{"id":909,"date":"2016-07-03T18:25:48","date_gmt":"2016-07-03T16:25:48","guid":{"rendered":"https:\/\/www2.hu-berlin.de\/ausstellungskritik\/ken-to-be-destroyed-2-2\/"},"modified":"2025-07-17T11:26:41","modified_gmt":"2025-07-17T09:26:41","slug":"berlinbiennale-2","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www2.hu-berlin.de\/ausstellungskritik\/berlinbiennale-2\/","title":{"rendered":"9. Berlin Biennale: The Present in Drag, KW Institute for Contemporary Art"},"content":{"rendered":"<div id=\"attachment_332\" style=\"width: 3226px\" class=\"wp-caption alignnone\"><img data-recalc-dims=\"1\" loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-332\" data-attachment-id=\"332\" data-permalink=\"https:\/\/www2.hu-berlin.de\/ausstellungskritik\/worldpressphoto\/weitzel_white_cube_2\/\" data-orig-file=\"https:\/\/i0.wp.com\/www2.hu-berlin.de\/ausstellungskritik\/wp-content\/uploads\/2016\/07\/weitzel_white_cube_2.jpg?fit=3216%2C2448&amp;ssl=1\" data-orig-size=\"3216,2448\" data-comments-opened=\"1\" data-image-meta=\"{&quot;aperture&quot;:&quot;2.8&quot;,&quot;credit&quot;:&quot;&quot;,&quot;camera&quot;:&quot;FinePix S8000fd&quot;,&quot;caption&quot;:&quot;&quot;,&quot;created_timestamp&quot;:&quot;1464962608&quot;,&quot;copyright&quot;:&quot;&quot;,&quot;focal_length&quot;:&quot;4.7&quot;,&quot;iso&quot;:&quot;200&quot;,&quot;shutter_speed&quot;:&quot;0.011764705882353&quot;,&quot;title&quot;:&quot;&quot;,&quot;orientation&quot;:&quot;1&quot;}\" data-image-title=\"weitzel_white_cube_2\" data-image-description=\"\" data-image-caption=\"&lt;p&gt;World Press Ausstellung 2016 im Willy-Brandt-Haus Berlin&lt;\/p&gt;\n\" data-medium-file=\"https:\/\/i0.wp.com\/www2.hu-berlin.de\/ausstellungskritik\/wp-content\/uploads\/2016\/07\/weitzel_white_cube_2.jpg?fit=150%2C114&amp;ssl=1\" data-large-file=\"https:\/\/i0.wp.com\/www2.hu-berlin.de\/ausstellungskritik\/wp-content\/uploads\/2016\/07\/weitzel_white_cube_2.jpg?fit=1024%2C779&amp;ssl=1\" class=\"size-full wp-image-332\" src=\"https:\/\/i0.wp.com\/www2.hu-berlin.de\/ausstellungskritik\/wp-content\/uploads\/2016\/07\/weitzel_white_cube_2.jpg?resize=3216%2C2448&#038;ssl=1\" alt=\"World Press Ausstellung 2016 im Willy-Brandt-Haus Berlin\" width=\"3216\" height=\"2448\" srcset=\"https:\/\/i0.wp.com\/www2.hu-berlin.de\/ausstellungskritik\/wp-content\/uploads\/2016\/07\/weitzel_white_cube_2.jpg?w=3216&amp;ssl=1 3216w, https:\/\/i0.wp.com\/www2.hu-berlin.de\/ausstellungskritik\/wp-content\/uploads\/2016\/07\/weitzel_white_cube_2.jpg?resize=300%2C228&amp;ssl=1 300w, https:\/\/i0.wp.com\/www2.hu-berlin.de\/ausstellungskritik\/wp-content\/uploads\/2016\/07\/weitzel_white_cube_2.jpg?resize=1024%2C779&amp;ssl=1 1024w, https:\/\/i0.wp.com\/www2.hu-berlin.de\/ausstellungskritik\/wp-content\/uploads\/2016\/07\/weitzel_white_cube_2.jpg?resize=973%2C741&amp;ssl=1 973w, https:\/\/i0.wp.com\/www2.hu-berlin.de\/ausstellungskritik\/wp-content\/uploads\/2016\/07\/weitzel_white_cube_2.jpg?resize=508%2C387&amp;ssl=1 508w, https:\/\/i0.wp.com\/www2.hu-berlin.de\/ausstellungskritik\/wp-content\/uploads\/2016\/07\/weitzel_white_cube_2.jpg?w=2000&amp;ssl=1 