{"id":893,"date":"2016-06-10T16:18:33","date_gmt":"2016-06-10T14:18:33","guid":{"rendered":"https:\/\/www2.hu-berlin.de\/ausstellungskritik\/ken-to-be-destroyed-2-2\/"},"modified":"2025-07-17T11:26:40","modified_gmt":"2025-07-17T09:26:40","slug":"zettelwirtschaft","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www2.hu-berlin.de\/ausstellungskritik\/zettelwirtschaft\/","title":{"rendered":"Angezettelt, Deutsches Historisches Museum"},"content":{"rendered":"<div id=\"attachment_332\" style=\"width: 3226px\" class=\"wp-caption alignnone\"><img data-recalc-dims=\"1\" loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-332\" data-attachment-id=\"332\" data-permalink=\"https:\/\/www2.hu-berlin.de\/ausstellungskritik\/worldpressphoto\/weitzel_white_cube_2\/\" data-orig-file=\"https:\/\/i0.wp.com\/www2.hu-berlin.de\/ausstellungskritik\/wp-content\/uploads\/2016\/07\/weitzel_white_cube_2.jpg?fit=3216%2C2448&amp;ssl=1\" data-orig-size=\"3216,2448\" data-comments-opened=\"1\" data-image-meta=\"{&quot;aperture&quot;:&quot;2.8&quot;,&quot;credit&quot;:&quot;&quot;,&quot;camera&quot;:&quot;FinePix S8000fd&quot;,&quot;caption&quot;:&quot;&quot;,&quot;created_timestamp&quot;:&quot;1464962608&quot;,&quot;copyright&quot;:&quot;&quot;,&quot;focal_length&quot;:&quot;4.7&quot;,&quot;iso&quot;:&quot;200&quot;,&quot;shutter_speed&quot;:&quot;0.011764705882353&quot;,&quot;title&quot;:&quot;&quot;,&quot;orientation&quot;:&quot;1&quot;}\" data-image-title=\"weitzel_white_cube_2\" data-image-description=\"\" data-image-caption=\"&lt;p&gt;World Press Ausstellung 2016 im Willy-Brandt-Haus Berlin&lt;\/p&gt;\n\" data-medium-file=\"https:\/\/i0.wp.com\/www2.hu-berlin.de\/ausstellungskritik\/wp-content\/uploads\/2016\/07\/weitzel_white_cube_2.jpg?fit=150%2C114&amp;ssl=1\" data-large-file=\"https:\/\/i0.wp.com\/www2.hu-berlin.de\/ausstellungskritik\/wp-content\/uploads\/2016\/07\/weitzel_white_cube_2.jpg?fit=1024%2C779&amp;ssl=1\" class=\"size-full wp-image-332\" src=\"https:\/\/i0.wp.com\/www2.hu-berlin.de\/ausstellungskritik\/wp-content\/uploads\/2016\/07\/weitzel_white_cube_2.jpg?resize=3216%2C2448&#038;ssl=1\" alt=\"World Press Ausstellung 2016 im Willy-Brandt-Haus Berlin\" width=\"3216\" height=\"2448\" srcset=\"https:\/\/i0.wp.com\/www2.hu-berlin.de\/ausstellungskritik\/wp-content\/uploads\/2016\/07\/weitzel_white_cube_2.jpg?w=3216&amp;ssl=1 3216w, https:\/\/i0.wp.com\/www2.hu-berlin.de\/ausstellungskritik\/wp-content\/uploads\/2016\/07\/weitzel_white_cube_2.jpg?resize=300%2C228&amp;ssl=1 300w, https:\/\/i0.wp.com\/www2.hu-berlin.de\/ausstellungskritik\/wp-content\/uploads\/2016\/07\/weitzel_white_cube_2.jpg?resize=1024%2C779&amp;ssl=1 1024w, https:\/\/i0.wp.com\/www2.hu-berlin.de\/ausstellungskritik\/wp-content\/uploads\/2016\/07\/weitzel_white_cube_2.jpg?resize=973%2C741&amp;ssl=1 973w, https:\/\/i0.wp.com\/www2.hu-berlin.de\/ausstellungskritik\/wp-content\/uploads\/2016\/07\/weitzel_white_cube_2.jpg?resize=508%2C387&amp;ssl=1 508w, https:\/\/i0.wp.com\/www2.hu-berlin.de\/ausstellungskritik\/wp-content\/uploads\/2016\/07\/weitzel_white_cube_2.jpg?w=2000&amp;ssl=1 