{"id":912,"date":"2016-07-03T18:37:34","date_gmt":"2016-07-03T16:37:34","guid":{"rendered":"https:\/\/www2.hu-berlin.de\/ausstellungskritik\/systemerde-2\/"},"modified":"2025-07-17T11:26:32","modified_gmt":"2025-07-17T09:26:32","slug":"julian-charriere","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www2.hu-berlin.de\/ausstellungskritik\/julian-charriere\/","title":{"rendered":"Julian Charri\u00e8re \u2013 Into the Hollow, Dittrich &#038; Schlechtriem"},"content":{"rendered":"<div id=\"attachment_332\" style=\"width: 3226px\" class=\"wp-caption alignnone\"><img data-recalc-dims=\"1\" loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-332\" data-attachment-id=\"332\" data-permalink=\"https:\/\/www2.hu-berlin.de\/ausstellungskritik\/worldpressphoto\/weitzel_white_cube_2\/\" data-orig-file=\"https:\/\/i0.wp.com\/www2.hu-berlin.de\/ausstellungskritik\/wp-content\/uploads\/2016\/07\/weitzel_white_cube_2.jpg?fit=3216%2C2448&amp;ssl=1\" data-orig-size=\"3216,2448\" data-comments-opened=\"1\" data-image-meta=\"{&quot;aperture&quot;:&quot;2.8&quot;,&quot;credit&quot;:&quot;&quot;,&quot;camera&quot;:&quot;FinePix S8000fd&quot;,&quot;caption&quot;:&quot;&quot;,&quot;created_timestamp&quot;:&quot;1464962608&quot;,&quot;copyright&quot;:&quot;&quot;,&quot;focal_length&quot;:&quot;4.7&quot;,&quot;iso&quot;:&quot;200&quot;,&quot;shutter_speed&quot;:&quot;0.011764705882353&quot;,&quot;title&quot;:&quot;&quot;,&quot;orientation&quot;:&quot;1&quot;}\" data-image-title=\"weitzel_white_cube_2\" data-image-description=\"\" data-image-caption=\"&lt;p&gt;World Press Ausstellung 2016 im Willy-Brandt-Haus Berlin&lt;\/p&gt;\n\" data-medium-file=\"https:\/\/i0.wp.com\/www2.hu-berlin.de\/ausstellungskritik\/wp-content\/uploads\/2016\/07\/weitzel_white_cube_2.jpg?fit=150%2C114&amp;ssl=1\" data-large-file=\"https:\/\/i0.wp.com\/www2.hu-berlin.de\/ausstellungskritik\/wp-content\/uploads\/2016\/07\/weitzel_white_cube_2.jpg?fit=1024%2C779&amp;ssl=1\" class=\"size-full wp-image-332\" src=\"https:\/\/i0.wp.com\/www2.hu-berlin.de\/ausstellungskritik\/wp-content\/uploads\/2016\/07\/weitzel_white_cube_2.jpg?resize=3216%2C2448&#038;ssl=1\" alt=\"World Press Ausstellung 2016 im Willy-Brandt-Haus Berlin\" width=\"3216\" height=\"2448\" srcset=\"https:\/\/i0.wp.com\/www2.hu-berlin.de\/ausstellungskritik\/wp-content\/uploads\/2016\/07\/weitzel_white_cube_2.jpg?w=3216&amp;ssl=1 3216w, https:\/\/i0.wp.com\/www2.hu-berlin.de\/ausstellungskritik\/wp-content\/uploads\/2016\/07\/weitzel_white_cube_2.jpg?resize=300%2C228&amp;ssl=1 300w, https:\/\/i0.wp.com\/www2.hu-berlin.de\/ausstellungskritik\/wp-content\/uploads\/2016\/07\/weitzel_white_cube_2.jpg?resize=1024%2C779&amp;ssl=1 1024w, https:\/\/i0.wp.com\/www2.hu-berlin.de\/ausstellungskritik\/wp-content\/uploads\/2016\/07\/weitzel_white_cube_2.jpg?resize=973%2C741&amp;ssl=1 973w, https:\/\/i0.wp.com\/www2.hu-berlin.de\/ausstellungskritik\/wp-content\/uploads\/2016\/07\/weitzel_white_cube_2.jpg?resize=508%2C387&amp;ssl=1 508w, https:\/\/i0.wp.com\/www2.hu-berlin.de\/ausstellungskritik\/wp-content\/uploads\/2016\/07\/weitzel_white_cube_2.jpg?w=2000&amp;ssl=1 2000w, https:\/\/i0.wp.com\/www2.hu-berlin.de\/ausstellungskritik\/wp-content\/uploads\/2016\/07\/weitzel_white_cube_2.jpg?w=3000&amp;ssl=1 3000w\" sizes=\"auto, (max-width: 1000px) 100vw, 1000px\" \/><p id=\"caption-attachment-332\" class=\"wp-caption-text\">World Press