Verlässt man auf dem Weg zum im Jahr 2007 nach einer langen Planungs- und Diskussionsphase eröffneten Musée de l’histoire de l’immigration die Metrostation Porte Dorée im Südosten von Paris, wird man sogleich mit Geschichte konfrontiert: Als Erstes stößt man auf ein imposantes Denkmal für die Veteranen des Indochinakrieges. Ein paar Meter weiter, am Park Bois de Vincennes, zeigt ein Relief den Kommandanten einer französischen Expedition zum weißen Nil im Jahr 1898, wie er mit aufgesetztem Tropenhelm einer Gruppe afrikanischer Träger vorangeht.

Dieses koloniale Setting setzt sich auch am eigentlichen Ziel fort: Das Immigrationsmuseum befindet sich nämlich im Palais de la Porte Dorée, das 1931 im Rahmen der Pariser Kolonialausstellung, die die Kolonialreiche Frankreichs und seiner Verbündeten verherrlichte, eröffnet wurde. Die Außenmauern des imposanten Gebäudes sind ein einziges Relief, das das koloniale Weltbild der damaligen Zeit eindrucksvoll wiedergibt: In der Mitte thront die Mutter Frankreich, welcher aus der ganzen Welt Reichtümer zufließen, die von zahlreichen den damaligen Rassenklischees entsprechenden Figuren unermüdlich produziert werden. Anfangs beherbergte das Gebäude ein „Kolonialmuseum“, das 1935 in „Museum des überseeischen Frankreichs“ und nach dem Ende der Kolonialzeit in „Museum der afrikanischen und ozeanischen Kunst“ umbenannt wurde.

Abbildung 1: Das Palais de la Porte Dorée, der Sitz des Museums; Nahaufnahme vom Relief über der Eingangstür. Quellen: http://pro.visitparisregion.com; http://www.palais-portedoree.fr.

Abbildung 1: Das Palais de la Porte Dorée, der Sitz des Museums; Nahaufnahme vom Relief über der Eingangstür. Quellen: http://pro.visitparisregion.com; http://www.palais-portedoree.fr.

Diese Geschichte wird im Außenbereich des Museums auf kleinen Tafeln erzählt. Unklar bleibt jedoch, warum gerade dieses Gebäude als Ort für ein Immigrationsmuseum gewählt wurde. Sind Kolonialismus und Immigration, obgleich in der französischen Geschichte miteinander verflochten, nicht zwei unterschiedliche Phänomene? Soll etwa eine zunehmend als beschämend empfundene koloniale Vergangenheit in der nationalen Erinnerung durch eine Erfolgsgeschichte der Einwanderung ersetzt werden? Was bedeutet es für Nachfahren von Immigrant_innen aus den ehemaligen Kolonien, wenn sie einen Ort, der ihrer Geschichte gewidmet ist, durch ein Portal betreten, auf dem klischeehaft dargestellte Afrikaner_innen und Asiat_innen Arbeit für das weiße Mutterland leisten?

Die von der Kuratorin Hélène Lafont-Couturier konzipierte Dauerausstellung mit dem Titel Repères (etwa: „Orientierung“, „Bezugsrahmen“) beginnt mit einem zeitstrahlartigen Überblick über Einwanderung nach Frankreich, angefangen mit der französischen Revolution, die durch die Trennung zwischen „gleichen“ Staatsbürgern und Ausländern eine wichtige Rahmenbedingung für moderne Migration schuf. Nach diesem eher konventionellen Einstieg folgt die Ausstellung jedoch keiner chronologischen Ordnung mehr und begreift sich auch nicht als genuin historische Ausstellung. Vielmehr wird Immigration als ein stets aktuelles, geradezu überhistorisches Thema präsentiert: Besides all their differences, all those who have settled in France since the 19th century have usually been through the same decisive experiences and have formed the same hopes and dreams.

Im Zuge dieses nicht chronologischen Ansatzes nehmen sich die Ausstellungsmacher_innen die Freiheit, neben Texttafeln und historischen Objekten auch aktuelle Kunstwerke mit politischen Aussagen zu präsentieren: Im ersten von zwei weitläufigen Ausstellungsräumen etwa beängstigend authentisch wirkende Plakate der iranischen Künstlerin Ghazel, auf denen eine illegale Einwandererin nach einem Ehemann „mit Papieren“ sucht. In der Mitte des Raumes werden in mehreren Vitrinen historische Objekte präsentiert, die jeweils für ein individuelles Migrationsschicksal stehen. Diese recht ‚konventionellen‘ und nur knapp beschrieben Objekte – etwa ein Reisekoffer – wirken jedoch auf mich eher wie Illustrationen der allgemeinen Tatsache, dass Migration Lebensverläufe prägen kann, denn als ‚Schlüssel‘ zu den individuellen Geschichten selbst.