2000w, https:\/\/i0.wp.com\/www2.hu-berlin.de\/ausstellungskritik\/wp-content\/uploads\/2016\/07\/weitzel_white_cube_2.jpg?w=3000&amp;ssl=1 3000w\" sizes=\"auto, (max-width: 1000px) 100vw, 1000px\" \/><p id=\"caption-attachment-332\" class=\"wp-caption-text\">World Press Ausstellung 2016 im Willy-Brandt-Haus Berlin<\/p><\/div>\n<p>Unsere Gegenwart scheint vor allem eines zu sein: gepr\u00e4gt von Krieg, Zerst\u00f6rung, Flucht, Tod und Trauer. Der weltweit gr\u00f6\u00dfte und international anerkannte Wettbewerb f\u00fcr Pressefotografie zeigt dieses unverbl\u00fcmte Abbild unserer Zeit auf sehr eindringliche und radikale Weise. Wer sich noch bis zum 26. Juni die Gewinner des diesj\u00e4hrigen Presse Awards im Willy-Brandt-Haus in Berlin anschauen m\u00f6chte, sollte sich dar\u00fcber im Klaren sein. Das was tagt\u00e4glich \u00fcber die unterschiedlichsten Informationskan\u00e4le f\u00fcr einen kurzen Moment unsere Aufmerksamkeit erh\u00e4lt, ger\u00e4t nicht einfach in Vergessenheit, sondern zeigt sich bei der World Press Ausstellung in kuratiertem Gewand und vor allem in geballter Form.<\/p>\n<p>Die sonst stark verstreuten Bildbotschaften werden hier im zweiten Stock der SPD Parteizentrale im White Cube pr\u00e4sentiert. Auf den kargen wei\u00dfen W\u00e4nden, deren Anordnung und Aufteilung im Raum jeglichem \u00e4sthetischen und gestalterischen Empfinden entbehrt, h\u00e4ngen, in acht verschiedene Kategorien aufgeteilt, die gro\u00dfformatigen Fotografien. In beinahe allen Rubriken sind Fotos von gefl\u00fcchteten, verwundeten oder toten Menschen vertreten. Polizeigewalt in den USA, Bandenkriminalit\u00e4t in Honduras, B\u00fcrgerkrieg im Sudan, \u00fcberf\u00fcllte Fl\u00fcchtlingsboote. Und das Thema Nummer eins: Der Syrienkrieg.<\/p>\n<p>Brennende Autos, zerst\u00f6rte H\u00e4user, komplett zerbombte Stra\u00dfenz\u00fcge. Alles ist Schutt und Asche, nichts scheint mehr an seinem Ort zu sein. Zwischen den Ruinen erkennt man schemenhaft eine einsame Person am Ende der H\u00e4userflucht. Nebel &#8211; verzweifelte Gesichter versuchen mit letzter Kraft verwundete Menschen aus der Gefahrenzone zu tragen \u2013 vielleicht sind sie schon l\u00e4ngst tot. Der Blick auf eine Stadt am Abend. Qualm steigt auf. Ist es die untergehende Sonne, oder eine eingeschlagene Bombe, die den Horizont erhellt, w\u00e4hrend der sternenklare Himmel unscheinbar und teilnahmslos dar\u00fcber h\u00e4ngt? Die Bilder des Fotografen Sameer al Doumy zeigen alle einen kurzen Moment w\u00e4hrend des mittlerweile f\u00fcnfj\u00e4hrigen Krieges in Syrien, hier in Douma im S\u00fcdosten des Landes. Die Momente, die hier festgehalten wurden, stellen den Krieg und seine zerst\u00f6rerische Macht in n\u00fcchterner Klarheit aus. Manchmal wirken die Szenen fast wie arrangierte Settings des Kunstfotografen Jeff Wall, der bewusst mit der Unsicherheit des Authentizit\u00e4tsgehalts von Pressefotografien und insbesondere Kriegsfotografien spielt. Hier verschwimmen die Gattungsgrenzen von Presse-und Kunstfotografie auf eindrucksvolle Weise. So liegt den Aufnahmen des aus Douma stammenden al Doumy, eine bestimmte Botschaft zu Grunde, die auf perverse Weise den Wahnsinn und gleichzeitig die \u00c4sthetik des Krieges herausstellt.