{"id":915,"date":"2016-07-01T18:44:16","date_gmt":"2016-07-01T16:44:16","guid":{"rendered":"https:\/\/www2.hu-berlin.de\/ausstellungskritik\/schmerz-und-schoenheit-2\/"},"modified":"2025-07-17T11:26:40","modified_gmt":"2025-07-17T09:26:40","slug":"bart-natur-rasur","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www2.hu-berlin.de\/ausstellungskritik\/bart-natur-rasur\/","title":{"rendered":"Bart\u00a0\u2013\u00a0zwischen Natur und Rasur, Neues Museum Berlin"},"content":{"rendered":"<div id=\"attachment_332\" style=\"width: 3226px\" class=\"wp-caption alignnone\"><img data-recalc-dims=\"1\" loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-332\" data-attachment-id=\"332\" data-permalink=\"https:\/\/www2.hu-berlin.de\/ausstellungskritik\/worldpressphoto\/weitzel_white_cube_2\/\" data-orig-file=\"https:\/\/i0.wp.com\/www2.hu-berlin.de\/ausstellungskritik\/wp-content\/uploads\/2016\/07\/weitzel_white_cube_2.jpg?fit=3216%2C2448&amp;ssl=1\" data-orig-size=\"3216,2448\" data-comments-opened=\"1\" data-image-meta=\"{&quot;aperture&quot;:&quot;2.8&quot;,&quot;credit&quot;:&quot;&quot;,&quot;camera&quot;:&quot;FinePix S8000fd&quot;,&quot;caption&quot;:&quot;&quot;,&quot;created_timestamp&quot;:&quot;1464962608&quot;,&quot;copyright&quot;:&quot;&quot;,&quot;focal_length&quot;:&quot;4.7&quot;,&quot;iso&quot;:&quot;200&quot;,&quot;shutter_speed&quot;:&quot;0.011764705882353&quot;,&quot;title&quot;:&quot;&quot;,&quot;orientation&quot;:&quot;1&quot;}\" data-image-title=\"weitzel_white_cube_2\" data-image-description=\"\" data-image-caption=\"&lt;p&gt;World Press Ausstellung 2016 im Willy-Brandt-Haus Berlin&lt;\/p&gt;\n\" data-medium-file=\"https:\/\/i0.wp.com\/www2.hu-berlin.de\/ausstellungskritik\/wp-content\/uploads\/2016\/07\/weitzel_white_cube_2.jpg?fit=150%2C114&amp;ssl=1\" data-large-file=\"https:\/\/i0.wp.com\/www2.hu-berlin.de\/ausstellungskritik\/wp-content\/uploads\/2016\/07\/weitzel_white_cube_2.jpg?fit=1024%2C779&amp;ssl=1\" class=\"size-full wp-image-332\" src=\"https:\/\/i0.wp.com\/www2.hu-berlin.de\/ausstellungskritik\/wp-content\/uploads\/2016\/07\/weitzel_white_cube_2.jpg?resize=3216%2C2448&#038;ssl=1\" alt=\"World Press Ausstellung 2016 im Willy-Brandt-Haus Berlin\" width=\"3216\" height=\"2448\" srcset=\"https:\/\/i0.wp.com\/www2.hu-berlin.de\/ausstellungskritik\/wp-content\/uploads\/2016\/07\/weitzel_white_cube_2.jpg?w=3216&amp;ssl=1 3216w, https:\/\/i0.wp.com\/www2.hu-berlin.de\/ausstellungskritik\/wp-content\/uploads\/2016\/07\/weitzel_white_cube_2.jpg?resize=300%2C228&amp;ssl=1 300w, https:\/\/i0.wp.com\/www2.hu-berlin.de\/ausstellungskritik\/wp-content\/uploads\/2016\/07\/weitzel_white_cube_2.jpg?resize=1024%2C779&amp;ssl=1 1024w, https:\/\/i0.wp.com\/www2.hu-berlin.de\/ausstellungskritik\/wp-content\/uploads\/2016\/07\/weitzel_white_cube_2.jpg?resize=973%2C741&amp;ssl=1 973w, https:\/\/i0.wp.com\/www2.hu-berlin.de\/ausstellungskritik\/wp-content\/uploads\/2016\/07\/weitzel_white_cube_2.jpg?resize=508%2C387&amp;ssl=1 