Der Thron eines Kaisers ist ein Symbol der Macht. Daran scheinen weder Raum noch Zeit etwas zu ändern. Mit dem Durchschreiten des Durchgangs zum dritten Ausstellungsraum der Ausstellung Schnittmengen. Zeitgenössische Kunst und die Überlieferung im Museum für Asiatische Kunst in Dahlem-Dorf Berlin wird ein Thronsaal betreten. Auf einem Podest, dem Eingang gegenüber, bildet das Ensemble aus historischem Thron und dreiteiligem Paravent durch seine Schönheit und Größe einen auffälligen Blickfang, aber vor allem durch sein schillerndes Farbenspiel, das aus der Einarbeitung von Gold- und Silberfolie und Perlmutt in aufwendige Landschaftsmalereien auf dem Palisadenholz des Mobiliars resultiert. Links an der Wand hinter dem Thron prangt in grauen Buchstaben der Name Aiko Tezuka. Ein alter Kaiser? Nein, dieser Name hat nichts mit dem Thron zu tun.

In dem rechteckigen Raum sind noch weitere Objektarrangements zu finden, wobei man nicht weiß, ob man zuerst nach rechts oder nach links blicken soll, denn sie wirken nicht so, als seien sie nach einer bestimmten Ordnung sortiert. Zur Linken dominiert ein weißer, leicht durchsichtiger Vorhang im Ausmaß von circa fünf Schritt Länge und sieben Schritt Höhe. Mit neonpinken Fäden sind Motive auf den Vorhang gestickt, welche an die Exponate traditioneller asiatischer Stickereien erinnern, die direkt gegenüber der Installation an der Wand angebracht sind. Allein das Material des Vorhangs und seine Motive markieren die Arbeit als modernes Kunstwerk. Ein Fisch, Blumen, Häkelmuster, Hände bei einem Fadenspiel, Landschaften und Szenerien, Damen eines europäischen Hofes, wie man an ihrer Kleidung erkennt und die überraschende Auftrennung des Damenmotivs, indem teilweise nur die Kleidung der Damen eines scheinbar unvollständigen Bildchens aufgestickt wurde. Das Thema Fäden und Fadenverwandlungen und Verwebungen geht auf der anderen Seite des Vorhangs weiter. Thin Membrane nennt die Künstlerin Aiko Tezuka das von ihr geschaffene Gebilde. Auf der anderen Seite dieser Membran legt Tezuka „verborgene Strukturen offen“, wie sie sagt. Und wirklich, die „Rückseite“ des transparenten Textilobjekts offenbart ein undurchdringliches Fadengewirr, das auf der anderen Seite der Membran die Muster entstehen lässt. Hunderte rosa Fäden tauchen aus diesem Gewirr auf und sind in feinster Ordnung an einem Punkt an der Decke zusammengefasst, von dem sie in geradem Fall in einer einzigen rosa Fadenlache am Boden enden. Alle Fäden der Muster laufen hier wieder in ihrem gemeinsamen Ursprung zusammen. Alle Strukturen sind wandelbar, können aufgelöst und zu Neuem geformt werden.

Diese Durchlässigkeit und Rückbesinnung auf das Ursprüngliche und den Entstehungsprozess der musealen Installation löst das Textilobjekt von seiner Gebundenheit an die Museumswand, lässt sie frei im Raum schweben und sorgt für einen offenen Raumeindruck. Damit steht die Installation stark im Kontrast zu den traditionellen, konventionell an der Wand gegenüber haftenden Stickereien des zwölften und dreizehnten Jahrhunderts.