2000w, https:\/\/i0.wp.com\/www2.hu-berlin.de\/ausstellungskritik\/wp-content\/uploads\/2016\/07\/weitzel_white_cube_2.jpg?w=3000&amp;ssl=1 3000w\" sizes=\"auto, (max-width: 1000px) 100vw, 1000px\" \/><p id=\"caption-attachment-332\" class=\"wp-caption-text\">World Press Ausstellung 2016 im Willy-Brandt-Haus Berlin<\/p><\/div>\n<p>Unsere Gegenwart scheint vor allem eines zu sein: gepr\u00e4gt von Krieg, Zerst\u00f6rung, Flucht, Tod und Trauer. Der weltweit gr\u00f6\u00dfte und international anerkannte Wettbewerb f\u00fcr Pressefotografie zeigt dieses unverbl\u00fcmte Abbild unserer Zeit auf sehr eindringliche und radikale Weise. Wer sich noch bis zum 26. Juni die Gewinner des diesj\u00e4hrigen Presse Awards im Willy-Brandt-Haus in Berlin anschauen m\u00f6chte, sollte sich dar\u00fcber im Klaren sein. Das was tagt\u00e4glich \u00fcber die unterschiedlichsten Informationskan\u00e4le f\u00fcr einen kurzen Moment unsere Aufmerksamkeit erh\u00e4lt, ger\u00e4t nicht einfach in Vergessenheit, sondern zeigt sich bei der World Press Ausstellung in kuratiertem Gewand und vor allem in geballter Form.<\/p>\n<p>Die sonst stark verstreuten Bildbotschaften werden hier im zweiten Stock der SPD Parteizentrale im White Cube pr\u00e4sentiert. Auf den kargen wei\u00dfen W\u00e4nden, deren Anordnung und Aufteilung im Raum jeglichem \u00e4sthetischen und gestalterischen Empfinden entbehrt, h\u00e4ngen, in acht verschiedene Kategorien aufgeteilt, die gro\u00dfformatigen Fotografien. In beinahe allen Rubriken sind Fotos von gefl\u00fcchteten, verwundeten oder toten Menschen vertreten. Polizeigewalt in den USA, Bandenkriminalit\u00e4t in Honduras, B\u00fcrgerkrieg im Sudan, \u00fcberf\u00fcllte Fl\u00fcchtlingsboote. Und das Thema Nummer eins: Der Syrienkrieg.<\/p>\n<p>Brennende Autos, zerst\u00f6rte H\u00e4user, komplett zerbombte Stra\u00dfenz\u00fcge. Alles ist Schutt und Asche, nichts scheint mehr an seinem Ort zu sein. Zwischen den Ruinen erkennt man schemenhaft eine einsame Person am Ende der H\u00e4userflucht. Nebel &#8211; verzweifelte Gesichter versuchen mit letzter Kraft verwundete Menschen aus der Gefahrenzone zu tragen \u2013 vielleicht sind sie schon l\u00e4ngst tot. Der Blick auf eine Stadt am Abend. Qualm steigt auf. Ist es die untergehende Sonne, oder eine eingeschlagene Bombe, die den Horizont erhellt, w\u00e4hrend der sternenklare Himmel unscheinbar und teilnahmslos dar\u00fcber h\u00e4ngt? Die Bilder des Fotografen Sameer al Doumy zeigen alle einen kurzen Moment w\u00e4hrend des mittlerweile f\u00fcnfj\u00e4hrigen Krieges in Syrien, hier in Douma im S\u00fcdosten des Landes. Die Momente, die hier festgehalten wurden, stellen den Krieg und seine zerst\u00f6rerische Macht in n\u00fcchterner Klarheit aus. Manchmal wirken die Szenen fast wie arrangierte Settings des Kunstfotografen Jeff Wall, der bewusst mit der Unsicherheit des Authentizit\u00e4tsgehalts von Pressefotografien und insbesondere Kriegsfotografien spielt. Hier verschwimmen die Gattungsgrenzen von Presse-und Kunstfotografie auf eindrucksvolle Weise. So liegt den Aufnahmen des aus Douma stammenden al Doumy, eine bestimmte Botschaft zu Grunde, die auf perverse Weise den Wahnsinn und gleichzeitig die \u00c4sthetik des Krieges herausstellt.