Musafiri: Von Reisenden und Gästen
Haus der Kulturen der Welt
Noa Enghardt
Musafir ist ein Wort, das sprachliche und kulturelle Grenzen überschreitet. In verschiedenen Ausführungen kommt das Wort in vielen Regionen der Welt vor und wird in einem ähnlichen Kontext verstanden – der Reisende, der Gast. In einigen Zusammenhängen steht dies auch für das Willkommensein. Nach diesem Konzept ist die Ausstellung Musafiri: Von Reisenden und Gästen des Haus der Kulturen der Welt benannt, das zudem im Sinne der Bedeutung des Wortes fungieren soll: Im Anblick gegenwärtiger und historischer Einstellungen und Politiken zur Migration will die Ausstellung eine andere Perspektive darbieten: Von Menschen, die ankommen, von Menschen, die reisen, ihre Heimat verlassen und Heimat suchen. Das Haus der Kulturen der Welt steht – wie auch der Name suggeriert – für das Zusammenleben, die Koexistenz und den Austausch zwischen verschiedenen Kulturen und menschlichen Geschichten. Es lässt sich also durchaus annehmen, das Ausstellungskonzept sei typisch für diese Einrichtung und repräsentiere ihre Werte und Themenbereiche.
Die Ausstellung
Musafiri: Von Reisenden und Gästen war eine Ausstellung des HKW, welche vom 8. März bis zum 16. Juni 2025 stattfand und insgesamt 42 Einheiten von Kunstwerken und Objekten von insgesamt 41 Künstler:innen und Forscher:innen repräsentierte. Die teilnehmenden Personen vertraten ein breites Spektrum von Disziplinen, Hintergründen, Herkunfts- und Heimatsorten sowie Narrativen. Dem Kurator Cosmin Costinaş zufolge war das Ziel der Ausstellung, den Fokus auf Erzählungen zu setzten, die im Zuge der Globalisierung unsichtbar geblieben sind: die Geschichten von Reisenden, geflüchteten Personen und Arbeiter:innen, die den globalen Fluss der Migration ausmachen und Handel und Kollaboration erst ermöglichen.
Mit einem Fokus auf Materialien und das Materielle bot Musafiri einen neuen Blickwinkel auf Handelsrouten, Arbeitsbedingungen, Transportwege, Ausbeutung und Arbeitsverteilung im Kontext des postkolonialen Kapitalismus. Die Künstler:innen wählten ein weites Spektrum an diversen Forschungskonzepten, Techniken, Medien und Präsentationsmöglichkeiten, um ihre Geschichten zu erzählen und ihre Stimmen hörbar werden zu lassen.
Der Großteil der Werke ist in einem Saal aufgestellt – der Mrinalini Mukherjee Halle. Einige Teile der Ausstellung wurden jedoch auch über die restliche Fläche des HKWs verteilt, etwa die Textilarbeiten von Ena de Silva. Sogar auf der Dachterrasse sind Flaggen von Lawrence Lemaona gehisst, die auch Passant:innen bewundern können, ohne dass das Gebäude überhaupt betreten werden muss. Einige Objekte können also erlebt werden, ohne ein Ticket für die Ausstellung zu kaufen, was diese Werke zugänglicher für alle macht. Es muss aber auch erwähnt werden, dass in diesem Fall der Kontext der Arbeiten nicht gegeben ist, da das Ausstellungskonzept nicht mit Beschreibungen direkt am Werk arbeitet. Stattdessen gibt es einen Katalog, der beim Besuch kostenlos mitgenommen werden kann. Er enthält Orientierungshilfen, einen Essay der Kurator:innen und alle Werke mit Infos zu den Künstler:innen. Wenn man nun aber ohne Katalog vor dem Werk steht, kann es schwer sein, dessen Bedeutung zu begreifen.
Das Programm der Ausstellung demonstriert jedoch trotzdem das Bemühen, ihre Inhalte allen zugänglich zu machen: Es gibt regelmäßig Führungen, Vorträge und Gespräche. Auch ein Kinderprogramm mit interaktiven Führungen für Kindergartengruppen existiert. Jeden Montag ist der Einlass frei.
Besuch
Der Hauptraum der Ausstellung ist kaum mit einem typischen musealen Konzept zu vergleichen: Links und rechts von der Eingangstür stehen die Namen der teilnehmenden Künstler:innen. Eine kurze Treppe führt hinunter in eine Nische, in der ein Kunstwerk präsentiert wird: Von der Decke hängen Banner, Papierblätter und Torsi aus Stoff. Eine lange Rampe führt im Zickzack durch den Raum und hinab auf den Boden. Beim Hinabgehen dieser Rampe lassen sich einige Kunstwerke entlang des Weges aus der Nähe betrachten – darunter unter anderem Holzschnitte, Videoinstallationen, gewebte Teppiche und eine Wachsskulptur, die auf dem Geländer thront. Von oben herab werden auch die unzähligen anderen Werke im Saal sichtbar – jeder einzelne Punkt im Raum wurde genutzt und scheint perfekt auf das jeweilige Werk abgestimmt zu sein. Dennoch wirkt die Halle nicht überfüllt, jedem Werk ist durch Installation und Inszenierung genug Raum geboten.