<a href=\"#_ftn1\" name=\"_ftnref1\">[1]<\/a> Weil ein Mensch mit westeurop\u00e4ischem Hintergrund sich jedoch meist keine Vorstellung dar\u00fcber machen kann, was er da vor sich sieht, stehen wir wie unbeteiligte Beobachter am anderen Ende der Welt und k\u00f6nnen lediglich eine \u201eVerschiebung vom dokumentarischen Sehen zum dokumentarischen F\u00fchlen\u201c wahrnehmen. <a href=\"#_ftn2\" name=\"_ftnref2\">[2]<\/a> Ein Gef\u00fchl der Empathie aber auch der Hilflosigkeit wird evoziert.<\/p>\n<p>Auch die Fotografien von Abd Doumany reihen sich in dieses Gef\u00fchl der Machtlosigkeit ein. Wie in der Pressefotografie \u00fcblich, stehen neben allen ausgestellten Abbildern kurze begleitende Texte mit Informationen zur Entstehung, zum Ort und Datum, die das Bild in einen konkreten Kontext einbinden und eine Art Zeugnis- oder Beweisfunktion innehaben. Doch genau genommen ben\u00f6tigen diese Motive keine Beschriftung oder Erkl\u00e4rung. Der Mann, der den leblosen, toten, blut\u00fcberstr\u00f6mten K\u00f6rper seiner Tochter auf dem Scho\u00df liegen hat und sie mit einem fragenden Blick anschaut, als ob er nicht begreift, was da vor sich geht &#8211; dieses Bild spricht f\u00fcr sich, es bedarf keines Nachweises. In ihm spricht der Wahnsinn des Krieges auf so eindringliche und ersch\u00fctternde Weise, dass das betretende Schweigen im Ausstellungsraum fast schon zu einer Beklemmung wird. Und vielleicht ist genau deshalb der Beweis, dass es sich um authentische Abbilder des Syrienkrieges handelt, nicht notwendig. Diese Fotos scheinen uns eher wie ein Mahnmal zu sein, welches daran erinnern m\u00f6chte, dass der Krieg eine Kraft besitzt, die der Mensch nicht begreifen kann.<\/p>\n<p>Ist es also eine reale oder konstruierte Wirklichkeit, die von den dokumentarischen Bildern erzeugt wird? Glauben wir der Filmemacherin Hito Steyerl, dann ist jede scheinbare Realit\u00e4t in solchen Fotos ein Konstrukt. \u201eDie dokumentarische Form bildet demnach nicht die Realit\u00e4t ab, sondern ihren eignen Willen zur Macht.\u201c<a href=\"#_ftn3\" name=\"_ftnref3\">[3]<\/a> Doch welche Macht geht von diesen Fotografien aus? Die Fotografien haben alle den Anspruch, ein m\u00f6glichst authentisches Abbild der Wirklichkeit ins Licht zu setzen. Dabei wird dem Fotografen die Rolle eines Zeugen zugeschrieben. Doch bei genauerer Betrachtung sind auch Pressefotografien nichts anderes als Moment-Inszenierungen. Es werden Wirklichkeitsbilder konstruiert, die auf komprimierte Weise einen komplexen Sachverhalt, in diesem Fall den Krieg in Syrien, in einer Fotografie f\u00fcr die Welt zug\u00e4nglich machen. Sie sollen ein Gef\u00fchl transportieren, welches uns die Grausamkeit des Krieges erahnen l\u00e4sst. Durch das subjektive Auge der Kamera wird ein Bild hervorgebracht, welches die scheinbare Realit\u00e4t von Millionen von Menschen auf die Bildschirme der Nachrichtensender, in die Foren der globalen Social-Media-Communities und auf die wei\u00dfen, kargen W\u00e4nde des Willy-Brandt-Hauses bringt.