Musica di Strada – italienische Kultur in Prenzlauer Berg
Museum Pankow/Prenzlauer Allee
Johanna Lina Sofie Rosbach
Mitten in Prenzlauer Berg findet man im Hinterhof der Wasserturm-Bibliothek die Ausstellungsräume des Museums Pankow. Hier lassen sich die Geschichte und das Alltägliche im Prenzlauer Berg nacherleben. Momentan führt uns die Ausstellung Música di Strada. Italiener:innen in Prenzlauer Berg zurück in das 19. und 20. Jahrhundert – nach ihrem Abschluss wird der Ausstellungsraum für andere Projekte genutzt werden. In dieser Zeit sammelte sich eine 250-köpfige italienische Gemeinschaft sammelte um die Pappelallee und die Schönhauser Allee und trug ein Stück italienische Kultur ins Herz des Stadtviertels. Die Ausstellung wurde vom Museum Pankow ins Leben gerufen. Sie läuft vom 9. Juni 2023 bis zum 19. Oktober 2025 und ist von Dienstag bis Sonntag zwischen 10 und 18 Uhr geöffnet.
Beim Betreten des Raumes fallen zuerst die vielen Musikinstrumente ins Auge. An den Wänden des Ausstellungsraumes erklären mehrere Texttafeln die Historie der italienischen Ansiedler:innen ebenso wie die Technik der mechanischen Musikinstrumente. Neben den Infotafeln gibt es mehrere Fotografien, Audio- und Videoaufnahmen von Nachfahren der italienischen Ansiedler:innen sowie von Wissenschaftler:innen und Professor:innen, die sich mit der deutsch-italienischen Geschichte beschäftigen. Die vielen Tafeln und Objekte sind erst einmal ziemlich überrumpelnd, da der Ausstellungsraum leider nicht sehr groß ist. Doch wenn man Zeit mitbringt, bietet der Rundgang, in welchem die Ausstellung kuratiert ist, einen guten Überblick.

© Eric Müller
Dieser ist in sieben Themenabschnitte unterteilt, die farblich unterschieden werden. Im ersten Themenabschnitt „Aus den Bergen in die Welt“ wird erläutert, welche Beweggründe Italiener:innen hatten, ihre Heimat zu verlassen. Als Hauptursache zählte Armut, jedoch geht aus einem Bericht von Professor Carlo Stiacci hervor, dass dies allein keine ausreichende Erklärung ist. Wichtig sei auch der Aspekt des Geschäftlichen. So verließen auch Italiener:innen, die finanziell gut aufgestellt waren, Italien, um im Rest Europas als Wanderhändler:innen, Musiker:innen oder Schausteller:innen durchzustarten. Exemplarisch wird hier Giovanni Taddei vorgestellt, der sich als Schausteller mit dressierten Affen (ital.: „scimmianti“) ein Gewerbe von Affentheatern in ganz Europa aufbaute. Aus einem Bericht des italienischen Botschafters in Deutschland an den italienischen Außenminister von 1892 geht hervor, dass der temporäre Aufenthalt Preußen weit verbreitet war. Circa fünfzig Prozent der Ansiedler:innen verließen Preußen wieder und reisten zurück nach Italien.
Der zweite Themenabschnitt trägt den Titel „Italiener*innen in Prenzlauer Berg“. Hier befindet sich der Kern der Ausstellung. Von der allgemeinen italienischen Auswanderung nach Preußen wird ein Bogen zur italienischen Gemeinschaft in Prenzlauer Berg gespannt. Die verbreitete Zuwanderung nach Berlin wird mit der Gründung des Deutschen Reiches im Jahr 1871 begründet, welche zu einem finanziellen Aufschwung führte und die Aussicht auf Arbeitsmöglichkeiten in der Großstadt schuf. Rund um die Pappelallee und die Schönhauser Allee etablierte sich eine etwa 250-köpfige italienische Gemeinschaft mit Geschäften und Gaststätten. Italiener blieben zunehmend in Berlin und holten Frauen und Familie nach. Ewerbsformen wie Stuck- und Terrazzoarbeiten, Eisverkauf, Handel und Musik waren in der italienischen Gemeinschaft verbreitet und werden in der Ausstellung anhand von mehreren Beispielen weiter erläutert. Die gezeigten Familien hatten alle eins gemeinsam: Sie führten erfolgreich Geschäfte in Prenzlauer Berg und gründeten dort Familien. Inwiefern es auch Fälle gibt, bei denen die Integration in Deutschland nicht reibungslos verlaufen ist, wird hier – abgesehen von der Information, dass deutsche Betriebe die italienischen aufgrund der zunehmenden Arbeitslosigkeit als Konkurrenz wahrgenommen haben sollen – leider nicht genauer erläutert.
