{"id":784,"date":"2016-07-16T21:40:10","date_gmt":"2016-07-16T19:40:10","guid":{"rendered":"https:\/\/www2.hu-berlin.de\/ausstellungskritik\/augustkopisch-2\/"},"modified":"2025-07-17T11:26:29","modified_gmt":"2025-07-17T09:26:29","slug":"eastsidegallery","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www2.hu-berlin.de\/ausstellungskritik\/eastsidegallery\/","title":{"rendered":"East Side Gallery"},"content":{"rendered":"<div id=\"attachment_332\" style=\"width: 3226px\" class=\"wp-caption alignnone\"><img data-recalc-dims=\"1\" loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-332\" data-attachment-id=\"332\" data-permalink=\"https:\/\/www2.hu-berlin.de\/ausstellungskritik\/worldpressphoto\/weitzel_white_cube_2\/\" data-orig-file=\"https:\/\/i0.wp.com\/www2.hu-berlin.de\/ausstellungskritik\/wp-content\/uploads\/2016\/07\/weitzel_white_cube_2.jpg?fit=3216%2C2448&amp;ssl=1\" data-orig-size=\"3216,2448\" data-comments-opened=\"1\" data-image-meta=\"{&quot;aperture&quot;:&quot;2.8&quot;,&quot;credit&quot;:&quot;&quot;,&quot;camera&quot;:&quot;FinePix S8000fd&quot;,&quot;caption&quot;:&quot;&quot;,&quot;created_timestamp&quot;:&quot;1464962608&quot;,&quot;copyright&quot;:&quot;&quot;,&quot;focal_length&quot;:&quot;4.7&quot;,&quot;iso&quot;:&quot;200&quot;,&quot;shutter_speed&quot;:&quot;0.011764705882353&quot;,&quot;title&quot;:&quot;&quot;,&quot;orientation&quot;:&quot;1&quot;}\" data-image-title=\"weitzel_white_cube_2\" data-image-description=\"\" data-image-caption=\"&lt;p&gt;World Press Ausstellung 2016 im Willy-Brandt-Haus Berlin&lt;\/p&gt;\n\" data-medium-file=\"https:\/\/i0.wp.com\/www2.hu-berlin.de\/ausstellungskritik\/wp-content\/uploads\/2016\/07\/weitzel_white_cube_2.jpg?fit=150%2C114&amp;ssl=1\" data-large-file=\"https:\/\/i0.wp.com\/www2.hu-berlin.de\/ausstellungskritik\/wp-content\/uploads\/2016\/07\/weitzel_white_cube_2.jpg?fit=1024%2C779&amp;ssl=1\" class=\"size-full wp-image-332\" src=\"https:\/\/i0.wp.com\/www2.hu-berlin.de\/ausstellungskritik\/wp-content\/uploads\/2016\/07\/weitzel_white_cube_2.jpg?resize=3216%2C2448&#038;ssl=1\" alt=\"World Press Ausstellung 2016 im Willy-Brandt-Haus Berlin\" width=\"3216\" height=\"2448\" srcset=\"https:\/\/i0.wp.com\/www2.hu-berlin.de\/ausstellungskritik\/wp-content\/uploads\/2016\/07\/weitzel_white_cube_2.jpg?w=3216&amp;ssl=1 3216w, https:\/\/i0.wp.com\/www2.hu-berlin.de\/ausstellungskritik\/wp-content\/uploads\/2016\/07\/weitzel_white_cube_2.jpg?resize=300%2C228&amp;ssl=1 300w, https:\/\/i0.wp.com\/www2.hu-berlin.de\/ausstellungskritik\/wp-content\/uploads\/2016\/07\/weitzel_white_cube_2.jpg?resize=1024%2C779&amp;ssl=1 1024w, https:\/\/i0.wp.com\/www2.hu-berlin.de\/ausstellungskritik\/wp-content\/uploads\/2016\/07\/weitzel_white_cube_2.jpg?resize=973%2C741&amp;ssl=1 973w, https:\/\/i0.wp.com\/www2.hu-berlin.de\/ausstellungskritik\/wp-content\/uploads\/2016\/07\/weitzel_white_cube_2.jpg?resize=508%2C387&amp;ssl=1 508w, https:\/\/i0.wp.com\/www2.hu-berlin.de\/ausstellungskritik\/wp-content\/uploads\/2016\/07\/weitzel_white_cube_2.jpg?w=2000&amp;ssl=1 2000w, https:\/\/i0.wp.com\/www2.hu-berlin.de\/ausstellungskritik\/wp-content\/uploads\/2016\/07\/weitzel_white_cube_2.jpg?w=3000&amp;ssl=1 