Die Rohrleitungen gurgeln, dumpfer Bass schallt durch die Kopfhörer, Kälte tritt entgegen. Im Keller der Alten Münze in Berlin hat sich seit einigen Wochen ein besonderer Ausstellungsraum gegründet, der das Wabern des Kapitals aufzeigt und somit eine Sprache für das findet, was oft unsichtbar gegenwärtige Lebenswege bestimmt. Eine Bewegung zwischen Herausforderung und Selbstzerstörung.

Im Treppenhaus der Alten Münze werden die Kopfhörer aufgesetzt. Es gibt keine Wahltasten – die Entscheidungen sind programmiert. Durch die eigene Bewegung werden unbemerkt die Kapitel des begehbaren Hörspiels ausgelöst. Der damit einhergehende Kontrollverlust wird bereits auf den Treppen hinab in den Keller durch Fahrstuhlmusik initiiert, die ein Verwirrspiel mit Etagenziffern treibt.

Der zentrale Raum, von dem aus man sich durch die verwinkelten Gänge und Nischen unterirdisch fortbewegt, ist eigentlich leer. Nur einige weiße Monobloc-Stühle stehen dort, verfremdet durch Kufen, die vorgeben sie zu angenehmen Schaukelstühlen zu wandeln. Unmöglich aber die Vorstellung sich in diesem Moment niederzulassen, denn in den Ohren tönt eine sonore Männerstimme. Der sinnbildliche „kleine Mann im Ohr“ stellt Fragen, über die vielleicht schon einmal nachgedacht wurde, die aber niemals hörbar ausgesprochen oder direkt an einen adressiert wurden:

Halten Sie sich für attraktiv?
Wenn ja, warum?
Wie viel Zeit verbringen Sie am Tag damit, sich über Geldangelegenheiten zu ärgern?
Wie oft fühlen Sie sich von etwas verletzt?
Waren Sie schon einmal in therapeutischer Behandlung?
Sind Sie eine Führungskraft?
Haben Sie sich jemals lebendig oder ‚alive’ gefühlt?
Ist Ihre Arbeit es wert bezahlt zu werden?
Ist es Ihnen wichtig in einer Liebesbeziehung über politische Themen zu sprechen?

Hinsetzen würde bedeuten sich auszusetzen. Durch den fehlenden Dialog, also keiner Möglichkeit zur Antwort, zur Diskussion oder Rechtfertigung, schwirren die Fragen umso stärker und bleiben haften.

Es gibt große Räume und kleine Nischen. Eine davon zeigt hinter Plexiglas einen Lichtkegel und im Ohr erklingt die Zerrissenheit von einem, der sich entscheiden muss; von einem, der etwas nicht tun will; von einem, der zögert?

I can not. Ich kann nicht. I can not.

Assoziationen geraten ins Taumeln. Ein paar Meter weiter steckt man seinen Kopf in einen kühlen Raum, visiert eine Kamerafahrt über Tiefkühltruhen an und riecht beinah die gefrorenen Tiefkühlpizzen, die Massen an Konsum, dessen Lebensdauer künstlich bestimmt wird.

An einer Wand versammeln sich Zettel mit Aufgaben und Erledigungen, Wünschen und Ratschlägen. Es muss die Familie bedacht werden; die Steuererklärung wird vor sich hingeschoben, aber nur weil man nicht weiß, wie sie gemacht wird; eine Regelmäßigkeit im Alltag muss hergestellt werden, sie existiert nicht einfach so; Verhütung muss organisiert werden; Schlaf und Gefühlsbestrebungen müssen kontrolliert und angemessen sein. Aber woran messen sich die VerfasserInnen? Woran messen wir uns? Die Regeln und Regulierungen des eigenen Selbst im Kapitalismus greifen auf den privaten Raum ein und ordnen sich an einem Maß, das sich als „normales“ Sein definiert. So wird die inflationär gebrauchte „to-do Liste“ oder auch die „deadline“ zu Instrumenten der eigenen Selbstbeschleunigung und als lesbarer Misserfolg zum Druckmittel. Die Masse der Listen ist dafür ein geeignetes Bild, das die zerstörerische Gestalt der Aufteilung des Alltagslebens demaskiert.

Andere Räume stellen allgemeine Aspekte von Konsumgütern oder medialer Werbung dar. Es gibt reale Werbefilme und nachgestellte Werbeszenarien, die oftmals Optimierung als Motor des Kapitalismus verdeutlichen. Der psychische Druck und die Ungleichheit, die dadurch zwischen Menschen entstehen, werden in Form einer Bewerbungssituation durchlebt.

