Die Porträtbüste der Königin Nofretete wird als „Mona Lisa in Stein“[1], als „Ikone der Berliner Museumslandschaft“[2] bezeichnet. Die über 3300 Jahre alte Skulptur der Hauptgemahlin des Königs Echnaton befindet sich im Besitz der Stiftung Preußischer Kulturbesitz und wird seit der Wiedereröffnung des Neuen Museums im Oktober 2009 unter der Inventarnummer 21300 in der Schausammlung des Ägyptischen Museums ausgestellt.

Dass es sich bei der farbigen Büste der Nofretete um die Hauptattraktion des Museums handelt, bestätigt sich bereits vor dem Betreten des Museums. Direkt neben dem Eingang begrüßt ihr weltberühmtes Antlitz die BesucherInnen auf einem überdimensionalen Plakat. So wäre auch im Museumsinneren zu erwarten, dass Wegweiser oder Aufsteller die BesucherInnen direkt zum Raum der Nofretete führen, jedoch verweist lediglich der ausgelegte Informations- und Lageplan auf den genauen Standort der begehrten Büste.

Das Neue Museum erstreckt sich über insgesamt vier Ebenen, die Objekte aus den Sammlungen des Ägyptischen Museums und der Papyrussammlung sowie dem Museum für Vor- und Frühgeschichte zeigen. Ein Rundgang, der dem Lageplan zu entnehmen ist, führt die BesucherInnen durch die unterschiedlichen Themenräume.

Der Nofretete-Büste ist ein eigener Saal reserviert. Er befindet sich auf der zweiten Ebene, dem sogenannten Nordkuppelsaal in der Nordwestecke des Gebäudes. Aufgrund der Hervorhebung der Nofretete als Highlight der Ausstellung überrascht es zunächst, dass für die Präsentation der Büste ein Standort gewählt wurde, der sich weit ab des musealen Durchgangsbetriebs befindet. Um diesen Raum zu erreichen, müssen die BesucherInnen entweder die Papyrussammlung in der „Bibliothek der Antike“, dem sogenannten Niobidensaal, durchqueren oder sich von einem kleineren Saal aus, der sich der Amarna-Zeit widmet, annähern. So hat der Nordkuppelsaal zwei Eingänge, die in ihrer Ausrichtung jeweils unterschiedliche ‚erste‘ Blicke auf die Büste erlauben. Beim Betreten durch den Amarna-Saal stimmen die altägyptischen Skulpturen die BesucherInnen auf die Begegnung mit der Nofretete ein, bevor man in das Halbdunkel des Nordkuppelsaals tritt. Es scheint, als übertrete man eine Schwelle, da die gesamte Raumatmosphäre ein Gefühl der Erhabenheit hervorruft. Die Nofretete-Büste zeigt sich in einer unerwarteten Profil-Perspektive. Ihr Kopf setzt sich vor einem dunklen Hintergrund ab, wodurch die Aufmerksamkeit der BetrachterInnen auf die besondere Form ihres langen, schlanken Halses und ihres aufrechten Kopfes gelenkt wird. Hingegen erlaubt der Eintritt durch den langen Gang des Niobidensaals eine sukzessive Annäherung an die frontale Ansicht. Ihr kolorierter Kopf leuchtet bereits aus der Distanz und ihr Blick wirkt energisch nach vorn gerichtet, bereit, die Huldigung ihrer BesucherInnen zu empfangen.

Der „Nofretete-Raum“ ist ein achteckiger Saal von über 12 Meter Höhe, der durch das Oberlicht von großen Kuppelfenstern indirekt erhellt wird. Vier runde und vier eckige Nischen wechseln sich jeweils ab. Im Kontrast zu dem seit 2009 restaurierten Ausstellungsraum der Amarna-Zeit, dessen Wände und Vitrinen von hellen Farben dominiert werden, sind die Wände des Nofretete-Raums in einem satten Grün gehalten. In den halbkreisförmigen Feldern über den viereckigen Nischen und Türen sind zudem farbenprächtige Heroentaten aus der griechischen Mythologie abgebildet, die jedoch nur teilweise erhalten sind. Der Boden ist aus farbigen Mosaiksteinen, die in ihrem Muster zentral auf die Raummitte zulaufen.

