{"id":1216,"date":"2025-08-16T10:46:27","date_gmt":"2025-08-16T08:46:27","guid":{"rendered":"https:\/\/www2.hu-berlin.de\/ausstellungskritik\/church-for-sale-hamburger-bahnhof-copy-copy-6\/"},"modified":"2025-09-17T13:59:32","modified_gmt":"2025-09-17T11:59:32","slug":"99-x-neukoelln-museum-neukoelln","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www2.hu-berlin.de\/ausstellungskritik\/99-x-neukoelln-museum-neukoelln\/","title":{"rendered":"99 x Neuk\u00f6lln, Museum Neuk\u00f6lln"},"content":{"rendered":"<div id=\"attachment_332\" style=\"width: 3226px\" class=\"wp-caption alignnone\"><img data-recalc-dims=\"1\" loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-332\" data-attachment-id=\"332\" data-permalink=\"https:\/\/www2.hu-berlin.de\/ausstellungskritik\/worldpressphoto\/weitzel_white_cube_2\/\" data-orig-file=\"https:\/\/i0.wp.com\/www2.hu-berlin.de\/ausstellungskritik\/wp-content\/uploads\/2016\/07\/weitzel_white_cube_2.jpg?fit=3216%2C2448&amp;ssl=1\" data-orig-size=\"3216,2448\" data-comments-opened=\"1\" data-image-meta=\"{&quot;aperture&quot;:&quot;2.8&quot;,&quot;credit&quot;:&quot;&quot;,&quot;camera&quot;:&quot;FinePix S8000fd&quot;,&quot;caption&quot;:&quot;&quot;,&quot;created_timestamp&quot;:&quot;1464962608&quot;,&quot;copyright&quot;:&quot;&quot;,&quot;focal_length&quot;:&quot;4.7&quot;,&quot;iso&quot;:&quot;200&quot;,&quot;shutter_speed&quot;:&quot;0.011764705882353&quot;,&quot;title&quot;:&quot;&quot;,&quot;orientation&quot;:&quot;1&quot;}\" data-image-title=\"weitzel_white_cube_2\" data-image-description=\"\" data-image-caption=\"&lt;p&gt;World Press Ausstellung 2016 im Willy-Brandt-Haus Berlin&lt;\/p&gt;\n\" data-medium-file=\"https:\/\/i0.wp.com\/www2.hu-berlin.de\/ausstellungskritik\/wp-content\/uploads\/2016\/07\/weitzel_white_cube_2.jpg?fit=150%2C114&amp;ssl=1\" data-large-file=\"https:\/\/i0.wp.com\/www2.hu-berlin.de\/ausstellungskritik\/wp-content\/uploads\/2016\/07\/weitzel_white_cube_2.jpg?fit=1024%2C779&amp;ssl=1\" class=\"size-full wp-image-332\" src=\"https:\/\/i0.wp.com\/www2.hu-berlin.de\/ausstellungskritik\/wp-content\/uploads\/2016\/07\/weitzel_white_cube_2.jpg?resize=3216%2C2448&#038;ssl=1\" alt=\"World Press Ausstellung 2016 im Willy-Brandt-Haus Berlin\" width=\"3216\" height=\"2448\" srcset=\"https:\/\/i0.wp.com\/www2.hu-berlin.de\/ausstellungskritik\/wp-content\/uploads\/2016\/07\/weitzel_white_cube_2.jpg?w=3216&amp;ssl=1 3216w, https:\/\/i0.wp.com\/www2.hu-berlin.de\/ausstellungskritik\/wp-content\/uploads\/2016\/07\/weitzel_white_cube_2.jpg?resize=300%2C228&amp;ssl=1 300w, https:\/\/i0.wp.com\/www2.hu-berlin.de\/ausstellungskritik\/wp-content\/uploads\/2016\/07\/weitzel_white_cube_2.jpg?resize=1024%2C779&amp;ssl=1 1024w, https:\/\/i0.wp.com\/www2.hu-berlin.de\/ausstellungskritik\/wp-content\/uploads\/2016\/07\/weitzel_white_cube_2.jpg?resize=973%2C741&amp;ssl=1 973w, https:\/\/i0.wp.com\/www2.hu-berlin.de\/ausstellungskritik\/wp-content\/uploads\/2016\/07\/weitzel_white_cube_2.jpg?resize=508%2C387&amp;ssl=1 