{"id":807,"date":"2016-07-16T22:37:18","date_gmt":"2016-07-16T20:37:18","guid":{"rendered":"https:\/\/www2.hu-berlin.de\/ausstellungskritik\/indeutschland-3\/"},"modified":"2025-07-17T11:26:32","modified_gmt":"2025-07-17T09:26:32","slug":"allure","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www2.hu-berlin.de\/ausstellungskritik\/allure\/","title":{"rendered":"Allure [frz. Stil, Eleganz], c\/o Berlin"},"content":{"rendered":"<div id=\"attachment_332\" style=\"width: 3226px\" class=\"wp-caption alignnone\"><img data-recalc-dims=\"1\" loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-332\" data-attachment-id=\"332\" data-permalink=\"https:\/\/www2.hu-berlin.de\/ausstellungskritik\/worldpressphoto\/weitzel_white_cube_2\/\" data-orig-file=\"https:\/\/i0.wp.com\/www2.hu-berlin.de\/ausstellungskritik\/wp-content\/uploads\/2016\/07\/weitzel_white_cube_2.jpg?fit=3216%2C2448&amp;ssl=1\" data-orig-size=\"3216,2448\" data-comments-opened=\"1\" data-image-meta=\"{&quot;aperture&quot;:&quot;2.8&quot;,&quot;credit&quot;:&quot;&quot;,&quot;camera&quot;:&quot;FinePix S8000fd&quot;,&quot;caption&quot;:&quot;&quot;,&quot;created_timestamp&quot;:&quot;1464962608&quot;,&quot;copyright&quot;:&quot;&quot;,&quot;focal_length&quot;:&quot;4.7&quot;,&quot;iso&quot;:&quot;200&quot;,&quot;shutter_speed&quot;:&quot;0.011764705882353&quot;,&quot;title&quot;:&quot;&quot;,&quot;orientation&quot;:&quot;1&quot;}\" data-image-title=\"weitzel_white_cube_2\" data-image-description=\"\" data-image-caption=\"&lt;p&gt;World Press Ausstellung 2016 im Willy-Brandt-Haus Berlin&lt;\/p&gt;\n\" data-medium-file=\"https:\/\/i0.wp.com\/www2.hu-berlin.de\/ausstellungskritik\/wp-content\/uploads\/2016\/07\/weitzel_white_cube_2.jpg?fit=150%2C114&amp;ssl=1\" data-large-file=\"https:\/\/i0.wp.com\/www2.hu-berlin.de\/ausstellungskritik\/wp-content\/uploads\/2016\/07\/weitzel_white_cube_2.jpg?fit=1024%2C779&amp;ssl=1\" class=\"size-full wp-image-332\" src=\"https:\/\/i0.wp.com\/www2.hu-berlin.de\/ausstellungskritik\/wp-content\/uploads\/2016\/07\/weitzel_white_cube_2.jpg?resize=3216%2C2448&#038;ssl=1\" alt=\"World Press Ausstellung 2016 im Willy-Brandt-Haus Berlin\" width=\"3216\" height=\"2448\" srcset=\"https:\/\/i0.wp.com\/www2.hu-berlin.de\/ausstellungskritik\/wp-content\/uploads\/2016\/07\/weitzel_white_cube_2.jpg?w=3216&amp;ssl=1 3216w, https:\/\/i0.wp.com\/www2.hu-berlin.de\/ausstellungskritik\/wp-content\/uploads\/2016\/07\/weitzel_white_cube_2.jpg?resize=300%2C228&amp;ssl=1 300w, https:\/\/i0.wp.com\/www2.hu-berlin.de\/ausstellungskritik\/wp-content\/uploads\/2016\/07\/weitzel_white_cube_2.jpg?resize=1024%2C779&amp;ssl=1 1024w, https:\/\/i0.wp.com\/www2.hu-berlin.de\/ausstellungskritik\/wp-content\/uploads\/2016\/07\/weitzel_white_cube_2.jpg?resize=973%2C741&amp;ssl=1 973w, https:\/\/i0.wp.com\/www2.hu-berlin.de\/ausstellungskritik\/wp-content\/uploads\/2016\/07\/weitzel_white_cube_2.jpg?resize=508%2C387&amp;ssl=1 508w, https:\/\/i0.wp.com\/www2.hu-berlin.de\/ausstellungskritik\/wp-content\/uploads\/2016\/07\/weitzel_white_cube_2.jpg?w=2000&amp;ssl=1 2000w, https:\/\/i0.wp.com\/www2.hu-berlin.de\/ausstellungskritik\/wp-content\/uploads\/2016\/07\/weitzel_white_cube_2.jpg?w=3000&amp;ssl=1 