Wer im Berliner Museum für Naturkunde den zentralen Lichthof durchquert, vorbei am berühmten Original-Skelett des pflanzenfressenden Dinosauriers Brachiosaurus brancai, erreicht den Saal „System Erde“. Er ist einer der vier großen Säle, die seit der Neueröffnung des Museums 2007 die Dauerausstellung zum Thema Evolution beherbergen. Im Mittelpunkt vieler Exponate stehen erwartungsgemäß Fragen der Evolutions- und Biodiversitätsforschung, traditionell aber auch die Planeten- und Meteoritenkunde.

Beim ersten Betreten des Saals fällt zunächst die große Heterogenität der Ausstellungsexponate auf. „Natürliche“ Originalobjekte stehen im Kontrast zu modernen Präsentationstechniken und animierten Vermittlungsformaten. Es stellt sich die Frage, welche Beziehung zwischen dem riesigen Multimedia-Globus, dem friedlich grasenden Urpferdchen, dem Ameisenbär und den Paradiesvögeln besteht, die sich auf unterschiedlichen „Wissensinseln“ im Raum befinden. Diese Entscheidung lässt sich jedoch auf das Vorhaben zurückführen, die Erde als ein hochdynamisches System vorzustellen, das sich im ständigen Wandel befindet. Die indirekte Beleuchtung des Saals ist durch Deckenspots geprägt, die auf die einzelnen Exponate gerichtet sind und die BesucherInnen von Insel zu Insel führen, ohne jedoch eine vorgegebene Chronologie erkennen zu lassen.

Mein schweifender Blick durch den Saal bleibt wider Erwarten nicht an der medialen Schlüsselinstallation eines Globus im Zentrum des Raums stehen, sondern wird von einer Exponatgruppe, die sich etwas peripher am rechten hinteren Ausgang des Raumes befindet, angezogen. Es handelt sich um zehn trockenpräparierte Paradiesvögel aus Neuguinea, die jeweils in Paaren von einem männlichen und einem weiblichen Exemplar auf fünf vertikal ausgerichtete Glaskästen aufgeteilt sind. Die etwa 30cm großen Vogelbälge, wie man die abgezogene, befiederte Haut der Vögel in der Fachsprache nennt, werden von zwei Deckenstrahlern beleuchtet, die ein gedimmtes Licht auf ihr ausgefallenes Federkleid werfen. So üben besonders die prachtvollen Farben und die feine Materialität ihrer Schmuckfedern eine visuell-haptische und ästhetische Anziehungskraft aus.

Doch auch ihre auffällige Drapierung macht sie zum Blickfang des Objektensembles, das den Titel „Barrieren aus Stein“ trägt. Wenige Zentimeter voneinander entfernt werden sie auf gleicher Höhe auf Metallstäben präsentiert. Die Körperhaltung der Tiere erscheint konstruiert, ihre Schnäbel zeigen gerade nach oben, die Köpfe sind jedoch durch ihre Neigung für die frontale Betrachtung nicht sichtbar. Die Vogelbäuche hingegen sind dem BetrachterInnenstandpunkt zugewandt. Durch die senkrechte Streckung ihres Körpers, die offensichtlich nicht ihrer natürlichen Haltung entspricht, wirken sie beinahe wie aufgespießt. Um ihre übereinandergelegten Krallen hängen „historische“ Klassifikationsetiketten mit handschriftlichen Informationen zum Ort und Zeitpunkt ihres Fundes sowie Geschlecht und Gewicht.

Erst der Blick auf die vorgelagerten Objekte, einem Reliefmodell Neuguineas und einer „Vermittlungsvitrine“, die den Objekttext trägt, verweist auf die inhaltliche Eingliederung der Exponatgruppe in das Thema Gebirgsbildung. Auf dem Inselarchipel Neuguinea beheimatetet, das sich durch eine zerklüftete Gebirgslandschaft auszeichnet, wurden die Vögel aufgrund geologischer Veränderungen bzw. Gebirgsbildungen voneinander getrennt. Für die BetrachterInnen erschließt sich jedoch erst durch die Verbindung von Objekttext und plastischer Höhenkarte, dass die Trennung in separate Populationen divergierende Entwicklungslinien zur Folge hatte, die sich nun anhand der unterschiedlichen Färbung des Federkleides erkennen lassen.