508w, https:\/\/i0.wp.com\/www2.hu-berlin.de\/ausstellungskritik\/wp-content\/uploads\/2016\/07\/weitzel_white_cube_2.jpg?w=2000&amp;ssl=1 2000w, https:\/\/i0.wp.com\/www2.hu-berlin.de\/ausstellungskritik\/wp-content\/uploads\/2016\/07\/weitzel_white_cube_2.jpg?w=3000&amp;ssl=1 3000w\" sizes=\"auto, (max-width: 1000px) 100vw, 1000px\" \/><p id=\"caption-attachment-332\" class=\"wp-caption-text\">World Press Ausstellung 2016 im Willy-Brandt-Haus Berlin<\/p><\/div>\n<p>Unsere Gegenwart scheint vor allem eines zu sein: gepr\u00e4gt von Krieg, Zerst\u00f6rung, Flucht, Tod und Trauer. Der weltweit gr\u00f6\u00dfte und international anerkannte Wettbewerb f\u00fcr Pressefotografie zeigt dieses unverbl\u00fcmte Abbild unserer Zeit auf sehr eindringliche und radikale Weise. Wer sich noch bis zum 26. Juni die Gewinner des diesj\u00e4hrigen Presse Awards im Willy-Brandt-Haus in Berlin anschauen m\u00f6chte, sollte sich dar\u00fcber im Klaren sein. Das was tagt\u00e4glich \u00fcber die unterschiedlichsten Informationskan\u00e4le f\u00fcr einen kurzen Moment unsere Aufmerksamkeit erh\u00e4lt, ger\u00e4t nicht einfach in Vergessenheit, sondern zeigt sich bei der World Press Ausstellung in kuratiertem Gewand und vor allem in geballter Form.<\/p>\n<p>Die sonst stark verstreuten Bildbotschaften werden hier im zweiten Stock der SPD Parteizentrale im White Cube pr\u00e4sentiert. Auf den kargen wei\u00dfen W\u00e4nden, deren Anordnung und Aufteilung im Raum jeglichem \u00e4sthetischen und gestalterischen Empfinden entbehrt, h\u00e4ngen, in acht verschiedene Kategorien aufgeteilt, die gro\u00dfformatigen Fotografien. In beinahe allen Rubriken sind Fotos von gefl\u00fcchteten, verwundeten oder toten Menschen vertreten. Polizeigewalt in den USA, Bandenkriminalit\u00e4t in Honduras, B\u00fcrgerkrieg im Sudan, \u00fcberf\u00fcllte Fl\u00fcchtlingsboote. Und das Thema Nummer eins: Der Syrienkrieg.<\/p>\n<p>Brennende Autos, zerst\u00f6rte H\u00e4user, komplett zerbombte Stra\u00dfenz\u00fcge. Alles ist Schutt und Asche, nichts scheint mehr an seinem Ort zu sein. Zwischen den Ruinen erkennt man schemenhaft eine einsame Person am Ende der H\u00e4userflucht. Nebel &#8211; verzweifelte Gesichter versuchen mit letzter Kraft verwundete Menschen aus der Gefahrenzone zu tragen \u2013 vielleicht sind sie schon l\u00e4ngst tot. Der Blick auf eine Stadt am Abend. Qualm steigt auf. Ist es die untergehende Sonne, oder eine eingeschlagene Bombe, die den Horizont erhellt, w\u00e4hrend der sternenklare Himmel unscheinbar und teilnahmslos dar\u00fcber h\u00e4ngt? Die Bilder des Fotografen Sameer al Doumy zeigen alle einen kurzen Moment w\u00e4hrend des mittlerweile f\u00fcnfj\u00e4hrigen Krieges in Syrien, hier in Douma im S\u00fcdosten des Landes. Die Momente, die hier festgehalten wurden, stellen den Krieg und seine zerst\u00f6rerische Macht in n\u00fcchterner Klarheit