{"id":778,"date":"2016-06-16T21:27:15","date_gmt":"2016-06-16T19:27:15","guid":{"rendered":"https:\/\/www2.hu-berlin.de\/ausstellungskritik\/resetmodernity-2\/"},"modified":"2025-07-17T11:26:28","modified_gmt":"2025-07-17T09:26:28","slug":"michelverjux","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www2.hu-berlin.de\/ausstellungskritik\/michelverjux\/","title":{"rendered":"Michel Verjux, Tieranatomisches Theater"},"content":{"rendered":"<div id=\"attachment_332\" style=\"width: 3226px\" class=\"wp-caption alignnone\"><img data-recalc-dims=\"1\" loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-332\" data-attachment-id=\"332\" data-permalink=\"https:\/\/www2.hu-berlin.de\/ausstellungskritik\/worldpressphoto\/weitzel_white_cube_2\/\" data-orig-file=\"https:\/\/i0.wp.com\/www2.hu-berlin.de\/ausstellungskritik\/wp-content\/uploads\/2016\/07\/weitzel_white_cube_2.jpg?fit=3216%2C2448&amp;ssl=1\" data-orig-size=\"3216,2448\" data-comments-opened=\"1\" data-image-meta=\"{&quot;aperture&quot;:&quot;2.8&quot;,&quot;credit&quot;:&quot;&quot;,&quot;camera&quot;:&quot;FinePix S8000fd&quot;,&quot;caption&quot;:&quot;&quot;,&quot;created_timestamp&quot;:&quot;1464962608&quot;,&quot;copyright&quot;:&quot;&quot;,&quot;focal_length&quot;:&quot;4.7&quot;,&quot;iso&quot;:&quot;200&quot;,&quot;shutter_speed&quot;:&quot;0.011764705882353&quot;,&quot;title&quot;:&quot;&quot;,&quot;orientation&quot;:&quot;1&quot;}\" data-image-title=\"weitzel_white_cube_2\" data-image-description=\"\" data-image-caption=\"&lt;p&gt;World Press Ausstellung 2016 im Willy-Brandt-Haus Berlin&lt;\/p&gt;\n\" data-medium-file=\"https:\/\/i0.wp.com\/www2.hu-berlin.de\/ausstellungskritik\/wp-content\/uploads\/2016\/07\/weitzel_white_cube_2.jpg?fit=150%2C114&amp;ssl=1\" data-large-file=\"https:\/\/i0.wp.com\/www2.hu-berlin.de\/ausstellungskritik\/wp-content\/uploads\/2016\/07\/weitzel_white_cube_2.jpg?fit=1024%2C779&amp;ssl=1\" class=\"size-full wp-image-332\" src=\"https:\/\/i0.wp.com\/www2.hu-berlin.de\/ausstellungskritik\/wp-content\/uploads\/2016\/07\/weitzel_white_cube_2.jpg?resize=3216%2C2448&#038;ssl=1\" alt=\"World Press Ausstellung 2016 im Willy-Brandt-Haus Berlin\" width=\"3216\" height=\"2448\" srcset=\"https:\/\/i0.wp.com\/www2.hu-berlin.de\/ausstellungskritik\/wp-content\/uploads\/2016\/07\/weitzel_white_cube_2.jpg?w=3216&amp;ssl=1 3216w, https:\/\/i0.wp.com\/www2.hu-berlin.de\/ausstellungskritik\/wp-content\/uploads\/2016\/07\/weitzel_white_cube_2.jpg?resize=300%2C228&amp;ssl=1 300w, https:\/\/i0.wp.com\/www2.hu-berlin.de\/ausstellungskritik\/wp-content\/uploads\/2016\/07\/weitzel_white_cube_2.jpg?resize=1024%2C779&amp;ssl=1 1024w, https:\/\/i0.wp.com\/www2.hu-berlin.de\/ausstellungskritik\/wp-content\/uploads\/2016\/07\/weitzel_white_cube_2.jpg?resize=973%2C741&amp;ssl=1 973w, https:\/\/i0.wp.com\/www2.hu-berlin.de\/ausstellungskritik\/wp-content\/uploads\/2016\/07\/weitzel_white_cube_2.jpg?resize=508%2C387&amp;ssl=1 508w, https:\/\/i0.wp.com\/www2.hu-berlin.de\/ausstellungskritik\/wp-content\/uploads\/2016\/07\/weitzel_white_cube_2.jpg?w=2000&amp;ssl=1 2000w, https:\/\/i0.wp.com\/www2.hu-berlin.de\/ausstellungskritik\/wp-content\/uploads\/2016\/07\/weitzel_white_cube_2.jpg?w=3000&amp;ssl=1 