Ausstellung 2016 im Willy-Brandt-Haus Berlin<\/p><\/div>\n<p>Unsere Gegenwart scheint vor allem eines zu sein: gepr\u00e4gt von Krieg, Zerst\u00f6rung, Flucht, Tod und Trauer. Der weltweit gr\u00f6\u00dfte und international anerkannte Wettbewerb f\u00fcr Pressefotografie zeigt dieses unverbl\u00fcmte Abbild unserer Zeit auf sehr eindringliche und radikale Weise. Wer sich noch bis zum 26. Juni die Gewinner des diesj\u00e4hrigen Presse Awards im Willy-Brandt-Haus in Berlin anschauen m\u00f6chte, sollte sich dar\u00fcber im Klaren sein. Das was tagt\u00e4glich \u00fcber die unterschiedlichsten Informationskan\u00e4le f\u00fcr einen kurzen Moment unsere Aufmerksamkeit erh\u00e4lt, ger\u00e4t nicht einfach in Vergessenheit, sondern zeigt sich bei der World Press Ausstellung in kuratiertem Gewand und vor allem in geballter Form.<\/p>\n<p>Die sonst stark verstreuten Bildbotschaften werden hier im zweiten Stock der SPD Parteizentrale im White Cube pr\u00e4sentiert. Auf den kargen wei\u00dfen W\u00e4nden, deren Anordnung und Aufteilung im Raum jeglichem \u00e4sthetischen und gestalterischen Empfinden entbehrt, h\u00e4ngen, in acht verschiedene Kategorien aufgeteilt, die gro\u00dfformatigen Fotografien. In beinahe allen Rubriken sind Fotos von gefl\u00fcchteten, verwundeten oder toten Menschen vertreten. Polizeigewalt in den USA, Bandenkriminalit\u00e4t in Honduras, B\u00fcrgerkrieg im Sudan, \u00fcberf\u00fcllte Fl\u00fcchtlingsboote. Und das Thema Nummer eins: Der Syrienkrieg.<\/p>\n<p>Brennende Autos, zerst\u00f6rte H\u00e4user, komplett zerbombte Stra\u00dfenz\u00fcge. Alles ist Schutt und Asche, nichts scheint mehr an seinem Ort zu sein. Zwischen den Ruinen erkennt man schemenhaft eine einsame Person am Ende der H\u00e4userflucht. Nebel &#8211; verzweifelte Gesichter versuchen mit letzter Kraft verwundete Menschen aus der Gefahrenzone zu tragen \u2013 vielleicht sind sie schon l\u00e4ngst tot. Der Blick auf eine Stadt am Abend. Qualm steigt auf. Ist es die untergehende Sonne, oder eine eingeschlagene Bombe, die den Horizont erhellt, w\u00e4hrend der sternenklare Himmel unscheinbar und teilnahmslos dar\u00fcber h\u00e4ngt? Die Bilder des Fotografen Sameer al Doumy zeigen alle einen kurzen Moment w\u00e4hrend des mittlerweile f\u00fcnfj\u00e4hrigen Krieges in Syrien, hier in Douma im S\u00fcdosten des Landes. Die Momente, die hier festgehalten wurden, stellen den Krieg und seine zerst\u00f6rerische Macht in n\u00fcchterner Klarheit aus. Manchmal wirken die Szenen fast wie arrangierte Settings des Kunstfotografen Jeff Wall, der bewusst mit der Unsicherheit des Authentizit\u00e4tsgehalts von Pressefotografien und insbesondere Kriegsfotografien spielt. Hier verschwimmen die Gattungsgrenzen von Presse-und Kunstfotografie auf eindrucksvolle Weise. So liegt den Aufnahmen des aus Douma stammenden al Doumy, eine bestimmte Botschaft zu Grunde, die auf perverse Weise den Wahnsinn und gleichzeitig die \u00c4sthetik des Krieges herausstellt.<a href=\"#_ftn1\" name=\"_ftnref1\">[1]<\/a> Weil ein Mensch mit westeurop\u00e4ischem Hintergrund sich jedoch meist keine Vorstellung dar\u00fcber machen kann, was er da vor sich sieht, stehen wir wie unbeteiligte Beobachter am anderen Ende der Welt und k\u00f6nnen lediglich eine \u201eVerschiebung vom dokumentarischen Sehen zum dokumentarischen F\u00fchlen\u201c wahrnehmen. <a href=\"#_ftn2\" name=\"_ftnref2\">[2]<\/a> Ein Gef\u00fchl der Empathie aber auch der Hilflosigkeit wird evoziert.