Im zweiten Raum hat die Ausstellung einen strukturierteren Charakter, allerdings auch hier nicht chronologisch, sondern thematisch geordnet nach gesellschaftlichen Bereichen, für die Einwanderung eine Rolle spielt: Arbeit, Kultur, Politik, Sport usw. Die Darstellungsweise betont abermals nachdrücklich den überzeitlichen Charakter von Immigration: Einwanderer, ganz gleich ob Polen im 19. Jahrhundert, osteuropäische Juden um 1900 oder Afrikaner in den letzten 50 Jahren, haben stets einen Beitrag zur Wirtschaft geleistet, ihre Kultur mitgebracht und mit der ihrer neuen Heimat vermischt, Sportvereine gegründet usw.

Dabei wirkt es, als wolle sich die Ausstellung zu aktuellen Debatten positionieren und jenen Französ_innen, die sich vor Immigration bzw. Immigrant_innen fürchten, klarmachen, dass diese Furcht unbegründet und Immigration von jeher Teil der französischen Geschichte gewesen sei. Zugleich mag die Botschaft, dass die Integration bisher letztlich immer funktioniert habe, auch beschwichtigend an die Kritiker von Diskriminierung und Rassismus gerichtet sein. Als „expositorischer Akteur“ (Mieke Bal) kristallisiert sich somit die staatstragende französische Mittelschicht heraus, die sich den Werten der französischen Revolution ebenso wie der Einheit und Kontinuität von Nation, Nationalgeschichte und Staat verpflichtet sieht und diese Güter gegen Kritik von rechts wie links in Schutz nimmt.

Die Ausstellung schließt mit einer abermals sehr eindrucksvollen Kunstinstallation: La machine à rêve („Die Traummaschine“) des französischen Künstlers Kader Attia. Die lebensgroße Figur einer jungen Frau, durch Hautfarbe und Kopftuch als Migrantin oder Tochter von Migrant_innen erkennbar und modisch gekleidet, steht versonnen vor einem Automaten, der sie zwischen diversen Produkten auswählen lässt, die ihren Hintergrund und zugleich ihre möglichen Lebensentscheidungen symbolisieren: etwa ein Ratgeberbuch „Wie werde ich meinen Banlieue-Akzent los?“, halal-Kondome oder ein US-amerikanischer Pass. Meiner Beobachtung nach zog kein anderes Ausstellungsstück so viel Aufmerksamkeit auf sich – insbesondere junge Besucherinnen betrachteten es interessiert und fotografierten sich damit.

Abbildung 2: "La machine à rêve" von Kader Attia, 2003, im Musée national de l'histoire de l'immigration. Quelle: Eigene Aufnahmen.

Abbildung 2: „La machine à rêve“ von Kader Attia, 2003, im Musée national de l’histoire de l’immigration. Quelle: Eigene Aufnahmen.

Meines Erachtens symbolisiert die Installation einen Wechsel der Erzählweise, der wiederum eine Kritik an der gesamten Ausstellung nahelegt. Anders als die oben erwähnten historischen Objekte befindet sich die Figur der jungen Frau nicht hinter Glas, sondern steht direkt im Raum, sodass sie auf den ersten Blick für eine Besucherin gehalten wird. Hier wird das Thema Migration nicht aus der Distanz ‚abgehandelt‘, sondern es wird seine Nähe und Aktualität deutlich. Im Vordergrund steht nicht Vergangenes, sondern eine offene Zukunft: Wofür wird die junge Frau sich entscheiden? Werden Migrant_innen in der Ausstellung sonst stets als eingebunden in historische Prozesse dargestellt, gewinnen sie hier an agency. Damit verbindet sich auch ein Wechsel des Adressaten: Angesprochen wird nun nicht mehr vorrangig die französische Mehrheitsgesellschaft, sondern auch junge Migrant_innen selbst. Anders als die hier allzu stark im Gesamtnarrativ verankerten historischen Ausstellungsobjekte ermöglichen es La machine à rêve und die anderen gezeigten Kunstobjekte, aus dem offiziellen Narrativ herauszutreten. Sie erzählen uns zwar nichts über die Geschichte der Immigration nach Frankreich, regen aber zum Nachdenken an über ihre aktuelle und konkrete menschliche Bedeutung.