<\/p>\n<p>Brian O\u2019Doherty h\u00e4tte die H\u00e4ngung in White Cube Manier der 20er Jahre wahrscheinlich mit einem sterilen Krankenhausflur verglichen.<a href=\"#_ftn4\" name=\"_ftnref4\">[4]<\/a> Und angesichts der ungl\u00fccklichen Anordnung der hochwertigen Pressefotos w\u00e4re dieser Vergleich auch angemessen. Ohne jegliche Konzeptualisierung wird auf der einen Seite \u2013 wie eben beschrieben \u2013 der Krieg in allen seinen Facetten gezeigt und an der gegen\u00fcberliegenden Fensterfront h\u00e4ngen wie zum Trotz Sport- und Naturfotografien. Die schwarz-wei\u00dfen Unterwasserbilder von Anuar Patjane Floriuk zeigen eine Tauchercrew um einen riesigen Wal schwimmend. Ein imposantes Bild. Auf den Aufnahmen von Christian Ziegler zeigt sich die Natur von ihrer kuriosesten Seite. Farbenfrohe Cham\u00e4leons in Nahaufnahme. Der Anblick der traumatisierenden Kriegsabbildungen scheint diese Themen jedoch zwangsl\u00e4ufig in den Hintergrund zu dr\u00e4ngen \u2013 so, als w\u00e4ren es belanglose Angelegenheiten, die in der World Press auch noch irgendwo untergebracht werden mussten.<\/p>\n<p>Hier liegt die T\u00fccke der Ausstellungskonzeption. Anstatt die Kategorien f\u00fcr sich sprechen zu lassen, scheinen sie miteinander zu konkurrieren. Zumindest in der konkreten Ausstellungssituation im Willy-Brandt-Haus. Denn die Wanderausstellung wird in insgesamt 45 L\u00e4ndern gezeigt. Es bleibt zu hoffen, dass an den anderen Ausstellungsorten eine gelungenere Pr\u00e4sentation der Fotografien zu sehen sein wird. Eine Pr\u00e4sentationform, die allen Rubriken ihren Platz und auch Themen, wie die Rettung von Orang-Utans in den Regenw\u00e4ldern von Sumatra oder die Synchronschwimmer aus Schweden f\u00fcr sich sprechen l\u00e4sst. Denn diese Informationen treten nicht nur in der World Press Photo Ausstellung in den Hintergrund, sondern gehen auch meistens in der Nachrichtenflut des Alltags unter. Sollten wir diesen Momenten, die auch unser Leben bestimmen, dann nicht gerade bei solch einer Ausstellung ein wenig mehr Aufmerksamkeit schenken? Vor allem sollten wir sie nicht mit dem Krieg konkurrieren lassen, der unsere Sinne \u00fcberfordert und keinen Platz mehr f\u00fcr andere Themen l\u00e4sst.<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref1\" name=\"_ftn1\">[1]<\/a> Auf diesen Grenzgang machte schon Walter Benjamin in seiner medienkritischen Schrift \u201eDas Kunstwerk im Zeitalter seiner technischen Reproduzierbarkeit\u201c aufmerksam. F\u00fcr weitere Informationen siehe Walter Benjamin: Das Kunstwerk im Zeitalter seiner technischen Reproduzierbarkeit, in: Ders.: Illuminationen, S. 136-169, hier: 168f.<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref2\" name=\"_ftn2\">[2]<\/a> Hito Steyerl (2008): Die Farbe der Wahrheit. Dokumentarismen im Kunstfeld, Wien: Turia + Kant, S. 13.<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref3\" name=\"_ftn3\">[3]<\/a> Hito Steyerl (2008): Die Farbe der Wahrheit. Dokumentarismen im Kunstfeld, Wien: Turia + Kant, S. 10.