<\/p>\n<p>Auch die Fotografien von Abd Doumany reihen sich in dieses Gef\u00fchl der Machtlosigkeit ein. Wie in der Pressefotografie \u00fcblich, stehen neben allen ausgestellten Abbildern kurze begleitende Texte mit Informationen zur Entstehung, zum Ort und Datum, die das Bild in einen konkreten Kontext einbinden und eine Art Zeugnis- oder Beweisfunktion innehaben. Doch genau genommen ben\u00f6tigen diese Motive keine Beschriftung oder Erkl\u00e4rung. Der Mann, der den leblosen, toten, blut\u00fcberstr\u00f6mten K\u00f6rper seiner Tochter auf dem Scho\u00df liegen hat und sie mit einem fragenden Blick anschaut, als ob er nicht begreift, was da vor sich geht &#8211; dieses Bild spricht f\u00fcr sich, es bedarf keines Nachweises. In ihm spricht der Wahnsinn des Krieges auf so eindringliche und ersch\u00fctternde Weise, dass das betretende Schweigen im Ausstellungsraum fast schon zu einer Beklemmung wird. Und vielleicht ist genau deshalb der Beweis, dass es sich um authentische Abbilder des Syrienkrieges handelt, nicht notwendig. Diese Fotos scheinen uns eher wie ein Mahnmal zu sein, welches daran erinnern m\u00f6chte, dass der Krieg eine Kraft besitzt, die der Mensch nicht begreifen kann.<\/p>\n<p>Ist es also eine reale oder konstruierte Wirklichkeit, die von den dokumentarischen Bildern erzeugt wird? Glauben wir der Filmemacherin Hito Steyerl, dann ist jede scheinbare Realit\u00e4t in solchen Fotos ein Konstrukt. \u201eDie dokumentarische Form bildet demnach nicht die Realit\u00e4t ab, sondern ihren eignen Willen zur Macht.\u201c<a href=\"#_ftn3\" name=\"_ftnref3\">[3]<\/a> Doch welche Macht geht von diesen Fotografien aus? Die Fotografien haben alle den Anspruch, ein m\u00f6glichst authentisches Abbild der Wirklichkeit ins Licht zu setzen. Dabei wird dem Fotografen die Rolle eines Zeugen zugeschrieben. Doch bei genauerer Betrachtung sind auch Pressefotografien nichts anderes als Moment-Inszenierungen. Es werden Wirklichkeitsbilder konstruiert, die auf komprimierte Weise einen komplexen Sachverhalt, in diesem Fall den Krieg in Syrien, in einer Fotografie f\u00fcr die Welt zug\u00e4nglich machen. Sie sollen ein Gef\u00fchl transportieren, welches uns die Grausamkeit des Krieges erahnen l\u00e4sst. Durch das subjektive Auge der Kamera wird ein Bild hervorgebracht, welches die scheinbare Realit\u00e4t von Millionen von Menschen auf die Bildschirme der Nachrichtensender, in die Foren der globalen Social-Media-Communities und auf die wei\u00dfen, kargen W\u00e4nde des Willy-Brandt-Hauses bringt.<\/p>\n<p>Brian O\u2019Doherty h\u00e4tte die H\u00e4ngung in White Cube Manier der 20er Jahre wahrscheinlich mit einem sterilen Krankenhausflur verglichen.<a href=\"#_ftn4\" name=\"_ftnref4\">[4]<\/a> Und angesichts der ungl\u00fccklichen Anordnung der hochwertigen Pressefotos w\u00e4re dieser Vergleich auch angemessen. Ohne jegliche Konzeptualisierung wird auf der einen Seite \u2013 wie eben beschrieben \u2013 der Krieg in allen seinen Facetten gezeigt und an der gegen\u00fcberliegenden Fensterfront h\u00e4ngen wie zum Trotz Sport- und Naturfotografien. Die schwarz-wei\u00dfen Unterwasserbilder von Anuar Patjane Floriuk zeigen eine Tauchercrew um einen riesigen Wal schwimmend. Ein imposantes Bild. Auf den Aufnahmen von Christian Ziegler zeigt sich die Natur von ihrer kuriosesten Seite. Farbenfrohe Cham\u00e4leons in Nahaufnahme. Der Anblick der traumatisierenden Kriegsabbildungen scheint diese Themen jedoch zwangsl\u00e4ufig in den Hintergrund zu dr\u00e4ngen \u2013 so, als w\u00e4ren es belanglose Angelegenheiten, die in der World Press auch noch irgendwo untergebracht werden mussten.