aus. Manchmal wirken die Szenen fast wie arrangierte Settings des Kunstfotografen Jeff Wall, der bewusst mit der Unsicherheit des Authentizit\u00e4tsgehalts von Pressefotografien und insbesondere Kriegsfotografien spielt. Hier verschwimmen die Gattungsgrenzen von Presse-und Kunstfotografie auf eindrucksvolle Weise. So liegt den Aufnahmen des aus Douma stammenden al Doumy, eine bestimmte Botschaft zu Grunde, die auf perverse Weise den Wahnsinn und gleichzeitig die \u00c4sthetik des Krieges herausstellt.<a href=\"#_ftn1\" name=\"_ftnref1\">[1]<\/a> Weil ein Mensch mit westeurop\u00e4ischem Hintergrund sich jedoch meist keine Vorstellung dar\u00fcber machen kann, was er da vor sich sieht, stehen wir wie unbeteiligte Beobachter am anderen Ende der Welt und k\u00f6nnen lediglich eine \u201eVerschiebung vom dokumentarischen Sehen zum dokumentarischen F\u00fchlen\u201c wahrnehmen. <a href=\"#_ftn2\" name=\"_ftnref2\">[2]<\/a> Ein Gef\u00fchl der Empathie aber auch der Hilflosigkeit wird evoziert.<\/p>\n<p>Auch die Fotografien von Abd Doumany reihen sich in dieses Gef\u00fchl der Machtlosigkeit ein. Wie in der Pressefotografie \u00fcblich, stehen neben allen ausgestellten Abbildern kurze begleitende Texte mit Informationen zur Entstehung, zum Ort und Datum, die das Bild in einen konkreten Kontext einbinden und eine Art Zeugnis- oder Beweisfunktion innehaben. Doch genau genommen ben\u00f6tigen diese Motive keine Beschriftung oder Erkl\u00e4rung. Der Mann, der den leblosen, toten, blut\u00fcberstr\u00f6mten K\u00f6rper seiner Tochter auf dem Scho\u00df liegen hat und sie mit einem fragenden Blick anschaut, als ob er nicht begreift, was da vor sich geht &#8211; dieses Bild spricht f\u00fcr sich, es bedarf keines Nachweises. In ihm spricht der Wahnsinn des Krieges auf so eindringliche und ersch\u00fctternde Weise, dass das betretende Schweigen im Ausstellungsraum fast schon zu einer Beklemmung wird. Und vielleicht ist genau deshalb der Beweis, dass es sich um authentische Abbilder des Syrienkrieges handelt, nicht notwendig. Diese Fotos scheinen uns eher wie ein Mahnmal zu sein, welches daran erinnern m\u00f6chte, dass der Krieg eine Kraft besitzt, die der Mensch nicht begreifen kann.<\/p>\n<p>Ist es also eine reale oder konstruierte Wirklichkeit, die von den dokumentarischen Bildern erzeugt wird? Glauben wir der Filmemacherin Hito Steyerl, dann ist jede scheinbare Realit\u00e4t in solchen Fotos ein Konstrukt. \u201eDie dokumentarische Form bildet demnach nicht die Realit\u00e4t ab, sondern ihren eignen Willen zur Macht.