In den dunklen Betonraum hinein fragt eine Stimme: „Sur quel film ce paysage est-il décor?“ – „In welchem Film ist diese Landschaft die Kulisse?“. Die Stadtlandschaft, in die hinein diese Frage gestellt wird, ähnelt einem verlassenen Parkraum im Erdgeschoss eines unspektakulären Neubaus. Glatte Wände, von Säulen durchbrochene Räume mit Rohren und Leitungen an den Decken. Dieser Ort ist die Kulisse für insgesamt sechs Projektionsflächen, Wände, an die mit Beamern unterschiedlich großflächige Projektionen eines Films geworfen werden. So richtet sich die Eingangsfrage nach der ersten Orientierung nicht nur an den Ort der Ausstellung, sondern auch ihren zentralen Gegenstand: den Film deux mille quinze von Mark Geffriaud.

Tatsächlich zeigt der Film gerade typische Landschaftsaufnahmen: Wüstenansichten, entfernte Horizonte, Berge. Währenddessen dreht sich in der zweiten Projektion im Eingangsbereich, die um einige Frames zeitversetzt zur ersten abläuft, die Kamera in langsamer Kreisfahrt um die Linsenapparatur eines Teleskops und verzeichnet das komplizierte technische System. In den angrenzenden Projektionsnischen trifft man ebenso zeitversetzt auf andere Szenen des immer gleichen Films: Nahaufnahmen einer Hand, die mit Kugelschreiber eine Sternkarte skizziert, Kamerafahrten durch Baumlandschaften, eine Forschungsstation, in der ein Wissenschaftler mit optische Instrumenten hantiert, den Blick aus einem Fenster auf den Sonnenuntergang am Horizont und Close-ups von massiven Felssteinen.

Hinter dieser essayistisch anmutenden Montage verschiedener Szenerien verbirgt sich ein kompliziertes System aus sich ineinander spiegelnden und auseinanderbrechenden Ort- und Zeitstrukturen. Sie sind Ergebnis einer Reise mit der Kamera, die Mark Geffriaud nach Südamerika geführt hat, um das vertrakte Wesen geschichtlicher Zeiten zu erforschen.

Dort entstanden die Bilder der piedras cansadas (müde Steine) genannten Blöcke aus Vulkangestein, die am Ufer des Titikaka Sees gefunden wurden. Es wird vermutet, dass sie vor mehr als tausend Jahren vom Khapia-Vulkan in die bolivische Stadt Tiwanuku gebracht werden sollten, ihr Ziel jedoch nie erreicht haben. Das Gebäude, für das die Steine bestimmt hätten sein können, wird nun in den Köpfen der Archäologen entworfen und nimmt auf Grundlage verschiedenster Theorien immer andere Formen an, denn piedras cansadas haben den Transitraum nie verlassen und warten weiterhin auf eine Zukunft, die sich nie ereignen wird.

Demgegenüber steht die andere Szenerie, die sich auf dem Cerro Armazones, einem Berg in der Atamaca Wüste im Norden Chiles ereignet. Es handelt sich um die Bauarbeiten am größten Teleskop der Welt, dem E-ELT (European Extremely Large Telescope). In dem Bau des Teleskops drückt sich die Hoffnung der Wissenschaft aus, neue Erkenntnisse über die Evolution der Planeten in ihrem frühesten Stadium zu gewinnen. Durch die Linsen des Teleskops soll der Blick in die weiteste Entfernung im Raum Einsichten in die weiteste zeitliche Entfernung eröffnen. Diese optische Perspektive, die Relation von Zukunft und Vergangenheit zu denken, stellt für Geffriaud nun die Verbindung zur dritten Partei des Zeitkomplexes in deux mille quinze her: dem Volk der Aymara, das in den Anden zwischen Chile, Bolivien und Peru und damit geographisch zwischen E-ELT und piedras cansadas angesiedelt ist. Deren Zeitverständnis verhält sich diametral zum herkömmlichen. Aus ihrer Perspektive betrachtet, liegt die Vergangenheit nicht hinter der Gegenwart, sondern vor ihr, weil alles, was sich bereits ereignet hat, vor den Augen des Subjekts liegt und betrachtet und eingesehen werden kann. Dementsprechend umgekehrt verhält es sich mit der Zukunft. Da sie nicht einsehbar ist, liegt sie für die Aymara im Rücken des Subjekts und somit auch zeitlich hinter ihm.

Die Verbindung dieser drei Komponenten, anhand derer sich Geffriauds filmische Untersuchung vollzieht, hätte in der Ausstellung deutlicher akzentuiert werden müssen. Dies wird vor allem im Fall der Aymara deutlich. Zwar werden sie in der Broschüre erwähnt und passen inhaltlich ohne Frage ins inhaltliche Ensemble der Ausstellung und ihrer Hypothese. Jedoch fehlen die eigentlichen Bilder oder Exponate im Raum, so dass das Zeitverständnis der Aymara zur eigentlichen Ausstellung leider nicht mehr als eine Fußnote beiträgt.