<\/p>\n<p>Hier liegt die T\u00fccke der Ausstellungskonzeption. Anstatt die Kategorien f\u00fcr sich sprechen zu lassen, scheinen sie miteinander zu konkurrieren. Zumindest in der konkreten Ausstellungssituation im Willy-Brandt-Haus. Denn die Wanderausstellung wird in insgesamt 45 L\u00e4ndern gezeigt. Es bleibt zu hoffen, dass an den anderen Ausstellungsorten eine gelungenere Pr\u00e4sentation der Fotografien zu sehen sein wird. Eine Pr\u00e4sentationform, die allen Rubriken ihren Platz und auch Themen, wie die Rettung von Orang-Utans in den Regenw\u00e4ldern von Sumatra oder die Synchronschwimmer aus Schweden f\u00fcr sich sprechen l\u00e4sst. Denn diese Informationen treten nicht nur in der World Press Photo Ausstellung in den Hintergrund, sondern gehen auch meistens in der Nachrichtenflut des Alltags unter. Sollten wir diesen Momenten, die auch unser Leben bestimmen, dann nicht gerade bei solch einer Ausstellung ein wenig mehr Aufmerksamkeit schenken? Vor allem sollten wir sie nicht mit dem Krieg konkurrieren lassen, der unsere Sinne \u00fcberfordert und keinen Platz mehr f\u00fcr andere Themen l\u00e4sst.<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref1\" name=\"_ftn1\">[1]<\/a> Auf diesen Grenzgang machte schon Walter Benjamin in seiner medienkritischen Schrift \u201eDas Kunstwerk im Zeitalter seiner technischen Reproduzierbarkeit\u201c aufmerksam. F\u00fcr weitere Informationen siehe Walter Benjamin: Das Kunstwerk im Zeitalter seiner technischen Reproduzierbarkeit, in: Ders.: Illuminationen, S. 136-169, hier: 168f.<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref2\" name=\"_ftn2\">[2]<\/a> Hito Steyerl (2008): Die Farbe der Wahrheit. Dokumentarismen im Kunstfeld, Wien: Turia + Kant, S. 13.<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref3\" name=\"_ftn3\">[3]<\/a> Hito Steyerl (2008): Die Farbe der Wahrheit. Dokumentarismen im Kunstfeld, Wien: Turia + Kant, S. 10.<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref4\" name=\"_ftn4\">[4]<\/a> Brian O\u2019Doherty \u00fcber den White Cube: Brian O\u2019Doherty (1996): In der wei\u00dfen Zelle. Inside the White Cube\u201c Berlin: Merve.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<hr \/>\n<p>World Press Photo 2016<br \/>\n03. Juni \u2013 26. Juni 2016<\/p>\n<p>Willy-Brandt-Haus Berlin<br \/>\nWilhelmstra\u00dfe 140<br \/>\n10963 Berlin<\/p>\n<p><a href=\"http:\/\/www.worldpressphoto.org\/collection\/photo\/2016\">www.worldpressphoto.org<\/a><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Unsere Gegenwart scheint vor allem eines zu sein: gepr\u00e4gt von Krieg, Zerst\u00f6rung, Flucht, Tod und Trauer. Der weltweit gr\u00f6\u00dfte und international anerkannte Wettbewerb f\u00fcr Pressefotografie zeigt dieses unverbl\u00fcmte Abbild unserer Zeit auf sehr eindringliche und radikale Weise. Wer sich noch bis zum 26. 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Welche Fragmente lie\u00dfen sich in den naturgeschichtlichen Museen einer fernen Zukunft betrachten?