Die Einführung in den Raum über die Rampe ermöglicht einen Überblick. Besuchende werden langsam in das Konzept der Einstellung eingeführt, bevor sie sich auf dem Boden frei bewegen können. Durch diese Raumaufteilung lassen sich viele Werke aus verschiedenen Blickwinkeln betrachten, die sonst möglicherweise verborgen geblieben wären. Musafiri ist eine sinnliche Erfahrung. Das Auge wird durch all die verschiedenen Farben und Formen im Raum angesprochen, durch die Gesichter auf den Bildern, die einem entgegenblicken, die vertrauten und nicht vertrauten Motive. Die verschiedenen Videoinstallationen ermöglichen es, den Reisen und künstlerischen Prozessen der einzelnen Kulturschaffenden zu folgen. Auch die Vielfalt an Mustern und Materialien ist ansprechend für das Auge – ebenso sind es die Gesichter, die einem aus den Fotos, Videos und Gemälden entgegenblicken und die einen einfachen, direkten Zugang in das Präsentierte darbieten.
Beim Hinhören lassen sich Stimmen und leise Musik aus verschiedenen Ecken des Raumes vernehmen – die Videoinstallationen funktionieren mit Sound, zwischendurch erklingt auch Musik. An einer Wand hängt der Phonoschrank von Sophia E. Barrett samt Teppichschonern, die sich wie Flügel von dem Objekt ausbreiten. Gegenüber ist eine Wand voll Alben auf Schallplatten aufgebaut, zusammen mit zwei Schallplattenspielern und Sitzgelegenheiten. Die Besuchenden sind dazu aufgefordert, eine Schallplatte auszuwählen und diese über Kopfhörer für sich selbst zu erleben.
Auch für die Nase hat Musafiri etwas zu bieten: Auf der Rampe riecht es nach Wachs. Der Brunnen – Fountain (2025) – von Bekhbaatar Enkhtur, der sich am Geländer entlangschlängelt, ist aus Bienenwachs geformt. Und in einer anderen Ecke des Raumes verströmt Eventual return; what to take back von Robel Temesgen den Duft von Leder, Weihrauch und Kaffee. Auf einem aufgespannten Netz liegen geflochtene Körbe, gefüllt mit Repräsentationen von Handelswaren und Gepäck, die äthiopische Reisende mit sich geführt hatten.
Im Gegensatz zum klassischen Museums- und Ausstellungskonzept bietet Musafiri auch einen taktilen Aspekt: Bei genauem Hinschauen lässt sich die Vielzahl an unterschiedlichen Materialien erkennen, aus denen die Skulpturen bestehen. Eine Menge unterschiedlicher Techniken ist repräsentiert: vom Sticken zum Weben, Malen, Modellieren, Kalligraphieren, Nähen, Zeichnen und so fort. Mit der interaktiven Videospielstation von Simon Soon und Chong Yan Chuah werden die Besucher:innen auch aufgefordert, selbst Hand anzulegen und mit den Werken zu interagieren, genau wie bei der eigenen Auswahl der Schallplatten.
Bei der genaueren Betrachtung lassen sich die genutzten Materialien entziffern und vertraute Muster erkennen: Die Webarbeiten von Zoarinivo Razakaratrimo zum Beispiel bestehen aus Alltagsobjekten, die ihrem ursprünglichen Kontext entrissen wurden: Krawatten, Filmspulen, Verpackungsmaterial, alte Elektroteile. Viele der Werke in Musafiri spielen mit Materialien, ihrem sozialen und kulturellen Kontext und ihrer eigenen Migrationsgeschichte.
Durch all diese Aspekte sind Besuchende nicht nur Betrachtende, sondern auch aktive Teilnehmer:innen. Dies bricht die Konstellation Werk – Künstler:in – Betrachter:in auf und lockert die Grenzen zwischen den einzelnen Komponenten. Oft hatte ich während meines Besuches aus Gewohnheit angenommen, ich müsse einen gewissen Abstand zu den Objekten und Kunstwerken halten und diese aus der Ferne betrachten. Im Ausstellungsraum hindert jedoch nichts daran, an die Objekte heranzutreten, sie aus der Nähe zu betrachten und – etwa in den genannten Fällen – selbst mit ihnen zu interagieren und sie taktisch zu erleben.
Musafiri ist als Ausstellung eine tiefgreifende Repräsentation diverser migrantischer Stimmen, die globale Strukturen von Ungerechtigkeit aufdeckt und zum Reflektieren unseres Umfelds anregt.
Musafiri: Von Reisenden und Gästen
1. März 2025 bis 16. Juni 2025
Haus der Kulturen der Welt
John-Foster-Dulles-Allee 10
10557 Berlin
Öffnungszeiten: Mittwoch bis Montag 12-19 Uhr, Dienstag geschlossen
Eintritt: Erwachsene 8€, ermäßigt 5€, montags und jeden ersten Sonntag im Monat frei
https://www.hkw.de/programme/musafiri