\u201c<a href=\"#_ftn3\" name=\"_ftnref3\">[3]<\/a> Doch welche Macht geht von diesen Fotografien aus? Die Fotografien haben alle den Anspruch, ein m\u00f6glichst authentisches Abbild der Wirklichkeit ins Licht zu setzen. Dabei wird dem Fotografen die Rolle eines Zeugen zugeschrieben. Doch bei genauerer Betrachtung sind auch Pressefotografien nichts anderes als Moment-Inszenierungen. Es werden Wirklichkeitsbilder konstruiert, die auf komprimierte Weise einen komplexen Sachverhalt, in diesem Fall den Krieg in Syrien, in einer Fotografie f\u00fcr die Welt zug\u00e4nglich machen. Sie sollen ein Gef\u00fchl transportieren, welches uns die Grausamkeit des Krieges erahnen l\u00e4sst. Durch das subjektive Auge der Kamera wird ein Bild hervorgebracht, welches die scheinbare Realit\u00e4t von Millionen von Menschen auf die Bildschirme der Nachrichtensender, in die Foren der globalen Social-Media-Communities und auf die wei\u00dfen, kargen W\u00e4nde des Willy-Brandt-Hauses bringt.<\/p>\n<p>Brian O\u2019Doherty h\u00e4tte die H\u00e4ngung in White Cube Manier der 20er Jahre wahrscheinlich mit einem sterilen Krankenhausflur verglichen.<a href=\"#_ftn4\" name=\"_ftnref4\">[4]<\/a> Und angesichts der ungl\u00fccklichen Anordnung der hochwertigen Pressefotos w\u00e4re dieser Vergleich auch angemessen. Ohne jegliche Konzeptualisierung wird auf der einen Seite \u2013 wie eben beschrieben \u2013 der Krieg in allen seinen Facetten gezeigt und an der gegen\u00fcberliegenden Fensterfront h\u00e4ngen wie zum Trotz Sport- und Naturfotografien. Die schwarz-wei\u00dfen Unterwasserbilder von Anuar Patjane Floriuk zeigen eine Tauchercrew um einen riesigen Wal schwimmend. Ein imposantes Bild. Auf den Aufnahmen von Christian Ziegler zeigt sich die Natur von ihrer kuriosesten Seite. Farbenfrohe Cham\u00e4leons in Nahaufnahme. Der Anblick der traumatisierenden Kriegsabbildungen scheint diese Themen jedoch zwangsl\u00e4ufig in den Hintergrund zu dr\u00e4ngen \u2013 so, als w\u00e4ren es belanglose Angelegenheiten, die in der World Press auch noch irgendwo untergebracht werden mussten.<\/p>\n<p>Hier liegt die T\u00fccke der Ausstellungskonzeption. Anstatt die Kategorien f\u00fcr sich sprechen zu lassen, scheinen sie miteinander zu konkurrieren. Zumindest in der konkreten Ausstellungssituation im Willy-Brandt-Haus. Denn die Wanderausstellung wird in insgesamt 45 L\u00e4ndern gezeigt. Es bleibt zu hoffen, dass an den anderen Ausstellungsorten eine gelungenere Pr\u00e4sentation der Fotografien zu sehen sein wird. Eine Pr\u00e4sentationform, die allen Rubriken ihren Platz und auch Themen, wie die Rettung von Orang-Utans in den Regenw\u00e4ldern von Sumatra oder die Synchronschwimmer aus Schweden f\u00fcr sich sprechen l\u00e4sst. Denn diese Informationen treten nicht nur in der World Press Photo Ausstellung in den Hintergrund, sondern gehen auch meistens in der Nachrichtenflut des Alltags unter. Sollten wir diesen Momenten, die auch unser Leben bestimmen, dann nicht gerade bei solch einer Ausstellung ein wenig mehr Aufmerksamkeit schenken? Vor allem sollten wir sie nicht mit dem Krieg konkurrieren lassen, der unsere Sinne \u00fcberfordert und keinen Platz mehr f\u00fcr andere Themen l\u00e4sst.