Eine Frauenstimme, die in den Bann zieht, klingt mild, spricht genau und beruhigend über den Freien Markt, in dem man sich befindet. Die Freie Marktwirtschaft, sonst ein gedankliches Modell, wird hier zum begehbaren Raum. Gesäumt von Betonsäulen und einer Treppe, die vor einer Mauer endet, stehen vereinzelt Plastikzelte, in Form von Hütten. Sie sind beleuchtet und ihr grünes Schimmern setzt sich chemisch explosiv vom grauen Beton ab. Alles wird zur Ware im Freien Markt – auch der Mensch, sinniert die Stimme weiter. Diese körperlosen Stimmen verändern die Vorstellungskraft und reizen die Neugier. Ein Widerstand aus Plastikvorhängen muss vom Körper weggeschoben werden, um weiter ins Innere eines anderen Raumes zu gelangen. Modriger Geruch sticht in die Nase, dumpfe elektronische Musik, die hier jegliche Künstlichkeit verliert. Nebel schwirrt und verändert die Sehgewohnheit im flackernden Licht. Nach einer Weile macht die Orientierungslosigkeit mehr Freude als Angst, man kann sich in den Raumkapseln fallen lassen. Im Nebel taucht eine weitere Plastikbehausung auf, die jetzt vertraut vorkommt. Dort schützt man sich im nun Gewohnten und bekommt eine Geschichte zu hören. Mit einer Tierfabel wird Fremdheit verbildlicht – Fiktion und Realismus vermengen sich.

Ausstellen bedeutet immer auch Entscheidungen zu treffen. Spectre of Capital versucht sich darin Form und Inhalt des Ausstellungskonzepts zu enthierarchisieren. Als Mittel dazu dient der Audioguide. In größeren Kunsthallen wird er oft extern erstellt und muss daher häufiger als technisches Spielzeug herhalten, das nicht mit der kuratorischen Idee harmoniert. Das Kollektiv um den fiktiven Charakter Cherry Z. Guggenheim schafft es eine neue Form der Tonaufnahme zu entwickeln, die vom didaktischen Beiwerk zur eigentlichen Ausstellungssphäre wird. Wenn die Ausstellung inhaltlich daran anknüpft, wie Sinneswahrnehmungen im Kapitalismus verkümmern, wird deren Bedeutung durch die auditive Begleitung wieder hervorgebracht. Klang, Sprache, Seheindrücke, Gerüche und sogar Geschmack ergeben eine sensible Mehrstimmigkeit, die mit Jacques Rancière gedacht, eine politische Ästhetik formt, aus der eine neue „Landschaft des Sichtbaren“ resultieren kann. Die Raumatmosphäre wird erst durch diese subjektiven Eindrücke geformt und darf somit für alle BesucherInnen unterschiedlich gedeutet werden. Daraus resultiert ein Prozess der Subjektivierung, in dem es nicht mehr darum geht, dass das Subjekt durch die Gesellschaft hervorgebracht wird und diesem unmündigen Zustand verhaftet ist, sondern dass es eine Stimme finden muss, um sich zu artikulieren. Die direkte Adressierung an die BesucherInnen beansprucht die eigene Imagination. Es findet eine Aktivierung statt, die ein Nachdenken über das eigene Verhältnis zwischen Körper und Gesellschaft und somit zwischen Identifikation und Des-Identifikation anstoßen kann.

Inhaltlich bleiben auch einige Entscheidungen zu hinterfragen. Zum einen ist es schade, dass kein Versuch unternommen wird transnationale Aspekte des globalen Kapitalflusses zu verarbeiten oder Ideen aufgegriffen werden, die nach Potenzialen in Dynamiken des Zahlungsverkehrs fragen. Zum anderen entwickelt sich das Gefühl, dass die inhaltlichen Argumente aus sehr homogenen Blicken entstanden sind. Dadurch scheint der Zugang zu dieser Ausstellung dem Mikrokosmos einer bestimmten Gruppe leichter zu fallen als anderen. Die Wirkung kann außerhalb dieser dann auch problematische Gefühle entwickeln: etwa Überforderung oder Entmutigung.

Welche Spuren bleiben von der Ausstellung, die bereits am vergangenen Freitag, nach zwei Wochen, wieder ihre Türen geschlossen hat? Tatsächlich erinnern nicht nur die Raumtemperaturen an Harald Szeemann, der einmal seine kuratorische Vision eines Ausstellungsraumes als „Gefrierort der Prozesse“ beschrieb. Verbildlichte gefrorene Zeit suggeriert die Ausstellung auch dadurch, dass die Räume ein eigenes Zeitempfinden entwickeln. Es ergeben sich Momente des Aussetzens und der Hingabe. Diese Kombination erscheint als ein äußerst gelungener Vorschlag für neue Ausstellungsmethoden.

Derzeit werden in Berlin häufig in aufwändigen, teuren Podiumsdiskussionen redundante Fragen zu den Museen der Zukunft diskutiert (z.B. 2.5. Zukunft der Museen, Akademie der Künste Berlin; 11.-12.5.17 Rethinking Museums Politically, TU Berlin). Den InstitutionsdirektorInnen und PolitikerInnen sei empfohlen ihre wohlig warmen Hallen zu verlassen und sich umzuschauen: Neue Ideen für Ausstellungsräume der Zukunft entstehen an anderen Orten.

Geht man die Treppen des Kellers wieder hinauf, kann man sich durchaus zukünftige Gespenster eines nomadischen Cherry Z. Guggenheim Museums imaginieren, die Spectre of Capital in Bewegung gesetzt haben wird.

 

Zum Nachlesen:

Harald Szeemann, Zeitlos auf Zeit. Das Museum der Obsessionen. Regensburg 1994.

Jacques Rancière, Der emanzipierte Zuschauer. Wien 2009.