<\/span><\/p><p style=\\\"line-height: 1;\\\"><span style=\\\"font-size: 20px;\\\">Der K\u00fcnstler Julian Charri\u00e8re n\u00e4hert sich diesen Fragen in seiner Einzelausstellung\u00a0<em>Into the Hollow<\/em>. Die Berliner Galerie Dittrich und Schlechtriem wurde hierf\u00fcr in ein Naturkundemuseum der Zukunft transformiert. Die sonst wei\u00dfen W\u00e4nde sind anthrazitgrau \u00fcbermalt und der nunmehr dunkle Raum durch symmetrisch genauestens angeordnete Glasvitrinen unterteilt. Die grauen Sockel, auf denen sich gl\u00e4serne Schauk\u00e4sten befinden, scheinen fest im Boden verankert zu sein und es entsteht eine Statik im Ausstellungsraum, die an Wissensaustellungen aus dem Bereich der Mineralogie, Zoologie oder Pal\u00e4ontologie erinnert. Jeder Glaskasten wird von der Decke mit einem Spotlight ausgeleuchtet, das die pr\u00e4sentierten Objekte in helles Licht taucht. Die Lichtkegel bilden senkrechte Achsen im Raum und brechen mit den Waagerechten, die durch die akribische Anordnung der Vitrinen am Boden bereits erzeugt wurden. Es entsteht ein geometrisches Raster, welches durch die Dunkelheit im gesamten Ausstellungsraum besondere Wirkmacht erf\u00e4hrt.<\/span><\/p><p style=\\\"line-height: 1;\\\"><span style=\\\"font-size: 20px;\\\">Die ausgestellten Objekte sind Hybride aus erstarrtem Magma und technologischen Ger\u00e4ten \u2013 Smartphones, Notebooks oder Festplatten. Nach ihrem abgeschlossenen Verarbeitungsprozess wurden jene Technologien von Charri\u00e8re artifiziell in ihren Urzustand zur\u00fcckversetzt \u2013 es entstehen m\u00f6gliche Funde aus der Zukunft.<\/span><\/p><p style=\\\"line-height: 1;\\\"><span style=\\\"font-size: 20px;\\\">In jeder der insgesamt acht Vitrinen, die sich auf zwei \u00fcbersichtliche R\u00e4ume aufteilen, befindet sich ein solcher, scheinbar geologischer Fund: Graue scharfkantige Gesteine in verschiedener Form und Gr\u00f6\u00dfe, die beim n\u00e4heren Betrachten feine Bronzeschlieren aufweisen \u2013 rot-braun glitzernde Stellen und metallisch-gr\u00fcne Sprenkel auf der unebenen Oberfl\u00e4che. Neben der Farbenvielfalt weisen die Gesteinsformationen aber auch Strukturen auf, die sich, wie nach einer Fossilisation, starr in das Gestein eingliedern. Zu erkennen ist beispielsweise die feine Rasterstruktur einer eingeschmolzenen Festplatte oder der verbogene Rahmen eines iPads. Es l\u00e4sst sich nur erahnen, dass diese metallischen Schichten aus technischen Apparaten von heute bestehen.<\/span><\/p><p style=\\\"line-height: 1;\\\"><span style=\\\"font-size: 20px;\\\">Rund 1,5 Tonnen solcher Informationstechnologien wurden, samt aller darauf gespeicherter Daten, von Julian Charri\u00e8re mithilfe des hei\u00dfen Magmas eingeschmolzen. Aus den entstandenen Steinformationen w\u00e4hlte der K\u00fcnstler einzelne Brocken mit ihren metallischen Elementen aus, um sie als kuriose Objekte auszustellen. Kurios nicht nur durch ihre Form oder Farbenvielfalt, sondern vielmehr durch die Kombination von Gegens\u00e4tzen, die aus ihnen sprechen und \u00e4sthetisch funktionieren: Die Speicherf\u00e4higkeit blieb in den urt\u00fcmlich wirkenden Steinbrocken als blo\u00dfes Potenzial erhalten. Unsichtbare Daten wurden so im Raum fixiert und \u2013 durch ihrer Verschmelzung mit der festen mineralischen Steinmasse \u2013 sichtbar gemacht. Als BesucherIn fasziniert und widerstrebt der Anblick dieser zu Stein gewordenen Hardware gleicherma\u00dfen und passt keinesfalls zu den unsichtbaren Netzwerken, die wie selbstverst\u00e4ndlich die Grundlage f\u00fcr die weltweite Kommunikation und den Informationsaustausch unserer Zeit bilden.