<a href=\"#_ftn1\" name=\"_ftnref1\">[1]<\/a> Weil ein Mensch mit westeurop\u00e4ischem Hintergrund sich jedoch meist keine Vorstellung dar\u00fcber machen kann, was er da vor sich sieht, stehen wir wie unbeteiligte Beobachter am anderen Ende der Welt und k\u00f6nnen lediglich eine \u201eVerschiebung vom dokumentarischen Sehen zum dokumentarischen F\u00fchlen\u201c wahrnehmen. <a href=\"#_ftn2\" name=\"_ftnref2\">[2]<\/a> Ein Gef\u00fchl der Empathie aber auch der Hilflosigkeit wird evoziert.<\/p>\n<p>Auch die Fotografien von Abd Doumany reihen sich in dieses Gef\u00fchl der Machtlosigkeit ein. Wie in der Pressefotografie \u00fcblich, stehen neben allen ausgestellten Abbildern kurze begleitende Texte mit Informationen zur Entstehung, zum Ort und Datum, die das Bild in einen konkreten Kontext einbinden und eine Art Zeugnis- oder Beweisfunktion innehaben. Doch genau genommen ben\u00f6tigen diese Motive keine Beschriftung oder Erkl\u00e4rung. Der Mann, der den leblosen, toten, blut\u00fcberstr\u00f6mten K\u00f6rper seiner Tochter auf dem Scho\u00df liegen hat und sie mit einem fragenden Blick anschaut, als ob er nicht begreift, was da vor sich geht &#8211; dieses Bild spricht f\u00fcr sich, es bedarf keines Nachweises. In ihm spricht der Wahnsinn des Krieges auf so eindringliche und ersch\u00fctternde Weise, dass das betretende Schweigen im Ausstellungsraum fast schon zu einer Beklemmung wird. Und vielleicht ist genau deshalb der Beweis, dass es sich um authentische Abbilder des Syrienkrieges handelt, nicht notwendig. Diese Fotos scheinen uns eher wie ein Mahnmal zu sein, welches daran erinnern m\u00f6chte, dass der Krieg eine Kraft besitzt, die der Mensch nicht begreifen kann.<\/p>\n<p>Ist es also eine reale oder konstruierte Wirklichkeit, die von den dokumentarischen Bildern erzeugt wird? Glauben wir der Filmemacherin Hito Steyerl, dann ist jede scheinbare Realit\u00e4t in solchen Fotos ein Konstrukt. \u201eDie dokumentarische Form bildet demnach nicht die Realit\u00e4t ab, sondern ihren eignen Willen zur Macht.\u201c<a href=\"#_ftn3\" name=\"_ftnref3\">[3]<\/a> Doch welche Macht geht von diesen Fotografien aus? Die Fotografien haben alle den Anspruch, ein m\u00f6glichst authentisches Abbild der Wirklichkeit ins Licht zu setzen. Dabei wird dem Fotografen die Rolle eines Zeugen zugeschrieben. Doch bei genauerer Betrachtung sind auch Pressefotografien nichts anderes als Moment-Inszenierungen. Es werden Wirklichkeitsbilder konstruiert, die auf komprimierte Weise einen komplexen Sachverhalt, in diesem Fall den Krieg in Syrien, in einer Fotografie f\u00fcr die Welt zug\u00e4nglich machen. Sie sollen ein Gef\u00fchl transportieren, welches uns die Grausamkeit des Krieges erahnen l\u00e4sst. Durch das subjektive Auge der Kamera wird ein Bild hervorgebracht, welches die scheinbare Realit\u00e4t von Millionen von Menschen auf die Bildschirme der Nachrichtensender, in die Foren der globalen Social-Media-Communities und auf die wei\u00dfen, kargen W\u00e4nde des Willy-Brandt-Hauses bringt.<\/p>\n<p>Brian O\u2019Doherty h\u00e4tte die H\u00e4ngung in White Cube Manier der 20er Jahre wahrscheinlich mit einem sterilen Krankenhausflur verglichen.