508w, https:\/\/i0.wp.com\/www2.hu-berlin.de\/ausstellungskritik\/wp-content\/uploads\/2016\/07\/weitzel_white_cube_2.jpg?w=2000&amp;ssl=1 2000w, https:\/\/i0.wp.com\/www2.hu-berlin.de\/ausstellungskritik\/wp-content\/uploads\/2016\/07\/weitzel_white_cube_2.jpg?w=3000&amp;ssl=1 3000w\" sizes=\"auto, (max-width: 1000px) 100vw, 1000px\" \/><p id=\"caption-attachment-332\" class=\"wp-caption-text\">World Press Ausstellung 2016 im Willy-Brandt-Haus Berlin<\/p><\/div>\n<p>Unsere Gegenwart scheint vor allem eines zu sein: gepr\u00e4gt von Krieg, Zerst\u00f6rung, Flucht, Tod und Trauer. Der weltweit gr\u00f6\u00dfte und international anerkannte Wettbewerb f\u00fcr Pressefotografie zeigt dieses unverbl\u00fcmte Abbild unserer Zeit auf sehr eindringliche und radikale Weise. Wer sich noch bis zum 26. Juni die Gewinner des diesj\u00e4hrigen Presse Awards im Willy-Brandt-Haus in Berlin anschauen m\u00f6chte, sollte sich dar\u00fcber im Klaren sein. Das was tagt\u00e4glich \u00fcber die unterschiedlichsten Informationskan\u00e4le f\u00fcr einen kurzen Moment unsere Aufmerksamkeit erh\u00e4lt, ger\u00e4t nicht einfach in Vergessenheit, sondern zeigt sich bei der World Press Ausstellung in kuratiertem Gewand und vor allem in geballter Form.<\/p>\n<p>Die sonst stark verstreuten Bildbotschaften werden hier im zweiten Stock der SPD Parteizentrale im White Cube pr\u00e4sentiert. Auf den kargen wei\u00dfen W\u00e4nden, deren Anordnung und Aufteilung im Raum jeglichem \u00e4sthetischen und gestalterischen Empfinden entbehrt, h\u00e4ngen, in acht verschiedene Kategorien aufgeteilt, die gro\u00dfformatigen Fotografien. In beinahe allen Rubriken sind Fotos von gefl\u00fcchteten, verwundeten oder toten Menschen vertreten. Polizeigewalt in den USA, Bandenkriminalit\u00e4t in Honduras, B\u00fcrgerkrieg im Sudan, \u00fcberf\u00fcllte Fl\u00fcchtlingsboote. Und das Thema Nummer eins: Der Syrienkrieg.<\/p>\n<p>Brennende Autos, zerst\u00f6rte H\u00e4user, komplett zerbombte Stra\u00dfenz\u00fcge. Alles ist Schutt und Asche, nichts scheint mehr an seinem Ort zu sein. Zwischen den Ruinen erkennt man schemenhaft eine einsame Person am Ende der H\u00e4userflucht. Nebel &#8211; verzweifelte Gesichter versuchen mit letzter Kraft verwundete Menschen aus der Gefahrenzone zu tragen \u2013 vielleicht sind sie schon l\u00e4ngst tot. Der Blick auf eine Stadt am Abend. Qualm steigt auf. Ist es die untergehende Sonne, oder eine eingeschlagene Bombe, die den Horizont erhellt, w\u00e4hrend der sternenklare Himmel unscheinbar und teilnahmslos dar\u00fcber h\u00e4ngt? Die Bilder des Fotografen Sameer al Doumy zeigen alle einen kurzen Moment w\u00e4hrend des mittlerweile f\u00fcnfj\u00e4hrigen Krieges in Syrien, hier in Douma im S\u00fcdosten des Landes. Die Momente, die hier festgehalten wurden, stellen den Krieg und seine zerst\u00f6rerische Macht in n\u00fcchterner Klarheit aus. Manchmal wirken die Szenen fast wie arrangierte Settings des Kunstfotografen Jeff Wall, der bewusst mit der Unsicherheit des Authentizit\u00e4tsgehalts von Pressefotografien und insbesondere Kriegsfotografien spielt. Hier verschwimmen die Gattungsgrenzen von Presse-und Kunstfotografie auf eindrucksvolle Weise. So liegt den Aufnahmen des aus Douma stammenden al Doumy, eine bestimmte Botschaft zu Grunde, die auf perverse Weise den Wahnsinn und gleichzeitig die \u00c4sthetik des Krieges herausstellt.