<\/span><\/p><p style=\\\"line-height: 1;\\\"><span style=\\\"font-size: 20px;\\\">T\u00e4glich werden \u00fcber das iPhone, den Laptop oder den Computer jene Strukturen genutzt. So ungreifbar und unsichtbar das globale Netz von Kommunikationskan\u00e4len also zu sein scheint; die technologischen Objekte, durch welche seine Nutzung erst m\u00f6glich wird,\u00a0<em>sind\u00a0<\/em>greifbar und physisch \u2013 wir tragen sie mit uns herum, halten sie in der Hand, telefonieren, tippen und\u00a0<em>surfen<\/em>\u00a0und werden durch sie zum Teil des unsichtbaren Datenflusses.<\/span><\/p><p style=\\\"line-height: 1;\\\"><span style=\\\"font-size: 20px;\\\">Trotz der st\u00e4ndigen Nutzung jener Objekte herrscht allerdings kaum Bewusstsein \u00fcber ihre industrielle Herstellung. Bewusstsein dar\u00fcber zum Beispiel, dass Metalle aus seltenen Erden die Hauptressource technischer Ger\u00e4te sind und somit auch das Fundament unserer gegenw\u00e4rtigen Digitalit\u00e4t bilden. Dieser \u00f6kologisch h\u00f6chst problematische Prozess wird durch das In-Szene-setzen der Gesteine von Charri\u00e8re im wahrsten Sinne des Wortes erst ans Licht gebracht und kritisiert.<\/span><\/p><p style=\\\"line-height: 1;\\\"><span style=\\\"font-size: 20px;\\\">Seltene Erden werden \u00fcberall auf der Welt abgebaut, um danach in China, Indien oder den USA in Smartphones, Laptops und andere Technologien zusammengesetzt zu werden. F\u00fcr ihre Gewinnung m\u00fcssen tiefe Einschnitte in die Erdkruste vorgenommen werden. Durch das scheinbare Hervorholen der Steine und ihrer naturwissenschaftlichen Pr\u00e4sentation zitiert Charri\u00e8re den kritischen Prozess des Ausgrabens und erzeugt Sichtbarkeiten. Die Spuren der gegenw\u00e4rtigen Zivilisation in den Steinen erschaffen das k\u00fcnstliche Bild unserer eigenen Vergangenheit und dem Umgang mit dieser. Gleichzeitig prangert der K\u00fcnstler die Gewinnung seltener Erdelemente an und l\u00e4dt zum Nachdenken ein, \u00fcber die immer tiefer werdende Minen beispielsweise, von denen die Erde zunehmend durchmasert wird. Mit der Ausbeutung der Natur geht weiter die Ausbeutung von ArbeiterInnen im globalen S\u00fcden einher, die unter schwersten Bedingungen an der Beschaffung seltener Erden beteiligt sind.<\/span><\/p><p style=\\\"line-height: 1;\\\"><span style=\\\"font-size: 20px;\\\">Gewaltvoll scheint der Eingriff, die fragilen technischen Ger\u00e4te samt ihrer Daten in fl\u00fcssigem Stein einzuschmelzen. Neben der Entstehung von M\u00fcll und Verschlei\u00df w\u00e4hrend und nach ihrer Produktion, werden entsorgte Smartphones oder Laptops teilweise auch gesammelt, recycelt und zu neuen Technologien verarbeitet. Durch die Einschmelzung wird diese Kreislauf allerdings unterbrochen \u2013 ein Bruch in einem nie enden wollenden Produktionsprozess, der durch die vorherrschende Konsumkultur unserer Gesellschaft immer weiter vorangetrieben wird und dessen Ressourcen nicht durch reines Recycling gedeckt werden k\u00f6nnen: Die L\u00f6cher m\u00fcssen immer tiefer in die Erdkruste gegraben werden, um die Kommunikation lediglich auf der Erdoberfl\u00e4che zu erm\u00f6glichen<\/span><\/p><p style=\\\"line-height: 1;\\\"><span style=\\\"font-size: 20px;\\\">Betrachtet