<a href=\"#_ftn4\" name=\"_ftnref4\">[4]<\/a> Und angesichts der ungl\u00fccklichen Anordnung der hochwertigen Pressefotos w\u00e4re dieser Vergleich auch angemessen. Ohne jegliche Konzeptualisierung wird auf der einen Seite \u2013 wie eben beschrieben \u2013 der Krieg in allen seinen Facetten gezeigt und an der gegen\u00fcberliegenden Fensterfront h\u00e4ngen wie zum Trotz Sport- und Naturfotografien. Die schwarz-wei\u00dfen Unterwasserbilder von Anuar Patjane Floriuk zeigen eine Tauchercrew um einen riesigen Wal schwimmend. Ein imposantes Bild. Auf den Aufnahmen von Christian Ziegler zeigt sich die Natur von ihrer kuriosesten Seite. Farbenfrohe Cham\u00e4leons in Nahaufnahme. Der Anblick der traumatisierenden Kriegsabbildungen scheint diese Themen jedoch zwangsl\u00e4ufig in den Hintergrund zu dr\u00e4ngen \u2013 so, als w\u00e4ren es belanglose Angelegenheiten, die in der World Press auch noch irgendwo untergebracht werden mussten.<\/p>\n<p>Hier liegt die T\u00fccke der Ausstellungskonzeption. Anstatt die Kategorien f\u00fcr sich sprechen zu lassen, scheinen sie miteinander zu konkurrieren. Zumindest in der konkreten Ausstellungssituation im Willy-Brandt-Haus. Denn die Wanderausstellung wird in insgesamt 45 L\u00e4ndern gezeigt. Es bleibt zu hoffen, dass an den anderen Ausstellungsorten eine gelungenere Pr\u00e4sentation der Fotografien zu sehen sein wird. Eine Pr\u00e4sentationform, die allen Rubriken ihren Platz und auch Themen, wie die Rettung von Orang-Utans in den Regenw\u00e4ldern von Sumatra oder die Synchronschwimmer aus Schweden f\u00fcr sich sprechen l\u00e4sst. Denn diese Informationen treten nicht nur in der World Press Photo Ausstellung in den Hintergrund, sondern gehen auch meistens in der Nachrichtenflut des Alltags unter. Sollten wir diesen Momenten, die auch unser Leben bestimmen, dann nicht gerade bei solch einer Ausstellung ein wenig mehr Aufmerksamkeit schenken? Vor allem sollten wir sie nicht mit dem Krieg konkurrieren lassen, der unsere Sinne \u00fcberfordert und keinen Platz mehr f\u00fcr andere Themen l\u00e4sst.<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref1\" name=\"_ftn1\">[1]<\/a> Auf diesen Grenzgang machte schon Walter Benjamin in seiner medienkritischen Schrift \u201eDas Kunstwerk im Zeitalter seiner technischen Reproduzierbarkeit\u201c aufmerksam. F\u00fcr weitere Informationen siehe Walter Benjamin: Das Kunstwerk im Zeitalter seiner technischen Reproduzierbarkeit, in: Ders.: Illuminationen, S. 136-169, hier: 168f.<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref2\" name=\"_ftn2\">[2]<\/a> Hito Steyerl (2008): Die Farbe der Wahrheit. Dokumentarismen im Kunstfeld, Wien: Turia + Kant, S. 13.<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref3\" name=\"_ftn3\">[3]<\/a> Hito Steyerl (2008): Die Farbe der Wahrheit. Dokumentarismen im Kunstfeld, Wien: Turia + Kant, S. 10.<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref4\" name=\"_ftn4\">[4]<\/a> Brian O\u2019Doherty \u00fcber den White Cube: Brian O\u2019Doherty (1996): In der wei\u00dfen Zelle. Inside the White Cube\u201c Berlin: Merve.