Was das Zentrum für Kunst und Medien in Karlsruhe (ZKM) in seinem Lichthof vom 16.4.-21.8.2016 präsentiert, ist die Versöhnung mit der Moderne. Reset Modernity! möchte Wahrnehmungsstütze und Orientierungshilfe im Strom der beschleunigten Zeit der Gegenwart sein. Dabei nimmt sich das Kuratorenteam um Bruno Latour so sehr zurück, dass man sich ihm verblüfft hingibt.

Es scheint anstrengend zu werden. Geballte Information schlägt mir im Eingang des Lichthofs entgegen. Viel lieber, als mir die nötigen Vorinformationen zur Ausstellung von den Texttafeln zu saugen, würde ich die Architektur dieser riesigen Halle verstehen. Das freie Stahlskelett der Deckenkonstruktion erscheint ähnlich rau wie eine Turbinenhalle. Doch nicht wie die eine bekannte zur Perfektion des Leerraums geglättete Halle – nein, hier ist es eher eine technische, den Bauprozess sichtbarmachende architektonische Hülle, die nicht zuerst ästhetisch sein will. Treppen liegen offen und die Wände der Ausstellungsgestaltung offenbaren eine Rückseite, ohne diese verstecken zu müssen.Kritik3_BildA

Die Ausstellung, die sich selbst „Gedankenausstellung“ nennt, erklärt zu Beginn ihr Konzept. Meidet man diese Anfangstextbausteine, verliert man den Durchblick und den Zugang. Die Ausstellung stellt eigentlich schon zu Beginn an auf die Probe, ob man in der Lage ist, sich auf etwas einzulassen. Dabei geht es nicht um die Bedingung von Vorwissen, sondern erstmal nur um das „Sich Einlassen“ auf den Moment, in dem man selbst aktiv wird. Der Ausstellungsparcours ist in sechs, als „Procedures“ benannte Orte unterteilt, die von A-F gekennzeichnet sind. Ein „Field Book“ ersetzt Texttafeln an den Ausstellungsobjekten und bietet im Format eines Notizblocks die Informationen, die die BesucherInnen benötigen: Zum einen die Basisinformationen wie Titel und KünstlerIn und zum anderen eine Notiz der Kuratoren. Darin begründen sie, warum sie sich dafür entschieden haben, dieses oder jenes Objekt zu zeigen und warum es an dieser Stelle des Parcours in Erscheinung tritt. Kritik3_BildBAusgestattet mit meinem „Field Book“ fühle ich mich beladen, weil ich etwas in meinen Händen halten muss, wo ich sonst immer Stift und leeren Notizblock habe, und zugleich befreit von den Texten an den Wänden, die ich normalerweise nicht weiterblättern kann. Es fühlt sich an, als schenke mir das „Field Book“ die Freiheit, selbst die Entscheidung zu treffen, wann ich Wissen vermittelt haben will und wann ich die Anonymität des Objekts ohne Informationstafel durch ein Umblättern bewahren kann.

Kritik3_BildCZum Ende einer jeden Station gibt es ein Studierzimmer in Form einer Petersburger Hängung. Diverse Utensilien des wissenschaftlichen Arbeitens hängen als Forschungsangebot an der Wand. Ein Handzettel verleiht dem Environment eine wissenschaftliche Gültigkeit, da hier zu jedem Text, jedem Video, jedem Bild, jedem Zeitungsausschnitt und jeder Fotografie die jeweiligen Quellen- oder Bibliographieangaben gegeben werden. Die ZuschauerInnen bekommen in diesem Moment die Möglichkeit, in der Ausstellung vermitteltes Wissen nicht nur zu konsumieren, sondern einen eigenständigen Wissenstransfer zu vollziehen. Sie können Bilder vergleichen, Aussagen auf ihre Gültigkeit überprüfen und Interessensgebiete abstecken. Durch die Handzettel kann die Zeitlichkeit dieses Moments verlängert werden. Sie sind Anregung für die Zeit nach der Ausstellung. Ein gängiges Prinzip des martkkonformen Museums wird somit gebrochen. Es geht nicht mehr um die Ausstellung als Ware (mit dem Eintrittsgeld als Gegenwert), sondern hier wird in die Zukunft der Besucherschaft investiert, ohne einen direkten Tauschwert zu erhalten.