3000w\" sizes=\"auto, (max-width: 1000px) 100vw, 1000px\" \/><p id=\"caption-attachment-332\" class=\"wp-caption-text\">World Press Ausstellung 2016 im Willy-Brandt-Haus Berlin<\/p><\/div>\n<p>Unsere Gegenwart scheint vor allem eines zu sein: gepr\u00e4gt von Krieg, Zerst\u00f6rung, Flucht, Tod und Trauer. Der weltweit gr\u00f6\u00dfte und international anerkannte Wettbewerb f\u00fcr Pressefotografie zeigt dieses unverbl\u00fcmte Abbild unserer Zeit auf sehr eindringliche und radikale Weise. Wer sich noch bis zum 26. Juni die Gewinner des diesj\u00e4hrigen Presse Awards im Willy-Brandt-Haus in Berlin anschauen m\u00f6chte, sollte sich dar\u00fcber im Klaren sein. Das was tagt\u00e4glich \u00fcber die unterschiedlichsten Informationskan\u00e4le f\u00fcr einen kurzen Moment unsere Aufmerksamkeit erh\u00e4lt, ger\u00e4t nicht einfach in Vergessenheit, sondern zeigt sich bei der World Press Ausstellung in kuratiertem Gewand und vor allem in geballter Form.<\/p>\n<p>Die sonst stark verstreuten Bildbotschaften werden hier im zweiten Stock der SPD Parteizentrale im White Cube pr\u00e4sentiert. Auf den kargen wei\u00dfen W\u00e4nden, deren Anordnung und Aufteilung im Raum jeglichem \u00e4sthetischen und gestalterischen Empfinden entbehrt, h\u00e4ngen, in acht verschiedene Kategorien aufgeteilt, die gro\u00dfformatigen Fotografien. In beinahe allen Rubriken sind Fotos von gefl\u00fcchteten, verwundeten oder toten Menschen vertreten. Polizeigewalt in den USA, Bandenkriminalit\u00e4t in Honduras, B\u00fcrgerkrieg im Sudan, \u00fcberf\u00fcllte Fl\u00fcchtlingsboote. Und das Thema Nummer eins: Der Syrienkrieg.<\/p>\n<p>Brennende Autos, zerst\u00f6rte H\u00e4user, komplett zerbombte Stra\u00dfenz\u00fcge. Alles ist Schutt und Asche, nichts scheint mehr an seinem Ort zu sein. Zwischen den Ruinen erkennt man schemenhaft eine einsame Person am Ende der H\u00e4userflucht. Nebel &#8211; verzweifelte Gesichter versuchen mit letzter Kraft verwundete Menschen aus der Gefahrenzone zu tragen \u2013 vielleicht sind sie schon l\u00e4ngst tot. Der Blick auf eine Stadt am Abend. Qualm steigt auf. Ist es die untergehende Sonne, oder eine eingeschlagene Bombe, die den Horizont erhellt, w\u00e4hrend der sternenklare Himmel unscheinbar und teilnahmslos dar\u00fcber h\u00e4ngt? Die Bilder des Fotografen Sameer al Doumy zeigen alle einen kurzen Moment w\u00e4hrend des mittlerweile f\u00fcnfj\u00e4hrigen Krieges in Syrien, hier in Douma im S\u00fcdosten des Landes. Die Momente, die hier festgehalten wurden, stellen den Krieg und seine zerst\u00f6rerische Macht in n\u00fcchterner Klarheit aus. Manchmal wirken die Szenen fast wie arrangierte Settings des Kunstfotografen Jeff Wall, der bewusst mit der Unsicherheit des Authentizit\u00e4tsgehalts von Pressefotografien und insbesondere Kriegsfotografien spielt. Hier verschwimmen die Gattungsgrenzen von Presse-und Kunstfotografie auf eindrucksvolle Weise. So liegt den Aufnahmen des aus Douma stammenden al Doumy, eine bestimmte Botschaft zu Grunde, die auf perverse Weise den Wahnsinn und gleichzeitig die \u00c4sthetik des Krieges herausstellt.