man als BesucherIn die Gesteine in ihren gl\u00e4sernen K\u00e4sten, \u00fcberw\u00e4ltigt zuerst die enorme Sch\u00f6nheit jener Magmabrocken. W\u00e4hrend man sich vorsichtig durch den habdunklen Ausstellungsraum bewegt, wei\u00df man gar nicht genau, wo man hinschauen soll, da in jeder erleuchteten Vitrine eine andere Farbnuance aufblitzt und verlockend glitzert. Wie eigent\u00fcmliche Meteoriten ruhen die Brocken nach ihrer Metamorphose einzeln auf d\u00fcnnen Metallstangen, wodurch sie nicht den Boden des Ausstellungskastens ber\u00fchren, sondern leicht zu schweben scheinen. Ob Charri\u00e8res Gestaltung und Strukturierung des Ausstellungsraumes wirklich einer realen Zukunftsaussicht entspricht, ist schwer zu sagen. Der Anspruch des K\u00fcnstlers aber, einen naturgeschichtlichen Ausstellungsraum zu schaffen, welcher so auch in der Zukunft existieren k\u00f6nnte, r\u00fcckt in den Hintergrund neben der Frage: K\u00f6nnten diese Gesteine wirklich das sein, was in vielen hundert Jahren als Geologie unseres heutigen Zeitalters gelten wird?<\/span><\/p><p style=\\\"line-height: 1;\\\"><span style=\\\"font-size: 20px;\\\">Vielleicht braucht es einen k\u00fcnstlich geschaffenen Blick aus der Zukunft auf die eigene Zeit, um diese kritisch hinterfragen zu k\u00f6nnen. Julian Charri\u00e8res Gesteine erm\u00f6glichen einen solchen kritischen Blick zum Beispiel auf den Lebenszyklus der nunmehr eingeschmolzenen technischen Ger\u00e4te und auf die Bedeutung der tiefen Einschnitte in die Erdkruste, die einen unabdinglichen Produktionsschritt im Herstellungsprozess\u00a0unserer t\u00e4glich genutzten Technologien bilden.<\/span><\/p>\",\r\n      \"align\": \"top\",\r\n      \"row\": 3,\r\n      \"col\": 1,\r\n      \"colspan\": 18,\r\n      \"offsetx\": 0,\r\n      \"offsety\": 0,\r\n      \"spaceabove\": 0,\r\n      \"spacebelow\": 0,\r\n      \"yvel\": 1,\r\n      \"push\": 1,\r\n      \"relid\": 8,\r\n      \"frameOverflow\": \"\"\r\n    },\r\n    {\r\n      \"type\": \"text\",\r\n      \"cont\": \"<p style=\\\"line-height: 1;\\\"><span style=\\\"font-size: 15px;\\\">Julian Charri\u00e8re \u2013 Into the\u00a0Hollow<\/span><br \/><span style=\\\"font-size: 15px;\\\">29. April 2016 \u2013 25. Juni 2016<\/span><\/p><p style=\\\"line-height: 1;\\\"><span style=\\\"font-size: 15px;\\\">Dittrich &amp; Schlechtriem<\/span><br \/><span style=\\\"font-size: 15px;\\\">Tucholskystra\u00dfe 38<\/span><br \/><span style=\\\"font-size: 15px;\\\">10117 Berlin<\/span><\/p><p style=\\\"line-height: 1;\\\"><span style=\\\"font-size: 15px;\\\"><a href=\\\"http:\/\/www.dittrich-schlechtriem.com\/\\\">www.dittrich-schlechtriem.com<\/a><\/span><\/p>\",\r\n      \"align\": \"top\",\r\n      \"row\": 4,\r\n      \"col\": 5,\r\n      \"colspan\": 10,\r\n      \"offsetx\": 0,\r\n      \"offsety\": 0,\r\n      \"spaceabove\": 0,\r\n      \"spacebelow\": 0,\r\n      \"yvel\": 1,\r\n      \"push\": 5,\r\n      \"relid\": 621,\r\n      \"frameOverflow\": \"\"\r\n    }\r\n  ]\r\n}","phonegrid":"","jetpack_sharing_enabled":true,"jetpack_shortlink":"https:\/\/wp.me\/p7ChHw-eI","jetpack-related-posts":[{"id":331,"url":"https:\/\/www2.hu-berlin.de\/ausstellungskritik\/worldpressphoto\/","url_meta":{"origin":912,"position":0},"title":"World Press Photo 2016, Willy-Brandt-Haus Berlin","author":"Die Redaktion","date":"3. 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