NO.THE EXHIBITION
Kunstraum Kreuzberg/Bethanien
Ida Marie Berger
Wie sieht Widerstand aus, wenn Worte gefährlich werden?
Mit NO. THE EXHIBITION zeigt der Kunstraum Kreuzberg/Bethanien eine zutiefst politische und zugleich autobiografische Ausstellung. Konzipiert und kuratiert wurde sie von dem exilierten russischen Medienkollektiv Meduza, das 2014 infolge wachsender Repressionen aus Russland ins Ausland fliehen musste.
Die Werke zeigen die Realität der Journalist:innen im Kampf gegen Zensur und die durch russische Angriffe verursachten Schäden in Gesellschaft und Infrastruktur der Ukraine. Der Ausstellungstitel NO – auf Russisch Нет – ist bewusst einfach und kompromisslos gewählt. Er steht für den Ungehorsam, für ein Nein zu Unterdrückung, Krieg und Diktatur. „Es ist […] unser Nein – zu Angst und Schweigen, Zensur und Selbstzensur.“, so die Kurator:innen der Ausstellung. In einer Zeit, in der ein „Nein“ in vielen Ländern gefährlich ist, fungiert NO als Gegenstimme zu politischer Resignation. Nein wird hier nicht als Verweigerung, sondern als Ausdruck des Widerstands begriffen. Es steht für Resilienz, Standhaftigkeit und die Freiheit zu widersprechen – eine Freiheit, die in vielen Teilen der Welt, so auch in Russland, massiv bedroht ist.
Der Kunstraum Kreuzberg/Bethanien ist bekannt für aktivistische und gesellschaftspolitische Ausstellungsprojekte. Seit den 1970er Jahren steht das Bethanien für alternative Kulturarbeit und bietet mit historischen und politischen Bezügen einen institutionellen Rahmen für Ausstellungen wie NO. Finanziert wird der Kunstraum durch die Berliner Kulturverwaltung – die Ausstellung selbst wurde in Kooperation mit Meduza und weiteren internationalen Partner:innen realisiert. Basierend auf den Arbeiten von 13 internationalen Künstler:innen und einem von Mikhail Durnenkov konzipierten dokumentarischen Projekt, in dem Interviews der Mitwirkenden von Meduza gezeigt werden, verbindet NO dokumentarische Perspektiven mit künstlerischer Auseinandersetzung.
Die Ausstellungsräume gliedern sich in die Überschriften unserer Zeit: Diktatur, Zensur, Exil, Krieg, Resilienz, Angst, Einsamkeit, Polarisierung, Hoffnung. Diese räumliche Segmentierung zeigt keine lineare Entwicklung, sondern spannt ein narratives Netz aus Erfahrung, Bestürzung und Konfrontation. Ein zurückhaltendes Ausstellungsdesign unterstreicht die Ernsthaftigkeit der Inhalte und lenkt die Aufmerksamkeit auf die unterschiedlichen Medien – Interviews, Skulptur, Installation, Malerei –, die ein breites Panorama des Widerstands im Journalismus entfalten.
Die Ausstellung arbeitet bewusst mit ästhetischen Brüchen und erzeugt dadurch Spannung und Tiefe: Dokumentarisches trifft auf symbolische Objekte, nüchterne Interviews auf emotionale Installationen. Durch die zahlreichen Interviews entsteht ein persönlicher Zugang, der die Besucher:innen emotional involviert. Es geht um Nationalität, Sprache, Identität – und um den Status als Journalist:in in Zeiten von Krieg. Die ständige Bedrohung gehört für Meduza zum Alltag – und prägt auch die Erzählweise der Ausstellung. Das Miteinander der Erzählenden und der Kunstobjekte richtet sich an ein klares politisches „Wir“ der Widerständigen.
Im Raum WAR zeigt das Projekt Time of War einer unbekannten Künstler:in auf einer ganzen Wand 150 Variationen des Satzes „Ich will, dass der Krieg endet“ in verschiedenen Sprachen. Das Werk versteht sich zugleich „als Akt der Selbstheilung und als Friedensmanifest“. Daneben sind eine bestickte Karte der russischen Luftangriffe der Künstlerin Christina Lucas und die mit einem 3D-Stift rekonstruierten Überreste des Donezker Flughafen platziert. Sergei Prokofjew zeigt mit seiner präzisen Rekonstruktion zerstörter Architektur die Gewalt der Gegenwart.

Anonymous Artist, Time of War (2022-2024), Foto: Ida Berger

Sergei Prokofiev, Project Hell – Donetsk Airport Control Tower (2015), Foto: Ida Berger
Betritt man den Raum RESILIENCE, erblickt man eine Statue Alexej Nawalnys, ein Denkmal des Künstlers Fernando Sánchez Castillo für den 2024 ermordeten russischen Oppositionellen. FEAR zeigt Militärkleidung in Kindergröße aus einem Istanbuler Geschäft – ein Aufschrei gegen die sinnlosen Opfer des Krieges und eine Forderung, den Gräueln ein Ende zu setzen. Im letzten Raum – HOPE – zeigt Aleksey Dubinsky die Menschenschlangen, die sich auf dem Borisovskoye-Friedhof bei Alexei Nawalnys Beerdigung bildeten – ein Ereignis, das als „Begräbnis der Hoffnung“ bezeichnet wird. Seine Leinwände reflektieren sowohl den Verlust als auch die Stärke, die mit gemeinschaftlicher Trauer einhergehen kann.
Das Interview am Ende der Ausstellung wirft eine schlichte, aber existenzielle Frage auf: Warum machen jene weiter, die berichten und widersprechen – trotz aller Risiken? Die Antworten bleiben offen und vielschichtig, doch eines wird deutlich: Künstler:innen und Journalist:innen sind nicht stumm. Sie schlagen Alarm.

Anonymous Artist, Time of War (2022-2024), Foto: Ida Berger
Die Ausstellung richtet sich an eine breite Zielgruppe – von politisch Interessierten über Kunst- und Kulturschaffende sowie Menschen mit eigenen Exilerfahrungen. NO. THE EXHIBITION ist keine Ausstellung im klassischen Sinne, sondern eine politische Intervention im Ausstellungsformat. Sie fragt, wie Widerstand aussieht, wenn Worte gefährlich werden. Die Kurator:innen vermitteln mit diesem Projekt eine Warnung und einen Aufruf. Die Angriffe auf Pressefreiheit, Demokratie und Menschenrechte in Russland sind keine Einzelphänomene, sondern spiegeln aktuelle globale Tendenzen wider. NO ruft dazu auf, das Recht auf Widerspruch zu verteidigen und solidarisch zu handeln. Das Nein, das hier laut wird, ist kein Abbruch, sondern ein Anfang. Es ist der Versuch, in Zeiten der Unterdrückung mit einer anderen Stimme laut zu werden – einer Stimme der Menschlichkeit, der Kritik und der Hoffnung.
NO.THE EXHIBITION.
26. April 2025 – 6. Juli 2025
Kunstraum Kreuzberg/Bethanien
Mariannenplatz 2
10997 Berlin
Öffnungszeiten: täglich 10-20 Uhr
Eintritt frei
Gebäude als auch Ausstellungsräume sind baulich barrierefrei für Menschen mit Rollstuhl oder anderen Gehhilfen.
https://kunstraumkreuzberg.de/programm/no-the-exhibition-nein-die-ausstellung/