<a href=\"#_ftn1\" name=\"_ftnref1\">[1]<\/a> Weil ein Mensch mit westeurop\u00e4ischem Hintergrund sich jedoch meist keine Vorstellung dar\u00fcber machen kann, was er da vor sich sieht, stehen wir wie unbeteiligte Beobachter am anderen Ende der Welt und k\u00f6nnen lediglich eine \u201eVerschiebung vom dokumentarischen Sehen zum dokumentarischen F\u00fchlen\u201c wahrnehmen. <a href=\"#_ftn2\" name=\"_ftnref2\">[2]<\/a> Ein Gef\u00fchl der Empathie aber auch der Hilflosigkeit wird evoziert.<\/p>\n<p>Auch die Fotografien von Abd Doumany reihen sich in dieses Gef\u00fchl der Machtlosigkeit ein. Wie in der Pressefotografie \u00fcblich, stehen neben allen ausgestellten Abbildern kurze begleitende Texte mit Informationen zur Entstehung, zum Ort und Datum, die das Bild in einen konkreten Kontext einbinden und eine Art Zeugnis- oder Beweisfunktion innehaben. Doch genau genommen ben\u00f6tigen diese Motive keine Beschriftung oder Erkl\u00e4rung. Der Mann, der den leblosen, toten, blut\u00fcberstr\u00f6mten K\u00f6rper seiner Tochter auf dem Scho\u00df liegen hat und sie mit einem fragenden Blick anschaut, als ob er nicht begreift, was da vor sich geht &#8211; dieses Bild spricht f\u00fcr sich, es bedarf keines Nachweises. In ihm spricht der Wahnsinn des Krieges auf so eindringliche und ersch\u00fctternde Weise, dass das betretende Schweigen im Ausstellungsraum fast schon zu einer Beklemmung wird. Und vielleicht ist genau deshalb der Beweis, dass es sich um authentische Abbilder des Syrienkrieges handelt, nicht notwendig. Diese Fotos scheinen uns eher wie ein Mahnmal zu sein, welches daran erinnern m\u00f6chte, dass der Krieg eine Kraft besitzt, die der Mensch nicht begreifen kann.<\/p>\n<p>Ist es also eine reale oder konstruierte Wirklichkeit, die von den dokumentarischen Bildern erzeugt wird? Glauben wir der Filmemacherin Hito Steyerl, dann ist jede scheinbare Realit\u00e4t in solchen Fotos ein Konstrukt. \u201eDie dokumentarische Form bildet demnach nicht die Realit\u00e4t ab, sondern ihren eignen Willen zur Macht.\u201c<a href=\"#_ftn3\" name=\"_ftnref3\">[3]<\/a> Doch welche Macht geht von diesen Fotografien aus? Die Fotografien haben alle den Anspruch, ein m\u00f6glichst authentisches Abbild der Wirklichkeit ins Licht zu setzen. Dabei wird dem Fotografen die Rolle eines Zeugen zugeschrieben. Doch bei genauerer Betrachtung sind auch Pressefotografien nichts anderes als Moment-Inszenierungen. Es werden Wirklichkeitsbilder konstruiert, die auf komprimierte Weise einen komplexen Sachverhalt, in diesem Fall den Krieg in Syrien, in einer Fotografie f\u00fcr die Welt zug\u00e4nglich machen. Sie sollen ein Gef\u00fchl transportieren, welches uns die Grausamkeit des Krieges erahnen l\u00e4sst. Durch das subjektive Auge der Kamera wird ein Bild hervorgebracht, welches die scheinbare Realit\u00e4t von Millionen von Menschen auf die Bildschirme der Nachrichtensender, in die Foren der globalen Social-Media-Communities und auf die wei\u00dfen, kargen W\u00e4nde des Willy-Brandt-Hauses bringt.