Zur Linken des Raumes befinden sich drei weitere Objekte. Zum einen ein Ensemble aus historischer, bemalter Vase und einer weiteren transparenten, unfertigen Stickerei Tezukas, die eben jene Vase abbildet und aus welcher die übrigen Fäden wieder bis auf den Boden hängen. Zum anderen ein scheinbar historischer Teppich mit blauen und rosa Vögeln darauf, der in der Mitte in seine Fäden aufgetrennt ist, die sich in ihrer Masse als Bündel bis zum Boden hin ergießen. Auf den ersten Blick wirkt die Stickerei des Teppichs eher gewöhnlich, doch bei genauerem Hinsehen erkennt man hinter den Vögeln und blauen Blumen moderne Symbole auf grünem Hintergrund. Es sind die globalen, nicht mehr kulturspezifischen Symbole unserer Zeit, die mit den traditionellen Mitteln vergangener Zeit dargestellt werden, wie zum Beispiel die Symbole für VISA, @, PC-Ausschalten, BIO, Peace, Grüner Punkt, Atomkraft, EU und viele mehr. Mit dem Teppich werden wortwörtlich Schnittmengen von Altem und Neuem und damit auch ein direkter Bezug zum Titel der Ausstellung hergestellt, denn im mathematischen Sinne ist die Schnittmenge bekanntlich eine Menge, bestehend aus den gemeinsamen Elementen mehrer Mengen.

Tezukas Fäden werden zu Fäden der Zeit, die sich mit ihren Motiven im Raum-Zeit-Gefüge Rückwärts, Nebeneinander, Übereinander und Hintereinander bewegen. Vergangenes und Gegenwärtiges aus unterschiedlichen Welten miteinander zu verweben und den Stoff unserer Zeit in ihren eigenen Stoff hineinzuweben, mit einem Gespür von Zeitlosigkeit ebenso wie von Zeitlichkeit war nach eigener Auskunft Tezukas Ziel. Damit enthülle sie nicht nur Zusammenhänge und mache den ewigen Prozess der Wandlung fassbar, sondern verneige sich auch vor der Kreativität und den Fertigkeiten vergangener Generationen, heißt es im Informationstext. Für den Laien wirken die Auftrennungen einfach nur wunderschön, der Kenner weiß um die Neu- bzw. Wiederentdeckung von Nähereien und Stickereien als Codierungs- und Ausdrucksweise in der japanischen Kunstszene.

Schließlich befindet sich rechts neben dem Eingang das sogenannte Teehaus des Konzeptkünstlers Ai Weiwei auf runder, grüner Rasenfläche, das groß wie eine Hundehütte ist und aus Kuben und Prismen gepressten Pu’er-Tees besteht, der im ganzen Raum seinen betörenden Duft verströmt.

Unter dem Titel Schnittmengen. Zeitgenössische Kunst und die Überlieferung ordnen sich Tezukas Textilobjekte neben der Kunst von acht anderen Künstlern, wie der Sven Drühls oder Naoko Matsubaras, in die Dauerausstellung des Museums für Asiatische Kunst ein und lassen bekannte Objekte in neuem Licht erscheinen. Doch gelingt die Interaktion von Tezukas moderner Kunst mit den Kunstwerken der ostasiatischen Kunstsammlung nur teilweise. Zwar wird die triste, überholte Vitrinenstruktur der Dauerausstellung mit den offenen Installationen erfrischend durchbrochen, doch mit dieser Offenheit wird auch ein näherer Zusammenhang der Objekte in ihrem Ensemble suggeriert. Diese Erwartung wird kaum erfüllt. Ein kaiserlicher Thron, Ai Weiweis Teehaus und Tezukas dekonstruktive Stickereien wirken willkürlich, dem Platzmangel und der Architektur des Raumes geschuldet, angeordnet. Tezuka spinnt unzählige Fäden, doch die Objekte wirken, das Gesamtensemble betreffend, zum Teil zusammenhangslos. Was hier fehlt ist ein roter Faden der das Ensemble der Objekte im Raum noch näher in Bezug zueinander setzt.

2017 soll das Museum für Asiatische Kunst ins Humboldtforum umziehen. Die Ausstellung bildet dabei einen passenden Abschluss. Tezukas Fäden verweben nicht nur Vergangenheit und Gegenwart miteinander, sondern bieten auch mit neuen musealen Ausdrucksformen und der Interaktion von Altem und Neuem Anregungen für die Berliner Museumslandschaft der Zukunft.

 


Schnittmengen. Zeitgenössische Kunst und die Überlieferung: Aiko Tezuka
3. Juni 2016 – 8. Januar 2017

Museum für Asiatische Kunst
Staatliche Museen zu Berlin
Museen Dahlem
Lansstraße 8
14195 Berlin
www.smb.museum.de