So stellen Sie sich zunächst die Frage: „Wie verstehe ich Europa?“

Und dann müssen Sie sich meine Frage gefallen lassen: „Was lassen Sie aus?“

„Aber es gibt keine >Identität Europa<“, würden Sie einwenden.

Mag sein. Doch wie könnte eine solche ausfallen?

Das Museum Europäischer Kulturen hat eine Auswahl getroffen.[1] Ein Kupferkessel ist darunter, ein Hexenhut für Halloween, eine Schamanentrommel und ein Teller mit Lady Diana vorne drauf. Europa? Europa, sage ich. In sieben Kategorien werden die insgesamt 13 Objekte mit einem Begleittext versehen: Reisen, Identität, Erinnerungskultur, Kulturkontakt, Handwerk, Brauch und Religion. Die Zuteilungen der Dinge hätten auch anders ausfallen können aber die Auswahl transportiert, was hier als Europäisches relevant scheint.

Der Ausstellungskatalog Europa entdecken! Discover Europe! ist knallgrün, ein handliches Taschenbuch. Die gewählten Exponate sind verstreut auf dem Cover abgebildet, eine Hierarchisierung wird so vermieden. Auf Vorwort und Einleitung folgen Abbildungen der Objekte und die sie begleitenden (Kon)Texte. Verschiedene Autor_Innen kommen hierbei zu Wort. Die Beiträge sind leicht verständlich, populärwissenschaftlich gehalten sowie durchgehend zweisprachig abgedruckt. Der Katalog scheint so an ein heterogenes, ggf. fremdsprachiges Publikum adressiert. Anders als im eigentlichen Ausstellungsraum spinnen sich die Narrativstrukturen nicht vom materiellen Exponat selbst aus, sondern von und um die Bild-Text-Gefüge des Kataloges. Die Idee jedoch ist ähnlich: Vom einzelnen ausgehend eröffnen die gewählten Objekte einen Kosmos, der unterschiedlichste Thematiken berührt. Die zusammengewürfelte Auswahl scheint dabei zunächst auf Vielfalt zu verweisen. Was ist es also für ein Europa, das hier Thematisierung findet?

Die gewählte Darstellungsart bewegt sich ganz im kulturgeschichtlichen Trend: Minderheiten sind es, die in den Fokus genommen werden und alle Exponate entstammen der Alltagskultur. Ein Europa „von unten“ also, historisch wie modern, das hier gezeichnet wird. Und ein Europa aller soll es sein. Wenn es um Personenkulte geht, so um den von Napoleon als „Hoffnungsträger des kleinen Mannes“ (S.49) und Lady Diana in ihrem volksnahen Auftreten. Die Schamanentrommel beispielsweise entstammt den Riten der Sami und der Kupferkessel ist ein Roma-Handwerk. Mitunter fließen unerwartete Exkurse in die Darstellungen ein – die Entwicklung der Fotografie zum Beispiel oder die der naiven Kunst. Angefangen bei kleinen Facts werden hier große Geschichten erzählt.

Alle gewählten Objekte sind zugleich auch Artefakte, also menschengemachtes Handwerk. Ein Hinweis auf ein aktives, gestalterisches Europa? Und welches historische Verständnis kommt dabei zwischen den Zeilen zum Ausdruck? „Die Sami wehrten sich gegen jede Form der Unterdrückung und forderten ihre Rechte ein, die sie in umfangreichem Maße auch erhalten haben“ (S.37). Welche Anliegen, welche Interessen schreibt sich dieses Europa, das es zu entdecken gilt, zu? Welche Werte, die sich „europäisch“ nennen ließen, transportiert die Publikation über den jeweiligen „Objektkosmos“ hinaus?

Es sind Fragen der Teilhabe, nach Zugehörigkeit(en), Prozessen des Austauschs aber auch der Ab- und Ausgrenzung. Kein geografisches Europa wird hier verhandelt, sondern ein ideelles. Über Kulturkontakte soll ein (Selbst)Verständnis als Ganzes provoziert werden. Wird Europa hier nachträglich eine kollektive, verflochtene Geschichte konstruiert? Denn es scheinen vor allem Mechanismen der Zuschreibung, denen der Katalog folgt. Das Phänomen der Wallfahrt wird im Zuge dessen plötzlich zur „Selbstfindung des Individuums“ auf einer „Suche nach der Gemeinschaft“ (S.127). Bedeutungen werden geschaffen und durch die An- und Zuordnung innerhalb des Begleitmediums miteinander in Verbindung gebracht. Die materielle Kultur einzelner communities wird so letztlich zur materiellen Kultur eines Europa.

Doch lässt sich überhaupt von nur einem Narrativ sprechen, obgleich die Begleittexte von unterschiedlichen Autor_Innen verfasst wurden? Ist es doch kein „geleitetes Lesen“, wie zunächst vermutet, sondern behält die Publikation einen heterogenen Charakter bei, der interpretativen Spielraum lässt?

„Europa entdecken konnten früher nur wenige Menschen“ (S.82). Das Museum Europäischer Kulturen steht heute jedem offen. Der institutionsverhaftete Bildungsauftrag verspricht, so bspw. auch die Ausstellungseinleitung aus dem Jahre 2008, Fragen zu beantworten auf die die Besucher_Innen selbst vielleicht nie gekommen wären. Neben das Problem der Identität tritt ferner auch das Interesse der Institution, einen 128 Seiten langen Einblick in die eigene Sammlungs- und Forschungsarbeit zu ermöglichen.

Europa entdecken! Discover Europe! hinterlässt den Eindruck eines politisch motivierten Projektes, das anhand einzelner Sinnabschnitte ein vielfältiges und kulturell wertvolles Europa konstruieren will. Der Ausstellungskatalog hat die temporäre Ausstellung überdauert und untermauert nun diese Repräsentation Europas: Ein Kupferkessel, ein Hexenhut für Halloween, eine Schamanentrommel und ein Teller mit Lady Diana vorne drauf. Die Auswahl, so skurril und bemerkenswert sie sich gibt, irritiert. Sie ist der Spiegel, der die eigene Auseinandersetzung mit der Wahrnehmung Europas provoziert. Und hierin liegt vielleicht der Mehrwert, etwa sich die Frage nach dem persönlichen Bild Europas zu stellen.

 

 

 

[1] Die Ausstellung Europa entdecken! Discover Europe! des Museums Europäischer Kulturen war zu sehen vom 18. April bis 31. August 2008. Die folgende Darstellung basiert nicht auf einem Ausstellungsbesuch sondern der erschienenen Begleitpublikation. Vgl. Tietmeyer, Elisabeth; Ziehe, Irene (Hg.) (2008): Europa entdecken! Ausstellung, 18. April – 31. August 2008, Museum Europäischer Kulturen, SMB – Staatliche Museen zu Berlin = Discover Europe! : exhibition, April 18 – August 31, 2008. Berlin: Museum Europäischer Kulturen, Staatliche Museen zu Berlin (Schriften der Freunde des Museums Europäischer Kulturen = Publications by the Friends of the Museum of European Cultures, 7), ISBN 10:388609619X.

 


Ausstellungskatalog Europa entdecken! Discover Europe!

Herausgegeben vom Museum Europäischer Kulturen Berlin

http://www.smb.museum/museen-und-einrichtungen/museum-europaeischer-kulturen/home.html
https://www.smb-webshop.de/museen-und-sammlungen/orte/museen-dahlem/1949/europa-entdecken