Sammlungen und Sonderausstellungen stehen in einem ewigen Konkurrenzkampf zueinander. Das wechselnde Gesicht von zeitlich begrenzten Ausstellungen generiert eine größere Aufmerksamkeit, als ihr älteres, oftmals verstaubtes, auf lange Laufzeiten getrimmtes Gegenüber. Es gibt eine kuratorische Methode, die versucht, dieses Zwiegespräch in einen Dialog zu verwandeln. Wer ihr genauere Beachtung schenkt, der kann real existierende Widerständigkeit in Museen entdecken. Aktuell ist dies möglich vom 03.06.16-07.01.17 in der Ostasiatischen Kunstsammlung in Berlin unter dem Titel: Schnittmengen. Zeitgenössische Kunst und die Überlieferung.

Die Krux der Museen scheint es, dass ihre Sammlungen durch Disziplinen und Kategorien vorbestimmt sind, jedoch von sich behaupten, die eigenen Objekte zu kontextualisieren und historisch zu verorten. Dies wird wenn, dann nur auf textueller Ebene vollzogen. Eine neue Form der Ausstellungsgestaltung versucht, eigenständigen Objekten eine Kommentarfunktion für die eigene Sammlung zu verleihen.

Die Ostasiatische Kunstsammlung, die sich zusammen mit dem Museum Europäischer Kulturen und dem Ethnologischen Museum als Museen Dahlem versteht, scheint anhand der Ausstellungsgestaltung zunächst einer klassischen Ausstellungslogik zu folgen. In alten Glas- und Holzsetzkästen tummeln sich Objekte der ostasiatischen Kunstgeschichte. Sie werden gezeigt, geordnet und verordnet. Durch den Verschluss hinter Glasvitrinen scheinen sie unnahbar und eher beiläufig den Raum zu bespielen. Bild1Glasfensterelemente, die hölzerne Raumvertäfelung und die Beleuchtung doppeln konsequent die Ästhetik ostasiatischer Architekturen.
Die Ausstellung Schnittmengen. Zeitgenössische Kunst und die Überlieferung hat
die Kraft, diese konservativen Sammlungseindrücke zu brechen. Zeitgenössische KünstlerInnen suchen sich ihren Platz zwischen den Sammlungsexponaten. Sie sind in Vitrinen zu finden, in Schaukästen und im Raum. Der Blick auf die zeitgenössischen Arbeiten verändert den Blick auf die Objekte der Vergangenheit. Hier wird mit Zeitlichkeit und Bedeutungshoheiten gespielt und somit ein Angebot an die BesucherInnen gemacht, die Sammlung neu oder anders zu lesen.

neuAls beeindruckendes Symbol des Konzepts wirkt die Rauminstallation von Aiko Tezukas. Ein bestickter Stoff teilt den Raum, in dem sich andere traditionell gewebte Stoffe befinden. Tezukas Stoff
scheint von der Vorderansicht wie ein Vorhang als eine Ebene. Tritt man jedoch zur Seite, erkennt man, dass die Fäden sich aus dem Stoff hinaus bündeln und hier quasi eine Rückbewegung zum Ursprung des Fadenknäuels durchlaufen. Die pinke Farbe der Fäden leuchtet beißend und ballt die Aufmerksamkeit der BetrachterInnen. Durch die Räumlichkeit der Fadendekonstruktion verleiht Tezuka dem Objekt ein vor und ein dahinter und legt somit Produktionsprozess und Entstehungskontext offen. Die Fragen, die das zeitgenössische Objekt aus einem heutigen Wissensstand stellt, lassen sich auf die anderen Sammlungsgegenstände übertragen. Die Objekte schaffen somit nicht nur einen Wissenstransfer, sondern gleichzeitig eine Aktivität des Denkens der BesucherInnen. Fest tradierte Sammlungen können reaktiviert werden, ohne dass sie in den Hintergrund rücken müssen.