3000w\" sizes=\"auto, (max-width: 1000px) 100vw, 1000px\" \/><p id=\"caption-attachment-332\" class=\"wp-caption-text\">World Press Ausstellung 2016 im Willy-Brandt-Haus Berlin<\/p><\/div>\n<p>Unsere Gegenwart scheint vor allem eines zu sein: gepr\u00e4gt von Krieg, Zerst\u00f6rung, Flucht, Tod und Trauer. Der weltweit gr\u00f6\u00dfte und international anerkannte Wettbewerb f\u00fcr Pressefotografie zeigt dieses unverbl\u00fcmte Abbild unserer Zeit auf sehr eindringliche und radikale Weise. Wer sich noch bis zum 26. Juni die Gewinner des diesj\u00e4hrigen Presse Awards im Willy-Brandt-Haus in Berlin anschauen m\u00f6chte, sollte sich dar\u00fcber im Klaren sein. Das was tagt\u00e4glich \u00fcber die unterschiedlichsten Informationskan\u00e4le f\u00fcr einen kurzen Moment unsere Aufmerksamkeit erh\u00e4lt, ger\u00e4t nicht einfach in Vergessenheit, sondern zeigt sich bei der World Press Ausstellung in kuratiertem Gewand und vor allem in geballter Form.<\/p>\n<p>Die sonst stark verstreuten Bildbotschaften werden hier im zweiten Stock der SPD Parteizentrale im White Cube pr\u00e4sentiert. Auf den kargen wei\u00dfen W\u00e4nden, deren Anordnung und Aufteilung im Raum jeglichem \u00e4sthetischen und gestalterischen Empfinden entbehrt, h\u00e4ngen, in acht verschiedene Kategorien aufgeteilt, die gro\u00dfformatigen Fotografien. In beinahe allen Rubriken sind Fotos von gefl\u00fcchteten, verwundeten oder toten Menschen vertreten. Polizeigewalt in den USA, Bandenkriminalit\u00e4t in Honduras, B\u00fcrgerkrieg im Sudan, \u00fcberf\u00fcllte Fl\u00fcchtlingsboote. Und das Thema Nummer eins: Der Syrienkrieg.<\/p>\n<p>Brennende Autos, zerst\u00f6rte H\u00e4user, komplett zerbombte Stra\u00dfenz\u00fcge. Alles ist Schutt und Asche, nichts scheint mehr an seinem Ort zu sein. Zwischen den Ruinen erkennt man schemenhaft eine einsame Person am Ende der H\u00e4userflucht. Nebel &#8211; verzweifelte Gesichter versuchen mit letzter Kraft verwundete Menschen aus der Gefahrenzone zu tragen \u2013 vielleicht sind sie schon l\u00e4ngst tot. Der Blick auf eine Stadt am Abend. Qualm steigt auf. Ist es die untergehende Sonne, oder eine eingeschlagene Bombe, die den Horizont erhellt, w\u00e4hrend der sternenklare Himmel unscheinbar und teilnahmslos dar\u00fcber h\u00e4ngt? Die Bilder des Fotografen Sameer al Doumy zeigen alle einen kurzen Moment w\u00e4hrend des mittlerweile f\u00fcnfj\u00e4hrigen Krieges in Syrien, hier in Douma im S\u00fcdosten des Landes. Die Momente, die hier festgehalten wurden, stellen den Krieg und seine zerst\u00f6rerische Macht in n\u00fcchterner Klarheit aus. Manchmal wirken die Szenen fast wie arrangierte Settings des Kunstfotografen Jeff Wall, der bewusst mit der Unsicherheit des Authentizit\u00e4tsgehalts von Pressefotografien und insbesondere Kriegsfotografien spielt. Hier verschwimmen die Gattungsgrenzen von Presse-und Kunstfotografie auf eindrucksvolle Weise. So liegt den Aufnahmen des aus Douma stammenden al Doumy, eine bestimmte Botschaft zu Grunde, die auf perverse Weise den Wahnsinn und gleichzeitig die \u00c4sthetik des Krieges herausstellt.