3000w\" sizes=\"auto, (max-width: 1000px) 100vw, 1000px\" \/><p id=\"caption-attachment-332\" class=\"wp-caption-text\">World Press Ausstellung 2016 im Willy-Brandt-Haus Berlin<\/p><\/div>\n<p>Unsere Gegenwart scheint vor allem eines zu sein: gepr\u00e4gt von Krieg, Zerst\u00f6rung, Flucht, Tod und Trauer. Der weltweit gr\u00f6\u00dfte und international anerkannte Wettbewerb f\u00fcr Pressefotografie zeigt dieses unverbl\u00fcmte Abbild unserer Zeit auf sehr eindringliche und radikale Weise. Wer sich noch bis zum 26. Juni die Gewinner des diesj\u00e4hrigen Presse Awards im Willy-Brandt-Haus in Berlin anschauen m\u00f6chte, sollte sich dar\u00fcber im Klaren sein. Das was tagt\u00e4glich \u00fcber die unterschiedlichsten Informationskan\u00e4le f\u00fcr einen kurzen Moment unsere Aufmerksamkeit erh\u00e4lt, ger\u00e4t nicht einfach in Vergessenheit, sondern zeigt sich bei der World Press Ausstellung in kuratiertem Gewand und vor allem in geballter Form.<\/p>\n<p>Die sonst stark verstreuten Bildbotschaften werden hier im zweiten Stock der SPD Parteizentrale im White Cube pr\u00e4sentiert. Auf den kargen wei\u00dfen W\u00e4nden, deren Anordnung und Aufteilung im Raum jeglichem \u00e4sthetischen und gestalterischen Empfinden entbehrt, h\u00e4ngen, in acht verschiedene Kategorien aufgeteilt, die gro\u00dfformatigen Fotografien. In beinahe allen Rubriken sind Fotos von gefl\u00fcchteten, verwundeten oder toten Menschen vertreten. Polizeigewalt in den USA, Bandenkriminalit\u00e4t in Honduras, B\u00fcrgerkrieg im Sudan, \u00fcberf\u00fcllte Fl\u00fcchtlingsboote. Und das Thema Nummer eins: Der Syrienkrieg.<\/p>\n<p>Brennende Autos, zerst\u00f6rte H\u00e4user, komplett zerbombte Stra\u00dfenz\u00fcge. Alles ist Schutt und Asche, nichts scheint mehr an seinem Ort zu sein. Zwischen den Ruinen erkennt man schemenhaft eine einsame Person am Ende der H\u00e4userflucht. Nebel &#8211; verzweifelte Gesichter versuchen mit letzter Kraft verwundete Menschen aus der Gefahrenzone zu tragen \u2013 vielleicht sind sie schon l\u00e4ngst tot. Der Blick auf eine Stadt am Abend. Qualm steigt auf. Ist es die untergehende Sonne, oder eine eingeschlagene Bombe, die den Horizont erhellt, w\u00e4hrend der sternenklare Himmel unscheinbar und teilnahmslos dar\u00fcber h\u00e4ngt? Die Bilder des Fotografen Sameer al Doumy zeigen alle einen kurzen Moment w\u00e4hrend des mittlerweile f\u00fcnfj\u00e4hrigen Krieges in Syrien, hier in Douma im S\u00fcdosten des Landes. Die Momente, die hier festgehalten wurden, stellen den Krieg und seine zerst\u00f6rerische Macht in n\u00fcchterner Klarheit aus. Manchmal wirken die Szenen fast wie arrangierte Settings des Kunstfotografen Jeff Wall, der bewusst mit der Unsicherheit des Authentizit\u00e4tsgehalts von Pressefotografien und insbesondere Kriegsfotografien spielt. Hier verschwimmen die Gattungsgrenzen von Presse-und Kunstfotografie auf eindrucksvolle Weise. So liegt den Aufnahmen des aus Douma stammenden al Doumy, eine bestimmte Botschaft zu Grunde, die auf perverse Weise den Wahnsinn und gleichzeitig die \u00c4sthetik des Krieges herausstellt.