{"id":842,"date":"2016-07-03T11:25:50","date_gmt":"2016-07-03T09:25:50","guid":{"rendered":"https:\/\/www2.hu-berlin.de\/ausstellungskritik\/manet-sehen-2\/"},"modified":"2025-07-17T11:26:35","modified_gmt":"2025-07-17T09:26:35","slug":"erwin-wurm","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www2.hu-berlin.de\/ausstellungskritik\/erwin-wurm\/","title":{"rendered":"Erwin Wurm. Bei Mutti, Berlinische Galerie"},"content":{"rendered":"<div id=\"attachment_332\" style=\"width: 3226px\" class=\"wp-caption alignnone\"><img data-recalc-dims=\"1\" loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-332\" data-attachment-id=\"332\" data-permalink=\"https:\/\/www2.hu-berlin.de\/ausstellungskritik\/worldpressphoto\/weitzel_white_cube_2\/\" data-orig-file=\"https:\/\/i0.wp.com\/www2.hu-berlin.de\/ausstellungskritik\/wp-content\/uploads\/2016\/07\/weitzel_white_cube_2.jpg?fit=3216%2C2448&amp;ssl=1\" data-orig-size=\"3216,2448\" data-comments-opened=\"1\" data-image-meta=\"{&quot;aperture&quot;:&quot;2.8&quot;,&quot;credit&quot;:&quot;&quot;,&quot;camera&quot;:&quot;FinePix S8000fd&quot;,&quot;caption&quot;:&quot;&quot;,&quot;created_timestamp&quot;:&quot;1464962608&quot;,&quot;copyright&quot;:&quot;&quot;,&quot;focal_length&quot;:&quot;4.7&quot;,&quot;iso&quot;:&quot;200&quot;,&quot;shutter_speed&quot;:&quot;0.011764705882353&quot;,&quot;title&quot;:&quot;&quot;,&quot;orientation&quot;:&quot;1&quot;}\" data-image-title=\"weitzel_white_cube_2\" data-image-description=\"\" data-image-caption=\"&lt;p&gt;World Press Ausstellung 2016 im Willy-Brandt-Haus Berlin&lt;\/p&gt;\n\" data-medium-file=\"https:\/\/i0.wp.com\/www2.hu-berlin.de\/ausstellungskritik\/wp-content\/uploads\/2016\/07\/weitzel_white_cube_2.jpg?fit=150%2C114&amp;ssl=1\" data-large-file=\"https:\/\/i0.wp.com\/www2.hu-berlin.de\/ausstellungskritik\/wp-content\/uploads\/2016\/07\/weitzel_white_cube_2.jpg?fit=1024%2C779&amp;ssl=1\" class=\"size-full wp-image-332\" src=\"https:\/\/i0.wp.com\/www2.hu-berlin.de\/ausstellungskritik\/wp-content\/uploads\/2016\/07\/weitzel_white_cube_2.jpg?resize=3216%2C2448&#038;ssl=1\" alt=\"World Press Ausstellung 2016 im Willy-Brandt-Haus Berlin\" width=\"3216\" height=\"2448\" srcset=\"https:\/\/i0.wp.com\/www2.hu-berlin.de\/ausstellungskritik\/wp-content\/uploads\/2016\/07\/weitzel_white_cube_2.jpg?w=3216&amp;ssl=1 3216w, https:\/\/i0.wp.com\/www2.hu-berlin.de\/ausstellungskritik\/wp-content\/uploads\/2016\/07\/weitzel_white_cube_2.jpg?resize=300%2C228&amp;ssl=1 300w, https:\/\/i0.wp.com\/www2.hu-berlin.de\/ausstellungskritik\/wp-content\/uploads\/2016\/07\/weitzel_white_cube_2.jpg?resize=1024%2C779&amp;ssl=1 1024w, https:\/\/i0.wp.com\/www2.hu-berlin.de\/ausstellungskritik\/wp-content\/uploads\/2016\/07\/weitzel_white_cube_2.jpg?resize=973%2C741&amp;ssl=1 973w, https:\/\/i0.wp.com\/www2.hu-berlin.de\/ausstellungskritik\/wp-content\/uploads\/2016\/07\/weitzel_white_cube_2.jpg?resize=508%2C387&amp;ssl=1 508w, https:\/\/i0.wp.com\/www2.hu-berlin.de\/ausstellungskritik\/wp-content\/uploads\/2016\/07\/weitzel_white_cube_2.jpg?w=2000&amp;ssl=1 