<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref1\" name=\"_ftn1\">[1]<\/a> Auf diesen Grenzgang machte schon Walter Benjamin in seiner medienkritischen Schrift \u201eDas Kunstwerk im Zeitalter seiner technischen Reproduzierbarkeit\u201c aufmerksam. F\u00fcr weitere Informationen siehe Walter Benjamin: Das Kunstwerk im Zeitalter seiner technischen Reproduzierbarkeit, in: Ders.: Illuminationen, S. 136-169, hier: 168f.<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref2\" name=\"_ftn2\">[2]<\/a> Hito Steyerl (2008): Die Farbe der Wahrheit. Dokumentarismen im Kunstfeld, Wien: Turia + Kant, S. 13.<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref3\" name=\"_ftn3\">[3]<\/a> Hito Steyerl (2008): Die Farbe der Wahrheit. Dokumentarismen im Kunstfeld, Wien: Turia + Kant, S. 10.<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref4\" name=\"_ftn4\">[4]<\/a> Brian O\u2019Doherty \u00fcber den White Cube: Brian O\u2019Doherty (1996): In der wei\u00dfen Zelle. Inside the White Cube\u201c Berlin: Merve.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<hr \/>\n<p>World Press Photo 2016<br \/>\n03. Juni \u2013 26. Juni 2016<\/p>\n<p>Willy-Brandt-Haus Berlin<br \/>\nWilhelmstra\u00dfe 140<br \/>\n10963 Berlin<\/p>\n<p><a href=\"http:\/\/www.worldpressphoto.org\/collection\/photo\/2016\">www.worldpressphoto.org<\/a><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Unsere Gegenwart scheint vor allem eines zu sein: gepr\u00e4gt von Krieg, Zerst\u00f6rung, Flucht, Tod und Trauer. Der weltweit gr\u00f6\u00dfte und international anerkannte Wettbewerb f\u00fcr Pressefotografie zeigt dieses unverbl\u00fcmte Abbild unserer Zeit auf sehr eindringliche und radikale Weise. Wer sich noch bis zum 26. 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Doch in diesem kleinen Amulett steckt eine gro\u00dfe Geschichte. Es erz\u00e4hlt von politischem Widerstand, von Flucht, Familie, Schmerz und Hoffnung und von einem Leben zwischen Damaskus, Beirut und Berlin.<\/span><\/p><p><span style=\\\"font-size: 20px;\\\">Das Amulett wurde von Fadil Al Saokal in einem syrischen Gef\u00e4ngnis gefertigt. Fadil war politischer H\u00e4ftling, verurteilt ohne Prozess zu elf Jahren Haft, gefoltert und erniedrigt, weil er sich in der Syrischen Kommunistischen Arbeiterpartei engagiert hatte. In der Haft schnitzte er aus einem Pfirsichkern ein Amulett. Auf der einen Seite sind zwei Friedenstauben zu sehen, auf der anderen ein florales Motiv, das eine islamische Erz\u00e4hlung aufgreift: Blumen, die selbst auf steinigem Boden aus Tr\u00e4nen erwachsen. Dieses kleine Kunstwerk ist mehr als eine Geste, es ist ein Lebenszeichen. Fadil lie\u00df es seiner Familie \u00fcbergeben, als sie ihn im Gef\u00e4ngnis besuchen durften. Der Pfirsichkern gelangte zu seinem Bruder Zakaria, der zu diesem Zeitpunkt bereits mit seiner Familie im Libanon im Exil lebte. Als auch Zakaria und seine Frau Fadia mit ihren vier Kindern das Land verlassen mussten, nahmen sie das Amulett mit als Andenken an den Bruder, als Symbol des Durchhaltens, als St\u00fcck Heimat.