<a href=\"#_ftn1\" name=\"_ftnref1\">[1]<\/a> Weil ein Mensch mit westeurop\u00e4ischem Hintergrund sich jedoch meist keine Vorstellung dar\u00fcber machen kann, was er da vor sich sieht, stehen wir wie unbeteiligte Beobachter am anderen Ende der Welt und k\u00f6nnen lediglich eine \u201eVerschiebung vom dokumentarischen Sehen zum dokumentarischen F\u00fchlen\u201c wahrnehmen. <a href=\"#_ftn2\" name=\"_ftnref2\">[2]<\/a> Ein Gef\u00fchl der Empathie aber auch der Hilflosigkeit wird evoziert.<\/p>\n<p>Auch die Fotografien von Abd Doumany reihen sich in dieses Gef\u00fchl der Machtlosigkeit ein. Wie in der Pressefotografie \u00fcblich, stehen neben allen ausgestellten Abbildern kurze begleitende Texte mit Informationen zur Entstehung, zum Ort und Datum, die das Bild in einen konkreten Kontext einbinden und eine Art Zeugnis- oder Beweisfunktion innehaben. Doch genau genommen ben\u00f6tigen diese Motive keine Beschriftung oder Erkl\u00e4rung. Der Mann, der den leblosen, toten, blut\u00fcberstr\u00f6mten K\u00f6rper seiner Tochter auf dem Scho\u00df liegen hat und sie mit einem fragenden Blick anschaut, als ob er nicht begreift, was da vor sich geht &#8211; dieses Bild spricht f\u00fcr sich, es bedarf keines Nachweises. In ihm spricht der Wahnsinn des Krieges auf so eindringliche und ersch\u00fctternde Weise, dass das betretende Schweigen im Ausstellungsraum fast schon zu einer Beklemmung wird. Und vielleicht ist genau deshalb der Beweis, dass es sich um authentische Abbilder des Syrienkrieges handelt, nicht notwendig. Diese Fotos scheinen uns eher wie ein Mahnmal zu sein, welches daran erinnern m\u00f6chte, dass der Krieg eine Kraft besitzt, die der Mensch nicht begreifen kann.<\/p>\n<p>Ist es also eine reale oder konstruierte Wirklichkeit, die von den dokumentarischen Bildern erzeugt wird? Glauben wir der Filmemacherin Hito Steyerl, dann ist jede scheinbare Realit\u00e4t in solchen Fotos ein Konstrukt. \u201eDie dokumentarische Form bildet demnach nicht die Realit\u00e4t ab, sondern ihren eignen Willen zur Macht.\u201c<a href=\"#_ftn3\" name=\"_ftnref3\">[3]<\/a> Doch welche Macht geht von diesen Fotografien aus? Die Fotografien haben alle den Anspruch, ein m\u00f6glichst authentisches Abbild der Wirklichkeit ins Licht zu setzen. Dabei wird dem Fotografen die Rolle eines Zeugen zugeschrieben. Doch bei genauerer Betrachtung sind auch Pressefotografien nichts anderes als Moment-Inszenierungen. Es werden Wirklichkeitsbilder konstruiert, die auf komprimierte Weise einen komplexen Sachverhalt, in diesem Fall den Krieg in Syrien, in einer Fotografie f\u00fcr die Welt zug\u00e4nglich machen. Sie sollen ein Gef\u00fchl transportieren, welches uns die Grausamkeit des Krieges erahnen l\u00e4sst. Durch das subjektive Auge der Kamera wird ein Bild hervorgebracht, welches die scheinbare Realit\u00e4t von Millionen von Menschen auf die Bildschirme der Nachrichtensender, in die Foren der globalen Social-Media-Communities und auf die wei\u00dfen, kargen W\u00e4nde des Willy-Brandt-Hauses bringt.<\/p>\n<p>Brian O\u2019Doherty h\u00e4tte die H\u00e4ngung in White Cube Manier der 20er Jahre wahrscheinlich mit einem sterilen Krankenhausflur verglichen.