{"id":900,"date":"2016-07-03T16:39:34","date_gmt":"2016-07-03T14:39:34","guid":{"rendered":"https:\/\/www2.hu-berlin.de\/ausstellungskritik\/orobates-2-2\/"},"modified":"2025-07-17T11:26:37","modified_gmt":"2025-07-17T09:26:37","slug":"anti-kriegs-museum","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www2.hu-berlin.de\/ausstellungskritik\/anti-kriegs-museum\/","title":{"rendered":"Dauerausstellung, Anti-Kriegs-Museum Berlin"},"content":{"rendered":"<div id=\"attachment_332\" style=\"width: 3226px\" class=\"wp-caption alignnone\"><img data-recalc-dims=\"1\" loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-332\" data-attachment-id=\"332\" data-permalink=\"https:\/\/www2.hu-berlin.de\/ausstellungskritik\/worldpressphoto\/weitzel_white_cube_2\/\" data-orig-file=\"https:\/\/i0.wp.com\/www2.hu-berlin.de\/ausstellungskritik\/wp-content\/uploads\/2016\/07\/weitzel_white_cube_2.jpg?fit=3216%2C2448&amp;ssl=1\" data-orig-size=\"3216,2448\" data-comments-opened=\"1\" data-image-meta=\"{&quot;aperture&quot;:&quot;2.8&quot;,&quot;credit&quot;:&quot;&quot;,&quot;camera&quot;:&quot;FinePix S8000fd&quot;,&quot;caption&quot;:&quot;&quot;,&quot;created_timestamp&quot;:&quot;1464962608&quot;,&quot;copyright&quot;:&quot;&quot;,&quot;focal_length&quot;:&quot;4.7&quot;,&quot;iso&quot;:&quot;200&quot;,&quot;shutter_speed&quot;:&quot;0.011764705882353&quot;,&quot;title&quot;:&quot;&quot;,&quot;orientation&quot;:&quot;1&quot;}\" data-image-title=\"weitzel_white_cube_2\" data-image-description=\"\" data-image-caption=\"&lt;p&gt;World Press Ausstellung 2016 im Willy-Brandt-Haus Berlin&lt;\/p&gt;\n\" data-medium-file=\"https:\/\/i0.wp.com\/www2.hu-berlin.de\/ausstellungskritik\/wp-content\/uploads\/2016\/07\/weitzel_white_cube_2.jpg?fit=150%2C114&amp;ssl=1\" data-large-file=\"https:\/\/i0.wp.com\/www2.hu-berlin.de\/ausstellungskritik\/wp-content\/uploads\/2016\/07\/weitzel_white_cube_2.jpg?fit=1024%2C779&amp;ssl=1\" class=\"size-full wp-image-332\" src=\"https:\/\/i0.wp.com\/www2.hu-berlin.de\/ausstellungskritik\/wp-content\/uploads\/2016\/07\/weitzel_white_cube_2.jpg?resize=3216%2C2448&#038;ssl=1\" alt=\"World Press Ausstellung 2016 im Willy-Brandt-Haus Berlin\" width=\"3216\" height=\"2448\" srcset=\"https:\/\/i0.wp.com\/www2.hu-berlin.de\/ausstellungskritik\/wp-content\/uploads\/2016\/07\/weitzel_white_cube_2.jpg?w=3216&amp;ssl=1 3216w, https:\/\/i0.wp.com\/www2.hu-berlin.de\/ausstellungskritik\/wp-content\/uploads\/2016\/07\/weitzel_white_cube_2.jpg?resize=300%2C228&amp;ssl=1 300w, https:\/\/i0.wp.com\/www2.hu-berlin.de\/ausstellungskritik\/wp-content\/uploads\/2016\/07\/weitzel_white_cube_2.jpg?resize=1024%2C779&amp;ssl=1 1024w, https:\/\/i0.wp.com\/www2.hu-berlin.de\/ausstellungskritik\/wp-content\/uploads\/2016\/07\/weitzel_white_cube_2.jpg?resize=973%2C741&amp;ssl=1 973w, https:\/\/i0.wp.com\/www2.hu-berlin.de\/ausstellungskritik\/wp-content\/uploads\/2016\/07\/weitzel_white_cube_2.jpg?resize=508%2C387&amp;ssl=1 508w, https:\/\/i0.wp.com\/www2.hu-berlin.de\/ausstellungskritik\/wp-content\/uploads\/2016\/07\/weitzel_white_cube_2.jpg?w=2000&amp;ssl=1 2000w, https:\/\/i0.wp.com\/www2.hu-berlin.de\/ausstellungskritik\/wp-content\/uploads\/2016\/07\/weitzel_white_cube_2.jpg?w=3000&amp;ssl=1 