{"id":1191,"date":"2025-08-11T12:33:08","date_gmt":"2025-08-11T10:33:08","guid":{"rendered":"https:\/\/www2.hu-berlin.de\/ausstellungskritik\/church-for-sale-hamburger-bahnhof-copy-copy\/"},"modified":"2025-09-17T14:00:40","modified_gmt":"2025-09-17T12:00:40","slug":"der-treck-fotografien-einer-flucht-1945-dokumentationszentrum-flucht-vertreibung-versoehnung","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www2.hu-berlin.de\/ausstellungskritik\/der-treck-fotografien-einer-flucht-1945-dokumentationszentrum-flucht-vertreibung-versoehnung\/","title":{"rendered":"Der Treck \u2013 Fotografien einer Flucht 1945, Dokumentationszentrum Flucht, Vertreibung, Vers\u00f6hnung"},"content":{"rendered":"<div id=\"attachment_332\" style=\"width: 3226px\" class=\"wp-caption alignnone\"><img data-recalc-dims=\"1\" loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-332\" data-attachment-id=\"332\" data-permalink=\"https:\/\/www2.hu-berlin.de\/ausstellungskritik\/worldpressphoto\/weitzel_white_cube_2\/\" data-orig-file=\"https:\/\/i0.wp.com\/www2.hu-berlin.de\/ausstellungskritik\/wp-content\/uploads\/2016\/07\/weitzel_white_cube_2.jpg?fit=3216%2C2448&amp;ssl=1\" data-orig-size=\"3216,2448\" data-comments-opened=\"1\" data-image-meta=\"{&quot;aperture&quot;:&quot;2.8&quot;,&quot;credit&quot;:&quot;&quot;,&quot;camera&quot;:&quot;FinePix S8000fd&quot;,&quot;caption&quot;:&quot;&quot;,&quot;created_timestamp&quot;:&quot;1464962608&quot;,&quot;copyright&quot;:&quot;&quot;,&quot;focal_length&quot;:&quot;4.7&quot;,&quot;iso&quot;:&quot;200&quot;,&quot;shutter_speed&quot;:&quot;0.011764705882353&quot;,&quot;title&quot;:&quot;&quot;,&quot;orientation&quot;:&quot;1&quot;}\" data-image-title=\"weitzel_white_cube_2\" data-image-description=\"\" data-image-caption=\"&lt;p&gt;World Press Ausstellung 2016 im Willy-Brandt-Haus Berlin&lt;\/p&gt;\n\" data-medium-file=\"https:\/\/i0.wp.com\/www2.hu-berlin.de\/ausstellungskritik\/wp-content\/uploads\/2016\/07\/weitzel_white_cube_2.jpg?fit=150%2C114&amp;ssl=1\" data-large-file=\"https:\/\/i0.wp.com\/www2.hu-berlin.de\/ausstellungskritik\/wp-content\/uploads\/2016\/07\/weitzel_white_cube_2.jpg?fit=1024%2C779&amp;ssl=1\" class=\"size-full wp-image-332\" src=\"https:\/\/i0.wp.com\/www2.hu-berlin.de\/ausstellungskritik\/wp-content\/uploads\/2016\/07\/weitzel_white_cube_2.jpg?resize=3216%2C2448&#038;ssl=1\" alt=\"World Press Ausstellung 2016 im Willy-Brandt-Haus Berlin\" width=\"3216\" height=\"2448\" srcset=\"https:\/\/i0.wp.com\/www2.hu-berlin.de\/ausstellungskritik\/wp-content\/uploads\/2016\/07\/weitzel_white_cube_2.jpg?w=3216&amp;ssl=1 3216w, https:\/\/i0.wp.com\/www2.hu-berlin.de\/ausstellungskritik\/wp-content\/uploads\/2016\/07\/weitzel_white_cube_2.jpg?resize=300%2C228&amp;ssl=1 300w, https:\/\/i0.wp.com\/www2.hu-berlin.de\/ausstellungskritik\/wp-content\/uploads\/2016\/07\/weitzel_white_cube_2.jpg?resize=1024%2C779&amp;ssl=1 1024w, https:\/\/i0.wp.com\/www2.hu-berlin.de\/ausstellungskritik\/wp-content\/uploads\/2016\/07\/weitzel_white_cube_2.jpg?resize=973%2C741&amp;ssl=1 