Genau dort, in einer überdimensionierten vier Meter hohen Glasvitrine, steht die kostbare, fragile Kalksteinbüste der Nofretete auf einem dunklen Podest. Ihr farbiger Kopf ist in geheimnisvolles Licht getaucht. „Die Schöne ist gekommen“, so lautet ihr Name übersetzt. Die 48 cm große Büste ist so auf dem Podest positioniert, dass sie den BesucherInnen auf Augenhöhe begegnet. Auf diese Weise lädt die museale Präsentation zu einer genauen Betrachtung der porträtierten Königin aus allen Perspektiven ein. Ihre äußeren Merkmale sind unverkennbar: Der aufrechte Kopf trägt die weit nach hinten ausladende, dunkelblaue Krone, die von einem bunten Diademreifen umwunden ist. Nofretetes charakteristisches Gesicht mit hohen, fast hageren Wangen, den mandelförmigen Augen, die mit leichten Falten umgeben sind. Der geraden Nase und dem geschwungenen, vollen Mund, der von einem leichten Lächeln umspielt ist – und dem wohl wichtigsten Detail, dem fehlenden linken Auge.

All diese Charakteristika werden insbesondere durch eine spezifische Lichtführung hervorgehoben. Jeweils zwei Strahler leuchten die Büste von schräg hinten an, ein Scheinwerfer ist frontal und eine schwache Beleuchtung ist seitlich aus der linken Ecke auf sie gerichtet. Jedes Licht für sich ist ein wohlbedachtes Element zur Inszenierung der Büste als scheinbar alles überstrahlender Frauenkopf. Der ehemalige Direktor des Ägyptischen Museums, Prof. Dietrich Wildung, veränderte die Lichtsituation anlässlich der Wiedereröffnung des Museums. Laut Wildung wurde Nofretetes Antlitz jahrzehntelang in intensivem Frontallicht beleuchtet, um sie als makelloses Porträt einer jungen Frau zu präsentieren. Durch die neue Ausleuchtung werden jedoch auch Züge betont, die den BetrachterInnen zuvor verborgen geblieben sind, wie die feinen Fältchen um Augen und Mund. So erfährt die Büste entgegen ihrer vorherrschenden Wahrnehmung als Idealbild altersloser Schönheit eine Neubewertung als reife Frau von besonderer Ausstrahlung. Im Fokus steht die Betonung ihrer Persönlichkeit und Individualität, die allein durch die Betrachtung des ‚lebensnahen‘ Bildnisses vermittelt werden soll.

Eine andächtige Stille herrscht in dem Saal, die zwar immer wieder durch den ermahnenden Ausruf „Keine Fotos! No pictures!“ der MuseumswärterInnen gestört wird, ein Gefühl der Ehrfurcht vor der wertvollen Originalbüste jedoch zusätzlich intensiviert. Außer der Glasvitrine der Nofretete befindet sich lediglich ein weiteres Exponat in dem Raum. Es handelt sich dabei um eine Replik der Büste aus schwarz kolorierter Bronze, die ihr in einer schwach erleuchteten Wandnische schräg gegenübergestellt ist. Diese steht jedoch nicht wie die Originalbüste unter einem Glaskasten, sondern befindet sich auf einem etwa 120 cm hohen Podest, so dass blinde und auch sehende BesucherInnen die Schönheit der Königin ertasten können. Ihre periphere Aufstellung reduziert sie deutlich auf ihre Funktion als Tastmodell, ohne die Präsentation der originalen Nofretete als Hauptanziehungspunkt des Raums zu mindern oder mit ihr in Konkurrenz zu treten.

Auffällig ist zudem der zurückgenommene Einsatz von Medien und Texten. Anhand zweier gläserner Texttafeln, die jeweils in deutscher und englischer Sprache neben dem Tastmodell aufgestellt sind, erhalten die BesucherInnen einen sehr kurzen Überblick über die Objektbezeichnung, Datierung, Fundort und -geschichte, ihren Entdecker Ludwig Borchardt, Schöpfer Thutmosis und Schenker der Büste James Simon. Außerdem behandelt ein Abschnitt die historische Person Nofretete in ihrer Bedeutung als regierende Königin und Gemahlin des Pharaos Echnaton.