2000w, https:\/\/i0.wp.com\/www2.hu-berlin.de\/ausstellungskritik\/wp-content\/uploads\/2016\/07\/weitzel_white_cube_2.jpg?w=3000&amp;ssl=1 3000w\" sizes=\"auto, (max-width: 1000px) 100vw, 1000px\" \/><p id=\"caption-attachment-332\" class=\"wp-caption-text\">World Press Ausstellung 2016 im Willy-Brandt-Haus Berlin<\/p><\/div>\n<p>Unsere Gegenwart scheint vor allem eines zu sein: gepr\u00e4gt von Krieg, Zerst\u00f6rung, Flucht, Tod und Trauer. Der weltweit gr\u00f6\u00dfte und international anerkannte Wettbewerb f\u00fcr Pressefotografie zeigt dieses unverbl\u00fcmte Abbild unserer Zeit auf sehr eindringliche und radikale Weise. Wer sich noch bis zum 26. Juni die Gewinner des diesj\u00e4hrigen Presse Awards im Willy-Brandt-Haus in Berlin anschauen m\u00f6chte, sollte sich dar\u00fcber im Klaren sein. Das was tagt\u00e4glich \u00fcber die unterschiedlichsten Informationskan\u00e4le f\u00fcr einen kurzen Moment unsere Aufmerksamkeit erh\u00e4lt, ger\u00e4t nicht einfach in Vergessenheit, sondern zeigt sich bei der World Press Ausstellung in kuratiertem Gewand und vor allem in geballter Form.<\/p>\n<p>Die sonst stark verstreuten Bildbotschaften werden hier im zweiten Stock der SPD Parteizentrale im White Cube pr\u00e4sentiert. Auf den kargen wei\u00dfen W\u00e4nden, deren Anordnung und Aufteilung im Raum jeglichem \u00e4sthetischen und gestalterischen Empfinden entbehrt, h\u00e4ngen, in acht verschiedene Kategorien aufgeteilt, die gro\u00dfformatigen Fotografien. In beinahe allen Rubriken sind Fotos von gefl\u00fcchteten, verwundeten oder toten Menschen vertreten. Polizeigewalt in den USA, Bandenkriminalit\u00e4t in Honduras, B\u00fcrgerkrieg im Sudan, \u00fcberf\u00fcllte Fl\u00fcchtlingsboote. Und das Thema Nummer eins: Der Syrienkrieg.<\/p>\n<p>Brennende Autos, zerst\u00f6rte H\u00e4user, komplett zerbombte Stra\u00dfenz\u00fcge. Alles ist Schutt und Asche, nichts scheint mehr an seinem Ort zu sein. Zwischen den Ruinen erkennt man schemenhaft eine einsame Person am Ende der H\u00e4userflucht. Nebel &#8211; verzweifelte Gesichter versuchen mit letzter Kraft verwundete Menschen aus der Gefahrenzone zu tragen \u2013 vielleicht sind sie schon l\u00e4ngst tot. Der Blick auf eine Stadt am Abend. Qualm steigt auf. Ist es die untergehende Sonne, oder eine eingeschlagene Bombe, die den Horizont erhellt, w\u00e4hrend der sternenklare Himmel unscheinbar und teilnahmslos dar\u00fcber h\u00e4ngt? Die Bilder des Fotografen Sameer al Doumy zeigen alle einen kurzen Moment w\u00e4hrend des mittlerweile f\u00fcnfj\u00e4hrigen Krieges in Syrien, hier in Douma im S\u00fcdosten des Landes. Die Momente, die hier festgehalten wurden, stellen den Krieg und seine zerst\u00f6rerische Macht in n\u00fcchterner Klarheit aus. Manchmal wirken die Szenen fast wie arrangierte Settings des Kunstfotografen Jeff Wall, der bewusst mit der Unsicherheit des Authentizit\u00e4tsgehalts von Pressefotografien und insbesondere Kriegsfotografien spielt. Hier verschwimmen die Gattungsgrenzen von Presse-und Kunstfotografie auf eindrucksvolle Weise. So liegt den Aufnahmen des aus Douma stammenden al Doumy, eine bestimmte Botschaft zu Grunde, die auf perverse Weise den Wahnsinn und gleichzeitig die \u00c4sthetik des Krieges herausstellt.