Museen können Langeweile, ein träges Sich-Voran-Schleppen oder ausgiebiges Gähnen auslösen. Sie können aber auch zum Mitmachen einladen, durch Klänge und Geräusche Dinge hörbar machen oder unser haptisches Interesse wecken. Zu erleben ist diese Art des Museumsbesuches und der Wissensvermittlung im Technikmuseum Berlin.

 Das Technikmuseum scheint ein wahres Kinderparadies zu schein. Überall tummeln sich die kleinen BesucherInnen in den verschiedensten Ecken und Winkeln des Museums und ziehen ihre Großeltern, Eltern oder ErzieherInnen hinter sich her. Schon im Eingangsbereich, den man über eine große Treppe erreicht, bekommt man einen Eindruck von unterschiedlichen Ausstellungstechniken. Im ersten Stock des Altbaus werden nicht einfach nur Themenbereiche präsentiert. Vielmehr wird auf die Art und Weise, wie man Museumsobjekte wahrnehmen und verstehen kann, eingegangen. So wird den BesucherInnen die Möglichkeit gegeben, kleine Figuren, die symbolisch für jeden Ausstellungsbereich stehen, anzufassen und mit Hilfe eines Knopfs passende Geräusche zum jeweiligen Thema zu hören. Ausgerichtet ist diese Einführung vornehmlich auf Kinder, da sich die Figuren zum einen auf einer niedrigen Höhe befinden und so leicht zugänglich sind. Zum anderen weist diese Art der Präsentation von Objekten einen eher spielerischen Charakter auf, der allerdings auch Erwachsene nicht vom Ausprobieren abhält. Was deutlich auffällt, ist die fast vollständige Barrierefreiheit in Form von Brailleschrift, Fahrstühlen, Rampen und etlichen Hörmöglichkeiten im Museumsbau. Die Zugänglichkeit von Wissen ist somit auf mehreren Ebenen gegeben und auf alle BesucherInnen gleichermaßen ausgerichtet.

Nach diesem ersten Eindruck führt mich mein Weg zur Ausstellung „Faszination des Augenblicks – Eine Technikgeschichte der Fotografie“, die sich im ersten Stockwerk des sogenannten Beamtenhauses befindet. Vorbei an Lokomotiven und Schienen gelangt man über eine Wendeltreppe in einen schmalen Flur, von dem aus mehrere Räume abgehen. Mit dem Betreten des holzvertäfelten Raumes zur Linken taucht man buchstäblich in die Historie der Fotografie ein: Camera obscurae in den unterschiedlichsten Ausführungen, Fotoverfahren von der Daguerreotypie bis zur Talbotypie sowie zahlreiche Anwendungsbereiche der Fotografie sind hier ausgestellt. Durch Vitrinen lassen sich diverse Kameras und deren Entwicklungsstufen begutachten. Zentral im Raum platziert findet sich zudem eine alte massive Reproduktionskamera aus Holz. Hinter Glas sind, wie in einer Passage, verschiedene Fotografien und passende Requisiten thematisch sortiert. Hier reihen sich Werbe- und Pressefotografie, Unterwasser- und Sofortbildkameras neben fotografische Spionagetechniken. Etwas überladen und vollgestopft wirken die Vitrinen in diesem Raum, so als wolle man alles Wissen auf so wenig Raum wie nur möglich festhalten. Die konventionelle Ausstellungstechnik der Glasvitrine behält hier ihre eingeschränkte Darstellungsweise bei und lässt die Objekte, die ausschließlich über den Sehsinn wahrgenommen werden können, eher einseitig und ausdruckslos wirken.