973w, https:\/\/i0.wp.com\/www2.hu-berlin.de\/ausstellungskritik\/wp-content\/uploads\/2016\/07\/weitzel_white_cube_2.jpg?resize=508%2C387&amp;ssl=1 508w, https:\/\/i0.wp.com\/www2.hu-berlin.de\/ausstellungskritik\/wp-content\/uploads\/2016\/07\/weitzel_white_cube_2.jpg?w=2000&amp;ssl=1 2000w, https:\/\/i0.wp.com\/www2.hu-berlin.de\/ausstellungskritik\/wp-content\/uploads\/2016\/07\/weitzel_white_cube_2.jpg?w=3000&amp;ssl=1 3000w\" sizes=\"auto, (max-width: 1000px) 100vw, 1000px\" \/><p id=\"caption-attachment-332\" class=\"wp-caption-text\">World Press Ausstellung 2016 im Willy-Brandt-Haus Berlin<\/p><\/div>\n<p>Unsere Gegenwart scheint vor allem eines zu sein: gepr\u00e4gt von Krieg, Zerst\u00f6rung, Flucht, Tod und Trauer. Der weltweit gr\u00f6\u00dfte und international anerkannte Wettbewerb f\u00fcr Pressefotografie zeigt dieses unverbl\u00fcmte Abbild unserer Zeit auf sehr eindringliche und radikale Weise. Wer sich noch bis zum 26. Juni die Gewinner des diesj\u00e4hrigen Presse Awards im Willy-Brandt-Haus in Berlin anschauen m\u00f6chte, sollte sich dar\u00fcber im Klaren sein. Das was tagt\u00e4glich \u00fcber die unterschiedlichsten Informationskan\u00e4le f\u00fcr einen kurzen Moment unsere Aufmerksamkeit erh\u00e4lt, ger\u00e4t nicht einfach in Vergessenheit, sondern zeigt sich bei der World Press Ausstellung in kuratiertem Gewand und vor allem in geballter Form.<\/p>\n<p>Die sonst stark verstreuten Bildbotschaften werden hier im zweiten Stock der SPD Parteizentrale im White Cube pr\u00e4sentiert. Auf den kargen wei\u00dfen W\u00e4nden, deren Anordnung und Aufteilung im Raum jeglichem \u00e4sthetischen und gestalterischen Empfinden entbehrt, h\u00e4ngen, in acht verschiedene Kategorien aufgeteilt, die gro\u00dfformatigen Fotografien. In beinahe allen Rubriken sind Fotos von gefl\u00fcchteten, verwundeten oder toten Menschen vertreten. Polizeigewalt in den USA, Bandenkriminalit\u00e4t in Honduras, B\u00fcrgerkrieg im Sudan, \u00fcberf\u00fcllte Fl\u00fcchtlingsboote. Und das Thema Nummer eins: Der Syrienkrieg.<\/p>\n<p>Brennende Autos, zerst\u00f6rte H\u00e4user, komplett zerbombte Stra\u00dfenz\u00fcge. Alles ist Schutt und Asche, nichts scheint mehr an seinem Ort zu sein. Zwischen den Ruinen erkennt man schemenhaft eine einsame Person am Ende der H\u00e4userflucht. Nebel &#8211; verzweifelte Gesichter versuchen mit letzter Kraft verwundete Menschen aus der Gefahrenzone zu tragen \u2013 vielleicht sind sie schon l\u00e4ngst tot. Der Blick auf eine Stadt am Abend. Qualm steigt auf. Ist es die untergehende Sonne, oder eine eingeschlagene Bombe, die den Horizont erhellt, w\u00e4hrend der sternenklare Himmel unscheinbar und teilnahmslos dar\u00fcber h\u00e4ngt? Die Bilder des Fotografen Sameer al Doumy zeigen alle einen kurzen Moment w\u00e4hrend des mittlerweile f\u00fcnfj\u00e4hrigen Krieges in Syrien, hier in Douma im S\u00fcdosten des Landes. Die Momente, die