Die Ausstellung Das Kapital – Schulden, Territorium, Utopie im Hamburger Bahnhof fragt – nach eigener Beschreibung des Museums – was Kapital ist, war und sein könnte. Der Ausgangspunkt der Ausstellung ist die Rauminstallation Das Kapital Raum 1970-1977 (1980) von Joseph Beuys. Diese Arbeit wurde Anfang des letzten Jahres von dem Sammler Erich Marx gekauft und als Dauerleihgabe an den Staatlichen Museen zu Berlin übergeben. Vorher war die Installation im Besitz der Hallen für Neue Kunst in der Schweizer Stadt Schaffhausen, wo sie in Zusammenarbeit mit dem Künstler im Jahr 1984 installiert wurde. Ursprünglich fertigte Beuys sein Kapital Raum für den deutschen Pavillon der Biennale in Venedig im Jahr 1980. Dies ist das erste Mal, dass die umfangreiche Arbeit ohne Mitarbeit des verstorbenen Künstlers installiert wurde.

Das Kapital Raum, ein Schlüsselwerk im künstlerischen Oeuvre von Joseph Beuys, besteht aus einem Mischmasch von siebenundzwanzig verschiedenen Objekten, einschließlich Tafeln mit Notizen, einem Konzertflügel, Filmprojektoren, usw. Diese Sachen spielten in gewisser Weise eine Rolle in seinen Performances in den siebziger Jahren. Die fünfzig Tafeln dominieren die Installation und zeugen von den vielen Diskussionen, die Beuys 1977 auf der Documenta führte: sie zeigen unleserliche Notizen, geometrische Schemata und abstrakte Zeichnungen. Die Biennale in Venedig im Jahr 1980 blickte auf das vorangegangene Jahrzehnt zurück, was den retrospektiven Charakter des Kapital Raums erklärt. Interessant ist jedoch, dass die Installation nach der Biennale wieder ausgestellt wurde, dieses Mal in einem Museum. Deshalb umfasst die Arbeit eine bestimmte Schichtung und Selbstreferenz. Was ist die Rolle der Installation jetzt: ein autonomes Kunstwerk an sich oder nur eine materielle Erinnerung an Beuys’ Performances von 1977?

Angesichts des Themas der Ausstellung – Kapital(ismus) – ist das eine wichtige Frage. Durch die Einfügung von materiellen Spuren seiner künstlerischen Praxis der siebziger Jahre in ein neues Kunstwerk, schuf Beuys im Grunde ein Objekt, das – im Gegensatz zu seinen Performances – zur Ware gemacht werden kann. Dadurch entsteht eine bemerkenswerte Spannung: Einerseits verwendete die Performance-Kunst der 70er Jahre Zeitlichkeit und Flüchtigkeit, um Kommerzialisierung zu vermeiden; andererseits könnte man das Besitzen und wiederholte Ausstellen der materiellen Erinnerung dieser vergänglichen Kunst als eine Form der Verdinglichung betrachten. Der mühsame Prozess, den Das Kapital Raum seit 2004 durchlaufen hat, ist also allzu bezeichnend: Die Hallen für Neue Kunst sollten das Werk nach einem zehnjährigen Streit mit ihren Investoren verkaufen, weil sie sonst in Konkurs gegangen wären. Für welchen Betrag Erich Marx die Arbeit gekauft hatte, wurde nicht öffentlich gemacht.

Die wichtigste Botschaft, die Beuys laut dem Hamburger Bahnhof in Kapital Raum ausdrückt, ist, dass Kunst und Kreativität eine alternative, nicht-ökonomische Form des Kapitals seien: „Die groß angelegte Arbeit […] setzt Beuys’ Gedanken um, dass Kapital nicht Geld oder Eigentum bedeutet, sondern menschliche Kreativität”. (Ausstellungsbroschüre) Die Ironie dürfte klar sein.