<\/p>\n<p>Brian O\u2019Doherty h\u00e4tte die H\u00e4ngung in White Cube Manier der 20er Jahre wahrscheinlich mit einem sterilen Krankenhausflur verglichen.<a href=\"#_ftn4\" name=\"_ftnref4\">[4]<\/a> Und angesichts der ungl\u00fccklichen Anordnung der hochwertigen Pressefotos w\u00e4re dieser Vergleich auch angemessen. Ohne jegliche Konzeptualisierung wird auf der einen Seite \u2013 wie eben beschrieben \u2013 der Krieg in allen seinen Facetten gezeigt und an der gegen\u00fcberliegenden Fensterfront h\u00e4ngen wie zum Trotz Sport- und Naturfotografien. Die schwarz-wei\u00dfen Unterwasserbilder von Anuar Patjane Floriuk zeigen eine Tauchercrew um einen riesigen Wal schwimmend. Ein imposantes Bild. Auf den Aufnahmen von Christian Ziegler zeigt sich die Natur von ihrer kuriosesten Seite. Farbenfrohe Cham\u00e4leons in Nahaufnahme. Der Anblick der traumatisierenden Kriegsabbildungen scheint diese Themen jedoch zwangsl\u00e4ufig in den Hintergrund zu dr\u00e4ngen \u2013 so, als w\u00e4ren es belanglose Angelegenheiten, die in der World Press auch noch irgendwo untergebracht werden mussten.<\/p>\n<p>Hier liegt die T\u00fccke der Ausstellungskonzeption. Anstatt die Kategorien f\u00fcr sich sprechen zu lassen, scheinen sie miteinander zu konkurrieren. Zumindest in der konkreten Ausstellungssituation im Willy-Brandt-Haus. Denn die Wanderausstellung wird in insgesamt 45 L\u00e4ndern gezeigt. Es bleibt zu hoffen, dass an den anderen Ausstellungsorten eine gelungenere Pr\u00e4sentation der Fotografien zu sehen sein wird. Eine Pr\u00e4sentationform, die allen Rubriken ihren Platz und auch Themen, wie die Rettung von Orang-Utans in den Regenw\u00e4ldern von Sumatra oder die Synchronschwimmer aus Schweden f\u00fcr sich sprechen l\u00e4sst. Denn diese Informationen treten nicht nur in der World Press Photo Ausstellung in den Hintergrund, sondern gehen auch meistens in der Nachrichtenflut des Alltags unter. Sollten wir diesen Momenten, die auch unser Leben bestimmen, dann nicht gerade bei solch einer Ausstellung ein wenig mehr Aufmerksamkeit schenken? Vor allem sollten wir sie nicht mit dem Krieg konkurrieren lassen, der unsere Sinne \u00fcberfordert und keinen Platz mehr f\u00fcr andere Themen l\u00e4sst.<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref1\" name=\"_ftn1\">[1]<\/a> Auf diesen Grenzgang machte schon Walter Benjamin in seiner medienkritischen Schrift \u201eDas Kunstwerk im Zeitalter seiner technischen Reproduzierbarkeit\u201c aufmerksam. F\u00fcr weitere Informationen siehe Walter Benjamin: Das Kunstwerk im Zeitalter seiner technischen Reproduzierbarkeit, in: Ders.: Illuminationen, S. 136-169, hier: 168f.