Die Texte der Kuratoren fallen auf. Es ist der Ton, der sich stark von anderen Museumstexten unterscheidet. Wo sonst belehrt und verbessert werden will, wird hier der gleichberechtigte Dialog mit den BesucherInnen gesucht:

„Wir glauben, dass…“

„Vielleicht sind Sie mit den von uns hier veranschaulichten Konstrasten nicht einverstanden – oder sie verspüren das Bedürfnis, andere Beispiele hinzuzufügen, die sie aussagekräftiger finden“

„Was das anbelangt, was sich unter unseren Füßen bewegt: Wir haben keine Ahnung woraus es besteht.“

Mit Jacques Rancière und den Gedanken, die er in Der unwissende Lehrmeister formuliert, lässt sich die Ausstellungsmethodik von Reset Modernity! theoretisch fassen: „Es geht darum, eine Intelligenz sich selbst entdecken zu lassen.“ Immer werden mehrere Perspektiven aufgezeigt und die BesucherInnen angehalten, selbst Entscheidungen zu treffen, Meinungen zu überdenken, zu wandeln. Ähnlich dem unwissenden Lehrmeister, verhält sich die Figur des Kurators im ZKM: „Er befragt, er verlangt eine Rede, dass heißt eine Offenbarung einer Intelligenz, die sich verkannte oder sich vernachlässigte“. Was die Ausstellung so schaffen kann, ist Mut zum Loslassen einer Gewissheit des eigenen Wissens. Durch die Installation von Fragen und Objekten will die Ausstellung Wissensstrategien für die stetige Differenzierung gegenüber Informationen, die das eigene Wissen bilden, vorschlagen.

Eindrücklich dabei ist beispielsweise der Versuch des Künstlers Thomas Thwaites, einen Toaster zu bauen. Das Selbst-Bauen geht dabei soweit, dass Plastik eigenhändig aus Öl gewonnen wird und Stahl aus Erz. Dabei beginnt die Aufmerksamkeit für unsere Umwelt genauer zu werden, weil man gezwungen wird, über das eigene Lebens- und Ökosystem hinauszudenken. Dekonstruiert – und somit bereit zu einer Neuanordnung – werden nicht nur Objekte, sondern auch digitales Bildmaterial. Eine Rede von Barack Obama, die er während eines Trauergottesdienstes anlässlich eines Attentats an einer amerikanischen Schule hielt, ist hier auf Video aufgezeichnet. Ein zweiter Bildschirm zeigt die gleiche Situation aus einem zweiten Kamerablickwinkel. Ein dritter Bildschirm zeigt die Worte Obamas, versetzt sie mit rhetorischen Markierungen und geht dabei auch auf die Reaktionen Obamas, auf die ihn umgebenden ZuhörerInnen, ein. Hier kann nicht nur eine gesetzte Seherfahrung durch eine zusätzliche Perspektive verändert werden, sondern die Sprachanalyse belegt eine Inszenierung und Planmäßigkeit der politischen Rede, die vorher noch von Spontaneität zeugte.

Was macht man mit dieser Erfahrung? Ist die heterogene Wahrnehmung einer Situation bereits ein „Reset“ der Moderne? Eine Erklärung findet sich bei dem Soziologen Hartmut Rosa, der die Zeitlichkeit der Moderne genauer betrachtet:

„Denn wenn diese Diagnose richtig ist, dass nämlich Beschleunigung (ebenso wie Autonomie) das Wesen der Moderne und (mehr noch als die Autonomie) den Modernisierungsprozess als Ganzen charakterisiert, dann kann eine politische oder ökonomische Reform niemals die Lösung sein. Die Frage nach der Alternative zum Beschleunigungsregime ist dann die Frage nach einer Alternative zur Moderne. Und wer könnte sich anmaßen sie zu beantworten? Ebendeshalb schien mir in den Schlusspassagen des Beschleunigungsbuches der Benjamin’sche Griff zur Notbremse noch der plausibelste Ausweg zu sein.“