<a href=\"#_ftn1\" name=\"_ftnref1\">[1]<\/a> Weil ein Mensch mit westeurop\u00e4ischem Hintergrund sich jedoch meist keine Vorstellung dar\u00fcber machen kann, was er da vor sich sieht, stehen wir wie unbeteiligte Beobachter am anderen Ende der Welt und k\u00f6nnen lediglich eine \u201eVerschiebung vom dokumentarischen Sehen zum dokumentarischen F\u00fchlen\u201c wahrnehmen. <a href=\"#_ftn2\" name=\"_ftnref2\">[2]<\/a> Ein Gef\u00fchl der Empathie aber auch der Hilflosigkeit wird evoziert.<\/p>\n<p>Auch die Fotografien von Abd Doumany reihen sich in dieses Gef\u00fchl der Machtlosigkeit ein. Wie in der Pressefotografie \u00fcblich, stehen neben allen ausgestellten Abbildern kurze begleitende Texte mit Informationen zur Entstehung, zum Ort und Datum, die das Bild in einen konkreten Kontext einbinden und eine Art Zeugnis- oder Beweisfunktion innehaben. Doch genau genommen ben\u00f6tigen diese Motive keine Beschriftung oder Erkl\u00e4rung. Der Mann, der den leblosen, toten, blut\u00fcberstr\u00f6mten K\u00f6rper seiner Tochter auf dem Scho\u00df liegen hat und sie mit einem fragenden Blick anschaut, als ob er nicht begreift, was da vor sich geht &#8211; dieses Bild spricht f\u00fcr sich, es bedarf keines Nachweises. In ihm spricht der Wahnsinn des Krieges auf so eindringliche und ersch\u00fctternde Weise, dass das betretende Schweigen im Ausstellungsraum fast schon zu einer Beklemmung wird. Und vielleicht ist genau deshalb der Beweis, dass es sich um authentische Abbilder des Syrienkrieges handelt, nicht notwendig. Diese Fotos scheinen uns eher wie ein Mahnmal zu sein, welches daran erinnern m\u00f6chte, dass der Krieg eine Kraft besitzt, die der Mensch nicht begreifen kann.<\/p>\n<p>Ist es also eine reale oder konstruierte Wirklichkeit, die von den dokumentarischen Bildern erzeugt wird? Glauben wir der Filmemacherin Hito Steyerl, dann ist jede scheinbare Realit\u00e4t in solchen Fotos ein Konstrukt. \u201eDie dokumentarische Form bildet demnach nicht die Realit\u00e4t ab, sondern ihren eignen Willen zur Macht.\u201c<a href=\"#_ftn3\" name=\"_ftnref3\">[3]<\/a> Doch welche Macht geht von diesen Fotografien aus? Die Fotografien haben alle den Anspruch, ein m\u00f6glichst authentisches Abbild der Wirklichkeit ins Licht zu setzen. Dabei wird dem Fotografen die Rolle eines Zeugen zugeschrieben. Doch bei genauerer Betrachtung sind auch Pressefotografien nichts anderes als Moment-Inszenierungen. Es werden Wirklichkeitsbilder konstruiert, die auf komprimierte Weise einen komplexen Sachverhalt, in diesem Fall den Krieg in Syrien, in einer Fotografie f\u00fcr die Welt zug\u00e4nglich machen. Sie sollen ein Gef\u00fchl transportieren, welches uns die Grausamkeit des Krieges erahnen l\u00e4sst. Durch das subjektive Auge der Kamera wird ein Bild hervorgebracht, welches die scheinbare Realit\u00e4t von Millionen von Menschen auf die Bildschirme der Nachrichtensender, in die Foren der globalen Social-Media-Communities und auf die wei\u00dfen, kargen W\u00e4nde des Willy-Brandt-Hauses bringt.<\/p>\n<p>Brian O\u2019Doherty h\u00e4tte die H\u00e4ngung in White Cube Manier der 20er Jahre wahrscheinlich mit einem sterilen Krankenhausflur verglichen.