<a href=\"#_ftn4\" name=\"_ftnref4\">[4]<\/a> Und angesichts der ungl\u00fccklichen Anordnung der hochwertigen Pressefotos w\u00e4re dieser Vergleich auch angemessen. Ohne jegliche Konzeptualisierung wird auf der einen Seite \u2013 wie eben beschrieben \u2013 der Krieg in allen seinen Facetten gezeigt und an der gegen\u00fcberliegenden Fensterfront h\u00e4ngen wie zum Trotz Sport- und Naturfotografien. Die schwarz-wei\u00dfen Unterwasserbilder von Anuar Patjane Floriuk zeigen eine Tauchercrew um einen riesigen Wal schwimmend. Ein imposantes Bild. Auf den Aufnahmen von Christian Ziegler zeigt sich die Natur von ihrer kuriosesten Seite. Farbenfrohe Cham\u00e4leons in Nahaufnahme. Der Anblick der traumatisierenden Kriegsabbildungen scheint diese Themen jedoch zwangsl\u00e4ufig in den Hintergrund zu dr\u00e4ngen \u2013 so, als w\u00e4ren es belanglose Angelegenheiten, die in der World Press auch noch irgendwo untergebracht werden mussten.<\/p>\n<p>Hier liegt die T\u00fccke der Ausstellungskonzeption. Anstatt die Kategorien f\u00fcr sich sprechen zu lassen, scheinen sie miteinander zu konkurrieren. Zumindest in der konkreten Ausstellungssituation im Willy-Brandt-Haus. Denn die Wanderausstellung wird in insgesamt 45 L\u00e4ndern gezeigt. Es bleibt zu hoffen, dass an den anderen Ausstellungsorten eine gelungenere Pr\u00e4sentation der Fotografien zu sehen sein wird. Eine Pr\u00e4sentationform, die allen Rubriken ihren Platz und auch Themen, wie die Rettung von Orang-Utans in den Regenw\u00e4ldern von Sumatra oder die Synchronschwimmer aus Schweden f\u00fcr sich sprechen l\u00e4sst. Denn diese Informationen treten nicht nur in der World Press Photo Ausstellung in den Hintergrund, sondern gehen auch meistens in der Nachrichtenflut des Alltags unter. Sollten wir diesen Momenten, die auch unser Leben bestimmen, dann nicht gerade bei solch einer Ausstellung ein wenig mehr Aufmerksamkeit schenken? Vor allem sollten wir sie nicht mit dem Krieg konkurrieren lassen, der unsere Sinne \u00fcberfordert und keinen Platz mehr f\u00fcr andere Themen l\u00e4sst.<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref1\" name=\"_ftn1\">[1]<\/a> Auf diesen Grenzgang machte schon Walter Benjamin in seiner medienkritischen Schrift \u201eDas Kunstwerk im Zeitalter seiner technischen Reproduzierbarkeit\u201c aufmerksam. F\u00fcr weitere Informationen siehe Walter Benjamin: Das Kunstwerk im Zeitalter seiner technischen Reproduzierbarkeit, in: Ders.: Illuminationen, S. 136-169, hier: 168f.<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref2\" name=\"_ftn2\">[2]<\/a> Hito Steyerl (2008): Die Farbe der Wahrheit. Dokumentarismen im Kunstfeld, Wien: Turia + Kant, S. 13.<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref3\" name=\"_ftn3\">[3]<\/a> Hito Steyerl (2008): Die Farbe der Wahrheit. Dokumentarismen im Kunstfeld, Wien: Turia + Kant, S. 10.<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref4\" name=\"_ftn4\">[4]<\/a> Brian O\u2019Doherty \u00fcber den White Cube: Brian O\u2019Doherty (1996): In der wei\u00dfen Zelle. Inside the White Cube\u201c Berlin: Merve.