3000w\" sizes=\"auto, (max-width: 1000px) 100vw, 1000px\" \/><p id=\"caption-attachment-332\" class=\"wp-caption-text\">World Press Ausstellung 2016 im Willy-Brandt-Haus Berlin<\/p><\/div>\n<p>Unsere Gegenwart scheint vor allem eines zu sein: gepr\u00e4gt von Krieg, Zerst\u00f6rung, Flucht, Tod und Trauer. Der weltweit gr\u00f6\u00dfte und international anerkannte Wettbewerb f\u00fcr Pressefotografie zeigt dieses unverbl\u00fcmte Abbild unserer Zeit auf sehr eindringliche und radikale Weise. Wer sich noch bis zum 26. Juni die Gewinner des diesj\u00e4hrigen Presse Awards im Willy-Brandt-Haus in Berlin anschauen m\u00f6chte, sollte sich dar\u00fcber im Klaren sein. Das was tagt\u00e4glich \u00fcber die unterschiedlichsten Informationskan\u00e4le f\u00fcr einen kurzen Moment unsere Aufmerksamkeit erh\u00e4lt, ger\u00e4t nicht einfach in Vergessenheit, sondern zeigt sich bei der World Press Ausstellung in kuratiertem Gewand und vor allem in geballter Form.<\/p>\n<p>Die sonst stark verstreuten Bildbotschaften werden hier im zweiten Stock der SPD Parteizentrale im White Cube pr\u00e4sentiert. Auf den kargen wei\u00dfen W\u00e4nden, deren Anordnung und Aufteilung im Raum jeglichem \u00e4sthetischen und gestalterischen Empfinden entbehrt, h\u00e4ngen, in acht verschiedene Kategorien aufgeteilt, die gro\u00dfformatigen Fotografien. In beinahe allen Rubriken sind Fotos von gefl\u00fcchteten, verwundeten oder toten Menschen vertreten. Polizeigewalt in den USA, Bandenkriminalit\u00e4t in Honduras, B\u00fcrgerkrieg im Sudan, \u00fcberf\u00fcllte Fl\u00fcchtlingsboote. Und das Thema Nummer eins: Der Syrienkrieg.<\/p>\n<p>Brennende Autos, zerst\u00f6rte H\u00e4user, komplett zerbombte Stra\u00dfenz\u00fcge. Alles ist Schutt und Asche, nichts scheint mehr an seinem Ort zu sein. Zwischen den Ruinen erkennt man schemenhaft eine einsame Person am Ende der H\u00e4userflucht. Nebel &#8211; verzweifelte Gesichter versuchen mit letzter Kraft verwundete Menschen aus der Gefahrenzone zu tragen \u2013 vielleicht sind sie schon l\u00e4ngst tot. Der Blick auf eine Stadt am Abend. Qualm steigt auf. Ist es die untergehende Sonne, oder eine eingeschlagene Bombe, die den Horizont erhellt, w\u00e4hrend der sternenklare Himmel unscheinbar und teilnahmslos dar\u00fcber h\u00e4ngt? Die Bilder des Fotografen Sameer al Doumy zeigen alle einen kurzen Moment w\u00e4hrend des mittlerweile f\u00fcnfj\u00e4hrigen Krieges in Syrien, hier in Douma im S\u00fcdosten des Landes. Die Momente, die hier festgehalten wurden, stellen den Krieg und seine zerst\u00f6rerische Macht in n\u00fcchterner Klarheit aus. Manchmal wirken die Szenen fast wie arrangierte Settings des Kunstfotografen Jeff Wall, der bewusst mit der Unsicherheit des Authentizit\u00e4tsgehalts von Pressefotografien und insbesondere Kriegsfotografien spielt. Hier verschwimmen die Gattungsgrenzen von Presse-und Kunstfotografie auf eindrucksvolle Weise. So liegt den Aufnahmen des aus Douma stammenden al Doumy, eine bestimmte Botschaft zu Grunde, die auf perverse Weise den Wahnsinn und gleichzeitig die \u00c4sthetik des Krieges herausstellt.