<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref4\" name=\"_ftn4\">[4]<\/a> Brian O\u2019Doherty \u00fcber den White Cube: Brian O\u2019Doherty (1996): In der wei\u00dfen Zelle. Inside the White Cube\u201c Berlin: Merve.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<hr \/>\n<p>World Press Photo 2016<br \/>\n03. Juni \u2013 26. Juni 2016<\/p>\n<p>Willy-Brandt-Haus Berlin<br \/>\nWilhelmstra\u00dfe 140<br \/>\n10963 Berlin<\/p>\n<p><a href=\"http:\/\/www.worldpressphoto.org\/collection\/photo\/2016\">www.worldpressphoto.org<\/a><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Unsere Gegenwart scheint vor allem eines zu sein: gepr\u00e4gt von Krieg, Zerst\u00f6rung, Flucht, Tod und Trauer. Der weltweit gr\u00f6\u00dfte und international anerkannte Wettbewerb f\u00fcr Pressefotografie zeigt dieses unverbl\u00fcmte Abbild unserer Zeit auf sehr eindringliche und radikale Weise. Wer sich noch bis zum 26. 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Schon vor dem Betreten einer einzigen Ausstellung wird der Besucher gewisserma\u00dfen \u201eangezettelt\u201c.<\/span><\/p><p style=\\\"line-height: 1;\\\"><span style=\\\"font-size: 20px;\\\">So lautet auch der Name einer neuen Sonderausstellung im DHM, die sich mit dem Medium\u00a0<em>Aufkleber<\/em>\u00a0auseinandersetzt. Das Wortspiel im Titel verweist aber sogleich auf den inhaltlichen Fokus der Ausstellung: Sie soll zeigen, dass Klebezettel durch ihre oftmals ungehinderte Verbreitung im \u00f6ffentlichen Raum seit jeher f\u00fcr rassistische und antisemitische Botschaften missbraucht wurden und immer noch werden. Damit r\u00fcckt die Ausstellung ein oft untersch\u00e4tztes Mittel der Hetze prominent in den Vordergrund.<\/span><\/p><p style=\\\"line-height: 1;\\\"><span style=\\\"font-size: 20px;\\\">Die Ausstellung ist in Zusammenarbeit mit dem Zentrum f\u00fcr Antisemitismusforschung an der Technischen Universit\u00e4t Berlin entstanden. Auf 400qm widmet sie sich in f\u00fcnf Teilbereichen der Geschichte des Klebezettels sowie seiner heutigen Verwendung und Verbreitung. Die zentralen Ausstellungsobjekte sind dabei mehrere hundert Aufkleber, die \u00fcber alle Themenbereiche hinweg an den W\u00e4nden kleben. Viele davon sind historische St\u00fccke und stammen aus der privaten Sammlung des j\u00fcdischen Holocaust-\u00dcberlebenden Wolfgang Haney. Sie sind in diesem Umfang erstmals der \u00d6ffentlichkeit zug\u00e4nglich. Fast ebenso viele der ausgestellten Aufkleber stammen aber aus der Gegenwart und aus dem allt\u00e4glichen Stra\u00dfenbild.<\/span><\/p><p style=\\\"line-height: 1;\\\"><span style=\\\"font-size: 20px;\\\">Mit einem Stromkasten, einer Toilettent\u00fcr und einem Papierspender sind drei Gegenst\u00e4nde beinahe beil\u00e4ufig im Ausstellungsraum positioniert, die die Aufkleber in ihrem \u201anat\u00fcrlichen Umfeld\u2019 zeigen. Kreuz und quer und vielfach \u00fcbereinander geklebt sind dort die verschiedensten Bilder und Botschaften zu sehen; eine Vielfalt an Ausdrucksformen. Die eigentlichen Ausstellungsst\u00fccke hingegen sind an den W\u00e4nden fein s\u00e4uberlich aufgereiht.