<a href=\"#_ftn1\" name=\"_ftnref1\">[1]<\/a> Weil ein Mensch mit westeurop\u00e4ischem Hintergrund sich jedoch meist keine Vorstellung dar\u00fcber machen kann, was er da vor sich sieht, stehen wir wie unbeteiligte Beobachter am anderen Ende der Welt und k\u00f6nnen lediglich eine \u201eVerschiebung vom dokumentarischen Sehen zum dokumentarischen F\u00fchlen\u201c wahrnehmen. <a href=\"#_ftn2\" name=\"_ftnref2\">[2]<\/a> Ein Gef\u00fchl der Empathie aber auch der Hilflosigkeit wird evoziert.<\/p>\n<p>Auch die Fotografien von Abd Doumany reihen sich in dieses Gef\u00fchl der Machtlosigkeit ein. Wie in der Pressefotografie \u00fcblich, stehen neben allen ausgestellten Abbildern kurze begleitende Texte mit Informationen zur Entstehung, zum Ort und Datum, die das Bild in einen konkreten Kontext einbinden und eine Art Zeugnis- oder Beweisfunktion innehaben. Doch genau genommen ben\u00f6tigen diese Motive keine Beschriftung oder Erkl\u00e4rung. Der Mann, der den leblosen, toten, blut\u00fcberstr\u00f6mten K\u00f6rper seiner Tochter auf dem Scho\u00df liegen hat und sie mit einem fragenden Blick anschaut, als ob er nicht begreift, was da vor sich geht &#8211; dieses Bild spricht f\u00fcr sich, es bedarf keines Nachweises. In ihm spricht der Wahnsinn des Krieges auf so eindringliche und ersch\u00fctternde Weise, dass das betretende Schweigen im Ausstellungsraum fast schon zu einer Beklemmung wird. Und vielleicht ist genau deshalb der Beweis, dass es sich um authentische Abbilder des Syrienkrieges handelt, nicht notwendig. Diese Fotos scheinen uns eher wie ein Mahnmal zu sein, welches daran erinnern m\u00f6chte, dass der Krieg eine Kraft besitzt, die der Mensch nicht begreifen kann.<\/p>\n<p>Ist es also eine reale oder konstruierte Wirklichkeit, die von den dokumentarischen Bildern erzeugt wird? Glauben wir der Filmemacherin Hito Steyerl, dann ist jede scheinbare Realit\u00e4t in solchen Fotos ein Konstrukt. \u201eDie dokumentarische Form bildet demnach nicht die Realit\u00e4t ab, sondern ihren eignen Willen zur Macht.\u201c<a href=\"#_ftn3\" name=\"_ftnref3\">[3]<\/a> Doch welche Macht geht von diesen Fotografien aus? Die Fotografien haben alle den Anspruch, ein m\u00f6glichst authentisches Abbild der Wirklichkeit ins Licht zu setzen. Dabei wird dem Fotografen die Rolle eines Zeugen zugeschrieben. Doch bei genauerer Betrachtung sind auch Pressefotografien nichts anderes als Moment-Inszenierungen. Es werden Wirklichkeitsbilder konstruiert, die auf komprimierte Weise einen komplexen Sachverhalt, in diesem Fall den Krieg in Syrien, in einer Fotografie f\u00fcr die Welt zug\u00e4nglich machen. Sie sollen ein Gef\u00fchl transportieren, welches uns die Grausamkeit des Krieges erahnen l\u00e4sst. Durch das subjektive Auge der Kamera wird ein Bild hervorgebracht, welches die scheinbare Realit\u00e4t von Millionen von Menschen auf die Bildschirme der Nachrichtensender, in die Foren der globalen Social-Media-Communities und auf die wei\u00dfen, kargen W\u00e4nde des Willy-Brandt-Hauses bringt.