<a href=\"#_ftn1\" name=\"_ftnref1\">[1]<\/a> Weil ein Mensch mit westeurop\u00e4ischem Hintergrund sich jedoch meist keine Vorstellung dar\u00fcber machen kann, was er da vor sich sieht, stehen wir wie unbeteiligte Beobachter am anderen Ende der Welt und k\u00f6nnen lediglich eine \u201eVerschiebung vom dokumentarischen Sehen zum dokumentarischen F\u00fchlen\u201c wahrnehmen. <a href=\"#_ftn2\" name=\"_ftnref2\">[2]<\/a> Ein Gef\u00fchl der Empathie aber auch der Hilflosigkeit wird evoziert.<\/p>\n<p>Auch die Fotografien von Abd Doumany reihen sich in dieses Gef\u00fchl der Machtlosigkeit ein. Wie in der Pressefotografie \u00fcblich, stehen neben allen ausgestellten Abbildern kurze begleitende Texte mit Informationen zur Entstehung, zum Ort und Datum, die das Bild in einen konkreten Kontext einbinden und eine Art Zeugnis- oder Beweisfunktion innehaben. Doch genau genommen ben\u00f6tigen diese Motive keine Beschriftung oder Erkl\u00e4rung. Der Mann, der den leblosen, toten, blut\u00fcberstr\u00f6mten K\u00f6rper seiner Tochter auf dem Scho\u00df liegen hat und sie mit einem fragenden Blick anschaut, als ob er nicht begreift, was da vor sich geht &#8211; dieses Bild spricht f\u00fcr sich, es bedarf keines Nachweises. In ihm spricht der Wahnsinn des Krieges auf so eindringliche und ersch\u00fctternde Weise, dass das betretende Schweigen im Ausstellungsraum fast schon zu einer Beklemmung wird. Und vielleicht ist genau deshalb der Beweis, dass es sich um authentische Abbilder des Syrienkrieges handelt, nicht notwendig. Diese Fotos scheinen uns eher wie ein Mahnmal zu sein, welches daran erinnern m\u00f6chte, dass der Krieg eine Kraft besitzt, die der Mensch nicht begreifen kann.<\/p>\n<p>Ist es also eine reale oder konstruierte Wirklichkeit, die von den dokumentarischen Bildern erzeugt wird? Glauben wir der Filmemacherin Hito Steyerl, dann ist jede scheinbare Realit\u00e4t in solchen Fotos ein Konstrukt. \u201eDie dokumentarische Form bildet demnach nicht die Realit\u00e4t ab, sondern ihren eignen Willen zur Macht.\u201c<a href=\"#_ftn3\" name=\"_ftnref3\">[3]<\/a> Doch welche Macht geht von diesen Fotografien aus? Die Fotografien haben alle den Anspruch, ein m\u00f6glichst authentisches Abbild der Wirklichkeit ins Licht zu setzen. Dabei wird dem Fotografen die Rolle eines Zeugen zugeschrieben. Doch bei genauerer Betrachtung sind auch Pressefotografien nichts anderes als Moment-Inszenierungen. Es werden Wirklichkeitsbilder konstruiert, die auf komprimierte Weise einen komplexen Sachverhalt, in diesem Fall den Krieg in Syrien, in einer Fotografie f\u00fcr die Welt zug\u00e4nglich machen. Sie sollen ein Gef\u00fchl transportieren, welches uns die Grausamkeit des Krieges erahnen l\u00e4sst. Durch das subjektive Auge der Kamera wird ein Bild hervorgebracht, welches die scheinbare Realit\u00e4t von Millionen von Menschen auf die Bildschirme der Nachrichtensender, in die Foren der globalen Social-Media-Communities und auf die wei\u00dfen, kargen W\u00e4nde des Willy-Brandt-Hauses bringt.<\/p>\n<p>Brian O\u2019Doherty h\u00e4tte die H\u00e4ngung in White Cube Manier der 20er Jahre wahrscheinlich mit einem sterilen Krankenhausflur verglichen.