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<hr \/>\n<p>World Press Photo 2016<br \/>\n03. Juni \u2013 26. Juni 2016<\/p>\n<p>Willy-Brandt-Haus Berlin<br \/>\nWilhelmstra\u00dfe 140<br \/>\n10963 Berlin<\/p>\n<p><a href=\"http:\/\/www.worldpressphoto.org\/collection\/photo\/2016\">www.worldpressphoto.org<\/a><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Unsere Gegenwart scheint vor allem eines zu sein: gepr\u00e4gt von Krieg, Zerst\u00f6rung, Flucht, Tod und Trauer. Der weltweit gr\u00f6\u00dfte und international anerkannte Wettbewerb f\u00fcr Pressefotografie zeigt dieses unverbl\u00fcmte Abbild unserer Zeit auf sehr eindringliche und radikale Weise. Wer sich noch bis zum 26. 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Berlin Biennale: The Present in Drag <\/em>im KW Institute for Contemporary Art<\/span><\/p>\",\r\n      \"align\": \"top\",\r\n      \"row\": 1,\r\n      \"col\": 1,\r\n      \"colspan\": 18,\r\n      \"offsetx\": 0,\r\n      \"offsety\": 0,\r\n      \"spaceabove\": 0,\r\n      \"spacebelow\": 0,\r\n      \"yvel\": 1,\r\n      \"push\": 1,\r\n      \"relid\": 7,\r\n      \"frameOverflow\": \"\"\r\n    },\r\n    {\r\n      \"type\": \"text\",\r\n      \"cont\": \"<p style=\\\"text-align: left;\\\"><span style=\\\"font-size: 20px;\\\">Benedikt Merkle<\/span><\/p>\",\r\n      \"align\": \"top\",\r\n      \"row\": 2,\r\n      \"col\": 3,\r\n      \"colspan\": 13,\r\n      \"offsetx\": 0,\r\n      \"offsety\": 0,\r\n      \"spaceabove\": 0,\r\n      \"spacebelow\": 0,\r\n      \"yvel\": 1,\r\n      \"push\": 3,\r\n      \"relid\": 6,\r\n      \"frameOverflow\": \"\"\r\n    },\r\n    {\r\n      \"type\": \"text\",\r\n      \"cont\": \"<p style=\\\"line-height: 1;\\\"><span style=\\\"font-size: 20px;\\\">Einen Bericht zur Lage des fortschreitenden und wuchernden Kapitalismus geben? Eine Gegenwart adressieren, die sich in der Verschr\u00e4nkung von Vergangenheit und Zukunft aufl\u00f6st? Ein Unbehagen einfangen, dessen Wind nicht mehr wie gehabt von der animalischen Vergangenheit des Menschen her weht, sondern aus seiner antizipierten und damit vergegenw\u00e4rtigten Zukunft bl\u00e4st? Die diesj\u00e4hrige neunte Biennale in Berlin pr\u00e4sentiert \u201eThe Present in Drag\u201c \u2013 Die Gegenwart im Gewand der Zukunft, die Accessoires radikal \u201ePost-Alles\u201c.<\/span><\/p><p style=\\\"line-height: 1;\\\"><span style=\\\"font-size: 20px;\\\">Flyer, Poster, Logos erinnern allesamt eher an das Infomaterial eines Pharmakonzerns oder einer Bank. Aufs Wesentliche reduziert und mit einer strikten Einheitlichkeit gibt sich die Kunstbiennale im Stil eines wohl durchdachten und auf globale Beziehungen ausgelegten Corporate Designs. Ein wahrer Nexus aus politischen, \u00f6konomischen, und \u00f6kologischen Themenkomplexen l\u00e4sst sich hierbei bereits erahnen. Was will hier verhandelt werden? Erwartet die BesucherInnen ein riesiger Tr\u00fcmmerhaufen, den die Dekonstruktion \u00fcbrig l\u00e4sst und der als Ergebnis von Interventionen und Unterbrechungen die Kategorien des betrachtenden Bewusstseins in ein schwarzes Loch der Sinnlosigkeit st\u00fcrzt? Das klingt brutal. L\u00e4chelnde Menschen auf Flyern und ungemein zufriedenstellenden \u201eWerbevideos\u201c s\u00e4umen die Biennale und zeugen