So zeichnet sich die Exponatgruppe insbesondere durch eine Präsentationsform aus, die unterschiedliche Objektarten vereint und miteinander in Wechselwirkung stellt. Zum einen die präparierten Paradiesvögel, die aufgrund ihrer Äußerlichkeit als „Originalobjekte“ wahrgenommen werden. Zum anderen das Reliefmodell, das als geographischer Bezugspunkt dient und den Prozess der „Verinselung“ plastisch veranschaulicht. So beziehen sich beide Exponate in spezifischer Weise aufeinander und stellen in ihrer Kombination jeweils unterschiedliche Aspekte in den Vordergrund.

Reinhold Leinfelder, der Generaldirektor des Museums für Naturkunde, sieht in der Dauerausstellung „eine Einladung an unser Publikum, selbst auf Forschungsreise zu gehen.“ [1] Sein Vorhaben scheint in der Exponatgruppe „Barrieren aus Stein“ zunächst verwirklicht. Die BetrachterInnen finden die zwei Forschungsaspekte vor, die auch dem Berliner Evolutionsbiologen Ernst Mayr (1904–2005) auf seiner abenteuerlichen Expedition nach Neuguinea 1928–1930 als Grundlage seiner Forschung dienten. So berichtet die Objektlegende, dass er bei den Paradiesvögeln Hinweise auf die Mechanismen bei der Entstehung neuer Arten und somit der biologischen Artenvielfalt, der Biodiversität, entdeckte. Die spezifische Anordnung und Kombination der Exponatelemente versetzt die MuseumsbesucherIn in die Rolle der ForscherIn, um selbst eine Verbindung zwischen den Objekten bzw. den Unterschieden des Federschmucks und der Evolutionstheorie herzustellen. Insofern begründet sich auch das gewählte Objektarrangement der trockenpräparierten Vögel, die aufgrund ihrer symmetrischen Anordnung zum vergleichenden Sehen der Ähnlichkeiten und Differenzen ihres äußeren Erscheinungsbilds anregen. Sie werden im Gegensatz zu dem benachbarten Exponat des Urpferdchens nicht in einer Habitat-Simulation präsentiert. Vielmehr erinnert ihre „unbelebte“ und starre Drapierung an die Aufbewahrung in den Schubladen des naturkundlichen Archivbestands, den Wissenschaftlerinnen zur Arbeit heranziehen.

Doch indem der Fokus der Exponatgruppe auf die Evolutionsmechanismen gesetzt wird, kommt es zu einer fragmentarischen Erzählung des Objekts. Die bunten Vögel sind in der musealen Präsentation lediglich auf ihre Funktion als Anschauungsmaterial und Vermittlungsobjekt reduziert, wodurch eine Ausblendung und Verkürzung der dem Objekt anhaftenden Geschichte geschieht. Die Expedition, das Jagen und Töten, die Präparationsmethode, der Handel, das Sammeln und Klassifizieren, die essentielle Bestandteile der Evolutionsforschung sind, geraten aus dem Blick. Die bewegte Erwerbsgeschichte, die vielen Stationen, die die Präparate durchlaufen haben und die damit einhergehenden physischen und symbolischen Veränderungsprozesse, sind für die BetrachterInnen nicht zu erschließen. Dabei wäre es interessant, auch die ausgeklammerten Narrative dieser „ausgestopften“ Tiere mit in die Präsentation einzubeziehen. Hingegen werden die Vogelbälgen in ihrem Potential als Forschungsobjekt fokussiert und „aus ihrem angestammten Naturzusammenhang heraus […] in einen anderen, theoretisch und praktisch motivierten Zusammenhang gestellt“ [2]. Das Federtier wurde trocken präpariert, als „Mumie“, wie diese Technik in der Fachsprache heisst, um für Forschungs- und Demonstrationszwecke haltbar gemacht zu werden. An den Präparaten vollzieht sich somit ein „Bedeutungswandel“ [3], wie der Kulturwissenschaftler Hans-Jörg Rheinberger den Vorgang beschreibt, der sie zu „epistemischen Objekten, zu Erkenntnisdingen“ [4] werden lässt.