Stattdessen führt die Ausstellung weiter zum nächsten, für die Ausstellung mit wichtigsten, Themenabschnitt: „Italienischer Drehorgel- und Orchesterbau mit Weltruf“. Hier geht es um die weltbekannten, italienischen Drehorgelbetriebe der Familiendynastie Bacigalupo mit ihrem Sitz in Prenzlauer Berg: zum einen „Frati et Co.“, welche 1877 in der Buchholzer Straße als erste Fabrik für mechanische Musikwerke eröffnete und 1885 wieder schloss, zum anderen „Cocchi, Bacigalupo Et Graffigna“. Diese Fabrik wurde in der Schönhauser Allee 78 eröffnet und beschäftigte etwa fünfzig Mitarbeitende. Die Drehorgelbetriebe der Familie Bacigalupo beherrschten den Weltmarkt für Drehorgeln und hielten sich bis 1975 in Berlin. In der Ausstellung werden mehrere Mitarbeitende und ihre Familiengeschichten auf Infotafeln sowie in Fotografien und kurzen Filmen vorgestellt.
Die zweite Hälfte des Ausstellungsrundganges widmet sich mit den Themenabschnitten „Wie kommt die Musik auf die Walze?“ und „Stiftwalzen, Lochscheiben und Notenbänder – Musikproduktion um 1900“ weitgehend der musikalischen Thematik. Mehrere mechanische Musikinstrumente stehen zur Ansicht an der rechten Wand sowie in der Mitte des Raumes und lassen sich anhand von Audiodateien in Aktion anhören. Wer die Musikinstrumente live erleben möchte, kann jeden Sonntag um elf Uhr öffentliche Vorführungen besuchen. Außerdem lässt sich eine der Drehorgeln von den Besucher:innen selbst bespielen. Die beiden letzten Themenabschnitte befassen sich mit der Zeit nach den Familienbetrieben der Bacigalupos und geben einen Ausblick auf die Gegenwart. Mit der Einführung des elektrischen Aufnahmeverfahrens war mechanische Musik kaum noch gefragt und die Zahl der Drehorgelspieler ging zurück. Doch trotz der Marktkonkurrenz blieb das Drehorgelspielen in Berlin etabliert. Bis heute findet das 1979 begründete Drehorgelfestival am Kurfürstendamm statt.
Wer einen groben Einblick in die italienische Geschichte von Prenzlauer Berg erleben möchte und Zeit für das Lesen der Infotafeln mitbringt, ist in der Ausstellung Musica di Strada am richtigen Ort. Für die kleinen Gäste gibt es Mitmachkarten auf einem Tisch in der Mitte des Raumes, die die Besucher:innen interaktiv in die Ausstellung miteinbeziehen. Beim Betrachten der Ausstellung fällt jedoch auf, dass wichtige historische Ereignisse wie der Zweite Weltkrieg und die Zeit in der DDR, während der die Drehorgelfabrik weiterlief, kaum bis gar nicht thematisiert werden. Man kann nur vermuten, dass diese Phasen Auswirkungen auf die Familie Bacigalupo und die italienische Gemeinschaft hatten, dies bleibt jedoch unberücksichtigt. Auch die Frage, wie Migration und das wirtschaftliche Überleben zu Zeiten von Krieg, der geteilten Stadt und des politischen Drucks abliefen, fehlt völlig. Sie hätte der Ausstellung noch mehr Tiefe verliehen. Außerdem wirkt der Raum voll, was es schwierig macht, alle Informationen aufzunehmen. Die Menge an Text erfordert viel Zeit und Konzentration, sodass Besucher:innen müde werden, bevor sie alles erfassen. Die Ausstellung hätte mehr auf mögliche Konflikte eingehen können, etwa die Spannungen zwischen italienischen Betrieben und deutschen Handwerker:innen wegen steigender Arbeitslosigkeit, oder Diskriminierungserfahrungen, die bei Migration immer eine Rolle spielen.
Trotz dieser Punkte gelingt Musica di Strada eine sehr detaillierte und stimmungsvolle Annäherung an ein oft übersehenes Kapitel Berliner Geschichte. Persönliche Erzählungen, Musik und echte Instrumente bringen es zum Leben. Die Ausstellung zeigt, wie Migration, Handwerk und Musik Nachbarschaften formen können, und lädt ein, den Blick auf Prenzlauer Berg etwas zu erweitern.
Musica di Strada. Italiener:innen in Prenzlauer Berg
1. Juni 2023 bis 19. Oktober 2025
Museum Pankow/Prenzlauer Allee
Prenzlauer Allee 227/228
10405 Berlin
Öffnungszeiten: Dienstag bis Sonntag 10-18 Uhr
Eintritt: gratis
https://www.museumsportal-berlin.de/de/museen/museum-pankow-prenzlauer-allee/