<\/span><\/p><p><span style=\\\"font-size: 20px;\\\">Die Familie kam 1990 nach Berlin \u00fcber Zypern, \u00fcber Umwege, unter Unsicherheit. Die erste Zeit war hart: ein beengtes Fl\u00fcchtlingsheim, strenge Regeln, wenig Perspektive. Und doch fanden sie langsam ihren Platz in Berlin, mit Deutschkursen, politischem Engagement und dem Versuch, in Deutschland Fu\u00df zu fassen, trotz aller H\u00fcrden und trotz des Gef\u00fchls, fremd zu bleiben. \u201eMan braucht das Gef\u00fchl, dass einem etwas geh\u00f6rt\u201c, sagte Fadia Al Saokal Jahre sp\u00e4ter. \u201eAber uns geh\u00f6rt gar nichts hier \u2026 es gibt leere Seiten, die muss man f\u00fcllen.\u201c Aus diesen leeren Seiten wurde Geschichte. Die Kinder der Familie studierten, machten Ausbildungen und fanden ihren Weg. Und der kleine geschnitzte Pfirsichkern fand seinen Weg ins Museum, als stiller Zeuge einer gro\u00dfen Reise.<\/span><\/p><p><span style=\\\"font-size: 20px;\\\">F\u00fcr den neunj\u00e4hrigen Isyan, der 2024 mit seiner Schulklasse die Ausstellung besucht, ist das Amulett mehr als ein historisches Objekt. Es erinnert ihn an seinen Vater Turgay, der aus der T\u00fcrkei nach Berlin kam, ebenfalls als politischer Gefangener, ebenfalls \u00fcber viele Umwege. Auch seine Geschichte ist von Repression, Flucht und Neubeginn gepr\u00e4gt. Auch er lebt in Neuk\u00f6lln, hat seine Spuren hinterlassen mit einem Caf\u00e9, das zum Treffpunkt wurde, und mit Geschichten, die weitergetragen werden. So steht der Pfirsichkern heute nicht nur f\u00fcr die Geschichte einer Familie, sondern f\u00fcr viel \u2013 f\u00fcr Mut, Widerstand, Verlust und Neuanfang. Er zeigt, dass selbst in der Enge einer Gef\u00e4ngniszelle etwas entstehen kann, das Hoffnung tr\u00e4gt, und nutzt die Metapher, dass selbst aus einem Kern ein neues Leben erwachsen kann. Das Amulett wurde dem Museum 1992 von Zakaria Al Saokal gespendet und ist Teil der Dauerausstellung <em>99 x Neuk\u00f6lln<\/em>. In ihr erz\u00e4hlen Alltagsobjekte pers\u00f6nliche Geschichten von Flucht, Ankommen und Zugeh\u00f6rigkeit in einem vielf\u00e4ltigen Berliner Bezirk.<\/span><\/p>\",\r\n      \"align\": \"bottom\",\r\n      \"row\": 3,\r\n      \"col\": 2,\r\n      \"colspan\": 17,\r\n      \"offsetx\": 0,\r\n      \"offsety\": 0,\r\n      \"spaceabove\": 0,\r\n      \"spacebelow\": 0,\r\n      \"yvel\": 1,\r\n      \"push\": 2,\r\n      \"relid\": 757,\r\n      \"frameOverflow\": \"\",\r\n      \"absolute_position\": false\r\n    },\r\n    {\r\n      \"type\": \"text\",\r\n      \"cont\": \"<p><span style=\\\"font-size: 20px; letter-spacing: 0.1em;\\\">Einblicke in die Ausstellungspraxis: <em>99 x Neuk\u00f6lln<\/em> im Museum Neuk\u00f6lln<\/span><\/p>\",\r\n      \"align\": \"middle\",\r\n      \"row\": 4,\r\n      \"col\": 1,\r\n      \"colspan\": 18,\r\n      \"offsetx\": 0,\r\n      \"offsety\": 0,\r\n      \"spaceabove\": 0,\r\n      \"spacebelow\": 0,\r\n      \"yvel\": 1,\r\n      \"push\": 