<\/p>\n<p>Brian O\u2019Doherty h\u00e4tte die H\u00e4ngung in White Cube Manier der 20er Jahre wahrscheinlich mit einem sterilen Krankenhausflur verglichen.<a href=\"#_ftn4\" name=\"_ftnref4\">[4]<\/a> Und angesichts der ungl\u00fccklichen Anordnung der hochwertigen Pressefotos w\u00e4re dieser Vergleich auch angemessen. Ohne jegliche Konzeptualisierung wird auf der einen Seite \u2013 wie eben beschrieben \u2013 der Krieg in allen seinen Facetten gezeigt und an der gegen\u00fcberliegenden Fensterfront h\u00e4ngen wie zum Trotz Sport- und Naturfotografien. Die schwarz-wei\u00dfen Unterwasserbilder von Anuar Patjane Floriuk zeigen eine Tauchercrew um einen riesigen Wal schwimmend. Ein imposantes Bild. Auf den Aufnahmen von Christian Ziegler zeigt sich die Natur von ihrer kuriosesten Seite. Farbenfrohe Cham\u00e4leons in Nahaufnahme. Der Anblick der traumatisierenden Kriegsabbildungen scheint diese Themen jedoch zwangsl\u00e4ufig in den Hintergrund zu dr\u00e4ngen \u2013 so, als w\u00e4ren es belanglose Angelegenheiten, die in der World Press auch noch irgendwo untergebracht werden mussten.<\/p>\n<p>Hier liegt die T\u00fccke der Ausstellungskonzeption. Anstatt die Kategorien f\u00fcr sich sprechen zu lassen, scheinen sie miteinander zu konkurrieren. Zumindest in der konkreten Ausstellungssituation im Willy-Brandt-Haus. Denn die Wanderausstellung wird in insgesamt 45 L\u00e4ndern gezeigt. Es bleibt zu hoffen, dass an den anderen Ausstellungsorten eine gelungenere Pr\u00e4sentation der Fotografien zu sehen sein wird. Eine Pr\u00e4sentationform, die allen Rubriken ihren Platz und auch Themen, wie die Rettung von Orang-Utans in den Regenw\u00e4ldern von Sumatra oder die Synchronschwimmer aus Schweden f\u00fcr sich sprechen l\u00e4sst. Denn diese Informationen treten nicht nur in der World Press Photo Ausstellung in den Hintergrund, sondern gehen auch meistens in der Nachrichtenflut des Alltags unter. Sollten wir diesen Momenten, die auch unser Leben bestimmen, dann nicht gerade bei solch einer Ausstellung ein wenig mehr Aufmerksamkeit schenken? Vor allem sollten wir sie nicht mit dem Krieg konkurrieren lassen, der unsere Sinne \u00fcberfordert und keinen Platz mehr f\u00fcr andere Themen l\u00e4sst.<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref1\" name=\"_ftn1\">[1]<\/a> Auf diesen Grenzgang machte schon Walter Benjamin in seiner medienkritischen Schrift \u201eDas Kunstwerk im Zeitalter seiner technischen Reproduzierbarkeit\u201c aufmerksam. F\u00fcr weitere Informationen siehe Walter Benjamin: Das Kunstwerk im Zeitalter seiner technischen Reproduzierbarkeit, in: Ders.: Illuminationen, S. 136-169, hier: 168f.<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref2\" name=\"_ftn2\">[2]<\/a> Hito Steyerl (2008): Die Farbe der Wahrheit. Dokumentarismen im Kunstfeld, Wien: Turia + Kant, S. 13.