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<hr \/>\n<p>World Press Photo 2016<br \/>\n03. Juni \u2013 26. Juni 2016<\/p>\n<p>Willy-Brandt-Haus Berlin<br \/>\nWilhelmstra\u00dfe 140<br \/>\n10963 Berlin<\/p>\n<p><a href=\"http:\/\/www.worldpressphoto.org\/collection\/photo\/2016\">www.worldpressphoto.org<\/a><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Unsere Gegenwart scheint vor allem eines zu sein: gepr\u00e4gt von Krieg, Zerst\u00f6rung, Flucht, Tod und Trauer. Der weltweit gr\u00f6\u00dfte und international anerkannte Wettbewerb f\u00fcr Pressefotografie zeigt dieses unverbl\u00fcmte Abbild unserer Zeit auf sehr eindringliche und radikale Weise. Wer sich noch bis zum 26. 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Sie ist eine der popul\u00e4rsten Sehensw\u00fcrdigkeiten Berlins und auch jedem, der sie noch nicht selbst besichtigt hat, schweben die ber\u00fchmten Bilder vor vom Bruderkuss, dem Trabi, der durch die Mauer bricht und Scharen an Touristen, die dr\u00e4ngelnd versuchen, ein gutes Foto zu schie\u00dfen. Auf etwa 1,3 Kilometern erstreckt sich zwischen Ostbahnhof und Oberbaumbr\u00fccke die gr\u00f6\u00dfte Open Air Gallery der Welt und au\u00dferdem das gr\u00f6\u00dfte noch erhaltene St\u00fcck der Mauer. Von 1961 bis 1989 trennte sie Ost- und Westberlin und teilte somit den Rest der Welt in Ost und West, in Gut und B\u00f6se \u2013 Konnotationen, die in wechselseitige Richtungen erfolgten.<\/span><\/p><p style=\\\"line-height: 1;\\\"><span style=\\\"font-size: 20px;\\\">Als die Mauer fiel, schufen 129 K\u00fcnstler aus 20 L\u00e4ndern 106 Bilder (von denen nach der Sanierung 2009 noch 100 erhalten sind). Seitdem ist das verbliebene St\u00fcck der Mauer, die einst teilte, ein Symbol f\u00fcr Wiedervereinigung, ein geeintes Deutschland und eine geeinte Welt. Im Zuge st\u00e4dtebaulicher Ma\u00dfnahmen, die jegliche \u00dcberreste aus der Zeit der deutschen Teilung tilgen sollten und bedroht durch Witterung und Verfall, war die East Side Gallery schnell gef\u00e4hrdet. Daraufhin gr\u00fcndete sich 1996 der Verein K\u00fcnstlerinitiative East Side Gallery e.V., bestehend aus den K\u00fcnstlern, die von nun an als \u201eKuratoren\u201c dieser einzigartigen Gallerie daf\u00fcr k\u00e4mpften, ihre Werke f\u00fcr die Nachwelt zu erhalten.<\/span><\/p><p style=\\\"line-height: 1;\\\"><span style=\\\"font-size: 20px;\\\">Als Denkmal l\u00e4sst sie sich heute als eine foucault\u2019sche Heterotopie par excellence verstehen. Foucault erl\u00e4utert in seinem Aufsatz \u201eVon anderen R\u00e4umen\u201c die Idee der Heterotopie als\u00a0<em>\u201e[\u2026] reale, wirkliche, zum institutionellen Bereich der Gesellschaft geh\u00f6rige Orte, die gleichsam Gegenorte darstellen, tats\u00e4chlich verwirklichte Utopien, in denen die realen Orte, all die anderen realen Orte, die man in der Kultur finden kann, zugleich repr\u00e4sentiert, in Frage gestellt und ins Gegenteil verkehrt werden.\u201c<\/em>\u00a0(Foucault [1967] 2006, 320)<\/span><\/p><p style=\\\"line-height: 1;\\\"><span style=\\\"font-size: 20px;\\\">Eine Eigenschaft des heterotopen Ortes ist, dass er als Gegenort das Hinterfragen anderer kultureller Orte erm\u00f6glicht. Verwirklicht ist diese Eigenschaft zum Beispiel im Motiv \u201eBrandenburger Tor\u201c, das Hans Bierbrauer 1990 als Kunstwerk auf der Mauer realisiert hat. Es zeigt eine vereinfachte karikaturistische Zeichnung der Freiheitsstatue, die statt