Allure – das bedeutet Eleganz, Stil und Erscheinung. Die Fotografiesammlung „Collection Susanne von Meiss“, die aktuell im c/o Berlin unter diesem Titel ausgestellt wird, kreist um eben jenen abstrakten Begriff und inszeniert dabei Stilikonen des vergangenen Jahrhunderts und glamouröse Momente, um den Begriff der Eleganz zu illustrieren.

Dass es hierbei aber nicht in erster Linie um Prunk und Extravaganz gehen soll, wird bereits beim Betreten der Ausstellung deutlich. Eher versteckt verweist ein silberner, dezenter und trotzdem eleganter Schriftzug auf den Eingang in die Galerie. Neben den Titel „Allure“ ist die Übersetzung dieses französischen Wortes gestellt, die die Rezipient_Innen auf das einstimmen soll, was sie in den Ausstellungsräumen erwarten wird. Tatsächlich können die Besucher_Innen in den indirekt beleuchteten dunklen Räumen voll und ganz in die Atmosphäre jener dunklen, urbanen Nacht eintauchen, die das Motiv eines Großteils der Fotografien ist. Vereinfacht wird dieser Prozess dadurch, dass die Sammlung aus Werken der verschiedensten Künstler_Innen zusammengestellt ist. Autorenschaft spielt also für die Rezeption der Ausstellung keine Rolle, Künstler_Innenbiografien und Interpretationsversuche der Intention hinter den Werken lenken nicht von den Fotografien selbst ab. Dieses Vorgehen erhält außerdem aus medienwissenschaftlicher seine Legitimation, da der Künstler in diesem Medium nur begrenzt Einfluss auf die Abbildung des abgelichteten Moments hat.

Hinzu kommt, dass die ausgestellten Aufnahmen in den verschiedensten Genres beheimatet sind, von der Modefotografie bis hin zu konzeptionellen Ansätzen. Auch in dieser Hinsicht wurde schon bei der Erstellung der Kunstsammlung auf Kategorisierungen verzichtet. Auf den Fotografien sind ausschließlich Frauen zu sehen, die in eleganten Kleidern entweder zum Mittelpunkt der Aufmerksamkeit auf einem Ball avancieren oder selbstbewusst in männlicher Begleitung durch die Straßen einer Stadt flanieren. Je weiter durch die Ausstellung vorangeschritten wird, desto mehr interessieren sich die Fotografien für die Details der Kleider der Damen sowie für Nahaufnahmen von Händen, Armen und Beinen.

Auffällig ist besonders bei den Fotografien, die an den Anfang der Ausstellung gestellt sind, dass die Protagonistinnen in den allermeisten Fällen dem direkten Blick der Kamera ausweichen. Auf der Tafel, die am Eingang der Ausstellung einige generelle Instruktionen gibt, wird dieses Faktum als Spiel mit dem Verborgenen jenseits von Genderkonzepten interpretiert, durch das eben jene Eleganz (Allure) evoziert wird. Tatsächlich wird aber beim Durchlaufen der Galerie sehr schnell klar: Genderneutralität ist eines der letzten Attribute, das dieser Kollektion zugedacht werden kann.

Auf jeder Fotografie in der gesamten Ausstellung ist, wie bereits erwähnt, eine Frau abgebildet. Männer werden als ihre Begleiter inszeniert. Auf den ersten Blick kann es fast löblich erscheinen, dass dem weiblichen Geschlecht hier eine derart große Bühne geboten wird. Andererseits verbleiben die dargestellten Frauen hier in eben jener Sphäre, die ihnen ohnehin von einer patriarchalischen, heteronormativen Gesellschaftsordnung zugedacht wird: Sie werden ausschließlich über ihre körperlichen Merkmale und Reize definiert.

Dadurch wird das Konzept von allure und Eleganz eng mit einem Weiblichkeitsbegriff verknüpft. Judith Butler hat in ihrem Aufsatz „Das Unbehagen der Geschlechter“ festgestellt, dass sich solche Konventionen erst als manifeste Norm in einer Kultur etablieren, wenn sie von der Gesellschaft regelmäßig wiederholt, also gewissermaßen zitiert werden.[1] Die Ausstellung „Allure“ trägt dadurch, dass die Protagonistinnen der Fotografien entweder in feinen, extrem eleganten Kleidern inszeniert werden oder der Fokus auf einzelnen Körperteilen wie Armen und Beinen liegt, dazu bei, dass hier ein sehr genaues Imago davon erzeugt wird, wie „die elegante Frau“ auszusehen hat.

Ironischerweise besteht die Ausstellung nicht nur aus Werken männlicher Künstler, und trotzdem werden Gendersterotypen reproduziert, und ein rein männlicher Blick erzeugt. Und nicht nur die Fotografinnen unterstützen die Wiederholung von heteronormativen Weiblichkeitskonzepten, auch die Stifterin der Sammlung hat ja allein mit der Zusammenstellung der Werke ihren Teil zu diesem Prozess beigetragen.

Vollends auf die Spitze getrieben wird diese Verknüpfung von einer zunächst unscheinbar wirkenden Videoinstallation, die sich im zweiten Raum der Ausstellung befindet. Mit Jazzmusik untermalt, die über das gesamte Ausstellungsareal zu hören ist, läuft auf drei in die Wand eingelassenen, laptopgroßen Monitoren ein kurzes Video in Dauerschleife. Zu sehen ist eine Frau in Reizunterwäsche mit Lockenwicklern im Haar, die nun digital dutzendfach multipliziert und zu einer Fraktion Showgirls angeordnet wurde. Diese Damen sind dabei zu beobachten, wie sie stereotype Hausfrauenaktivitäten ausführen, also bügeln, staubsaugen und kochen. Dabei vergessen sie natürlich nicht, sich ganz elegant, also mit allure zu bewegen. Trotz des ‚Nicht-Outfits’, das nicht mit der Tätigkeit zusammenpassen möchte, wird die Protagonistin dieser Szene derart sexualisiert, dass sich die Idee einer Überspitzung von Genderstereotypen verbietet. Eine erklärende Hinweistafel hätte Aufschluss über die Idee hinter diesem Kunstwerk gebracht und damit diesen verheerenden Eindruck verhindern können, doch darauf wurde, wie in der gesamten Ausstellung, verzichtet.

Insgesamt lässt sich festhalten, dass die Fotografiesammlung „Allure“ auf den ersten Blick mit ihrem verruchten, glanzvollen Stil eine Augenweide ist – doch der schöne Schein trügt. Letztendlich reproduziert diese Ausstellung eines der stereotypisierten Bilder von Weiblichkeit, das von feministischen Bewegungen seit vielen Jahren bekämpft wird.

[1] Vgl. Butler, Judith: „Das Unbehagen der Geschlechter“, 1991, S.24.

 


 

Allure [frz. Stil, Eleganz]
Mai bis 4. September 2016

c/o Berlin
Hardenbergstraße 22–24
10623 Berlin

www.co-berlin.org