<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref3\" name=\"_ftn3\">[3]<\/a> Hito Steyerl (2008): Die Farbe der Wahrheit. Dokumentarismen im Kunstfeld, Wien: Turia + Kant, S. 10.<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref4\" name=\"_ftn4\">[4]<\/a> Brian O\u2019Doherty \u00fcber den White Cube: Brian O\u2019Doherty (1996): In der wei\u00dfen Zelle. Inside the White Cube\u201c Berlin: Merve.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<hr \/>\n<p>World Press Photo 2016<br \/>\n03. Juni \u2013 26. Juni 2016<\/p>\n<p>Willy-Brandt-Haus Berlin<br \/>\nWilhelmstra\u00dfe 140<br \/>\n10963 Berlin<\/p>\n<p><a href=\"http:\/\/www.worldpressphoto.org\/collection\/photo\/2016\">www.worldpressphoto.org<\/a><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Unsere Gegenwart scheint vor allem eines zu sein: gepr\u00e4gt von Krieg, Zerst\u00f6rung, Flucht, Tod und Trauer. Der weltweit gr\u00f6\u00dfte und international anerkannte Wettbewerb f\u00fcr Pressefotografie zeigt dieses unverbl\u00fcmte Abbild unserer Zeit auf sehr eindringliche und radikale Weise. Wer sich noch bis zum 26. 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Bei Mutti<\/em> in der Berlinischen Galerie<\/p>\",\r\n      \"align\": \"top\",\r\n      \"row\": 1,\r\n      \"col\": 1,\r\n      \"colspan\": 18,\r\n      \"offsetx\": 0,\r\n      \"offsety\": 0,\r\n      \"spaceabove\": 0,\r\n      \"spacebelow\": 0,\r\n      \"yvel\": 1,\r\n      \"push\": 1,\r\n      \"relid\": 7,\r\n      \"frameOverflow\": \"\"\r\n    },\r\n    {\r\n      \"type\": \"text\",\r\n      \"cont\": \"<p style=\\\"text-align: left;\\\"><span style=\\\"font-size: 20px;\\\">Ruri Kawanami<\/span><\/p>\",\r\n      \"align\": \"top\",\r\n      \"row\": 2,\r\n      \"col\": 3,\r\n      \"colspan\": 13,\r\n      \"offsetx\": 0,\r\n      \"offsety\": 0,\r\n      \"spaceabove\": 0,\r\n      \"spacebelow\": 0,\r\n      \"yvel\": 1,\r\n      \"push\": 3,\r\n      \"relid\": 6,\r\n      \"frameOverflow\": \"\"\r\n    },\r\n    {\r\n      \"type\": \"text\",\r\n      \"cont\": \"<p style=\\\"line-height: 1;\\\"><span style=\\\"font-size: 20px;\\\">Schon der Titel klingt nach Ironie:\u00a0<em>Bei Mutti\u00a0<\/em>hei\u00dft die aktuelle Ausstellung in der Berlinischen Galerie und es ist durchaus klar, dass die Werke des \u00f6sterreichische K\u00fcnstler Erwin Wurm, die in der monographischen Ausstellung gezeigt werden, keine harmlose Anspielung auf die W\u00e4rme und das Geborgensein zu Hause bei Mutti sein wollen. Wenn Ironie sich allgemein dadurch auszeichnet, dass etwas zwar zynisch verspottet wird, aber die Aussage eben doch nicht allzu ernst zu nehmen ist, dann ist die Ausstellung\u00a0<em>Bei Mutti\u00a0<\/em>doch etwas mehr als einfache Ironie. In\u00a0<em>Bei<\/em>\u00a0<em>Mutti\u00a0<\/em>kreuzt sich die Thematik der h\u00e4uslichen Umgebung und die Figur der Mutter immer wieder mit scharfsinniger Ironie, deren L\u00e4cherlichkeit wir aber vielleicht auch ernst nehmen sollen.