Insgesamt fällt die wirkungsvolle Reduzierung auf eine individuelle Präsentation der Nofretete auf. Die schwarze hochglänzende Vitrine steht für sich alleine in dem runden Saal und integriert sich somit in das Gesamtkonzept des klassisch gehaltenen Museums. Der Saal bietet Stille und Intimität, eine Atmosphäre, die für eine intensive Begegnung wichtig ist. So ist insgesamt spürbar, dass in diesem Raum die reine Präsentation der Büste einen deutlich höheren Stellenwert als die Vermittlung von Inhalten einnimmt. Vor allem verstärkt die spezifische Ausleuchtung der Porträtbüste das mystische Ambiente des Saals. Es wird deutlich, dass die KuratorInnen den Ausstellungssaal allein Nofretete gewidmet haben, der als Hauptattraktion des Museums in diesem edlen, dunklen Raum ein besonderer Platz gebührt. Unter der hoch aufragenden Kuppel ‚thront‘ sie in ihrer Vitrine, einem transparenten kubischen Raum, der ihre neugierigen BetrachterInnen auf Abstand hält, jedoch zugleich den freien Blick von allen Seiten erlaubt. Die exakt konstruierte ‚Zurschaustellung‘ der Königinnen-Büste zielt darauf ab, die ‚Begegnung‘ mit der Nofretete als faszinierend zu erleben und ihren BetrachterInnen die besondere Aura, die von dieser nahbaren Unnahbaren ausgeht, erfahren zu lassen.

Diese bewusste Reduzierung hat jedoch auch zur Folge, dass der Nofretete-Saal keine Hinweise auf die Provenienz der Büste und ihre bewegende Fund- und Sammlungsgeschichte sowie die andauernden Rückgabeforderungen seitens Ägyptens und die Besitzansprüche der Stiftung Preußischer Kulturbesitz, beinhaltet. So wirkt die Nofretete wie ein zeitenthobenes Kunstwerk, ohne Bindung an Zeit und Raum, das unter der überdimensionalen Vitrine als Kultobjekt monumentalisiert wird und ‚ihren‘ Ausstellungsraum zugleich zu einer Art Huldigungsort werden lässt. Dies verstärkt insgesamt den Mythos, den Nofretete umgibt, ohne die vorherrschenden fremd produzierten Projektionen und Zuweisungen zu thematisieren oder zu hinterfragen.

„Beschreiben nützt nichts, ansehen.“[3] so der berühmt gewordene Eintrag ihres Entdeckers Ludwig Borchardt in seinem Grabungstagebuch. Das Zitat trifft noch heute die Erwartungshaltung, mit der sich die BesucherInnen der Königinnen-Büste nähern. So ist auch das Tastmodell, das sich als einziges zusätzliches Exponat in dem Saal befindet, eine gelungene Ergänzung der rein visuellen Erfahrung durch eine haptische Erkundung. Borchardts Eintrag ließe sich hinsichtlich dieser kuratorischen Entscheidung erweitern: „Beschreiben nützt nichts, ansehen und berühren.“

 

[1] ZDF / Terra X: „Das ‚zweite Gesicht‘ Ein Blick hinter die makellose Hülle der ägyptischen Schönheit“ http://www.zdf.de/terra-x/das-zweite-gesicht-5228078.html (29.07.2007)

[2] Berlin.de: „Nofretete. Die Büste der Nofretete ist seit dem 04. Oktober 2009 im Neuen Museum zu sehen“ https://www.berlin.de/museum/3110048-2926344-nofretete-die-geschichte-einer-ikone.html (30.01.2014)

[3] Zitiert nach: Spinelli, Birgit (2006): „’Der Erwecker der ägyptischen Sammlung.‘ Adolf Erman und das Berliner Museum“ In: Bernd U. Schipper (Hrsg.): Ägyptologie als Wissenschaft: Adolf Erman (1854-1937) in seiner Zeit. De Gruyter, Berlin. S. 208


 

Dauerausstellung Altes Ägypten
Sammlung Ägyptisches Museum im Neuen Museum Berlin

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