<a href=\"#_ftn1\" name=\"_ftnref1\">[1]<\/a> Weil ein Mensch mit westeurop\u00e4ischem Hintergrund sich jedoch meist keine Vorstellung dar\u00fcber machen kann, was er da vor sich sieht, stehen wir wie unbeteiligte Beobachter am anderen Ende der Welt und k\u00f6nnen lediglich eine \u201eVerschiebung vom dokumentarischen Sehen zum dokumentarischen F\u00fchlen\u201c wahrnehmen. <a href=\"#_ftn2\" name=\"_ftnref2\">[2]<\/a> Ein Gef\u00fchl der Empathie aber auch der Hilflosigkeit wird evoziert.<\/p>\n<p>Auch die Fotografien von Abd Doumany reihen sich in dieses Gef\u00fchl der Machtlosigkeit ein. Wie in der Pressefotografie \u00fcblich, stehen neben allen ausgestellten Abbildern kurze begleitende Texte mit Informationen zur Entstehung, zum Ort und Datum, die das Bild in einen konkreten Kontext einbinden und eine Art Zeugnis- oder Beweisfunktion innehaben. Doch genau genommen ben\u00f6tigen diese Motive keine Beschriftung oder Erkl\u00e4rung. Der Mann, der den leblosen, toten, blut\u00fcberstr\u00f6mten K\u00f6rper seiner Tochter auf dem Scho\u00df liegen hat und sie mit einem fragenden Blick anschaut, als ob er nicht begreift, was da vor sich geht &#8211; dieses Bild spricht f\u00fcr sich, es bedarf keines Nachweises. In ihm spricht der Wahnsinn des Krieges auf so eindringliche und ersch\u00fctternde Weise, dass das betretende Schweigen im Ausstellungsraum fast schon zu einer Beklemmung wird. Und vielleicht ist genau deshalb der Beweis, dass es sich um authentische Abbilder des Syrienkrieges handelt, nicht notwendig. Diese Fotos scheinen uns eher wie ein Mahnmal zu sein, welches daran erinnern m\u00f6chte, dass der Krieg eine Kraft besitzt, die der Mensch nicht begreifen kann.<\/p>\n<p>Ist es also eine reale oder konstruierte Wirklichkeit, die von den dokumentarischen Bildern erzeugt wird? Glauben wir der Filmemacherin Hito Steyerl, dann ist jede scheinbare Realit\u00e4t in solchen Fotos ein Konstrukt. \u201eDie dokumentarische Form bildet demnach nicht die Realit\u00e4t ab, sondern ihren eignen Willen zur Macht.\u201c<a href=\"#_ftn3\" name=\"_ftnref3\">[3]<\/a> Doch welche Macht geht von diesen Fotografien aus? Die Fotografien haben alle den Anspruch, ein m\u00f6glichst authentisches Abbild der Wirklichkeit ins Licht zu setzen. Dabei wird dem Fotografen die Rolle eines Zeugen zugeschrieben. Doch bei genauerer Betrachtung sind auch Pressefotografien nichts anderes als Moment-Inszenierungen. Es werden Wirklichkeitsbilder konstruiert, die auf komprimierte Weise einen komplexen Sachverhalt, in diesem Fall den Krieg in Syrien, in einer Fotografie f\u00fcr die Welt zug\u00e4nglich machen. Sie sollen ein Gef\u00fchl transportieren, welches uns die Grausamkeit des Krieges erahnen l\u00e4sst. Durch das subjektive Auge der Kamera wird ein Bild hervorgebracht, welches die scheinbare Realit\u00e4t von Millionen von Menschen auf die Bildschirme der Nachrichtensender, in die Foren der globalen Social-Media-Communities und auf die wei\u00dfen, kargen W\u00e4nde des Willy-Brandt-Hauses bringt.<\/p>\n<p>Brian O\u2019Doherty h\u00e4tte die H\u00e4ngung in White Cube Manier der 20er Jahre wahrscheinlich mit einem sterilen Krankenhausflur verglichen.