<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref2\" name=\"_ftn2\">[2]<\/a> Hito Steyerl (2008): Die Farbe der Wahrheit. Dokumentarismen im Kunstfeld, Wien: Turia + Kant, S. 13.<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref3\" name=\"_ftn3\">[3]<\/a> Hito Steyerl (2008): Die Farbe der Wahrheit. Dokumentarismen im Kunstfeld, Wien: Turia + Kant, S. 10.<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref4\" name=\"_ftn4\">[4]<\/a> Brian O\u2019Doherty \u00fcber den White Cube: Brian O\u2019Doherty (1996): In der wei\u00dfen Zelle. Inside the White Cube\u201c Berlin: Merve.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<hr \/>\n<p>World Press Photo 2016<br \/>\n03. Juni \u2013 26. Juni 2016<\/p>\n<p>Willy-Brandt-Haus Berlin<br \/>\nWilhelmstra\u00dfe 140<br \/>\n10963 Berlin<\/p>\n<p><a href=\"http:\/\/www.worldpressphoto.org\/collection\/photo\/2016\">www.worldpressphoto.org<\/a><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Unsere Gegenwart scheint vor allem eines zu sein: gepr\u00e4gt von Krieg, Zerst\u00f6rung, Flucht, Tod und Trauer. Der weltweit gr\u00f6\u00dfte und international anerkannte Wettbewerb f\u00fcr Pressefotografie zeigt dieses unverbl\u00fcmte Abbild unserer Zeit auf sehr eindringliche und radikale Weise. Wer sich noch bis zum 26. 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Sehr viele B\u00e4rte. Die jungen, \u00fcberwiegend weiblichen KuratorInnen zeigen den \u201eBart \u2013 zwischen Natur und Rasur\u201c in einer interaktiven Ausstellung.<\/span><\/p><p style=\\\"line-height: 1;\\\"><span style=\\\"font-size: 20px;\\\">Der Raum bietet nicht besonders viel Platz, um sich auszubreiten, dennoch wei\u00df man zun\u00e4chst nicht wohin mit sich. Schon von Weitem sind Vitrinen, \u00d6lgem\u00e4lde, Skulpturen und Plastiken sowie Mit-Mach-Stationen und Audio-Ecken zu sehen. Wo soll man anfangen? Der Ausstellungsraum \u00fcberl\u00e4sst den BesucherInnen die Entscheidung und verzichtet auf ein vorgegebenes Leitsystem. Die Aufmerksamkeit richtet sich in meinem Fall zuallererst auf eine gro\u00dfe Wandtafel, die die kulturellen, politischen, religi\u00f6sen und \u00e4sthetischen Bedeutungen von B\u00e4rten und ihre Geschichte knapp zusammenfasst.<\/span><\/p><p style=\\\"line-height: 1;\\\"><span style=\\\"font-size: 20px;\\\">Weitaus umfangreicher werden auf schmalen Aufstellern, die im Raum verteilt sind, verschiedene rhetorische Fragen gestellt und m\u00f6gliche Antworten gegeben: \u201eDer Bart ist machtvoll?\u201c oder \u201eDer Bart ist wild?\u201c. Gleichzeitig werden aber auch Aussagen, wie \u201eDer Bart ist ab!\u201c, getroffen. Man scheint sich mitten in wandelnden Bedeutungen und verschiedenen Konnotationen von B\u00e4rten zu befinden. Rasierklingen aus den Jahren 2700-2200 v. Chr. werden neben Rasierapparaten aus den 1960er Jahren in einer Glasvitrine pr\u00e4sentiert; gleich daneben steht ein mit Samt \u00fcberzogener Barbierstuhl der 1920er Jahre auf einem Podest und in unmittelbarer N\u00e4he findet sich eine Videoinstallation, die einen rasierten Kaktus zeigt.