der Fackel das Brandenburger Tor emporh\u00e4lt. Daneben stehen die Worte: \u201eSchauen\u2026Gl\u00fcck, Ber\u00fchrung\u2026Ungl\u00fcck\u201c, sowie \u201eBuddha\u2026Nirvana, Christus\u2026Kreuz, Mohammed\u2026Licht\u201c geschrieben. Die Freiheitsstatue steht zum einen symbolisch f\u00fcr die Befreiung und Emanzipation Berlins und Deutschlands aus Fremdbeherrschung und Krieg und die Wortpaare, die jeweils f\u00fcr eine Weltreligion stehen, versinnbildlichen die damit einhergehende Einigung der ganzen Welt. Das Wortpaar \u201eBer\u00fchrung\u2026Ungl\u00fcck\u201c k\u00f6nnte zum anderen aber daf\u00fcr stehen, dass das Eingreifen in andere fremde (Kultur-) Konflikte Ungl\u00fcck nach sich ziehen kann. Der Bezug zu den USA, der durch die Freiheitsstatue hergestellt wird, deutet damit auf Amerikas die Geschichte durchziehende au\u00dfenpolitische Eingriffe in fremde Kriege und Konflikte hin. Die Mauer als Heterotopie spiegelt sich hier in ihren Kunstwerken wider und erm\u00f6glicht das Hinterfragen anderer kultureller Orte oder in diesem Sinne Praktiken.<\/span><\/p><p style=\\\"line-height: 1;\\\"><span style=\\\"font-size: 20px;\\\">Heterotop wird die East Side Gallery au\u00dferdem durch das Paradoxon, dass eine Mauer f\u00fcr Einigung und Frieden zugleich steht. Nach dem Fall der Mauer strebte die Regierung danach, jegliche Bewachungs- und Abgrenzungsanlagen so schnell wie m\u00f6glich abzur\u00fcsten, darunter auch die East Side Gallery als Teil der Mauer. Der Verein K\u00fcnstlerinitiative protestierte erfolgreich dagegen. Es gelang eine Rekontextualisierung des Bauwerks durch die Kunstwerke: Die Mauer stand nun nicht mehr symbolisch f\u00fcr die Trennung Europas, sondern f\u00fcr Einheit und Frieden. Die East Side Gallery durchl\u00e4uft einen historischen Prozess, durch den sich das Verh\u00e4ltnis vom Ort zum Raum ver\u00e4ndert. Eine Heterotopie verh\u00e4lt sich auch zum gesamten restlichen Raum und ist immer nur das, was sie in Bezug auf den restlichen Raum darstellt. Wenn sich ihr Umfeld ver\u00e4ndert, ver\u00e4ndert sich auch die Funktion der Heterotopie. Zur Zeit der Trennung grenzt sie zur anderen Seite der Mauer ab, zum Feind, dem Rande der jeweiligen Gesellschaft. Identit\u00e4t von Ost und West begr\u00fcndeten sich zum Teil in der Abgrenzung zum Anderen und die Mauer war dabei das zentrale Symbol. Im\u00a0\u00a0foucault\u2019schen Sinne zeigte die Mauer als Nicht-Ort die Grenzen der etablierten Gesellschaft auf und erm\u00f6glichte damit Identit\u00e4tsstiftung durch Abgrenzung auf der einen, aber auch das Hinterfragen der eigenen Gesellschaft auf der anderen Seite. Heute ist die East Side Gallery ein heterotoper Ort, weil sie die Frage der Grenze thematisiert. Als Mahnmal appelliert sie, dass das Abrenzungsdenken aus der Zeit der Teilung aus der heutigen etablierten Gesellschaft verbannt werden muss und es durch den Fall der Mauer bereits partiell gelungen ist. In Zeiten der Fl\u00fcchtlingskrise ist dieser Appell aktueller denn je und wirft einen kritischen Blick auf die Zust\u00e4nde, die weit entfernt sind von einem friedlichen geeinten Europa.