<a href=\"#_ftn4\" name=\"_ftnref4\">[4]<\/a> Und angesichts der ungl\u00fccklichen Anordnung der hochwertigen Pressefotos w\u00e4re dieser Vergleich auch angemessen. Ohne jegliche Konzeptualisierung wird auf der einen Seite \u2013 wie eben beschrieben \u2013 der Krieg in allen seinen Facetten gezeigt und an der gegen\u00fcberliegenden Fensterfront h\u00e4ngen wie zum Trotz Sport- und Naturfotografien. Die schwarz-wei\u00dfen Unterwasserbilder von Anuar Patjane Floriuk zeigen eine Tauchercrew um einen riesigen Wal schwimmend. Ein imposantes Bild. Auf den Aufnahmen von Christian Ziegler zeigt sich die Natur von ihrer kuriosesten Seite. Farbenfrohe Cham\u00e4leons in Nahaufnahme. Der Anblick der traumatisierenden Kriegsabbildungen scheint diese Themen jedoch zwangsl\u00e4ufig in den Hintergrund zu dr\u00e4ngen \u2013 so, als w\u00e4ren es belanglose Angelegenheiten, die in der World Press auch noch irgendwo untergebracht werden mussten.<\/p>\n<p>Hier liegt die T\u00fccke der Ausstellungskonzeption. Anstatt die Kategorien f\u00fcr sich sprechen zu lassen, scheinen sie miteinander zu konkurrieren. Zumindest in der konkreten Ausstellungssituation im Willy-Brandt-Haus. Denn die Wanderausstellung wird in insgesamt 45 L\u00e4ndern gezeigt. Es bleibt zu hoffen, dass an den anderen Ausstellungsorten eine gelungenere Pr\u00e4sentation der Fotografien zu sehen sein wird. Eine Pr\u00e4sentationform, die allen Rubriken ihren Platz und auch Themen, wie die Rettung von Orang-Utans in den Regenw\u00e4ldern von Sumatra oder die Synchronschwimmer aus Schweden f\u00fcr sich sprechen l\u00e4sst. Denn diese Informationen treten nicht nur in der World Press Photo Ausstellung in den Hintergrund, sondern gehen auch meistens in der Nachrichtenflut des Alltags unter. Sollten wir diesen Momenten, die auch unser Leben bestimmen, dann nicht gerade bei solch einer Ausstellung ein wenig mehr Aufmerksamkeit schenken? Vor allem sollten wir sie nicht mit dem Krieg konkurrieren lassen, der unsere Sinne \u00fcberfordert und keinen Platz mehr f\u00fcr andere Themen l\u00e4sst.<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref1\" name=\"_ftn1\">[1]<\/a> Auf diesen Grenzgang machte schon Walter Benjamin in seiner medienkritischen Schrift \u201eDas Kunstwerk im Zeitalter seiner technischen Reproduzierbarkeit\u201c aufmerksam. F\u00fcr weitere Informationen siehe Walter Benjamin: Das Kunstwerk im Zeitalter seiner technischen Reproduzierbarkeit, in: Ders.: Illuminationen, S. 136-169, hier: 168f.<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref2\" name=\"_ftn2\">[2]<\/a> Hito Steyerl (2008): Die Farbe der Wahrheit. Dokumentarismen im Kunstfeld, Wien: Turia + Kant, S. 13.<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref3\" name=\"_ftn3\">[3]<\/a> Hito Steyerl (2008): Die Farbe der Wahrheit. Dokumentarismen im Kunstfeld, Wien: Turia + Kant, S. 10.<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref4\" name=\"_ftn4\">[4]<\/a> Brian O\u2019Doherty \u00fcber den White Cube: Brian O\u2019Doherty (1996): In der wei\u00dfen Zelle. Inside the White Cube\u201c Berlin: Merve.