<a href=\"#_ftn4\" name=\"_ftnref4\">[4]<\/a> Und angesichts der ungl\u00fccklichen Anordnung der hochwertigen Pressefotos w\u00e4re dieser Vergleich auch angemessen. Ohne jegliche Konzeptualisierung wird auf der einen Seite \u2013 wie eben beschrieben \u2013 der Krieg in allen seinen Facetten gezeigt und an der gegen\u00fcberliegenden Fensterfront h\u00e4ngen wie zum Trotz Sport- und Naturfotografien. Die schwarz-wei\u00dfen Unterwasserbilder von Anuar Patjane Floriuk zeigen eine Tauchercrew um einen riesigen Wal schwimmend. Ein imposantes Bild. Auf den Aufnahmen von Christian Ziegler zeigt sich die Natur von ihrer kuriosesten Seite. Farbenfrohe Cham\u00e4leons in Nahaufnahme. Der Anblick der traumatisierenden Kriegsabbildungen scheint diese Themen jedoch zwangsl\u00e4ufig in den Hintergrund zu dr\u00e4ngen \u2013 so, als w\u00e4ren es belanglose Angelegenheiten, die in der World Press auch noch irgendwo untergebracht werden mussten.<\/p>\n<p>Hier liegt die T\u00fccke der Ausstellungskonzeption. Anstatt die Kategorien f\u00fcr sich sprechen zu lassen, scheinen sie miteinander zu konkurrieren. Zumindest in der konkreten Ausstellungssituation im Willy-Brandt-Haus. Denn die Wanderausstellung wird in insgesamt 45 L\u00e4ndern gezeigt. Es bleibt zu hoffen, dass an den anderen Ausstellungsorten eine gelungenere Pr\u00e4sentation der Fotografien zu sehen sein wird. Eine Pr\u00e4sentationform, die allen Rubriken ihren Platz und auch Themen, wie die Rettung von Orang-Utans in den Regenw\u00e4ldern von Sumatra oder die Synchronschwimmer aus Schweden f\u00fcr sich sprechen l\u00e4sst. Denn diese Informationen treten nicht nur in der World Press Photo Ausstellung in den Hintergrund, sondern gehen auch meistens in der Nachrichtenflut des Alltags unter. Sollten wir diesen Momenten, die auch unser Leben bestimmen, dann nicht gerade bei solch einer Ausstellung ein wenig mehr Aufmerksamkeit schenken? Vor allem sollten wir sie nicht mit dem Krieg konkurrieren lassen, der unsere Sinne \u00fcberfordert und keinen Platz mehr f\u00fcr andere Themen l\u00e4sst.<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref1\" name=\"_ftn1\">[1]<\/a> Auf diesen Grenzgang machte schon Walter Benjamin in seiner medienkritischen Schrift \u201eDas Kunstwerk im Zeitalter seiner technischen Reproduzierbarkeit\u201c aufmerksam. F\u00fcr weitere Informationen siehe Walter Benjamin: Das Kunstwerk im Zeitalter seiner technischen Reproduzierbarkeit, in: Ders.: Illuminationen, S. 136-169, hier: 168f.<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref2\" name=\"_ftn2\">[2]<\/a> Hito Steyerl (2008): Die Farbe der Wahrheit. Dokumentarismen im Kunstfeld, Wien: Turia + Kant, S. 13.<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref3\" name=\"_ftn3\">[3]<\/a> Hito Steyerl (2008): Die Farbe der Wahrheit. Dokumentarismen im Kunstfeld, Wien: Turia + Kant, S. 10.<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref4\" name=\"_ftn4\">[4]<\/a> Brian O\u2019Doherty \u00fcber den White Cube: Brian O\u2019Doherty (1996): In der wei\u00dfen Zelle. Inside the White Cube\u201c Berlin: Merve.