hier festgehalten wurden, stellen den Krieg und seine zerst\u00f6rerische Macht in n\u00fcchterner Klarheit aus. Manchmal wirken die Szenen fast wie arrangierte Settings des Kunstfotografen Jeff Wall, der bewusst mit der Unsicherheit des Authentizit\u00e4tsgehalts von Pressefotografien und insbesondere Kriegsfotografien spielt. Hier verschwimmen die Gattungsgrenzen von Presse-und Kunstfotografie auf eindrucksvolle Weise. So liegt den Aufnahmen des aus Douma stammenden al Doumy, eine bestimmte Botschaft zu Grunde, die auf perverse Weise den Wahnsinn und gleichzeitig die \u00c4sthetik des Krieges herausstellt.<a href=\"#_ftn1\" name=\"_ftnref1\">[1]<\/a> Weil ein Mensch mit westeurop\u00e4ischem Hintergrund sich jedoch meist keine Vorstellung dar\u00fcber machen kann, was er da vor sich sieht, stehen wir wie unbeteiligte Beobachter am anderen Ende der Welt und k\u00f6nnen lediglich eine \u201eVerschiebung vom dokumentarischen Sehen zum dokumentarischen F\u00fchlen\u201c wahrnehmen. <a href=\"#_ftn2\" name=\"_ftnref2\">[2]<\/a> Ein Gef\u00fchl der Empathie aber auch der Hilflosigkeit wird evoziert.<\/p>\n<p>Auch die Fotografien von Abd Doumany reihen sich in dieses Gef\u00fchl der Machtlosigkeit ein. Wie in der Pressefotografie \u00fcblich, stehen neben allen ausgestellten Abbildern kurze begleitende Texte mit Informationen zur Entstehung, zum Ort und Datum, die das Bild in einen konkreten Kontext einbinden und eine Art Zeugnis- oder Beweisfunktion innehaben. Doch genau genommen ben\u00f6tigen diese Motive keine Beschriftung oder Erkl\u00e4rung. Der Mann, der den leblosen, toten, blut\u00fcberstr\u00f6mten K\u00f6rper seiner Tochter auf dem Scho\u00df liegen hat und sie mit einem fragenden Blick anschaut, als ob er nicht begreift, was da vor sich geht &#8211; dieses Bild spricht f\u00fcr sich, es bedarf keines Nachweises. In ihm spricht der Wahnsinn des Krieges auf so eindringliche und ersch\u00fctternde Weise, dass das betretende Schweigen im Ausstellungsraum fast schon zu einer Beklemmung wird. Und vielleicht ist genau deshalb der Beweis, dass es sich um authentische Abbilder des Syrienkrieges handelt, nicht notwendig. Diese Fotos scheinen uns eher wie ein Mahnmal zu sein, welches daran erinnern m\u00f6chte, dass der Krieg eine Kraft besitzt, die der Mensch nicht begreifen kann.<\/p>\n<p>Ist es also eine reale oder konstruierte Wirklichkeit, die von den dokumentarischen Bildern erzeugt wird? Glauben wir der Filmemacherin Hito Steyerl, dann ist jede scheinbare Realit\u00e4t in solchen Fotos ein Konstrukt. \u201eDie dokumentarische Form bildet demnach nicht die Realit\u00e4t ab, sondern ihren eignen Willen zur Macht.