<a href=\"#_ftn4\" name=\"_ftnref4\">[4]<\/a> Und angesichts der ungl\u00fccklichen Anordnung der hochwertigen Pressefotos w\u00e4re dieser Vergleich auch angemessen. Ohne jegliche Konzeptualisierung wird auf der einen Seite \u2013 wie eben beschrieben \u2013 der Krieg in allen seinen Facetten gezeigt und an der gegen\u00fcberliegenden Fensterfront h\u00e4ngen wie zum Trotz Sport- und Naturfotografien. Die schwarz-wei\u00dfen Unterwasserbilder von Anuar Patjane Floriuk zeigen eine Tauchercrew um einen riesigen Wal schwimmend. Ein imposantes Bild. Auf den Aufnahmen von Christian Ziegler zeigt sich die Natur von ihrer kuriosesten Seite. Farbenfrohe Cham\u00e4leons in Nahaufnahme. Der Anblick der traumatisierenden Kriegsabbildungen scheint diese Themen jedoch zwangsl\u00e4ufig in den Hintergrund zu dr\u00e4ngen \u2013 so, als w\u00e4ren es belanglose Angelegenheiten, die in der World Press auch noch irgendwo untergebracht werden mussten.<\/p>\n<p>Hier liegt die T\u00fccke der Ausstellungskonzeption. Anstatt die Kategorien f\u00fcr sich sprechen zu lassen, scheinen sie miteinander zu konkurrieren. Zumindest in der konkreten Ausstellungssituation im Willy-Brandt-Haus. Denn die Wanderausstellung wird in insgesamt 45 L\u00e4ndern gezeigt. Es bleibt zu hoffen, dass an den anderen Ausstellungsorten eine gelungenere Pr\u00e4sentation der Fotografien zu sehen sein wird. Eine Pr\u00e4sentationform, die allen Rubriken ihren Platz und auch Themen, wie die Rettung von Orang-Utans in den Regenw\u00e4ldern von Sumatra oder die Synchronschwimmer aus Schweden f\u00fcr sich sprechen l\u00e4sst. Denn diese Informationen treten nicht nur in der World Press Photo Ausstellung in den Hintergrund, sondern gehen auch meistens in der Nachrichtenflut des Alltags unter. Sollten wir diesen Momenten, die auch unser Leben bestimmen, dann nicht gerade bei solch einer Ausstellung ein wenig mehr Aufmerksamkeit schenken? Vor allem sollten wir sie nicht mit dem Krieg konkurrieren lassen, der unsere Sinne \u00fcberfordert und keinen Platz mehr f\u00fcr andere Themen l\u00e4sst.<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref1\" name=\"_ftn1\">[1]<\/a> Auf diesen Grenzgang machte schon Walter Benjamin in seiner medienkritischen Schrift \u201eDas Kunstwerk im Zeitalter seiner technischen Reproduzierbarkeit\u201c aufmerksam. F\u00fcr weitere Informationen siehe Walter Benjamin: Das Kunstwerk im Zeitalter seiner technischen Reproduzierbarkeit, in: Ders.: Illuminationen, S. 136-169, hier: 168f.<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref2\" name=\"_ftn2\">[2]<\/a> Hito Steyerl (2008): Die Farbe der Wahrheit. Dokumentarismen im Kunstfeld, Wien: Turia + Kant, S. 13.<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref3\" name=\"_ftn3\">[3]<\/a> Hito Steyerl (2008): Die Farbe der Wahrheit. Dokumentarismen im Kunstfeld, Wien: Turia + Kant, S. 10.<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref4\" name=\"_ftn4\">[4]<\/a> Brian O\u2019Doherty \u00fcber den White Cube: Brian O\u2019Doherty (1996): In der wei\u00dfen Zelle. Inside the White Cube\u201c Berlin: Merve.