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<hr \/>\n<p>World Press Photo 2016<br \/>\n03. Juni \u2013 26. Juni 2016<\/p>\n<p>Willy-Brandt-Haus Berlin<br \/>\nWilhelmstra\u00dfe 140<br \/>\n10963 Berlin<\/p>\n<p><a href=\"http:\/\/www.worldpressphoto.org\/collection\/photo\/2016\">www.worldpressphoto.org<\/a><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Unsere Gegenwart scheint vor allem eines zu sein: gepr\u00e4gt von Krieg, Zerst\u00f6rung, Flucht, Tod und Trauer. Der weltweit gr\u00f6\u00dfte und international anerkannte Wettbewerb f\u00fcr Pressefotografie zeigt dieses unverbl\u00fcmte Abbild unserer Zeit auf sehr eindringliche und radikale Weise. Wer sich noch bis zum 26. 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Ger\u00e4usche eines Dokumentarfilms, der von der Geschichte des Museums berichtet, sind im Ausstellungsraum zu h\u00f6ren. Tommy Spree, der Vorsteher des Anti-Kriegs-Museums, begr\u00fc\u00dft mich herzlich und fragt mich, ob ich Deutsch oder Englisch spreche. Er erz\u00e4hlt mir \u00fcber seinen Gro\u00dfvater, Ernst Friedrich, der 1925 das Museum gegr\u00fcndet hat. Urspr\u00fcnglich war es jedoch nicht in diesem Geb\u00e4ude in Wedding, sondern in einem kleinen Haus in der Parochialstra\u00dfe gelegen. Aber da die Nationalsozialisten 1933 das Museum konfiszierten und in ein \u2018Sturmlokal\u2019 umwandelten, ging das erste Anti-Kriegs-Museum verloren. Herr Spree erz\u00e4hlt mir, wie er im Jahr 1982 die Idee, das Museum seines Gro\u00dfvaters neu zu er\u00f6ffnen, zur Wirklichkeit machte. Er l\u00e4dt mich ein, mich im heutigen Museum umzuschauen. Wenn ich Fragen habe, d\u00fcrfe ich ihn einfach ansprechen \u2013 er sei im Raum nebenan, sagt er.<\/span><\/p><p style=\\\"line-height: 1;\\\"><span style=\\\"font-size: 20px;\\\">Gro\u00dfe Tafeln mit Texten und Bildern fallen mir zuerst auf. Sie berichten \u00fcber Friedrichs pazifistisches Projekt, \u00fcber das alte Anti-Kriegs-Museum und wie es ironischerweise zur Folterkammer der Sturmabteilung wurde. Als ein SA-Trupp in M\u00e4rz 1933 das Museum \u00fcbernahm, war es nicht l\u00e4nger ein Treffpunkt f\u00fcr Anti-Kriegs-Aktivisten, sondern das Gegenteil. Friedrich wurde in Schutzhaft genommen und emigrierte Ende desselben Jahres nach Br\u00fcssel, wo er das zweite Anti-Kriegs-Museum er\u00f6ffnete. Sp\u00e4ter, im Jahr 1950, gr\u00fcndete er in der Nahe von Paris die \u2018Ile de la Paix\u2019, die Insel des Friedens. Das heutige Anti-Kriegs-Museum in Berlin konnte er nicht mehr mitbekommen. Trotzdem sind die Fotos, die er auch in dem ersten Museum pr\u00e4sentierte, immer noch ausgestellt. Die letzte Tafel zeigt vier furchtbare Bilder von Opfern des ersten Weltkriegs \u2013 ihre Gesichter schwer von Waffen und Minen gezeichnet. Die provokative Visualit\u00e4t dieser Bilder ist mir neu, weil andere Museen, die den Krieg repr\u00e4sentieren, meistens lediglich die Instrumente, aber nicht ihre Folgen zeigen.<\/span><\/p><p style=\\\"line-height: 1;\\\"><span style=\\\"font-size: 20px;\\\">An meiner linken Seite steht eine Vitrine mit Spielzeug \u2013 ein Soldaten-Spielset, verschiedene Videospiele, Brettspiele wie \u2018Schiffe versenken\u2019, usw. \u2013 mit der Frage \u201cSind das wirklich \u2018Spielsachen\u2019?