Es wird insgesamt deutlich, dass die Exponatgruppe Wissen so vermittelt, dass es didaktisch bemüht und aufgrund der ästhetischen Originalobjekte zugleich anschaulich aufbereitet ist. Laut Leinfelder sei das Konzept der Dauerausstellung „System Erde“ nicht als „aufgeklapptes Lehrbuch“ [5] zu verstehen. Indem es jedoch eine traditionelle Logik der Vermittlung verfolgt, die sich in der reinen Wiedergabe von Forschungsergebnissen äußert, „liest“ sich die Exponatgruppe „Barrieren aus Stein“ in seinem Arrangement letztendlich doch wie ein Buch der Evolutionsforschung. Demgegenüber wäre es interessant, den BetrachterInnen vielfältige Perspektiven auf die präparierten Paradiesvögel als museale Objekte anzubieten, um eine Neubetrachtung zur Sammlungspraxis von Vogelbälgen anzuregen, die über ihre Rolle als Demonstrationsobjekte hinausgeht und sie kulturgeschichtlich verortet.

Zudem lässt sich die Exponatgruppe „Barrieren aus Stein“ exemplarisch für die Konzeption der Dauerausstellung „System Erde“ heranziehen, dessen übrigen Exponate die Evolutionsforschung in ganz ähnlicher Weise thematisieren und präsentieren. Als „modernes Wissenschaftszentrum“ werden „die Erkenntnisse der vielen hier arbeitenden Forscher mit dem Publikum geteilt“ [6], so beschreibt der Generaldirektor die (Neu-) Ausrichtung des Museums. Doch indem die Dauerausstellung das narrative Potential ihrer Exponate unterordnet und ausblendet, etabliert sie lediglich eine Reproduktion des Wissens. So scheint das „System Erde“ untrennbar mit der Sammlungs- und Repräsentationspraxis der Naturwissenschaften verbunden zu sein. Interessant hingegen wäre ein Aufbrechen dieser Perspektive und entgegen einer reinen Wissensvermittlung auch Widersprüchlichkeiten, Fragen und Probleme der Forschung in die Ausstellung mit aufzunehmen.

 

[1] Leinfelder, Reinhold; Kunkel, Andreas (12/2007): .„’Evolution in Aktion‘ im Berliner Museum für Naturkunde“. https://www.berlin.de/aktuell/ausgaben/2007/dezember/ereignisse/artikel.223621.php (15.06.2016)

[2] Rheinberger, Hans-Jörg: Epistemologica: Präparate, in: te Heesen, Anke; Lutz, Petra (Hg.): Dingwelten. Das Museum als Erkenntnisort, S. 65.

[3] Ebd.

[4] Ebd.

[5] Leinfelder, Reinhold; Kunkel, Andreas (12/2007): .„’Evolution in Aktion‘ im Berliner Museum für Naturkunde“ (15.06.2016)

[6] Trippel, Katha (2007): „GEO Magazin Nr. 7/07“ http://www.geo.de/GEO/natur/oekologie/naturkundemuseum-altes-in-neuem-licht-54276.html?p=1 (18.06.2016)

 

 


Dauerausstellung „System Erde“

Museum für Naturkunde Berlin
Invalidenstraße 43
10115 Berlin

www.naturkundemuseum-berlin.de