von einer ungew\u00f6hnlichen Haltung gegen\u00fcber diesen klassischen Themen von Kulturkritik. BesucherInnen sind hier Konsumenten und als solche einkalkulierte, quantifizierte und antizipierte Elemente einer Gegenwart der Biennale, die ganz von der Zukunft bestimmt und von der Vergangenheit abgekoppelt ist. F\u00fcr mehr als drei Monate soll eine Brutzelle der \u201ePost-Gegenwart\u201c an verschiedenen Orten Berlins installiert werden, die eine zu komplex gewordene Zeit, in der der Vorgriff auf die Zukunft die Gegenwart zum Verschwinden bringt, durch eine Flut von \u201aContent\u2018 erfahrbar macht.<\/span><\/p><p style=\\\"line-height: 1;\\\"><span style=\\\"font-size: 20px;\\\">Als Ergebnis von Beschleunigung, von Glasfaserkabeln und besseren Wifi- und Mobilfunkstandards, von schnelleren SSD-Festplatten und besseren Prozessoren ist Content das aus dieser immer stabileren Vernetzung resultierende Genre. Memes, Clickbait, Newsletters, Pers\u00f6nlichkeitstests, Buzzfeed-Listen, Imgur-Bilderflut\u2026 Ein verp\u00f6ntes Subgenre des eigentlichen Inhalts, ein sinnentleertes, von Bedeutung befreites Generikum, das sich lediglich durch seine Affinit\u00e4t zur Verbreitung auszeichnet. Ein Zeitfresser und der Kern des Virus der Prokrastinations-epiedemie. Grund genug sich vor Content zu f\u00fcrchten. Grund aber auch, den Umgang mit Content zu reflektieren.<\/span><\/p><p style=\\\"line-height: 1;\\\"><span style=\\\"font-size: 20px;\\\">Die Performance \u201eSignals\u201c von Alexandra Pirici im Erdgeschoss des KW Insitutue for Contemporary erm\u00f6glicht dies auf eindrucksvolle Weise. Motion-Capturing-Anz\u00fcge tragende K\u00fcnstlerInnen stellen sich dabei \u00fcber mehrere Stunden lang unter das Diktat eines Algorithmus, der einen Zyklus von drei\u00dfig Programmpunkten aus einem Katalog aktueller Internet-Trends generiert. Im kleinen, sp\u00e4rlich beleuchteten Raum wird alles, was der durchschnittliche User an Content aus dem Internet kennt zur Performance: ein Coca-Cola Werbespot, Tinder Profile, eine ein Euro M\u00fcnze, Tutorials f\u00fcr Grafikprogramme, Siris morgendliche Motivationsspr\u00fcche, die Klagemauer in Jerusalem, ein Exoskelett, ein verwirrter John Travolta, Todesursache Selfie. \u00dcber eine Internetadresse (<a href=\\\"http:\/\/bb9.berlinbiennale.de\/alexandra-pirici\/\\\">http:\/\/bb9.berlinbiennale.de\/alexandra-pirici\/<\/a>) k\u00f6nnen BesucherInnen dieses Stimmungsbild der beliebten Trends mit beeinflussen. Es entsteht damit eine Performance, bei der ZuschauerInnen und PerformerInnen in ein enges Verh\u00e4ltnis miteinander treten. Aktionen, die in der Gegenwart getroffen werden, werden im Hinblick auf die Zukunft der Performance get\u00e4tigt. Die Gegenwart der Performance ist eine Zukunft der Vergangenheit, eine Selektion, die in einer zur\u00fcckliegenden Zeit getroffen wurde. ZuschauerInnen sind Teil des Algorithmus, der auf die Zukunft vorgreift und diese den K\u00fcnstlerInnen vorwegnimmt. Eine seltsame Umkehr der Verh\u00e4ltnisse, die Chance, hinter den Bildschirm und in die Maschine zu treten. Es gibt keine Kameras, die die Bewegungen der Motion-Capture-Anz\u00fcge aufzeichnen. Die wei\u00dfen Klett-Kugeln adressieren den aufmerksamen Algorithmus, der am Rande des schwarzen Raums aufgereiht lauert und die Bewegungen antizipiert. BeobachterInnen sind Teil des Schwarzen, Unsichtbaren, das berechnet und daf\u00fcr sorgt, dass f\u00fcr die Berechneten \u2013 die K\u00fcnstlerInnen \u2013 ihre eigene Zukunft unerkennbar bleibt, da sie in der Gegenwart erst konstruiert wird.