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<hr \/>\n<p>World Press Photo 2016<br \/>\n03. Juni \u2013 26. Juni 2016<\/p>\n<p>Willy-Brandt-Haus Berlin<br \/>\nWilhelmstra\u00dfe 140<br \/>\n10963 Berlin<\/p>\n<p><a href=\"http:\/\/www.worldpressphoto.org\/collection\/photo\/2016\">www.worldpressphoto.org<\/a><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Unsere Gegenwart scheint vor allem eines zu sein: gepr\u00e4gt von Krieg, Zerst\u00f6rung, Flucht, Tod und Trauer. Der weltweit gr\u00f6\u00dfte und international anerkannte Wettbewerb f\u00fcr Pressefotografie zeigt dieses unverbl\u00fcmte Abbild unserer Zeit auf sehr eindringliche und radikale Weise. Wer sich noch bis zum 26. 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Er f\u00e4llt durch die runde Decken\u00f6ffnung und die hohe Fensterreihe und ergreift Besitz von dem leeren Auditorium. Wer den Saal erwartungsvoll betritt, um der Lichtinstallation des franz\u00f6sischen K\u00fcnstlers Michel Verjux beizuwohnen, wird geblendet von seiner strahlenden Helligkeit. Langsam und and\u00e4chtig wagt man sich daher vorw\u00e4rts und erklimmt behutsam, um ja kein Ger\u00e4usch zu verursachen, die Treppe zu den Zuschauerreihen. Als fordere die optische Stille nach akustischer Ruhe. Erst nach einigen Momenten des Wartens und des tastenden Sehens gibt das helle Sonnenlicht ein wenig Raum f\u00fcr die Wahrnehmungen der Besucher*innen frei. Was sich wei\u00df und blendend er\u00f6ffnet hat, wird nun von Details durchsetzt. Die Verzierungen an den stufenf\u00f6rmigen Sitzreihen zeichnen Konturen in den reinen Raum. Sie werfen Schatten und durchziehen ihn mit Struktur. Struktur, die erneut von Licht durchbrochen wird: Das k\u00fcnstliche Wei\u00dflicht der Installation wirft frontal einen gro\u00dfen Kreis auf die Besucherreihen des H\u00f6rsaals. Fast unmerklich treten diejenigen, die auf den B\u00e4nken Platz genommen haben, in die Installation ein. Der Raum der Besucher*innen und der Raum des Kunstwerks werden \u00fcberblendet. Nur durch seinen zartbl\u00e4ulichen Farbrand kann sich der Lichtkreis dann \u00fcberhaupt als solcher im hellen Sonnenlicht zeichnen. Figur und Grund unterscheiden sich in dieser Anordnung nur minimal. Als Licht betrachtet gehen sie ineinander \u00fcber, brechen nur an ihren Kanten auseinander.<\/span><\/p><p style=\\\"line-height: 1;\\\"><span style=\\\"font-size: 20px;\\\">Ohne Licht kann es keine Ausstellung geben. Die Installation f\u00fchrt diese elementare Erkenntnis an sich selbst vor. Doch auch jede andere Ausstellung ist auf Licht und Beleuchtung angewiesen, um Wirkungen zu erzielen. Exponate und Ausstellungsobjekte werden so in Szene gesetzt. Ihre Eindr\u00fccklichkeit ist nicht nur aus sich selbst heraus intensiv, sondern muss durch die Gestaltung der Ausstellung realisiert werden. Sie erfolgt nicht nur \u00fcber kuratorische, sondern auch \u00fcber handwerkliche und mitunter sehr technische Entscheidungen wie der Beleuchtung, deren Wirkungen gern unter Begriffen wie dem der Aura verschl\u00fcsselt werden. Aura zu \u201eatmen\u201c hei\u00dft f\u00fcr Walter Benjamin zum Beispiel \u201eeinem Zweig [zu] folgen, der seinen Schatten auf den Ruhenden wirft\u201c.