Auf der anderen Seite des Flures wird es, was unsere Sinne angeht, deutlich spannender. Dort warten raumbildgebende Verfahren darauf, entdeckt und ausprobiert zu werden. Tim, der Avatar, spricht sobald man in seine Nähe tritt. Als Avatar ist er eine künstliche Person, der man buchstäblich auf Augenhöhe begegnen kann, in dem man auf das Podest vor der Installation tritt. Zunächst erschrickt man, denn die Reaktion einer animierten Persönlichkeit kommt unerwartet plötzlich und laut daher. Es bleibt aber bei einer Reaktion; eine Interaktion oder gar Kommunikation zwischen Avatar und BesucherIn fehlt, wodurch die Grenzen der Technik deutlich zu werden scheinen. Gleich neben Avatar Tim widmet sich die Ausstellung einer weiteren interessanten Technik: der Holografie. Gegenstände oder Personen, die dreidimensional im Raum abgebildet werden heißen Hologramme. Diese werden durch die Bestrahlung mit gleichförmigen Wellen, und den daraus entstehenden Reflexionen und Überlagerungen, erzeugt. Letztendlich entwickelt sich so ein Bild, dass zwar zum Anfassen „einlädt“ aber in Wirklichkeit nur virtuell erscheint. Ein weiteres interaktives Element stellt das Gesichtsmorphing dar, bei welchem die BesucherInnen ihr eigenes Portrait unter anderem mit dem von berühmten Persönlichkeiten verschmelzen lassen können. Bei allen drei Ausstellungsobjekten spielen die subjektiven Erlebnisse der BesucherInnen eine große Rolle in der Vermittlung von Wissen. Hierzu können „abstrahierende Raumbilder“ genutzt werden, wie sie beispielsweise die Kunstwissenschaftlerin Brigitte Kaiser in ihrer Dissertation beschreibt. Mit abstrahierenden Raumbildern sind visuelle Inszenierungen innerhalb von Ausstellungen gemeint, bei welchen die subjektive Wahrnehmung und Beteiligung der BesucherInnen bei der Wissensvermittlung unerlässlich wird:

„Es geht um die Frage, wie die Objekte zum Betrachter in Bezug gesetzt werden können. Die Aufmerksamkeit wird nicht mehr so sehr dem ausgestellten Objekt gewidmet, sondern einer allumfassenden Idee, bei der das Objekt nur noch eine komplementäre Aufgabe erfüllt. Ein Hauptanliegen besteht darin, ein Verständnis beim Betrachter zu erreichen. Es geht nicht ausschließlich darum, dem Betrachter Sachinformation zu liefern und etwas zu zeigen, sondern ihn an Erfahrungen teilhaben zu lassen.“[1]

Diese Idee findet sich nicht nur in der Fototechnik-Ausstellung wieder, sondern durchzieht das gesamte Konzept des Museums. Die sinnliche Wahrnehmung, Erfahrung und Vermittlung von Wissen steht bei allen Ausstellungen des Technikmuseums im Vordergrund obgleich die Interaktion der BesucherInnen ebenfalls eine wesentliche, aber dennoch unbefangene Rolle spielt. So wird der Museumsbesuch zu einem spielerischen Erlebnis, bei welchem Ausstellungsobjekte mit den Sinnen erforscht werden können. Letztendlich bleibt das Erlebnis aber ein vorgegebenes, da eindeutig festgelegt ist, wie, wo und wann Wissen erfahrbar gemacht werden soll. Die BesucherInnen sind demnach schon zu Beginn in ihrer Wahrnehmung eingeschränkt und an das Objekt gebunden, welches es „zu erleben“ gilt. Nichtsdestotrotz stellt die Technik der abstrahierenden Raumbilder eine moderne sowie interessante Art und Weise der Wissensvermittlung dar. So wird zum Beispiel bei Tim, dem Avatar, die virtuelle Figur selbst zum Wissenden, der den BesucherInnen auf einer persönlichen Ebene begegnet. Solche interaktiven Elemente und Formen der Wissenschaft werden sicherlich auch in Zukunft bei der Gestaltung von kulturhistorischen und vor allem technischen Ausstellungen eine Rolle spielen und die Sinne der BesucherInnen herausfordern.

[1] Brigitte Kaiser: Inszenierung und Erlebnis in kulturhistorischen Ausstellungen. Museale Kommunikation in kunstpädagogischer Perspektive, Bielefeld 2006, S. 46.


 

Dauerausstellung
Faszination des Augenblicks – Eine Technikgeschichte der Fotografie

Deutsches Technikmuseum
Trebbiner Straße 9
10963 Berlin
www.sdtb.de