Es ist genau dieses Paradox, das in Das Kapital – Schulden, Territorium, Utopie spürbar ist. Mit Arbeiten aus dem 14. Jahrhundert bis zur Gegenwart, vor allem aus den staatlichen Sammlungen Berlin, zeigt die Ausstellung, wie die Repräsentation des ökonomischen Kapitals immer wieder ihren Weg in die Kunst und Kultur findet. So ist es möglich, dass ein Ölgemälde von Jan Sanders van Hemessen von 1530, Die Goldwägerin, das die Habgier der Menschheit symbolisiert, neben Popstar Rihannas Musikvideo für Bitch Better Have My Money ausgestellt ist. Bekannte Namen wie Andy Warhol, Jeff Koons, Marcel Broodthaers und Bruce Nauman sind stark vertreten – Personen, die in der Kunstwelt gleichermaßen den Status von Pop-Idolen genießen. In ihren Arbeiten ist ein skeptischer Widerspruch spürbar: Zum Beispiel verwenden Warhols Big Electric Chair (1967-1968) und Koons New Shop-Vac Wet / Dry (1980) Techniken und Waren aus der Massenproduktion, gerade um sie zu kritisieren. Diese Werke haben jedoch mittlerweile so eine Erkennbarkeit (und einen damit verbundenen ökonomischen Wert) erworben, dass sie selbst ‚Commodities’ in der Kunstwelt geworden sind. Dass der Hamburger Bahnhof sie in einer kapitalismuskritischen Ausstellung präsentiert, kann daher paradox und ironisch genannt werden.

Die Realität des Kapitalismus wird jedoch schmerzlich klar in der ersten Arbeit der Ausstellung. Binelde Hyrcans Video Cambeck (2010) zeigt vier Kinder am Strand in Luanda, Angola; sie spielen, als ob sie in einem Auto fahren. Scheinbar unschuldig, aber ihre Gespräche verraten ein Bewusstsein von den Unterschieden von finanziellen Mitteln zwischen Menschen und Ländern. Auf spielerische und subtile Weise kritisiert die Videoarbeit die ökonomische Ungleichheit, die dem Kapitalismus inhärent ist. Cambeck wurde auch in der Ausstellung Hacking Habitat in Utrecht, den Niederlanden (26.02-06.06.2016) gezeigt. Diese internationale Kunstausstellung im ehemaligen Wolvenplein Gefängnis hatte auch eine kritische antikapitalistische Botschaft. Die Unterschiede zu Das Kapital sind jedoch groß. Hacking Habitat wurde nicht von einem Museum organisiert und war deshalb auch nicht auf die Arbeiten einer Sammlung begrenzt. Deswegen bestand die Ausstellung aus Arbeiten von überwiegend jungen, vielversprechenden Künstlern. Hier kein Koons oder Warhol, hier kein ironisches Paradoxon.

Hacking Habitat scheint aber eine Ausnahme. Die Kunstwelt hat sich in ihrem ironischen Paradoxon ertappt. Sie produziert Kunstwerke, Projekte und Ausstellungen, die kritisch ökonomischem Kapital und Kapitalismus gegenüber stehen; dennoch operiert sie gemäß der kapitalistischen Logik. Schließlich ist Geld notwendig, um Ausstellungen zu machen – je bekannter die Künstler, desto mehr Geld. So betrachtet, hat Beuys’ Aussage „Kunst = Kapital” eine doppelte, widersprüchliche Bedeutung: Obwohl sie ursprünglich, laut dem Hamburger Bahnhof, die Befreiung des Kapitals von seinem Bezug zum Geld im Raum der Kunst bezeichne, impliziert sie gleichzeitig eine Doppelbindung zwischen Kunst und ökonomischem Wert. Ist dies die Schlussfolgerung, die wir am Ende der Ausstellung im Kapital Raum ziehen sollten? Es wird nicht genau klar, ob der Hamburger Bahnhof das ironische Paradoxon des Kapitalismus absichtlich dargestellt hat, oder ob dies ein unvermeidbares Ergebnis der Zwickmühle – so gesagt des ‚Catch 22’s – der Kunstwelt ist.

 


Das Kapital – Schulden, Territorium, Utopie
Juli bis 6. November 2016

Hamburger Bahnhof – Museum für Gegenwart
Invalidenstraße 50-51
10557 Berlin

www.smb.museum/hbf