Sanft streicht seine Hand die ihre. In geschmeidigen Bewegungen umspielen sich ihre Finger einige Momente. Er, zur vollen Körperlänge ausgestreckt, die gewundene Treppe halb erklommen, sie, oben kauernd, gleichgültig nach unten schauend. Sie berühren sich mit sachter Gleichgültigkeit und werden ebenso sachte getrennt. Ein Dritter kommt herbei, nimmt den sich Streckenden auf die Schulter, trägt ihn einige Schritte, um ihn behutsam abzulegen. Regungslos gibt er sich dem hin, um daraufhin abermals langsam und umsichtig seinem Bestreben nachzugehen. Alldem wohnt keine Dramatik inne, keine Steigung der Motivation angesichts eines nahenden Ziels, keine sich ausdifferenzierenden Muster, die immer schneller von der Hand gehen. Unbefriedigend und zugleich harmonisch zufriedenstellend, mühsam und zugleich voller Leichtigkeit inszeniert die monumentale Performance-Ausstellung Anne Imhof eine Reflexion über das Leben in einer beschleunigten Welt.

Kleine Inseln der Ordnung entstehen über den gesamten Raum der großen Halle des Hamburger Bahnhofs verteilt, präsentieren den zufällig Nahestehenden ein kleines Muster, das durch Redundanz schnell erkannt ist und verschwinden ebenso grundlos, wie sie erschienen sind. Keine äußere Instanz drängt die PerformerInnen dazu, sich verschiedene Körperstellen gegenseitig oder selbst mit großer Umsicht zu rasieren, kein Grund besteht dafür, Teile der Wand zu besetzen, um in eine monotones Summen zu verfallen oder Kerne vom erhöhten Standpunkt der ziellosen Wendeltreppen zu spucken. Diese willkürlichen Erscheinungen entstehen ganz aus sich heraus. Die fehlende Perspektive, die radikale Abwesenheit einer einheitlichen Handlung spiegelt sich in den Bewegungen der Zuschauerinnen. Im – vom künstlichen Nebel in eine dichte Atmosphäre verwandelten – Raum verwirren sich die Wege, um zufällig auf ein Ereignis zu treffen, dort zu verweilen, um abermals umherzuirren. Zuverlässiger als der visuelle ist in dieser Situation der auditive Sinn. Dessen ständige räumliche Wahrnehmung vermag es, momentane Ansammlungen intuitiv zu erspühren und wird dabei gestützt von Geräuschen und Klängen, die durch Boxen die Performances klanglich lokalisieren und umrahmen.

In einer Welt, die angesichts immer stabilerer Strukturen und damit immer komplexeren Systemen dem einzelnen Beobachter als pures, sinnloses Rauschen, als Nebel entgegentritt, ist Angst das Gefühl, stets den falschen Ort gewählt zu haben. Dinge geschehen gleichzeitig, und das Wissen um diese Gleichzeitigkeit lässt Unzufriedenheit mit jedem beobachteten Schauspiel entstehen. Unzufriedenheit angesichts des Wissens, einer anderen Performance nicht gleichzeitig beiwohnen zu können. Fear of missing out („FOMO“) ist die charakteristische Angst der Beobachter, die ohne Orientierung beobachten müssen und nicht wissen, was sie beobachten. Stets geschieht „etwas“ – bloß nichts verpassen. Dabei sind die Performances, die beobachtet werden, Abbilder der Kontingenz des Lebens, willkürliche Erscheinungen, die eine kleine Ordnung organisieren, sich kurze Zeit aufrecht erhalten um dann in sich zusammenzufallen und verschwinden. Verstärker, Matratzen, Hashpfeifen, Bongs und Waage, Paletten von Coladosen, wild beschmierte Wände – Die Verwirrung spiegelt sich wieder in zwei zu beiden Seiten der Halle modellierten Lebenswelten durchschnittlicher Millenials. Dem lärmenden Chaos lässt sich in letzter Konsequenz nur entgegenschreien – eine eindrucksvolle Einlage der der Preisträgerin der Nationalgalerie für junge Kunst

Plötzlich aber entsteht ein Spektakel, das für einige Zeit alles auf einen Punkt hin zentriert. Die Klangkulisse schwillt auf ein ohrenbetäubendes Tosen an, die PerformerInnen positionieren sich wie Statuen zu beiden Seiten des breiten Treppenaufgangs der Halle, in deren Mitte auf etwa vier Meter Höhe ein Drahtseil gespannt wurde. Dort schreitet eine Balancekünstlerin das Seil entlang. Jeden Impuls, der sie zur Seite, zum Absturz drängt, weiß sie mit einem entsprechenden Impuls zu kontern. In der Balance steckt das Geheimnis der durchgehaltenen Ordnung, der bleibenden Organisation. Inmitten der Ungewissheit ist es die Kunst der Balance, die ein Muster erhalten kann, die Orientierung schafft. Die Balancierende geht mit ihrer Kunst scheinbar mühelos über das Chaos hinweg, sie steht über der Ungewissheit, die der stete Verfall des Sinns immer wieder herstellt, indem sie die Differenzen/Widersprüche des Daseins so abzuwägen versteht, dass eine Organisation sich durchhalten kann. Einen solchen Idealzustand erkannte Friedrich von Schiller als die doppelte Aufhebung der Triebe von Geist und Materie im freien Spiel, das den Menschen ihre verlorene Einheit zurückzugeben vermag. Angesichts steigender Ungewissheit, Perspektivlosigkeit, Komplexität und Überforderung ist diese Utopie einer Lebenskunst heute so aktuell wie in den Zeiten der französischen Revolution.