<\/span><\/p><p style=\\\"line-height: 1;\\\"><span style=\\\"font-size: 20px;\\\">Durch diesen deutlichen Gegensatz ist der n\u00f6tige Verweis auf die Abstraktionsleistung getan, die die Ausstellung erbringt, aber gleichzeitig auch von ihrem Besucher erwartet: Die ausgestellten Aufkleber sind nicht nur gezielt ausgew\u00e4hlt, sondern auch aus ihrem urspr\u00fcnglichen Zusammenhang gerissen. Der Besucher wird damit auf die Bedeutung des Transfers der Aufkleber von der Stra\u00dfe in den Ausstellungsraum aufmerksam gemacht. Erst durch diese Dekontextualisierung ergeben sich die Aufkleber als neue Objekte des Wissens, die schlie\u00dflich den Kern der Ausstellung darstellen.<\/span><\/p><p style=\\\"line-height: 1;\\\"><span style=\\\"font-size: 20px;\\\">Diesen Umstand muss der Zuschauer zu sch\u00e4tzen wissen, wenn er vor einer der einheitlich dunklen Fl\u00e4chen mit den zahlreichen kleinen Einzelst\u00fccken steht. Denn zumindest die W\u00e4nde und damit die zentralen Informationstr\u00e4ger der Ausstellung sind sehr klassisch gestaltet. Der Einstieg in das Thema wird der Besucherschaft damit zun\u00e4chst nur sehr trocken und in Form von museumstypischen gro\u00dffl\u00e4chig gedruckten Einf\u00fchrungstexten geboten. Ein spannenderer Zugang, den das Material durchaus hergibt, er\u00f6ffnet sich erst abseits der Ausstellungsw\u00e4nde an einigen interaktiven Stationen.<\/span><\/p><p style=\\\"line-height: 1;\\\"><span style=\\\"font-size: 20px;\\\">Aber vielleicht ist auch die r\u00e4umliche und gestalterische Schlichtheit eine weitere bewusste Entscheidung. Der \u00f6ffentliche Raum, in dem die Aufkleber auftreten, das Milieu und Publikum, dem sie normalerweise zug\u00e4nglich sind, scheinen g\u00e4nzlich in den Hintergrund zu r\u00fccken. Stattdessen stellt sich umgekehrt die Frage, wie ausschlie\u00dflich \u00fcber Botschaft und Gestaltung der Aufkleber ihre Rezeption gesteuert werden soll. An wen und gegen wen richtet sich der jeweilige Zettel, wie soll Aufmerksamkeit erreicht werden und wie vermittelt der Zettel seinen Inhalt auf kleinster Fl\u00e4che?<\/span><\/p><p style=\\\"line-height: 1;\\\"><span style=\\\"font-size: 20px;\\\">Auf diese Fragen gibt die Ausstellung keine eindeutigen und finalen Antworten. In einer Videoinstallation versuchen sich Experten, Studenten und Passanten an der Deutung von einzelnen Aufklebern \u2013 mit unterschiedlichen Ergebnissen. Und analog dazu l\u00e4dt die Ausstellung auch ihre Besucher ein, die zahlreichen Aufkleber selbst zu entdecken und zu erschlie\u00dfen. Die meisten ausgestellten Objekte sind lediglich mit einer Einordnung in Ort und Zeit ihres Aufkommens versehen und sollen ansonsten f\u00fcr sich sprechen.<\/span><\/p><p style=\\\"line-height: 1;\\\"><span style=\\\"font-size: 20px;\\\">Nur einige wenige St\u00fccke sind ausf\u00fchrlich kommentiert. Das gilt haupts\u00e4chlich f\u00fcr den Bereich \u00fcber Antisemitismus im fr\u00fchen Nationalsozialismus. Gerade hier k\u00f6nnen viele Aufkleber nicht allein f\u00fcr sich stehen. Erst wenn beispielsweise die zu ihrer Zeit allgegenw\u00e4rtigen Aufkleber zur Volksverhetzung mit der erschreckend anschaulich bebilderten Geschichte vom Boykott und der Zerst\u00f6rung einer Berliner Eisdiele in Verbindung gebracht werden, wird die destruktive Rolle deutlich, die kleinste und vermeintlich unauff\u00e4llige Zettel als Vorboten und Ausl\u00f6ser von Gewalt spielen k\u00f6nnen.