\u201c<a href=\"#_ftn3\" name=\"_ftnref3\">[3]<\/a> Doch welche Macht geht von diesen Fotografien aus? Die Fotografien haben alle den Anspruch, ein m\u00f6glichst authentisches Abbild der Wirklichkeit ins Licht zu setzen. Dabei wird dem Fotografen die Rolle eines Zeugen zugeschrieben. Doch bei genauerer Betrachtung sind auch Pressefotografien nichts anderes als Moment-Inszenierungen. Es werden Wirklichkeitsbilder konstruiert, die auf komprimierte Weise einen komplexen Sachverhalt, in diesem Fall den Krieg in Syrien, in einer Fotografie f\u00fcr die Welt zug\u00e4nglich machen. Sie sollen ein Gef\u00fchl transportieren, welches uns die Grausamkeit des Krieges erahnen l\u00e4sst. Durch das subjektive Auge der Kamera wird ein Bild hervorgebracht, welches die scheinbare Realit\u00e4t von Millionen von Menschen auf die Bildschirme der Nachrichtensender, in die Foren der globalen Social-Media-Communities und auf die wei\u00dfen, kargen W\u00e4nde des Willy-Brandt-Hauses bringt.<\/p>\n<p>Brian O\u2019Doherty h\u00e4tte die H\u00e4ngung in White Cube Manier der 20er Jahre wahrscheinlich mit einem sterilen Krankenhausflur verglichen.<a href=\"#_ftn4\" name=\"_ftnref4\">[4]<\/a> Und angesichts der ungl\u00fccklichen Anordnung der hochwertigen Pressefotos w\u00e4re dieser Vergleich auch angemessen. Ohne jegliche Konzeptualisierung wird auf der einen Seite \u2013 wie eben beschrieben \u2013 der Krieg in allen seinen Facetten gezeigt und an der gegen\u00fcberliegenden Fensterfront h\u00e4ngen wie zum Trotz Sport- und Naturfotografien. Die schwarz-wei\u00dfen Unterwasserbilder von Anuar Patjane Floriuk zeigen eine Tauchercrew um einen riesigen Wal schwimmend. Ein imposantes Bild. Auf den Aufnahmen von Christian Ziegler zeigt sich die Natur von ihrer kuriosesten Seite. Farbenfrohe Cham\u00e4leons in Nahaufnahme. Der Anblick der traumatisierenden Kriegsabbildungen scheint diese Themen jedoch zwangsl\u00e4ufig in den Hintergrund zu dr\u00e4ngen \u2013 so, als w\u00e4ren es belanglose Angelegenheiten, die in der World Press auch noch irgendwo untergebracht werden mussten.<\/p>\n<p>Hier liegt die T\u00fccke der Ausstellungskonzeption. Anstatt die Kategorien f\u00fcr sich sprechen zu lassen, scheinen sie miteinander zu konkurrieren. Zumindest in der konkreten Ausstellungssituation im Willy-Brandt-Haus. Denn die Wanderausstellung wird in insgesamt 45 L\u00e4ndern gezeigt. Es bleibt zu hoffen, dass an den anderen Ausstellungsorten eine gelungenere Pr\u00e4sentation der Fotografien zu sehen sein wird. Eine Pr\u00e4sentationform, die allen Rubriken ihren Platz und auch Themen, wie die Rettung von Orang-Utans in den Regenw\u00e4ldern von Sumatra oder die Synchronschwimmer aus Schweden f\u00fcr sich sprechen l\u00e4sst. Denn diese Informationen treten nicht nur in der World Press Photo Ausstellung in den Hintergrund, sondern gehen auch meistens in der Nachrichtenflut des Alltags unter. Sollten wir diesen Momenten, die auch unser Leben bestimmen, dann nicht gerade bei solch einer Ausstellung ein wenig mehr Aufmerksamkeit schenken? Vor allem sollten wir sie nicht mit dem Krieg konkurrieren lassen, der unsere Sinne \u00fcberfordert und keinen Platz mehr f\u00fcr andere Themen l\u00e4sst.