\u201d. Als ich diese Objekte ansehe, kommt Herr Spree auf mich zu und weist auf die Superman-Figur unten in dem Schaukasten hin. Die Figur wurde von einer achtj\u00e4hrigen Besucherin hingestellt und geh\u00f6rt ihrer Meinung nach dorthin, zwischen gewaltt\u00e4tige und kriegsverherrlichende Spielsachen, weil Superman immer seine Faust hochh\u00e4lt \u2013 deswegen ist er genauso gewaltsam wie die anderen Sachen in der Vitrine.<\/span><\/p><p style=\\\"line-height: 1;\\\"><span style=\\\"font-size: 20px;\\\">\u201cDu sprichst sehr gut Deutsch,\u201d sagt Herr Spree mir, \u201caber du bist keine Deutsche.\u201d Ich erz\u00e4hle ihm, dass ich Niederl\u00e4nderin bin. Gleich nimmt er mich mit in einen anderen Raum, um mir zu zeigen, dass Ernst Friedrichs Anti-Kriegs-Abzeichen des zerbrochenen Gewehrs urspr\u00fcnglich aus den Niederlanden kommt. 1919 organisierte die niederl\u00e4ndische antimilitaristische Zeitung \u2018De Wapens Neder\u2019 (Die Waffen nieder) einen Kongress, woran Friedrich teilnahm. Hier begegnete er dem Symbol und fing danach an, es auch f\u00fcr seine eigene Anti-Kriegs-Bewegung zu benutzen. Jetzt ist das zerbrochene Gewehr das weltweite Abzeichen des Friedens. Als ich Herrn Spree erz\u00e4hle, dass ich im niederl\u00e4ndischen Geschichtsunterricht nie von dieser Zeitung geh\u00f6rt habe, ist er nicht \u00fcberrascht: \u201cDie Pazifisten sind immer eine Minorit\u00e4t.\u201d<\/span><\/p><p style=\\\"line-height: 1;\\\"><span style=\\\"font-size: 20px;\\\">Dass Anti-Kriegs-Bewegungen eine Minderheit sind, wird auch in der Berliner Museumslandschaft deutlich: in den \u00f6ffentlichen Museen wie dem Deutschen Historischen Museum haben sie kaum Platz. Sie berichten \u00fcber Krieg, aber opponieren die Kriegspolitik selten. Das Anti-Kriegs-Museum zeigt also eine alternative Geschichte, eine kleine Erz\u00e4hlung gegen die gro\u00dfen Narrative der Staatsmuseen. Dieses Museum, das eine private Institution unterst\u00fctzt von Spenden ist, unterscheidet sich jedoch nicht nur durch seine explizit politische Agenda. Die ganze Museumserfahrung ist unvergleichbar. Man kann sich nicht vorstellen, in den gro\u00dfen \u00f6ffentlichen Museen pers\u00f6nlich von dem Direktor empfangen zu werden. Dort gibt es nur streng aussehende W\u00e4chter, welche ohne viele W\u00f6rter die Tickets kontrollieren. Sie w\u00fcrden nicht wissen, dass ich aus den Niederlanden komme; geschweige, dass sie mir etwas zeigen, das speziell mit meinem Heimatland zu tun hat.<\/span><\/p><p style=\\\"line-height: 1;\\\"><span style=\\\"font-size: 20px;\\\">Nachdem ich die Ausstellung von Helmen, Waffen, Minen, Kriegspropaganda und entsetzlichen Bildern \u2013 begleitet von zynischen Texten \u00fcber die Unn\u00f6tigkeit des Krieges \u2013 im Erdgeschoss durchgegangen bin, l\u00e4dt Herr Spree mich ein, den Original-Luftschutzkeller anzuschauen. Das Holz kracht unter meinen F\u00fc\u00dfen, als ich die Treppe hinuntergehe und ein Geruch von feuchter Erde kommt auf mich zu. Der Keller ist niedrig und kalt. Einige St\u00fchle im Keller stammen noch aus dem zweiten Weltkrieg, da man, um im Keller Schutz zu finden, seinen eigenen Stuhl mitnehmen sollte. Sonst gibt es Gasmasken f\u00fcr Erwachsene und Kinder, ein Etagenbett, einen Apothekerschrank, einen handbetriebenen Luftschutz-Filter usw. Herr Spree startet eine CD mit Radio-Nachrichten und Ger\u00e4uschen von Bombardierungen, die das L\u00e4cheln von Kindern und die Motoren von Autos drau\u00dfen \u00fcbert\u00f6nen. So bekommt der\/die BesucherIn eine Idee der Kriegserfahrung der B\u00fcrger im zweiten Weltkrieg \u2013 selbstverst\u00e4ndlich soweit das m\u00f6glich ist.