<\/span><\/p><p style=\\\"line-height: 1;\\\"><span style=\\\"font-size: 20px;\\\">In der ersten umfassenden Soloausstellung in Berlin werden rund 80 Arbeiten von Erwin Wurm pr\u00e4sentiert: Von der seit 1995 entstandenen Serie\u00a0<em>One Minute Sculptures\u00a0<\/em>bis hin zu den neuesten Skulpturarbeiten, die erst vor wenigen Monaten entstanden sind. Trotz des l\u00e4ngeren Schaffenszeitraums beziehen sich alle ausgestellten Arbeiten auf die Wohnkultur und die allt\u00e4gliche Umwelt. Gew\u00f6hnliche, zuerst ausdrucklos scheinende Gegenst\u00e4nde wie K\u00fchlschrank, Telefon, B\u00fccher und sogar Sp\u00fclmittelflaschen stehen immer im Zentrum seiner k\u00fcnstlerischen Auseinandersetzung.<\/span><\/p><p style=\\\"line-height: 1;\\\"><span style=\\\"font-size: 20px;\\\">Die h\u00e4usliche Umgebung als k\u00fcnstlerisches Versuchsgel\u00e4nde<\/span><\/p><p style=\\\"line-height: 1;\\\"><span style=\\\"font-size: 20px;\\\">\u201cK\u00fchler Kopf, K\u00fchle Hand. Kopf und Hand in K\u00fchlschrank. Joint rauchen. Bier trinken\u201d. Solche Handlungsanweisungen finden sich an einem kleinen wei\u00dfen K\u00fchlschrank mit runden L\u00f6chern an der Seite. Wie alle anderen Objekte, denen man in der Hauptausstellungshalle der Berlinischen Galerie begegnet \u2013 Tennisb\u00e4lle, modifizierte St\u00fchle, ein Pullover oder eine Hundeh\u00fctte mit L\u00f6chern \u2013 befindet sich auch der K\u00fchlschrank auf einem der niedrigen\u00a0<em>White Cube<\/em>\u00a0\u2013 Podeste, die in gro\u00dfz\u00fcgigem, unregelm\u00e4\u00dfigem Abstand voneinander im Raum verteilt stehen. Die K\u00f6rperhaltungen, die die Betrachter so zusammen mit den gegebenen Haushaltsgegenst\u00e4nden einnehmen sollen, sind oft bizarr und schwierig. So ergibt sich aus dem Versuch oft ein komischer, l\u00e4cherlicher Kampf mit allt\u00e4glichen Objekten. H\u00e4lt man nun aber die Pose wie angegeben ein, so wird man f\u00fcr eine Minute selbst zu einer Skulptur.<\/span><\/p><p style=\\\"line-height: 1;\\\"><span style=\\\"font-size: 20px;\\\">Bei Wurms\u00a0<em>One Minute Sculptures\u00a0<\/em>geht es also um eine kurze Performance. Die Skulpturen entstehen erst in dem Moment als solche, wenn die Betrachter durch ihre Teilnahme die Werke vervollst\u00e4ndigen, indem sie selbst zum Teil des Kunstwerkes werden. Doch in der hellen, gro\u00dfr\u00e4umigen Treppenhalle der Kreuzberger Galerie scheint der partizipatorische Ansatz etwas anders verlaufen zu sein, als wohl beabsichtigt wurde. Die Raumsituation, die sonst f\u00fcr Ausstellungen im klassischen Format gut geeignet sein d\u00fcrfte, wirkt zuerst nicht unbedingt sehr einladend, in einer sterilen Umgebung spontan die etwas ungew\u00f6hnlichen und skurrilen K\u00f6rperhaltungen zu performen. Oft liest man erst zweifelnd die Anweisungen, schaut sich um und wartet ab, bis die ersten Mutigen anfangen, sich in eine l\u00e4cherlich schr\u00e4ge Pose zu begeben. Ganz frei von Ber\u00fchrungsangst ist die Atmosph\u00e4re kaum, nicht zuletzt aufgrund der mal strengen, mal teilnahmslosen Beobachtung durch das Museumspersonal. Peinliche Stille beherrscht die Ausstellungshalle, gelegentlich unterbrochen von einem Ger\u00e4usch, denn da und dort scheitern die Umsetzungen der Performance. B\u00fccher fallen herunter. Gel\u00e4chter folgt.