<a name=\\\"_ednref\\\"><\/a><a href=\\\"https:\/\/www2.hu-berlin.de\/ausstellungskritik\/414\/#_edn1\\\">[i]<\/a>\u00a0Umgangssprachlich wird der Begriff der Aura auch synonym mit \u201eAusstrahlung\u201c verwendet. Strahlen und Schatten als Spielarten des Lichts, die f\u00fcr eine Atmosph\u00e4re des Hier und Jetzt, der Pr\u00e4senz, der Nicht-Reproduzierbarkeit, also f\u00fcr Affizierung sorgen.<\/span><\/p><p style=\\\"line-height: 1;\\\"><span style=\\\"font-size: 20px;\\\">Im dramaturgischen Handeln mit Licht und Beleuchtung arbeiten Ausstellungen mit und gegen dieses Licht. H\u00e4ufig wird es gez\u00e4hmt, soll nicht blenden, spiegeln, oder Schatten werfen. Ausstellungsr\u00e4ume eignen sich haupts\u00e4chlich dann als solche, wenn sie das nat\u00fcrliche Licht kontrollieren lassen. Die ausgestellten Objekte sollen dem Licht nicht ungefiltert ausgesetzt sein. Techniken des Ausstellens b\u00fcndeln es so, dass es nur indirekt einwirkt und kostbare Exponate nicht besch\u00e4digt. Gleichzeitig ist eine gute Beleuchtung elementarer Bestandteil des Ausstellens. Eine als nat\u00fcrlich wahrgenommene, weiche und indirekte Beleuchtung tritt hinter dem ausgestellten Exponat zur\u00fcck. Ihr liegt eine Form der Inszenierung zugrunde, die sich zwar im Hintergrund, aber nicht weniger wirkungsvoll im Hantieren mit Mattglas, Vorh\u00e4ngen und Blendschutzklappen abspielt.<\/span><\/p><p style=\\\"line-height: 1;\\\"><span style=\\\"font-size: 20px;\\\">Ist es dann nur konsequent, dass sich Michel Verjux\u2019 Wei\u00dflichtprojektionen noch einem zweiten Raum im Tieranatomischen Theater widmen? Es handelt sich um die Werkstatt des Theaters, die sich in der gleichen Etage wie der H\u00f6rsaal befindet und dennoch sein Gegenst\u00fcck darzustellen scheint. Normalerweise ist sie f\u00fcr Besucher*innen verschlossen, weshalb am Eingang zur Ausstellung freundlich darauf verwiesen wird, wie sie zu finden ist. Hier lagern Pappkartons, Werkzeuge, \u00dcberreste von vergangenen Ausstellungen und Veranstaltungen. Verschiedenste Materialen, Holzpaletten und Glasscheiben stapeln sich auf und neben den Tischen. In diese Szenerie hat Michel Verjux den gleichen runden Wei\u00dflichtstrahl gerichtet wie in den schmucken H\u00f6rsaal. Dieser Lichtkreis verschwimmt nicht mit dem Hintergrund, sondern dringt auf ihn ein. Seine Verwandtschaft mit optischen Medien wie der Lupe oder der Taschenlampe, die dazu dienen ein Sichtfeld zu er\u00f6ffnen, das sonst verborgen bliebe, scheint an dieser Stelle keine ferne zu sein. Der Raum, an dem sich normalerweise die technischen Prozesse von Ausstellungen abspielen, der neben den hellen, klaren Repr\u00e4sentationsr\u00e4umen dunkel und verschlossen bleibt, wird vom hellen Lichtkreis zum gleichberechtigten Schauplatz der Ausstellung erkl\u00e4rt. Im Licht der Installation betrachtet werden B\u00fchne und Werkstatt als zusammengeh\u00f6riges Ensemble erkennbar. Umso bemerkenswerter, dass der Lichtstrahl im eigentlichen Nicht-Ort der Ausstellung eine weitaus eindrucksvollere Wirkung erzielen kann, als im ohnehin schon spektakul\u00e4ren H\u00f6rsaal. Hier