Denn den eigentlichen Rahmen der Ausstellung bietet Geffriauds filmische Beobachtung über das kulturelle Zustandekommen von Raum- und Zeitkategorien und über deren innere Widersprüche. Sie thematisiert die folgenreiche Verschränkung zwischen anthropologischen Metakategorien der geschichtlichen Zeit, die sich mit Reinhard Koselleck als Erwartung und Erfahrung identifizieren lassen.[1] Für Koselleck wie für Geffriaud liegt die Schnittstelle dieser beiden Formalbestimmungen im Moment der Vergegenwärtigung und ihrer Aktualisierung. Während sich Erfahrung als vergegenwärtigte Vergangenheit ausdrückt, äußert sich die Erwartung als vergegenwärtigte Zukunft. Für die Ausstellung vergegenwärtigt Geffriaud mit seiner Kamera einen verschollenen historischen Erfahrungsraum, für den die piedras cansadas als einzig verbliebende Zeugen einstehen. Ebenso markiert er den Erwartungshorizont der modernen Wissenschaft, der sich mit dem Bau des E-ELT aufspannt. Wie sein essayistischer Film und die fragmentierte Präsentation im Ausstellungsraum unterstreichen, lässt sich die Verschränkung von Erfahrungsraum und Erwartungshorizont in der Gegenwart jedoch keineswegs als symmetrische Ergänzung oder produktive Synchronisierung begreifen, sondern ist im Gegenteil als Bruch- oder Schnittstelle ausgewiesen. Erfahrung und Erwartung lassen sich nicht aufeinander abbilden. Vielmehr bildet ihre Differenz einen neuen Raum im Heute.[2] Dieser neue Raum wird durch die einander verwandten Medien des Films und der Ausstellung als permanente Schnittstelle begehbar gemacht. Durch das räumliche Nebeneinander der Filmprojektionen, die im Parcours der BesucherInnen zusammenmontiert werden, kommt es zu Wiederholungen und Auslassungen. BesucherInnen dieser Ausstellung scheinen sich in einer Art Schneideraum zu befinden, in dem die Montage der Sequenzen Filmes in ihrer zeitlichen und räumlichen Kohärenz zur Disposition gestellt werden und zusätzlich mit den Eigenzeitlichkeiten der anderen Exponate kombiniert werden. Die Ausstellung belässt es also nicht bei der Fragmentierung und Asynchronisierung des Films, um das komplexe Wesen der Zeit zu thematisieren. Die Dauer der filmischen Projektionen wird in der Ausstellung um die Umlaufzeit rotierender Verschlussleisten, die an Uhrenzeiger erinnern und an den Beamern angebracht sind, ergänzt. Es braucht eine halbe Stunde, bis die Leiste sich über die Linse senkt und das Bild wie bei einem Sonnenuntergang verdunkelt, um es daraufhin wieder aufgehen zu lassen.

Fast übersieht man auch die geschlossenen Gefäße, die sich in einigen Ecken der Ausstellung befinden und den durchsichtigen Schlauch, der entlang der Wände der Ausstellung verläuft. Der Schlauch endet in einer kleinen Braumaschine aus Edelstahl, in der tatsächlich ein Bier hergestellt wird. Und wie sich aus der Broschüre zur Ausstellung entnehmen lässt, sind die unscheinbaren Gefäße mit Gemüse gefüllt, dass nach einer alten Rezeptur konserviert wird. Zur Finissage der 80 Tage dauernden Ausstellung sollen Bier und Gemüse serviert werden. Zusätzlich stellen diese 80 Tage, einen Verweis auf Jules Vernes Abenteuerroman dar und bilden, wenn sie in die Länge von 16 mm Film übersetzt werden, eine Strecke von 1250 km – die Entfernung der piedras cansadas zur E-ELT-Baustelle.

Mark Geffriaud lässt die Grenzen zwischen Film und Ausstellung, zwischen Wissenschaftsgeschichte und Kunst, zwischen Intellekt und Spektakel verschwimmen, im dem er sie in vielen kleinen Elementen und Hinweisen zum Teil des anspruchsvollen Projekts werden lässt. Doch vor allem spielt er auf höchst elegante Weise mit verschiedenen kulturellen Eigenzeitlichkeiten, die im Parcours durch die Ausstellung aktualisiert werden und ein Gefühl für das brüchige Wesen der Zeit vermitteln. Um sich auf all diese akribischen und zum Teil absonderlichen Details einzulassen, braucht es vor allem eines – Zeit.

[1] Vgl. Reinhard Koselleck, „ ,Erfahrungsraum’ und ,Erwartungshorizont’ – zwei historische Kategorien“, in: ders., Vergangene Zukunft. Zur Semantik geschichtlicher Zeiten, Frankfurt a.M.: Suhrkamp, 2000, S. 353.

[2] Vgl., ebd., S. 359.