<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref1\" name=\"_ftn1\">[1]<\/a> Auf diesen Grenzgang machte schon Walter Benjamin in seiner medienkritischen Schrift \u201eDas Kunstwerk im Zeitalter seiner technischen Reproduzierbarkeit\u201c aufmerksam. F\u00fcr weitere Informationen siehe Walter Benjamin: Das Kunstwerk im Zeitalter seiner technischen Reproduzierbarkeit, in: Ders.: Illuminationen, S. 136-169, hier: 168f.<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref2\" name=\"_ftn2\">[2]<\/a> Hito Steyerl (2008): Die Farbe der Wahrheit. Dokumentarismen im Kunstfeld, Wien: Turia + Kant, S. 13.<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref3\" name=\"_ftn3\">[3]<\/a> Hito Steyerl (2008): Die Farbe der Wahrheit. Dokumentarismen im Kunstfeld, Wien: Turia + Kant, S. 10.<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref4\" name=\"_ftn4\">[4]<\/a> Brian O\u2019Doherty \u00fcber den White Cube: Brian O\u2019Doherty (1996): In der wei\u00dfen Zelle. Inside the White Cube\u201c Berlin: Merve.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<hr \/>\n<p>World Press Photo 2016<br \/>\n03. Juni \u2013 26. Juni 2016<\/p>\n<p>Willy-Brandt-Haus Berlin<br \/>\nWilhelmstra\u00dfe 140<br \/>\n10963 Berlin<\/p>\n<p><a href=\"http:\/\/www.worldpressphoto.org\/collection\/photo\/2016\">www.worldpressphoto.org<\/a><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Unsere Gegenwart scheint vor allem eines zu sein: gepr\u00e4gt von Krieg, Zerst\u00f6rung, Flucht, Tod und Trauer. Der weltweit gr\u00f6\u00dfte und international anerkannte Wettbewerb f\u00fcr Pressefotografie zeigt dieses unverbl\u00fcmte Abbild unserer Zeit auf sehr eindringliche und radikale Weise. Wer sich noch bis zum 26. 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Januar 1945 beginnenden Flucht vor der Roten Armee von etwa 350 Deutschen aus dem niederschlesischen L\u00fcbchen (heute: Lub\u00f3w in Polen) Richtung Westen befasst. Die Ausstellung besteht haupts\u00e4chlich aus 140 Fotografien des Trecks von Hanns Tschira und dessen Assistentin Martha Maria Schmackheit, die selbst Teil des Trecks waren, da Tschiras propagandistische Bildagentur Tschira-Bilderdienst mit Sitz in Berlin aufgrund eines Bombenangriffs im Jahr 1943 nach L\u00fcbchen evakuiert worden war. Das Fotografieren von Fluchtbewegungen war verboten, was die Existenz dieser Sammlung besonders macht. Beim Betreten der Ausstellung dominiert direkt am Eingang eine gro\u00dfe, mittig aufgestellte Wand mit dem Aufdruck einer der schwarz-wei\u00dfen Fotografien aus der Ausstellung, die die W\u00e4gen und Kutschen des Trecks in einer winterlichen Landschaft zeigt. Somit werden die Besucher:innen bereits zu Beginn mit f\u00fcr Migrationsdiskurse typischen (Bild-)Motiven konfrontiert. Dies regt vor dem weiteren Durchlaufen der Ausstellung zum Reflektieren des eigenen Wissensstands, aber gegebenenfalls auch zum Hinterfragen m\u00f6glicher Vereinfachungen im Denken an.