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<hr \/>\n<p>World Press Photo 2016<br \/>\n03. Juni \u2013 26. Juni 2016<\/p>\n<p>Willy-Brandt-Haus Berlin<br \/>\nWilhelmstra\u00dfe 140<br \/>\n10963 Berlin<\/p>\n<p><a href=\"http:\/\/www.worldpressphoto.org\/collection\/photo\/2016\">www.worldpressphoto.org<\/a><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Unsere Gegenwart scheint vor allem eines zu sein: gepr\u00e4gt von Krieg, Zerst\u00f6rung, Flucht, Tod und Trauer. Der weltweit gr\u00f6\u00dfte und international anerkannte Wettbewerb f\u00fcr Pressefotografie zeigt dieses unverbl\u00fcmte Abbild unserer Zeit auf sehr eindringliche und radikale Weise. Wer sich noch bis zum 26. 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Die Fotografiesammlung \u201eCollection Susanne von Meiss\u201c, die aktuell im c\/o Berlin unter diesem Titel ausgestellt wird, kreist um eben jenen abstrakten Begriff und inszeniert dabei Stilikonen des vergangenen Jahrhunderts und glamour\u00f6se Momente, um den Begriff der Eleganz zu illustrieren.<\/span><\/p><p style=\\\"line-height: 1;\\\"><span style=\\\"font-size: 20px;\\\">Dass es hierbei aber nicht in erster Linie um Prunk und Extravaganz gehen soll, wird bereits beim Betreten der Ausstellung deutlich. Eher versteckt verweist ein silberner, dezenter und trotzdem eleganter Schriftzug auf den Eingang in die Galerie. Neben den Titel \u201eAllure\u201c ist die \u00dcbersetzung dieses franz\u00f6sischen Wortes gestellt, die die Rezipient_Innen auf das einstimmen soll, was sie in den Ausstellungsr\u00e4umen erwarten wird. Tats\u00e4chlich k\u00f6nnen die Besucher_Innen in den indirekt beleuchteten dunklen R\u00e4umen voll und ganz in die Atmosph\u00e4re jener dunklen, urbanen Nacht eintauchen, die das Motiv eines Gro\u00dfteils der Fotografien ist. Vereinfacht wird dieser Prozess dadurch, dass die Sammlung aus Werken der verschiedensten K\u00fcnstler_Innen zusammengestellt ist. Autorenschaft spielt also f\u00fcr die Rezeption der Ausstellung keine Rolle, K\u00fcnstler_Innenbiografien und Interpretationsversuche der Intention hinter den Werken lenken nicht von den Fotografien selbst ab. Dieses Vorgehen erh\u00e4lt au\u00dferdem aus medienwissenschaftlicher seine Legitimation, da der K\u00fcnstler in diesem Medium nur begrenzt Einfluss auf die Abbildung des abgelichteten Moments hat.<\/span><\/p><p style=\\\"line-height: 1;\\\"><span style=\\\"font-size: 20px;\\\">Hinzu kommt, dass die ausgestellten Aufnahmen in den verschiedensten Genres beheimatet sind, von der Modefotografie bis hin zu konzeptionellen Ans\u00e4tzen. Auch in dieser Hinsicht wurde schon bei der Erstellung der Kunstsammlung auf Kategorisierungen verzichtet. Auf den Fotografien sind ausschlie\u00dflich Frauen zu sehen, die in eleganten Kleidern entweder zum Mittelpunkt der Aufmerksamkeit auf einem Ball avancieren oder selbstbewusst in m\u00e4nnlicher Begleitung durch die Stra\u00dfen einer Stadt flanieren. Je weiter durch die Ausstellung vorangeschritten wird, desto mehr interessieren sich die Fotografien f\u00fcr die Details der Kleider der Damen sowie f\u00fcr Nahaufnahmen von H\u00e4nden, Armen und Beinen.