Die Ostasiatische Kunstsammlung lässt große BenutzerInnenfreundlichkeit walten. Denn die neuen Objekte sind durch Beschriftungen immer sehr gut sichtbar und klar zu unterscheiden. Momente der Verwirrung werden somit vermieden und das Neue immer noch als externe Ausnahme deklariert. Radikaler hat diese kuratorische Methode das Museum Rietberg in Zürich in der Ausstellung Gastspiel. Schweizer Gegenwartskunst im Museum Rietberg angewendet. Vom 02.07.-09.11.14 versammelten sich auBild4ch hier zeitgenössische Interventionen in der Sammlung. Hier konnte aufgrund der Größe der Sammlung, die alle außereuropäischen Kulturen umfasst, ein breiteres Spektrum an Gegenüberstellungen aufgezeigt werden. Dadurch, dass nicht auch KünstlerInnen aus demselben Kulturkontext die Interventionen vornahmen, wurde eine Annäherung an den Blick der europäischen BesucherInnen geschaffen. Es schuf die Möglichkeit, den eigenen Blick auf das Fremde zu hinterfragen.

Hier wurden die Interventionen direkt an den ausgestellten Werken der Sammlung vollzogen. Endlich verschwand die Achtung vor der Aura des einzelnen Werkes zugunsten eines Austausches zwischen den Werken. So liefen Videoprojektionen neben steinernen Gottheiten, die deren Statik konterkarierten. Sammlungsgegenstände wurden mit Ping-Pong Bällen verbunden, die durch ihr Gewicht und die durch die Vernetzungen entstandenen Maßunterschiede die gewonnen Fragen auf die Sammlungsobjekte reflektierten.

bild_3Die Interventionen folgten hier nicht nur der Logik einer ergänzenden Versammlung, sondern sie störten durch ihre unmarkierte Anwesenheit die Sehgewohnheiten. Dieses Moment der unsicheren Störung kann produktiv für eine Schärfung des kritischen Blicks sein. Genau dies folgt auch aus dem Selbstverständnis der Zürcher Ausstellung, die sich mit dem Versuch der Neusetzung der Sammlung auch gegen eine eingeschränkte Sammlungspolitik stellt:

„Klar scheint, dass institutionelle Gefüge wie jene Museen, die noch den Ballast des 19. Jahrhunderts mit sich herumschleppen, an eben diesem Ballast zu ersticken drohen beziehungsweise den Notausgang in Populismus und Spektakel suchen. Klar scheint aber auch, dass all die neu entstandenen institutionellen Gefüge, wie die Biennalen, wenigstens aus eigener Kraft nicht jene kritischen Begriffe oder Setzungen hervorbringen, die nachhaltiger wären als die jeweils aktuelle Presseerklärung mit ihrem Phrasenmix aus kuratorischen Anliegen und Veranstalterinteressen.“

Zu „eigener Kraft“ einer kritischen Auseinandersetzung mit der eigenen Sammlung, durch die Unterstützung mit externen KünstlerInnen und somit auch durch eine Mehrstimmigkeit, haben die Berliner sowie die Zürcher Sammlungen erfolgreich gefunden. Ihre Methode des künstlerischen Kommentars durch die Objekte, ist das, was Jacques Rancière sucht, wenn er eine widerständige Kunst einfordert: „Der Widerstand des Werkes ist nicht die Rettung der Politik durch die Kunst. Er ist nicht die Imitation oder Antizipation der Politik durch die Kunst. Er ist genau ihre Einheit. Die Kunst ist die Politik.“

Für die Zukunft wäre es lohnend, wenn diese Methode des Wissens- und Wahrnehmungstransfers zwischen Objekten nicht nur in den Disziplinen verhaftet bliebe, sondern auch als Möglichkeit für die Ausstellung von Interdisziplinarität erkannt würde.

 


 
Schnittmengen. Zeitgenössische Kunst und die Überlieferung.
03.06.16 bis 07.01.17

Museum für Asiatische Kunst
Lansstraße 8
14195 Berlin

www.smb.museum.de

 

Gastspiel. Schweizer Gegenwartskunst
02.07.bis 09.11.14

Museum Rietberg
Gablerstrasse 15
8002 Zürich

www.rietberg.ch