<\/span><\/p><p><span style=\\\"font-size: 20px;\\\">Die Ausstellung l\u00e4sst eine inhaltliche Zweiteilung erkennen: Ihre erste H\u00e4lfte besteht aus den Fotografien und Erkl\u00e4rtafeln sowie stellenweise aus handgeschriebenen Notizen von Tschira und Schmackheit zum Treck. Man l\u00e4uft an der Reihe von Fotografien an den W\u00e4nden entlang, geht also sinnbildlich ein St\u00fcck Wegs mit den Migrant:innen und verfolgt die Erz\u00e4hlung \u00fcber die Flucht. Durch das kleine Format der Bilder m\u00fcssen die Besucher:innen nahe herantreten, um Details erkennen zu k\u00f6nnen. Dabei wird die Historizit\u00e4t des Materials der Fotografien sichtbar \u2013 vor allem durch die leichte Welligkeit des Papiers. Das Narrativ um die Flucht wird von einer gro\u00dfen Landkarte zu Beginn des ersten Teils der Ausstellung unterstrichen, die aufzeigt, mit welch geringem zeitlichen Abstand und damit auch unter welch gro\u00dfem Druck die deutschen Gefl\u00fcchteten vor der Roten Armee an den einzelnen Orten der Route eintrafen. Obgleich durch die beschriebene Darstellung ein Gef\u00fchl des Miterlebens erzeugt wird, gibt es auf der anderen Seite einige Mittel, um Distanz herzustellen, sodass die Besucher:innen nicht vergessen, dass das Thema Migration von Nicht-Betroffenen nicht g\u00e4nzlich nachempfunden werden kann und sie das Dargestellte vor dem Hintergrund der T\u00e4ter:innenschaft Tschiras und Schmackheits kritisch betrachten k\u00f6nnen. Beim Lesen der Erkl\u00e4rtexte tun sich oftmals L\u00fccken im Bildbestand auf. Es wird deutlich, dass die Bilder bestimmte konventionelle Motive zum Thema sehr h\u00e4ufig zeigen (darunter W\u00e4gen, Kutschen und Karawanen, h\u00e4ufiges Abbilden von Frauen, Kindern und alten Menschen), w\u00e4hrend andere Aspekte der Flucht nicht oder zumindest nicht direkt in den Bildern aufgegriffen werden \u2013 wie beispielsweise das Thema Tod.<\/span><\/p><p><span style=\\\"font-size: 20px;\\\">Der zweite inhaltliche Teil der Ausstellung liefert tiefergehende kontextuelle Einordnungen. Zun\u00e4chst erhalten die Besucher:innen vertiefte Informationen zu Tschira und seiner Arbeit als Fotograf f\u00fcr das Propagandaministerium im NS-System. Zwei der drei Objekt-Glask\u00e4sten der Ausstellung zeigen in gro\u00dfen, aufgeschlagenen Bildb\u00e4nden mit Fotografien Tschiras dessen imperialistische sowie exotisierende Bildsprache des Fotografen und verdeutlichen das Einbeziehen eigener Familienmitglieder in Bilder f\u00fcr die NS-Propaganda. Im Kapitel \u201eL\u00fcbchen 1945\u201c geht es darum, wie sich die Deutschen, die 1945 aus L\u00fcbchen flohen, nach dem Treck verstreuten und inwiefern sie Kontakt hielten. Im Abschnitt \u201eLub\u00f3w\u201c wird kurz geschildert, aus welchen Gruppen sich die Bev\u00f6lkerung in Lub\u00f3w nach dem Krieg prim\u00e4r zusammensetzte. Das Kapitel \u201eFluchtbilder in der Erinnerung\u201c zeigt, dass Tschiras und Schmackheits Fotografien ab den 2000er Jahren vermehrt in Medien und Schulb\u00fcchern aufgegriffen wurden. Im Zuge dessen wird die vermeintliche Neutralit\u00e4t von Fotografien bzw. Fotografien zu Migration, von der oft einfach ausgegangen wird, kritisiert. Die letzte Wand der Ausstellung tr\u00e4gt den Titel \u201eSpurensuche\u201c und pr\u00e4sentiert Farbaufnahmen des Fotografen Thomas Meyer, die das heutige L\u00fabow zeigen.