<\/span><\/p><p style=\\\"line-height: 1;\\\"><span style=\\\"font-size: 20px;\\\">Diese unerkennbare Zukunft wird spektakul\u00e4r von der Berliner K\u00fcnstlerin C\u00e9cile B. Evans in einer der n\u00e4chsten R\u00e4ume in Szene gesetzt. Eine gro\u00dfe, d\u00fcstere Halle wurde daf\u00fcr mit Wasser geflutet. \u00dcber den Wasserspiegel hinweg erstreckt sich ein wei\u00dfer Steg in Form eines T\u2019s. Den Blick nach vorne gerichtet, in Richtung eines antizipierten Horizonts, an dem sich Wasser und Himmel treffen w\u00fcrden, trifft er stattdessen auf eine gro\u00dfe Projektion, die ein Video zeigt. Obskure, farbenfrohe und krude animierte Szenen spielen sich dort ab. Eine in ihrem ontologischen Status vollkommen unklare Entit\u00e4t namens \u201eHyper\u201c erz\u00e4hlt mit den Bildern ihre Geschichte. Sprechende Ohren, verlorene Seelen im Reich des digitalen Nirwanas (das ganz im Sinne der Vaporwave-\u00c4sthetik die Form eines verlassenen Einkaufszentrums zu haben scheint), seltsam zufriedenstellende Werbeunterbrechungen, ein aus H\u00e4nden bestehendes Wimperntierchen\u2026 Die Faszination, die von dieser Installation ausgeht, liegt vor allem in ihrer Unfassbarkeit begr\u00fcndet. Es geht darum, ferne Zukunft in die Gegenwart zu projizieren.<\/span><\/p><p style=\\\"line-height: 1;\\\"><span style=\\\"font-size: 20px;\\\">\u201eHyper\u201c ist weit voraus. So weit, dass sie nicht mehr in einer gegenw\u00e4rtigen Zukunft besteht, in einer Zukunft, die den Horizont der Gegenwart bildet. Ihre Zukunft weicht ab von dem, was gegenw\u00e4rtig konstruiert wird und ist daher unberechenbar, unverst\u00e4ndlich, offen. Es ist eine Vision, die hinter dem Horizont liegt, hinter dem, was sichtbar w\u00e4re, wenn das Wasser bis zum Horizont reichen w\u00fcrde. Dass diese Vision, diese Antizipation des weit vorausliegenden auf einem blinden Fleck der Gegenwart liegt, wird eindrucksvoll in der Erfahrung der \u00dcberforderung beim Betrachten offenbar. Elena Espositos Befund aus der Analyse heutiger Risikoberechnungen der Finanzwelt kann diese Erfahrung erhellen:<\/span><\/p><p style=\\\"line-height: 1;\\\"><span style=\\\"font-size: 20px;\\\"><em>Keiner kann sich selbst in der zuk\u00fcnftigen Gegenwart lokalisieren, \u00bbvor\u00ab dem Heute und seinen Zw\u00e4ngen, weil die zuk\u00fcnftige Gegenwart noch nicht existiert und unberechenbar bleibt. Es ist die Zukunft, deren Vergangenheit unsere heutige Gegenwart ist, mit unserer gegenw\u00e4rtigen Zukunft und all unseren Versuchen, sie zu vorauszusehen.<\/em><\/span><br \/><span style=\\\"font-size: 20px;\\\"><em>Diese Zirkularit\u00e4t ist der blinde Fleck (im Sinne von Foerster) der Finanzwirtschaft und ihrer Logik, wie sich in der Krise zeigte, die durch strukturierte Finanzprodukte ausgel\u00f6st wurde: Finanzmodelle k\u00f6nnen alle m\u00f6glichen zuk\u00fcnftigen Kurse auf den M\u00e4rkten vorausberechnen, nur nicht die Zukunft einer modellgeleiteten Finanzwirtschaft \u2013 die einzige Zukunft, die sp\u00e4ter eintreten wird.