<\/span><\/p><p style=\\\"line-height: 1;\\\"><span style=\\\"font-size: 20px;\\\">Eine Distanzierung von jeglichen Formen der Anfeindung und Ausgrenzung passiert nicht nur auf inhaltlicher Ebene, sondern findet sich bemerkenswert konsequent auch in der Konzeption der Ausstellung wieder. In Sachen Inklusion werden im wahrsten Sinne neue Wege gegangen: Durch den Ausstellungsraum zieht sich ein taktiles Leitsystem auf dem Boden, das sehbehinderte Besucher durch die einzelnen Bereiche f\u00fchrt. Jeder Bereich wird von einer Inklusiven Kommunikations-Station (IKS) eingef\u00fchrt, die mit Texten in einfachem Deutsch und Englisch, Brailleschrift, Videos mit Geb\u00e4rdensprache und Objekten und didaktischen Modellen zum Ansehen und Ertasten die behandelten Themen f\u00fcr jeden Besucher optimal erfahrbar machen. Die Stationen werfen grundlegende Fragen auf, die den Hintergrund von Antisemitismus und Rassismus ergr\u00fcnden. An einer Stelle wird gefragt, was es mit dem oftmals in Abgrenzung gegen andere Kulturen propagierten Abendland auf sich hat; an einer anderen Station wird ganz allgemein die Funktionsweise eines Weltbildes veranschaulicht. Mithilfe eines Experiments wird der Besucher hier auf die Subjektivit\u00e4t und Begrenztheit seiner eigenen Sicht auf die Welt aufmerksam gemacht und ermutigt, diese in Frage zu stellen. Auf mehreren \u00fcbereinandergelegten farbigen Weltkarten kann erst durch das Aufsetzen einer Brille in der jeweiligen Farbe eine bestimmte Perspektive klar erkannt werden, beispielsweise ein eurozentrischer Blick auf die Welt. Setzt man die Brille wieder ab, erscheinen die vielen verschiedenen Sichten wieder gleichberechtigt in einem Bild. Durch solche Herausforderungen zur Reflexion wird der Besucher letztendlich in die Lage versetzt, die zahlreichen pr\u00e4sentierten Aufkleber als Mittel der Ausgrenzung zu begreifen und kritisch einzuordnen. Erst dadurch kann es sich die Ausstellung erlauben, viele der einzelnen St\u00fccke unkommentiert zu lassen.<\/span><\/p><p style=\\\"line-height: 1;\\\"><span style=\\\"font-size: 20px;\\\">Im Ausstellungsbereich \u201eWeltbilder im Wohnzimmer\u201c wird dieses Bewusstsein sogleich f\u00fcr die fr\u00fche Geschichte des Sammelstickers bedeutend. Inmitten des Raums kann der Besucher in einer Sitzecke in aktuelle Stickeralben hineinbl\u00e4ttern, die sich \u00fcberwiegend an Kinder richten. An den W\u00e4nden wird die kindliche Begeisterung f\u00fcr das harmlose Sammeln in der Gegenwart mit der Faszination am Sammeln im 19. Jahrhundert parallelisiert. Die ausgestellten Sammelbilder dieser Zeit \u2013 in diesem Falle nur noch als digitale Reproduktionen erhalten \u2013 zeigen jedoch offensichtlich kolonialrassistisch gepr\u00e4gte Motive, die von gro\u00dfen Kaufh\u00e4usern und damit den Profiteuren des Kolonialsystems als kostenlose Beigabe zum Einkauf verteilt wurden. Hier wird deutlich, wie durch den unreflektierten Umgang mit solchen Darstellungen ein diskriminierendes Weltbild an eine breite Masse herangetragen und normalisiert, ja vielleicht sogar erst erschaffen werden kann.