<\/span><\/p><p style=\\\"line-height: 1;\\\"><span style=\\\"font-size: 20px;\\\">Auff\u00e4llig ist besonders bei den Fotografien, die an den Anfang der Ausstellung gestellt sind, dass die Protagonistinnen in den allermeisten F\u00e4llen dem direkten Blick der Kamera ausweichen. Auf der Tafel, die am Eingang der Ausstellung einige generelle Instruktionen gibt, wird dieses Faktum als Spiel mit dem Verborgenen jenseits von Genderkonzepten interpretiert, durch das eben jene Eleganz (<em>Allure<\/em>) evoziert wird. Tats\u00e4chlich wird aber beim Durchlaufen der Galerie sehr schnell klar: Genderneutralit\u00e4t ist eines der letzten Attribute, das dieser Kollektion zugedacht werden kann.<\/span><\/p><p style=\\\"line-height: 1;\\\"><span style=\\\"font-size: 20px;\\\">Auf jeder Fotografie in der gesamten Ausstellung ist, wie bereits erw\u00e4hnt, eine Frau abgebildet. M\u00e4nner werden als ihre Begleiter inszeniert. Auf den ersten Blick kann es fast l\u00f6blich erscheinen, dass dem weiblichen Geschlecht hier eine derart gro\u00dfe B\u00fchne geboten wird. Andererseits verbleiben die dargestellten Frauen hier in eben jener Sph\u00e4re, die ihnen ohnehin von einer patriarchalischen, heteronormativen Gesellschaftsordnung zugedacht wird: Sie werden ausschlie\u00dflich \u00fcber ihre k\u00f6rperlichen Merkmale und Reize definiert.<\/span><\/p><p style=\\\"line-height: 1;\\\"><span style=\\\"font-size: 20px;\\\">Dadurch wird das Konzept von\u00a0<em>allur<\/em>e und Eleganz eng mit einem Weiblichkeitsbegriff verkn\u00fcpft. Judith Butler hat in ihrem Aufsatz \u201eDas Unbehagen der Geschlechter\u201c festgestellt, dass sich solche Konventionen erst als manifeste Norm in einer Kultur etablieren, wenn sie von der Gesellschaft regelm\u00e4\u00dfig wiederholt, also gewisserma\u00dfen zitiert werden.<a href=\\\"https:\/\/www2.hu-berlin.de\/ausstellungskritik\/473\/#_ftn1\\\">[1]<\/a>\u00a0Die Ausstellung \u201eAllure\u201c tr\u00e4gt dadurch, dass die Protagonistinnen der Fotografien entweder in feinen, extrem eleganten Kleidern inszeniert werden oder der Fokus auf einzelnen K\u00f6rperteilen wie Armen und Beinen liegt, dazu bei, dass hier ein sehr genaues Imago davon erzeugt wird, wie \u201edie elegante Frau\u201c auszusehen hat.<\/span><\/p><p style=\\\"line-height: 1;\\\"><span style=\\\"font-size: 20px;\\\">Ironischerweise besteht die Ausstellung nicht nur aus Werken m\u00e4nnlicher K\u00fcnstler, und trotzdem werden Gendersterotypen reproduziert, und ein rein m\u00e4nnlicher Blick erzeugt. Und nicht nur die Fotografinnen unterst\u00fctzen die Wiederholung von heteronormativen Weiblichkeitskonzepten, auch die Stifterin der Sammlung hat ja allein mit der Zusammenstellung der Werke ihren Teil zu diesem Prozess beigetragen.<\/span><\/p><p style=\\\"line-height: 1;\\\"><span style=\\\"font-size: 20px;\\\">Vollends auf die Spitze getrieben wird diese Verkn\u00fcpfung von einer zun\u00e4chst unscheinbar wirkenden Videoinstallation, die sich im zweiten Raum der Ausstellung befindet. Mit Jazzmusik untermalt, die \u00fcber das gesamte Ausstellungsareal zu h\u00f6ren ist, l\u00e4uft auf drei in die Wand eingelassenen, laptopgro\u00dfen Monitoren ein kurzes Video in Dauerschleife. Zu sehen ist eine Frau in Reizunterw\u00e4sche mit Lockenwicklern im Haar, die