<\/span><\/p><p style=\\\"line-height: 1;\\\"><span style=\\\"font-size: 20px;\\\">Die East Side Gallery hat also zwei grundverschiedene Gesellschaftsformen \u00fcberdauert und in beiden auf unterschiedliche Weisen Heterotopien dargestellt.<\/span><\/p><p style=\\\"line-height: 1;\\\"><span style=\\\"font-size: 20px;\\\">Der zeitliche Aspekt ist durch die Verg\u00e4nglichkeit der Kunst, die durch Verwitterung und Vandalismus gepr\u00e4gt ist, im Gegensatz zum Ewigkeitsanspruch des Bauwerks Mauer, das sogar den Fall der Mauer \u00fcberdauerte, verdeutlicht.<\/span><\/p><p style=\\\"line-height: 1;\\\"><span style=\\\"font-size: 20px;\\\">Ein Kunstwerk ohne Titel auf der Mauer von Kani Alavi und Muriel Raoux zeigt eine Sprechblase auf einem Hintergrund, der zur einen H\u00e4lfte aus einer kahlen Landschaft mit abgestorbenen B\u00e4umen und zur anderen H\u00e4lfte aus bunt bl\u00fchenden Blumen besteht. In ihr steht geschrieben: \u201eViele kleine Leute, die in vielen kleinen Orten, viele kleine Dinge tun, k\u00f6nnen das Gesicht der Welt ver\u00e4ndern. (Afrikanisches Sprichwort)\u201c Dieses Sprichwort wirkt fast zu sehr bem\u00fcht, die Mauer zum reinen Symbol des Friedens zu machen. Die Interpretation der East Side Gallery als Heterotopie erm\u00f6glicht, von dieser einseitigen Symbolik abzuweichen und stattdessen ein ambivalentes Bild der Gesellschaft zwischen europ\u00e4ischen Einigungsbestrebungen und aufkommenden rechtspopulistischen Str\u00f6mungen aufzuzeigen, welches durch das Denkmal Mauer symbolisiert wird.<\/span><\/p><p style=\\\"line-height: 1;\\\"><span style=\\\"font-size: 20px;\\\">Literatur:<\/span><\/p><p style=\\\"line-height: 1;\\\"><span style=\\\"font-size: 20px;\\\">Foucault, Michel ([1967] 2006): Die Heterotopien. Der utopische K\u00f6rper: Zwei Radiovortr\u00e4ge. Frankfurt\/Main.<\/span><\/p>\",\r\n      \"align\": \"top\",\r\n      \"row\": 3,\r\n      \"col\": 1,\r\n      \"colspan\": 18,\r\n      \"offsetx\": 0,\r\n      \"offsety\": 0,\r\n      \"spaceabove\": 0,\r\n      \"spacebelow\": 0,\r\n      \"yvel\": 1,\r\n      \"push\": 1,\r\n      \"relid\": 8,\r\n      \"frameOverflow\": \"\"\r\n    },\r\n    {\r\n      \"type\": \"text\",\r\n      \"cont\": \"<p><span style=\\\"font-size: 15px;\\\">East Side Gallery<\/span><br \/><span style=\\\"font-size: 15px;\\\">M\u00fchlenstra\u00dfe<\/span><br \/><span style=\\\"font-size: 15px;\\\">10243 Berlin<\/span><\/p><p><span style=\\\"font-size: 15px;\\\"><a href=\\\"http:\/\/www.eastsidegallery-berlin.de\/\\\">www.eastsidegallery-berlin.de\/<\/a><\/span><\/p>\",\r\n      \"align\": \"top\",\r\n      \"row\": 4,\r\n      \"col\": 5,\r\n      \"colspan\": 10,\r\n      \"offsetx\": 0,\r\n      \"offsety\": 0,\r\n      \"spaceabove\": 0,\r\n      \"spacebelow\": 0,\r\n      \"yvel\": 1,\r\n      \"push\": 5,\r\n      \"relid\": 621,\r\n      \"frameOverflow\": \"\"\r\n    }\r\n  ]\r\n}","phonegrid":"","jetpack_sharing_enabled":true,"jetpack_shortlink":"https:\/\/wp.me\/p7ChHw-cE","jetpack-related-posts":[{"id":331,"url":"https:\/\/www2.hu-berlin.de\/ausstellungskritik\/worldpressphoto\/","url_meta":{"origin":784,"position":0},"title":"World Press Photo 2016, Willy-Brandt-Haus Berlin","author":"Die Redaktion","date":"3. 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