<\/span><\/p><p style=\\\"line-height: 1;\\\"><span style=\\\"font-size: 20px;\\\">Obwohl Aufkleber mit Botschaften der pauschalen Anfeindung in allerlei Richtungen die auff\u00e4lligsten St\u00fccke darstellen, verweist die Ausstellung doch immer wieder auf das breite Spektrum zwischen harmloser Unterhaltung und Werbung auf der einen und b\u00f6sartiger Hetze auf der anderen Seite, in dem sich das Medium Aufkleber bewegt. Dessen positives Potential kann der Besucher zum Abschluss der Ausstellung auch selbst erproben: In einer Werkstatt hat er die M\u00f6glichkeit, selbst Aufkleber zu gestalten und an einer eigens daf\u00fcr vorgesehenen Wand anzukleben. Dabei sind der inhaltlichen und gestalterischen Freiheit nat\u00fcrlich keine Grenzen gesetzt. Und doch wird beim Blick auf die schon reichlich beklebte Wand eines klar: Die Besch\u00e4ftigung mit den dunklen Seiten des Klebezettels weckt in den meisten Besuchern vor allem den Drang zur offenen Bekundung von Freundlichkeit, Verst\u00e4ndnis und Toleranz. Zumindest in diesem Bereich sind es also tats\u00e4chlich die positiven Inhalte, die h\u00e4ngen bleiben.<\/span><\/p>\",\r\n      \"align\": \"top\",\r\n      \"row\": 3,\r\n      \"col\": 1,\r\n      \"colspan\": 18,\r\n      \"offsetx\": 0,\r\n      \"offsety\": 0,\r\n      \"spaceabove\": 0,\r\n      \"spacebelow\": 0,\r\n      \"yvel\": 1,\r\n      \"push\": 1,\r\n      \"relid\": 8,\r\n      \"frameOverflow\": \"\"\r\n    },\r\n    {\r\n      \"type\": \"text\",\r\n      \"cont\": \"<p style=\\\"line-height: 1;\\\"><span style=\\\"font-size: 15px;\\\">Angezettelt \u2013 Antisemitische und rassistische Aufkleber von 1880 bis heute<\/span><br \/><span style=\\\"font-size: 15px;\\\">20. April bis 31. Juli 2016<\/span><\/p><p style=\\\"line-height: 1;\\\"><span style=\\\"font-size: 15px;\\\">Deutsches Historisches Museum<\/span><br \/><span style=\\\"font-size: 15px;\\\">Unter den Linden 2<\/span><br \/><span style=\\\"font-size: 15px;\\\">10117 Berlin<\/span><br \/><span style=\\\"font-size: 15px;\\\"><a href=\\\"https:\/\/www.dhm.de\/\\\">www.dhm.de<\/a><\/span><\/p>\",\r\n      \"align\": \"top\",\r\n      \"row\": 4,\r\n      \"col\": 5,\r\n      \"colspan\": 9,\r\n      \"offsetx\": 0,\r\n      \"offsety\": 0,\r\n      \"spaceabove\": 0,\r\n      \"spacebelow\": 0,\r\n      \"yvel\": 1,\r\n      \"push\": 5,\r\n      \"relid\": 621,\r\n      \"frameOverflow\": \"\"\r\n    }\r\n  ]\r\n}","phonegrid":"","jetpack_sharing_enabled":true,"jetpack_shortlink":"https:\/\/wp.me\/p7ChHw-ep","jetpack-related-posts":[{"id":331,"url":"https:\/\/www2.hu-berlin.de\/ausstellungskritik\/worldpressphoto\/","url_meta":{"origin":893,"position":0},"title":"World Press Photo 2016, Willy-Brandt-Haus Berlin","author":"Die Redaktion","date":"3. 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