlt sich wieder gänzlich in der Filmwelt aufgesogen.

All diese Installationen sollen die intensive Vertiefung in die filmische Welt ermöglichen. Damit wird die beinah kindliche Faszination für unbekannte weil unechte Orte, die wohl einen großen Teil der Begeisterung am Genre ausmacht, auf eine neue Stufe gehoben. Gleichzeitig kommt aber auch der filmische Schaffensprozess nicht zu kurz. Modelle und Requisiten, Kostüme und lebensgroße Figuren, Konzeptzeichnungen und Setfotos sind über den gesamten Ausstellungsbereich verteilt – und durchbrechen damit vielerorts die Illusion vom Aufenthalt an Bord eines Raumschiffes. Bei aller Vertiefung in die filmische Welt bleiben stets die nicht zu übersehenden Relikte ihrer Erschaffung. Damit wird nicht nur der umfassenden künstlerischen Vision, sondern auch der Konstruiertheit aller Bilder von zukünftigen Lebenswelten Rechnung getragen. Durch die nicht nur thematische, sondern auch chronologische Anordnung der zahlreichen gezeigten Filmausschnitte entsteht außerdem ein Bewusstsein für den starken historischen Wandel, dem die Zukunft im Film ironischerweise unterworfen ist.

Die Gestaltung des ersten Ausstellungsteils als ein einziges großes Raumschiff ist deutlich auf Science-Fiction-Enthusiasten zugeschnitten, die die einzelnen Schauplätze sofort wiedererkennen und sich in Nostalgie oder zumindest einer längst etablierten Faszination wiederfinden. Für Einsteiger bietet die Vielzahl an gezeigten Filmszenen zwar Aufschluss über die Szenerie und ihre Bedeutung für das Subgenre Science-Fiction, aber ein eigenständiges Bild können die Ausstellungsräume nicht bieten. Damit ist die Ausstellung „Things to Come“ nicht nur auf das Vorwissen, sondern auch auf die Begeisterung seiner Besucher für das Thema angewiesen. Wer diese Vorbedingungen mitbringt, kann sich aber durchaus in der immersiven Aufbereitung des Science-Fiction-Topos Weltraum und Raumschiff verlieren. Am Ende des Themenbereiches tritt man dann fast überrascht auf eine Zwischenetage ins Tageslicht und wird sich der Zeit bewusst, die man im kleinen Wunderland Raumschiff verbracht hat. Dessen Atmosphäre ist nun wohl dahin.


Things to Come – Science-Fiction-Film
30.6.16 – 23.4.17

Deutsche Kinemathek – Museum für Film und Fernsehen
Potsdamer Straße 2
10785 Berlin

www.deutsche-kinemathek.de