nun digital dutzendfach multipliziert und zu einer Fraktion Showgirls angeordnet wurde. Diese Damen sind dabei zu beobachten, wie sie stereotype Hausfrauenaktivit\u00e4ten ausf\u00fchren, also b\u00fcgeln, staubsaugen und kochen. Dabei vergessen sie nat\u00fcrlich nicht, sich ganz elegant, also mit\u00a0<em>allure<\/em>\u00a0zu bewegen. Trotz des \u201aNicht-Outfits\u2019, das nicht mit der T\u00e4tigkeit zusammenpassen m\u00f6chte, wird die Protagonistin dieser Szene derart sexualisiert, dass sich die Idee einer \u00dcberspitzung von Genderstereotypen verbietet. Eine erkl\u00e4rende Hinweistafel h\u00e4tte Aufschluss \u00fcber die Idee hinter diesem Kunstwerk gebracht und damit diesen verheerenden Eindruck verhindern k\u00f6nnen, doch darauf wurde, wie in der gesamten Ausstellung, verzichtet.<\/span><\/p><p style=\\\"line-height: 1;\\\"><span style=\\\"font-size: 20px;\\\">Insgesamt l\u00e4sst sich festhalten, dass die Fotografiesammlung \u201eAllure\u201c auf den ersten Blick mit ihrem verruchten, glanzvollen Stil eine Augenweide ist \u2013 doch der sch\u00f6ne Schein tr\u00fcgt. Letztendlich reproduziert diese Ausstellung eines der stereotypisierten Bilder von Weiblichkeit, das von feministischen Bewegungen seit vielen Jahren bek\u00e4mpft wird.<\/span><\/p><p>\u00a0<\/p><p style=\\\"line-height: 1;\\\"><span style=\\\"font-size: 20px;\\\"><a href=\\\"https:\/\/www2.hu-berlin.de\/ausstellungskritik\/473\/#_ftnref1\\\">[1]<\/a>\u00a0Vgl. Butler, Judith: \u201eDas Unbehagen der Geschlechter\u201c, 1991, S.24.<\/span><\/p>\",\r\n      \"align\": \"top\",\r\n      \"row\": 3,\r\n      \"col\": 1,\r\n      \"colspan\": 18,\r\n      \"offsetx\": 0,\r\n      \"offsety\": 0,\r\n      \"spaceabove\": 0,\r\n      \"spacebelow\": 0,\r\n      \"yvel\": 1,\r\n      \"push\": 1,\r\n      \"relid\": 8,\r\n      \"frameOverflow\": \"\"\r\n    },\r\n    {\r\n      \"type\": \"text\",\r\n      \"cont\": \"<p style=\\\"line-height: 1;\\\"><span style=\\\"font-size: 15px;\\\">Allure [frz. Stil, Eleganz]<\/span><br \/><span style=\\\"font-size: 15px;\\\">Mai bis 4. September 2016<\/span><\/p><p style=\\\"line-height: 1;\\\"><span style=\\\"font-size: 15px;\\\">c\/o Berlin<\/span><br \/><span style=\\\"font-size: 15px;\\\">Hardenbergstra\u00dfe 22\u201324<\/span><br \/><span style=\\\"font-size: 15px;\\\">10623 Berlin<\/span><\/p><p style=\\\"line-height: 1;\\\"><span style=\\\"font-size: 15px;\\\">www.co-berlin.org<\/span><\/p>\",\r\n      \"align\": \"top\",\r\n      \"row\": 4,\r\n      \"col\": 5,\r\n      \"colspan\": 10,\r\n      \"offsetx\": 0,\r\n      \"offsety\": 0,\r\n      \"spaceabove\": 0,\r\n      \"spacebelow\": 0,\r\n      \"yvel\": 1,\r\n      \"push\": 5,\r\n      \"relid\": 621,\r\n      \"frameOverflow\": \"\"\r\n    }\r\n  ]\r\n}","phonegrid":"","jetpack_sharing_enabled":true,"jetpack_shortlink":"https:\/\/wp.me\/s7ChHw-allure","jetpack-related-posts":[{"id":331,"url":"https:\/\/www2.hu-berlin.de\/ausstellungskritik\/worldpressphoto\/","url_meta":{"origin":807,"position":0},"title":"World Press Photo 2016, Willy-Brandt-Haus Berlin","author":"Die Redaktion","date":"3. 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