gelingt es ihnen, eine Reihe grundlegender Fragen aufzuwerfen. Muss das k\u00fcnstliche Licht sich hier nicht mit der Ausstrahlung des neoklassizistischen H\u00f6rsaals arrangieren? Liegt es daran, dass in der zweiten Szene der Installation der Raum der Zuschauer*innen und der Raum der Installation wie in klar voneinander getrennt sind? Kann das, was im Abwesenden einer jeden Ausstellung passiert, nur dann als Teil einer Ausstellung gew\u00fcrdigt werden, wenn es durch mediale Distanz sichtbar gemacht wird?<\/span><\/p><p style=\\\"line-height: 1;\\\"><span style=\\\"font-size: 20px;\\\">Die beiden Scheinwerfer, die das Tieranatomische Theater f\u00fcr zwei Tage in Besitz genommen haben, lassen erscheinen, dass Ausstellungen auf allen Ebenen von den Wirkm\u00e4chten von Medien durchzogen sind. Ohne Antworten geben zu wollen, deuten sie nur an, was geschehen k\u00f6nnte, wenn diese Medien Erwartungen durchbrechen und nicht nur als V\u201aermittler f\u00fcr die Ausstellung arbeiten, sondern sich als deren konstitutiven Kr\u00e4fte zu erkennen geben.<\/span><\/p><p>\u00a0<\/p><p style=\\\"line-height: 1;\\\"><span style=\\\"font-size: 20px;\\\"><a href=\\\"https:\/\/www2.hu-berlin.de\/ausstellungskritik\/414\/#_ednref\\\">[i]<\/a>\u00a0Walter Benjamin, Das Kunstwerk im Zeitalter seiner technischen Reproduzierbarkeit, Stuttgart: Reclam 2011, S. 17.<\/span><\/p>\",\r\n      \"align\": \"top\",\r\n      \"row\": 3,\r\n      \"col\": 1,\r\n      \"colspan\": 18,\r\n      \"offsetx\": 0,\r\n      \"offsety\": 0,\r\n      \"spaceabove\": 0,\r\n      \"spacebelow\": 0,\r\n      \"yvel\": 1,\r\n      \"push\": 1,\r\n      \"relid\": 8,\r\n      \"frameOverflow\": \"\"\r\n    },\r\n    {\r\n      \"type\": \"text\",\r\n      \"cont\": \"<p style=\\\"line-height: 1;\\\"><span style=\\\"font-size: 15px;\\\">Michel Verjux<\/span><br \/><span style=\\\"font-size: 15px;\\\">Berlin Gallery Weekend<\/span><br \/><span style=\\\"font-size: 15px;\\\">29. \u2013 30. April 2016<\/span><\/p><p style=\\\"line-height: 1;\\\"><span style=\\\"font-size: 15px;\\\">Tieranatomisches Theater<\/span><br \/><span style=\\\"font-size: 15px;\\\">Philippstra\u00dfe 12\/13<\/span><br \/><span style=\\\"font-size: 15px;\\\">10115 Berlin<\/span><\/p><p style=\\\"line-height: 1;\\\"><span style=\\\"font-size: 15px;\\\"><a href=\\\"http:\/\/www.kulturtechnik.hu-berlin.de\/tat\\\">www.kulturtechnik.hu-berlin.de\/tat<\/a><\/span><\/p>\",\r\n      \"align\": \"top\",\r\n      \"row\": 4,\r\n      \"col\": 5,\r\n      \"colspan\": 9,\r\n      \"offsetx\": 0,\r\n      \"offsety\": 0,\r\n      \"spaceabove\": 0,\r\n      \"spacebelow\": 0,\r\n      \"yvel\": 1,\r\n      \"push\": 5,\r\n      \"relid\": 621,\r\n      \"frameOverflow\": \"\"\r\n    }\r\n  ]\r\n}","phonegrid":"","jetpack_sharing_enabled":true,"jetpack_shortlink":"https:\/\/wp.me\/p7ChHw-cy","jetpack-related-posts":[{"id":331,"url":"https:\/\/www2.hu-berlin.de\/ausstellungskritik\/worldpressphoto\/","url_meta":{"origin":778,"position":0},"title":"World Press Photo 2016, Willy-Brandt-Haus Berlin","author":"Die Redaktion","date":"3. 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