<\/span><\/p><p><span style=\\\"font-size: 20px;\\\">Zusammenfassend hat sich f\u00fcr mich der Eindruck ergeben, dass das, was die Ausstellung ausmacht, nicht unbedingt ist, die Fotografien f\u00fcr sich sprechen zu lassen, sondern diese durch Kontext anzureichern und kritisch einzuordnen. Der Aufruf, Fotografien zu Migration zu hinterfragen und sich mit ihrem Kontext zu befassen, zieht sich durch die Ausstellung. Es werden Konventionen und typische Motive von Migration in der Fotografie anhand von Tschira und Schmackheit gezeigt und problematisiert. In Erkl\u00e4rtexten angesprochene Auslassungen in den Fotografien verdeutlichen die Schwierigkeit des Einfangens der Komplexit\u00e4t von Migration. Weitere, auch aktuell viel besprochene Themen k\u00f6nnen zwar nicht tiefergehend behandelt werden, werden aber dennoch nachrangig aufgegriffen, etwa die kolonialistische\/imperialistische Bildsprache Tschiras oder die Rolle der Frauen, da M\u00e4nner gr\u00f6\u00dftenteils f\u00fcr den Kriegseinsatz zur\u00fcckbleiben mussten. Bez\u00fcglich der Thematisierung von Geschlechterrollen h\u00e4tte ich eine tiefergehende Auseinandersetzung mit der Rolle Schmackheits und ihrem Verh\u00e4ltnis zu Tschira sinnvoll gefunden.<\/span><\/p><p><span style=\\\"font-size: 20px;\\\">Der zentrale Kritikpunkt an der Ausstellung ist f\u00fcr mich jedoch, dass die T\u00e4ter:innenrolle Tschiras und Schmackheits erst im zweiten Teil der Ausstellung konkret behandelt wird. Au\u00dferdem sind in den Fotografien zahlreiche Deutsche dargestellt, die in den Beschreibungen teilweise namentlich genannt werden, von denen die Besucher:innen jedoch nicht wissen, was m\u00f6glicherweise ihr Hintergrund im NS-Regime war, bevor sie nach Schlesien kamen. Schlie\u00dflich flohen auch Tschira und Schmackheit nicht vor dem NS-Regime, sondern waren ein Teil desselben und profitierten davon. Neben der Problematik, dass der Treck grunds\u00e4tzlich als homogene Gruppe dargestellt wird, ist also meinem Eindruck nach auch die Frage nach der T\u00e4ter:innenschaft nicht ausreichend behandelt worden bzw. auf Ausf\u00fchrungen zu Tschira und Schmackheit und der allgemeinen Rolle von Propaganda im NS-Regime im zweiten Teil der Ausstellung beschr\u00e4nkt worden. Die Gefahr der Gleichsetzung von verschiedensten Gruppen von Migrant:innen und die unzureichende Behandlung der Frage nach T\u00e4ter:innenschaft besteht nicht nur innerhalb der besprochenen Ausstellung, sondern in Bezug auf das Dokumentationszentrum Flucht, Vertreibung und Vers\u00f6hnung im Allgemeinen. Das Dokumentationszentrum hat sich zur Aufgabe gemacht, sowohl auf die Flucht von Deutschen im Zuge des Nationalsozialismus als auch auf Flucht, Vertreibung und Zwangsmigration im europ\u00e4ischen und gar globalen Kontext gleichzeitig einzugehen. Inwieweit dabei differenziert genug auf das Thema der T\u00e4ter:innenschaft der Deutschen und die unterschiedlichen Hintergr\u00fcnde der einzelnen Gruppen an Fl\u00fcchtenden eingegangen wird, bleibt fraglich.