<\/span><\/p><p style=\\\"line-height: 1;\\\"><span style=\\\"font-size: 20px;\\\">W\u00fcrde es f\u00fcr gro\u00dfe \u00f6ffentliche Museen m\u00f6glich sein, so eine pers\u00f6nliche und mimetische Erfahrung darzustellen? K\u00f6nnten sie auch diese alternative Geschichte erz\u00e4hlen, oder ist das den kleinen privaten Museen wie dem Anti-Kriegs-Museum vorbehalten? Wie w\u00fcnschenswert ist es, Friedensbewegungen als Minorit\u00e4t zu behandeln \u2013 sind sie nicht ebenso Teil der \u2018gro\u00dfen\u2019 Geschichte wie der Krieg selbst? Was das Anti-Kriegs-Museum verk\u00f6rpert, ist eine Instanz von \u2018Gegen-Wissen\u2019: nicht nur durch die Ausstellung von Informationen und Bildern, welche andere Museen uns meistens nicht zeigen, sondern durch seine pers\u00f6nliche und herzliche Ann\u00e4herung. Als ich das Museum fast zwei Stunden sp\u00e4ter wieder verlasse, sch\u00fcttelt Herr Spree mir freundlich die Hand. Die Postkarte, die ich kaufen wollte, schenkt er mir. Ich drehe mich noch einmal nach Superman um und frage mich, ob im Deutschen Historischen Museum jemals eine achtj\u00e4hrige Besucherin ihr Spielzeug in die Vitrine stellen d\u00fcrfte.<\/span><\/p>\",\r\n      \"align\": \"top\",\r\n      \"row\": 3,\r\n      \"col\": 1,\r\n      \"colspan\": 18,\r\n      \"offsetx\": 0,\r\n      \"offsety\": 0,\r\n      \"spaceabove\": 0,\r\n      \"spacebelow\": 0,\r\n      \"yvel\": 1,\r\n      \"push\": 1,\r\n      \"relid\": 8,\r\n      \"frameOverflow\": \"\"\r\n    },\r\n    {\r\n      \"type\": \"text\",\r\n      \"cont\": \"<p style=\\\"line-height: 1;\\\"><span style=\\\"font-size: 15px;\\\">Dauerausstellung<br \/>Anti-Kriegs-Museum<\/span><br \/><span style=\\\"font-size: 15px;\\\">Br\u00fcsseler Stra\u00dfe 21<\/span><br \/><span style=\\\"font-size: 15px;\\\">13353 Berlin<\/span><\/p><p style=\\\"line-height: 1;\\\"><span style=\\\"font-size: 15px;\\\"><a href=\\\"http:\/\/www.anti-kriegs-museum.de\/\\\">www.anti-kriegs-museum.de<\/a><\/span><\/p>\",\r\n      \"align\": \"top\",\r\n      \"row\": 4,\r\n      \"col\": 5,\r\n      \"colspan\": 9,\r\n      \"offsetx\": 0,\r\n      \"offsety\": 0,\r\n      \"spaceabove\": 0,\r\n      \"spacebelow\": 0,\r\n      \"yvel\": 1,\r\n      \"push\": 5,\r\n      \"relid\": 621,\r\n      \"frameOverflow\": \"\"\r\n    }\r\n  ]\r\n}","phonegrid":"","jetpack_sharing_enabled":true,"jetpack_shortlink":"https:\/\/wp.me\/p7ChHw-ew","jetpack-related-posts":[{"id":331,"url":"https:\/\/www2.hu-berlin.de\/ausstellungskritik\/worldpressphoto\/","url_meta":{"origin":900,"position":0},"title":"World Press Photo 2016, Willy-Brandt-Haus Berlin","author":"Die Redaktion","date":"3. 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