Wenn Walter Benjamin in seinem Passagenwerk von dem Griff zur Notbremse schreibt, so denkt er dabei an die Kraft der Revolutionen. Mit Reset Modernity! hat Bruno Latour die Notbremse gezogen. Er tut dies nicht in Form einer Protestbewegung, sondern in Form von Gedanken: Wissenschaftlichen Entdeckungen, Anekdoten, künstlerischen Ideen, Experimenten und Gescheitertem. Wenn Rosa von einer „Alternative zum Beschleunigungsregime“ spricht, dann meint er dabei auch den Moment, in dem die Technologien zwar Fortschritt schenken, zugleich aber auch Geschwindigkeit generieren. Gelähmt durch diesen Modus der Geschwindigkeit ist unsere Wahrnehmung nicht mehr flexibel. Latours Gegenmodell im ZKM ist ein Moment des Innehaltens, den er hier als das „Ruhe bewahren“ formuliert. Der „Reset“ den die Ausstellung erprobt, kann also als ein Zurücktreten vom diffusen Angebot der Geräte verstanden werden. Es ist der Versuch Freude am eigenständigen Denken zurückzugewinnen und sich Distanznahme zum normativen Lauf der Dinge zuzutrauen. Es ist eine Ausstellung, die Disziplinentrennung nicht kennt und sich am Dialog zwischen den Medien nährt. Es ist der in den Raum gestellte Dialog mit Literatur und mit den BesucherInnen, der spüren lässt, dass diese begleitet und dabei ernst genommen werden. Der Kurzfilm „After“ von Pauline Julier verdichtet das Gefühl des Verlorenseins in der beschleunigten Zeit und die Orientierungslosigkeit im kapitalistischen Möglichkeitssystem atmosphärisch. Julier untermalt ihre Filmaufnahmen von einem Feuerwerkspektakel damit, dass sie über das Zeitgefühl einer Generation spricht. Sie spricht vom Verlorensein – der Welt als Spektakel, die einer Party gleicht, die durch Drogen eskaliert. Währenddessen laufen die Filmaufnahmen immer weiter und das Feuerwerk nimmt kein Ende. Abrupt wird der Ort gewechselt und die Kamera filmt jetzt ein brennendes Haus. Die Party in der Erzählung findet ihr Pendant in der Realität. Die Gegenwart, von der Julier hier spricht, ist in einem andauernden Zustand, in dem die Kinder der Moderne „hoffen, dass die Eltern zurückkommen“. Ist es die Sehnsucht nach einer Ordnung? Die Sehnsucht weg von einer polizeilichen Ordnung, hin zu strukturellen Ordnungen im Privaten, die Schutz in einer Zeit der Orientierungslosigkeit bieten sollen?

Kritik3_BildDWenn der Film vom Feuerwerk zum Feuer schneidet, dann trifft sich mein letzter räumlicher Schritt in der Ausstellung mit meinem ersten in die Ausstellung. Und dabei wünscht man sich mehr davon – am liebsten mit gesprengten Ausstellungstüren, damit der Raum die Stadt wird, in der jeder Zugang hat zu den Ideen dieser Ausstellungsmacher. Denn sie beweisen mit diesem Ausstellungskonzept nicht nur, dass eine andere Moderne möglich ist, die aus der bereits existierenden entstehen kann, sondern auch, dass sie ein ganz anderes – ein ganz egalitäres – Ausstellungswesen hervorbrächte.

 

Anmerkungen
Es wird die männliche Form „Kurator“ sowie „Ausstellungsmacher“ genutzt, da sich das Kuratorenteam der Ausstellung, mit Bruno Latour, Martin Guinard-Terrin, Christophe Leclercq und Donato Ricci nur aus männlichen Kuratoren zusammensetzt.

Jacques Rancière wird zitiert nach Ebd., Der unwissende Lehrmeister. Fünf Lektionen über die intellektuelle Emanzipation. Wien 2009, S. 41f.

Hartmut Rosa wird zitiert nach Ebd., Kritik der Zeitverhältnisse. Beschleunigung und Entfremdung als Schlüsselbegriffe der Sozialkritik. In: Rahel Jaeggi, Tilo Wesche (Hg.), Was ist Kritik? Frankfurt am Main 2009, S. 33.


 

 
Reset Modernity
16.4.-21.8.2016

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