<\/span><\/p>\",\r\n      \"align\": \"bottom\",\r\n      \"row\": 3,\r\n      \"col\": 2,\r\n      \"colspan\": 17,\r\n      \"offsetx\": 0,\r\n      \"offsety\": 0,\r\n      \"spaceabove\": 0,\r\n      \"spacebelow\": 0,\r\n      \"yvel\": 1,\r\n      \"push\": 2,\r\n      \"relid\": 757,\r\n      \"frameOverflow\": \"\",\r\n      \"absolute_position\": false\r\n    },\r\n    {\r\n      \"type\": \"text\",\r\n      \"cont\": \"<p class=\\\"_Default\\\" style=\\\"line-height: 0.6;\\\"><span style=\\\"font-size: 15px;\\\">Der Treck \u2013 Fotografien einer Flucht 1945<\/span><\/p><p class=\\\"_Default\\\" style=\\\"line-height: 0.6;\\\"><span style=\\\"font-size: 15px;\\\">1.6.2025 - 28.1.26<\/span><\/p><p class=\\\"_Default\\\" style=\\\"line-height: 0.6;\\\">\u00a0<\/p><p class=\\\"_Default\\\" style=\\\"line-height: 0.6;\\\"><span style=\\\"font-size: 15px;\\\">Dokumentationszentrum Flucht, Vertreibung, Vers\u00f6hnung<\/span><\/p><p class=\\\"_Default\\\" style=\\\"line-height: 0.6;\\\"><span style=\\\"font-size: 15px;\\\">Stresemannstra\u00dfe 90<\/span><\/p><p class=\\\"_Default\\\" style=\\\"line-height: 0.6;\\\"><span style=\\\"font-size: 15px;\\\">10963 Berlin<\/span><\/p><p class=\\\"_Default\\\" style=\\\"line-height: 0.6;\\\">\u00a0<\/p><p class=\\\"_Default\\\" style=\\\"line-height: 0.6;\\\"><span style=\\\"font-size: 15px;\\\">\u00d6ffnungszeiten: Dienstag bis Sonntag 10-19 Uhr<\/span><\/p><p class=\\\"_Default\\\" style=\\\"line-height: 0.6;\\\"><span style=\\\"font-size: 15px;\\\">Eintritt: frei<\/span><\/p><p class=\\\"_Default\\\" style=\\\"line-height: 0.6;\\\"><span style=\\\"font-size: 15px;\\\"><a href=\\\"https:\/\/www.flucht-vertreibung-versoehnung.de\/\\\"><span style=\\\"font-size: 15px;\\\">https:\/\/www.flucht-vertreibung-versoehnung.de\/<\/span><\/a><\/span><\/p><p style=\\\"line-height: 0.6;\\\">\u00a0<\/p>\",\r\n      \"align\": \"top\",\r\n      \"row\": 4,\r\n      \"col\": 4,\r\n      \"colspan\": 10,\r\n      \"offsetx\": 0,\r\n      \"offsety\": 0,\r\n      \"spaceabove\": 0,\r\n      \"spacebelow\": 0,\r\n      \"yvel\": 1,\r\n      \"push\": 4,\r\n      \"relid\": 1349,\r\n      \"frameOverflow\": \"\",\r\n      \"absolute_position\": false\r\n    }\r\n  ]\r\n}","phonegrid":"","jetpack_sharing_enabled":true,"jetpack_shortlink":"https:\/\/wp.me\/p7ChHw-jd","jetpack-related-posts":[{"id":1355,"url":"https:\/\/www2.hu-berlin.de\/ausstellungskritik\/dokumentationszentrum-flucht-vertreibung-versoehnung-in-berlin\/","url_meta":{"origin":1191,"position":0},"title":"Dokumentationszentrum Flucht, Vertreibung, Vers\u00f6hnung in Berlin","author":"Die Redaktion","date":"10. 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