1,\r\n      \"relid\": 8,\r\n      \"absolute_position\": false,\r\n      \"frameOverflow\": \"\"\r\n    },\r\n    {\r\n      \"type\": \"text\",\r\n      \"cont\": \"<p><span style=\\\"font-size: 20px;\\\">Im Zentrum der Ausstellung stehen 99 Originalobjekte aus der Sammlung des Museums Neuk\u00f6lln. Diese dinglichen Zeitzeugen er\u00f6ffnen Besucher:innen grundlegende Einblicke in die Geschichte und Gegenwart des Bezirks. Statt einer linearen Chronologie oder eines Fortschrittsnarrativs setzt die Ausstellung auf eine fragmentarische, assoziative Erz\u00e4hlweise, die die Vielfalt der Neuk\u00f6llner Lebensrealit\u00e4ten widerspiegelt. Pers\u00f6nliche Erz\u00e4hlungen stehen im Mittelpunkt. Viele stammen aus Interviews mit den Menschen hinter den Objekten. So sprechen die Subjekte selbst \u00fcber ihre Geschichte, ihre Hoffnungen und Erfahrungen. Die Ausstellung gibt ihnen eine Stimme und zeigt das Verh\u00e4ltnis zwischen Objekt und Lebensgeschichte als untrennbar verbunden. Die kleinen Gegenst\u00e4nde werden zu Zeugen von Widerstand, Flucht, Familie und Identit\u00e4t.<\/span><\/p><p><span style=\\\"font-size: 20px;\\\">Die Ausstellung nutzt unterschiedliche Medien: Wei\u00dfe Vitrinen pr\u00e4sentieren die Objekte, begleitet von klaren, reduzierten Texten. Erg\u00e4nzt wird dies durch interaktive Computerterminals und einen zentralen, drehbaren Bildschirm, der den digitalen Zugang zu Hintergrundinformationen, Fotografien, Filmen und Tondokumenten erm\u00f6glicht. Spielerische Elemente wie Quizfragen machen den Besuch f\u00fcr alle Altersgruppen zug\u00e4nglich und unterhaltsam. Die \u00c4sthetik ist bewusst zur\u00fcckhaltend. Sie unterst\u00fctzt die emotionale Wirkung der Geschichten, ohne zu \u00fcberfordern oder zu \u00fcberinszenieren. Dabei zeigt die Ausstellung Br\u00fcche und Gegens\u00e4tze: Hoffnung trotz Unterdr\u00fcckung, Enge im Fl\u00fcchtlingsheim trotz Sehnsucht nach Freiheit, Verlorenes und neu Erschaffenes. Diese Spannungen machen das Ausstellungserlebnis lebendig.<\/span><\/p><p><span style=\\\"font-size: 20px;\\\">Die Ausstellung wurde vom Museum Neuk\u00f6lln initiiert, das als kommunale Einrichtung unter dem Bezirksamt Neuk\u00f6lln mit Kulturf\u00f6rderung des Landes Berlin betrieben wird. Die Finanzierung erfolgt aus Mitteln des Bezirks und des Landes Berlin. Zus\u00e4tzlich werden projektbezogene Drittmittel, etwa von der Stiftung Deutsche Klassenlotterie Berlin, f\u00fcr digitale Vermittlungsformate und Sonderprojekte genutzt. Das Publikum wird nicht linear durch die Ausstellung gef\u00fchrt, sondern bewegt sich frei zwischen den Vitrinen und Medien. Diese offene Struktur l\u00e4dt zum selbstbestimmten Entdecken ein und entspricht der komplexen Realit\u00e4t einer migrationsgepr\u00e4gten Stadtgesellschaft. <em>99 x Neuk\u00f6lln<\/em> ist ein Ort der Orientierung und Begegnung, ein Raum, der Erinnerung, Identit\u00e4t und Teilhabe verhandelt.