<\/span><\/p><p style=\\\"line-height: 1;\\\"><span style=\\\"font-size: 20px;\\\">Die L\u00e4cherlichkeit und Peinlichkeit des menschlichen K\u00f6rpers in Verbindung mit der \u00c4sthetik des\u00a0<em>Readymade\u00a0<\/em>machen schon l\u00e4nger die besonderen Eigenschaften der Arbeit von Wurm aus. Doch sind die\u00a0<em>One Minute Sculptures\u00a0<\/em>mehr als ein einfaches interaktives Spiel. Die bildhauerischen Arbeiten, die jedoch \u00fcber kein best\u00e4ndiges Material verf\u00fcgen, stellen eine ironische Antithese zur klassischen Bildhauerei dar, welche so oft auf die Regel der Best\u00e4ndigkeit als auch auf die Auswahl des expressiven Materials angewiesen sind. Die klassischen Kriterien von Komposition und Plastizit\u00e4t, die bei der Produktion und Analyse der bildhauerischen Arbeit immer noch eine pr\u00e4gende Rolle spielen, werden bei\u00a0<em>One Minutes<\/em>\u00a0<em>Sculptures\u00a0<\/em>\u00fcberfl\u00fcssig. Wurms Herangehensweise ist spielerisch leicht. Die\u00a0<em>One Minutes Sculptures<\/em>\u00a0widmen sich dem Festhalten an der L\u00e4cherlichkeit. Seine Haltung gegen\u00fcber der Kunstgattung von Skulptur ist eine ironische Haltung, die aber auch irgendwo ernst gemeint ist.<\/span><\/p><p style=\\\"line-height: 1;\\\"><span style=\\\"font-size: 20px;\\\">Die Enge des Zuhauses, wie bei Mutti!<\/span><\/p><p style=\\\"line-height: 1;\\\"><span style=\\\"font-size: 20px;\\\">Unter der Vielzahl der ausgestellten Werke nimmt das\u00a0<em>Narrow House\u00a0<\/em>f\u00fcr die Ausstellung\u00a0<em>Bei Mutti\u00a0<\/em>einen besonderen Stellenwert ein. Bei\u00a0<em>Narrow House\u00a0<\/em>handelt es sich um einen begehbaren Nachbau des Elternhauses des K\u00fcnstlers in der Steiermark in \u00d6sterreich, das sowohl die Innenarchitektur als auch die \u00e4u\u00dfere Erscheinung detailtreu wiedergibt, bis auf die Tatsache, dass das Ganze in einer bizarren Breite von 1,10 Metern nachgebaut ist. Um dieses klassische Familienhaus aus der 1970er Jahren betreten zu k\u00f6nnen, muss man nun den Bauch eng einziehen und vorsichtig seitw\u00e4rts durch den Flur laufen, bis man in dem winzigen Badezimmer eine eben noch miniaturhafte Badewanne vor der Nase hat. So k\u00f6nnen die Besucher, laut dem Ausstellungstext \u201cdie b\u00fcrgerliche Wohnkultur der 1970er Jahre, aber auch die Enge und Spie\u00dfigkeit der Provinz\u201d k\u00f6rperlich erleben.<\/span><\/p><p style=\\\"line-height: 1;\\\"><span style=\\\"font-size: 20px;\\\">Bei Mutti zu Hause in\u00a0<em>Narrow House\u00a0<\/em>sind weder die utopischen Werte des Familienlebens, noch die pers\u00f6nlichen Kindheitserinnerungen des K\u00fcnstlers dargestellt. Vielmehr tritt das nachgebaute Haus als allegorisches Zerrbild des b\u00fcrgerlichen Lebens auf, dessen surreale Erscheinungsform die vertraute Welt des H\u00e4uslichen fremd macht. Trotz der Abwesenheit eigentlicher Bewohner f\u00fchlt man vor den schwarzwei\u00dfen Familienfotos an den W\u00e4nden \u00fcberwiegend die Pr\u00e4senz der Abwesenden. Voller Humor und mit ein bisschen Liebe setzt sich Wurm in\u00a0<em>Narrow House\u00a0<\/em>mit der Kleingeistigkeit des b\u00fcrgerlichen Lebens kritisch auseinander.