<\/em><\/span><\/p><p style=\\\"line-height: 1;\\\"><span style=\\\"font-size: 20px;\\\">Elena Esposito, \u201eThe Construction of Unpredictability\u201c<\/span><br \/><span style=\\\"font-size: 20px;\\\"><a href=\\\"http:\/\/%28http\/bb9.berlinbiennale.de\/the-construction-of-unpredictability\/)\\\">(http:\/\/bb9.berlinbiennale.de\/the-construction-of-unpredictability\/)<\/a><\/span><\/p><p style=\\\"line-height: 1;\\\"><span style=\\\"font-size: 20px;\\\">Die letzen Windungen der Treppe im \u201eKW Institute f\u00fcr Contemporary Art\u201c f\u00fchren in den 4. Stock. Hoch hinauf. Richtung Zukunft? Eine Vision, die Sinn stiftet? Beruhigung f\u00fcr die Angst vorm Content? Eine Utopie, an der festgehalten werden kann? Eine amerikanische Besuchergruppe steigt die Treppe wieder hinunter. \u201eIt\u2019s just Howdy\u201c, gibt eine von ihnen zu verstehen. In der Tat. Eine verschlossene Stahlt\u00fcre auf die ein Sackgassenschild projiziert ist. Der wei\u00dfe Balken tr\u00e4gt die Aufschrift \u201eHowdy\u201c, die aus dem amerikanischen S\u00fcdstaatendialekt bekannte Kurzform f\u00fcr \u201eHow do you do?\u201c. Die Biennale wirft zuletzt ihre BesucherInnen auf sich selbst zur\u00fcck. Wie geht es euch damit? Jetzt seid ihr in der Gegenwart \u2013 spekuliert ihr mit?<\/span><\/p>\",\r\n      \"align\": \"top\",\r\n      \"row\": 3,\r\n      \"col\": 1,\r\n      \"colspan\": 18,\r\n      \"offsetx\": 0,\r\n      \"offsety\": 0,\r\n      \"spaceabove\": 0,\r\n      \"spacebelow\": 0,\r\n      \"yvel\": 1,\r\n      \"push\": 1,\r\n      \"relid\": 8,\r\n      \"frameOverflow\": \"\"\r\n    },\r\n    {\r\n      \"type\": \"text\",\r\n      \"cont\": \"<p style=\\\"line-height: 1;\\\"><span style=\\\"font-size: 15px;\\\">9. Berlin Biennale: The Present in Drag<\/span><br \/><span style=\\\"font-size: 15px;\\\">04.06.\u201418.09.2016<br \/><\/span><span style=\\\"font-size: 15px;\\\">KW Institute for Contemporary Art<\/span><br \/><span style=\\\"font-size: 15px;\\\">Auguststra\u00dfe 69<\/span><br \/><span style=\\\"font-size: 15px;\\\">10117 Berlin<\/span><\/p><p style=\\\"line-height: 1;\\\"><span style=\\\"font-size: 15px;\\\"><a href=\\\"http:\/\/bb9.berlinbiennale.de\/de\/\\\">www.bb9.berlinbiennale.de<\/a><\/span><\/p>\",\r\n      \"align\": \"top\",\r\n      \"row\": 4,\r\n      \"col\": 5,\r\n      \"colspan\": 9,\r\n      \"offsetx\": 0,\r\n      \"offsety\": 0,\r\n      \"spaceabove\": 0,\r\n      \"spacebelow\": 0,\r\n      \"yvel\": 1,\r\n      \"push\": 5,\r\n      \"relid\": 621,\r\n      \"frameOverflow\": \"\"\r\n    }\r\n  ]\r\n}","phonegrid":"","jetpack_sharing_enabled":true,"jetpack_shortlink":"https:\/\/wp.me\/p7ChHw-eF","jetpack-related-posts":[{"id":331,"url":"https:\/\/www2.hu-berlin.de\/ausstellungskritik\/worldpressphoto\/","url_meta":{"origin":909,"position":0},"title":"World Press Photo 2016, Willy-Brandt-Haus Berlin","author":"Die Redaktion","date":"3. 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