<\/span><\/p><p><span style=\\\"font-size: 20px;\\\">Die Ausstellung reiht sich ein in eine museale Praxis, die tradierte Ausstellungsweisen hinterfragt, indem sie keine klassischen Kunstwerke zeigt, sondern alltagsgeschichtliche Objekte mit pers\u00f6nlicher Erz\u00e4hlkraft. Sie ist informativ, assoziativ und wirkungsorientiert zugleich. Sie macht deutlich, dass Geschichte nicht abstrakt ist, sondern in den Geschichten von Menschen lebendig wird. So bleibt der Pfirsichkern nicht nur ein stilles Ausstellungsst\u00fcck, sondern ein lebendiges Symbol daf\u00fcr, dass selbst im kleinsten Kern die Kraft zur Ver\u00e4nderung, zum Erinnern und zum Weitertragen von Hoffnung liegt.<\/span><\/p>\",\r\n      \"align\": \"top\",\r\n      \"row\": 5,\r\n      \"col\": 2,\r\n      \"colspan\": 17,\r\n      \"offsetx\": 0,\r\n      \"offsety\": 0,\r\n      \"spaceabove\": 0,\r\n      \"spacebelow\": 0,\r\n      \"yvel\": 1,\r\n      \"push\": 2,\r\n      \"relid\": 22,\r\n      \"absolute_position\": false,\r\n      \"textAnimation\": {\r\n        \"enableTextAnimation\": false\r\n      },\r\n      \"frameOverflow\": \"\"\r\n    },\r\n    {\r\n      \"type\": \"text\",\r\n      \"cont\": \"<p style=\\\"line-height: 1;\\\"><span style=\\\"font-size: 15px;\\\"><em>99 x Neuk\u00f6lln<\/em><\/span><br \/><span style=\\\"font-size: 15px;\\\">Dauerausstellung<\/span><\/p><p style=\\\"line-height: 1;\\\"><span style=\\\"font-size: 15px;\\\">Museum Neuk\u00f6lln<\/span><br \/><span style=\\\"font-size: 15px;\\\">Alt-Britz 81<\/span><br \/><span style=\\\"font-size: 15px;\\\">12359 Berlin<\/span><\/p><p style=\\\"line-height: 1;\\\"><span style=\\\"font-size: 15px;\\\">\u00d6ffnungszeiten: Montag bis Sonntag 10-18 Uhr<\/span><br \/><span style=\\\"font-size: 15px;\\\">Eintritt: frei<\/span><br \/><span style=\\\"font-size: 15px;\\\"><a href=\\\"http:\/\/www.schloss-gutshof-britz.de\/museum-neukoelln\\\">www.schloss-gutshof-britz.de\/museum-neukoelln<\/a><\/span><br \/><a href=\\\"https:\/\/schloss-gutshof-britz.de\/museum-neukoelln\\\"><span style=\\\"font-size: 10px;\\\"><span style=\\\"font-size: 15px;\\\">https:\/\/schloss-gutshof-britz.de\/museum-neukoelln<\/span><\/span><\/a><\/p>\",\r\n      \"align\": \"top\",\r\n      \"row\": 6,\r\n      \"col\": 4,\r\n      \"colspan\": 8,\r\n      \"offsetx\": 0,\r\n      \"offsety\": 0,\r\n      \"spaceabove\": 0,\r\n      \"spacebelow\": 0,\r\n      \"yvel\": 1,\r\n      \"push\": 4,\r\n      \"relid\": 1349,\r\n      \"frameOverflow\": \"\",\r\n      \"absolute_position\": false\r\n    }\r\n  ]\r\n}","phonegrid":"","jetpack_sharing_enabled":true,"jetpack_shortlink":"https:\/\/wp.me\/p7ChHw-jC","jetpack-related-posts":[{"id":1185,"url":"https:\/\/www2.hu-berlin.de\/ausstellungskritik\/99-x-neukoelln-museum-neukoelln-2\/","url_meta":{"origin":1216,"position":0},"title":"99 x Neuk\u00f6lln, Museum Neuk\u00f6lln","author":"Die Redaktion","date":"5. 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