<\/span><\/p><p style=\\\"line-height: 1;\\\"><span style=\\\"font-size: 20px;\\\">So lustig das alles auf den ersten Blick erscheinen mag, geht es bei den Arbeiten von Erwin Wurm doch nicht blo\u00df um eine Parodie des Alltags. Die Arbeiten, die in der Ausstellung\u00a0<em>Bei Mutti\u00a0<\/em>gezeigt werden, spiegeln eine ironische Haltung wieder, deren Botschaft aber ernst genommen werden soll. Seine sarkastischen Kommentare sowohl zur klassischen Bildhauerei als auch zur geistigen Enge des b\u00fcrgerlichen Lebens tauchen oft in Verkleidung lustiger und bizarrer Erscheinungen auf, die in Wirklichkeit nicht neutral sondern durchaus politisch sind. Ironie ist bei Wurm eine Strategie der Entbl\u00f6\u00dfung.<\/span><\/p><p style=\\\"line-height: 1;\\\"><span style=\\\"font-size: 20px;\\\">Letztlich scheint die Ironie der Ausstellung daher auch gegen den Besucher selbst gerichtet zu sein: Die peinliche Stille, die die Ausstellungshalle mit\u00a0<em>One Minute Sculptures\u00a0<\/em>beherrscht, offenbart auf subtil Weise die Feigheit der b\u00fcrgerlichen Museumsbesucher selbst.<\/span><\/p>\",\r\n      \"align\": \"top\",\r\n      \"row\": 3,\r\n      \"col\": 1,\r\n      \"colspan\": 18,\r\n      \"offsetx\": 0,\r\n      \"offsety\": 0,\r\n      \"spaceabove\": 0,\r\n      \"spacebelow\": 0,\r\n      \"yvel\": 1,\r\n      \"push\": 1,\r\n      \"relid\": 8,\r\n      \"frameOverflow\": \"\"\r\n    },\r\n    {\r\n      \"type\": \"text\",\r\n      \"cont\": \"<p style=\\\"line-height: 1;\\\"><span style=\\\"font-size: 15px;\\\">Erwin Wurm. Bei Mutti<\/span><br \/><span style=\\\"font-size: 15px;\\\">15.04\u201322.08.2016<\/span><\/p><p style=\\\"line-height: 1;\\\"><span style=\\\"font-size: 15px;\\\">Berlinische Galerie<\/span><br \/><span style=\\\"font-size: 15px;\\\">Alte Jakobstra\u00dfe 124128<\/span><br \/><span style=\\\"font-size: 15px;\\\">10969 Berlin<\/span><\/p><p style=\\\"line-height: 1;\\\"><span style=\\\"font-size: 15px;\\\"><a href=\\\"http:\/\/www.berlinischegalerie.de\/en\/exhibitions\/current-exhibitions\/erwin-wurm\/\\\">www.berlinischegalerie.de<\/a><\/span><\/p>\",\r\n      \"align\": \"top\",\r\n      \"row\": 4,\r\n      \"col\": 5,\r\n      \"colspan\": 9,\r\n      \"offsetx\": 0,\r\n      \"offsety\": 0,\r\n      \"spaceabove\": 0,\r\n      \"spacebelow\": 0,\r\n      \"yvel\": 1,\r\n      \"push\": 5,\r\n      \"relid\": 621,\r\n      \"frameOverflow\": \"\"\r\n    }\r\n  ]\r\n}","phonegrid":"","jetpack_sharing_enabled":true,"jetpack_shortlink":"https:\/\/wp.me\/p7ChHw-dA","jetpack-related-posts":[{"id":331,"url":"https:\/\/www2.hu-berlin.de\/ausstellungskritik\/worldpressphoto\/","url_meta":{"origin":842,"position":0},"title":"World Press Photo 2016, Willy-Brandt-Haus Berlin","author":"Die Redaktion","date":"3. 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