<\/span><\/p><p style=\\\"line-height: 1;\\\"><span style=\\\"font-size: 20px;\\\">So viel Geschichte und Kunst auf so wenig Raum? Beim Thema Bart scheint genau dieser Umstand sehr gut zu funktionieren. Historisches verbindet sich mit K\u00fcnstlerischem und erzeugt so ein gro\u00dfes Ganzes, das es von den BesucherInnen zu entdecken gilt. So bahnt man sich also nach und nach seinen Weg an Bartpflegesets und Barttassen vorbei. Auf orangefarbenen und mit Fragen versehenen Hockern liegen B\u00fccher bereit, die die Interaktion zwischen Ausstellung und BesucherIn erm\u00f6glichen sollen. Antworten auf Fragen wie \u201eWann ist ein Bart f\u00fcr dich politisch?\u201c sucht man jedoch bei einem Blick auf die Seiten vergeblich; nur ein paar einzelne Bemerkungen lassen sich finden. Ansonsten wird das offene Buch zu dem gemacht, was es normalerweise in einer Ausstellung ist, n\u00e4mlich ein G\u00e4stebuch, in dem in diesem Fall vor allem junge Menschen ihren Besuch im Museum mit \u201eHier waren \u2026\u201c festhalten. Hier verfehlt die Interaktion ihren eigentlichen Zweck, wodurch die BesucherInnen der Auseinandersetzung mit der eigenen Meinung entgehen.<\/span><\/p><p style=\\\"line-height: 1;\\\"><span style=\\\"font-size: 20px;\\\">\u201eAlles dreht sich um den Bart\u201c liest man auf einem Kasten. Drehen ist hierbei w\u00f6rtlich gemeint, denn an d\u00fcnnen Stangen sind quadratische Platten befestigt, die zum Anfassen einladen. Auf der einen Seite Text, auf der anderen Seite Bilder. Gezeigt wird hier zum Beispiel, wie die B\u00e4rte j\u00fcdischer B\u00fcrger in aller \u00d6ffentlichkeit von nationalsozialistischen Offizieren abgeschnitten wurden, um ihnen ihre Ehre zu nehmen. Auch der religi\u00f6se Aspekt des Bartes wird in diesem Bereich der Ausstellung thematisiert, wenn es bei der Darstellung von Jesus Christus und seinem Bart darum geht, ob und wie man sich ein Bild von Gott machen kann.<\/span><\/p><p style=\\\"line-height: 1;\\\"><span style=\\\"font-size: 20px;\\\">Bis zu diesem Zeitpunkt scheint der Bart vor allem m\u00e4nnlich konnotiert zu sein. Im hinteren Teil des Raumes wird indes ein Thema angesprochen, das in unserer Gesellschaft kaum pr\u00e4sent, wenn nicht sogar verp\u00f6nt ist: Frauen mit B\u00e4rten. Ein kleiner, halboffener Raum mit rotem Vorhang und der \u00dcberschrift \u201eBearded Woman\u201c widmet sich der Geschichte von Frauen mit Bartwuchs. Die Innenw\u00e4nde sind mit verschiedensten historischen Fotos b\u00e4rtiger Frauen behangen. Eine kleine Videoinstallation zeigt ein Interview mit Mariam, einer Frau mit Bartwuchs, die einen eigenen Blog schreibt, um anderen Frauen Mut zu machen und ihnen eine Plattform zu bieten. Der kleine Ausstellungsraum ist dem Pavillon nachempfunden, mit welchem Mariam bei Festivals Menschen an ihrer Geschichte teilhaben l\u00e4sst und gleichzeitig Frauen mit B\u00e4rten eine B\u00fchne gibt. Dieser Teil des Ausstellungsraums fasziniert und konfrontiert zugleich. Hier wird Bartwuchs bei Frauen nicht als Makel dargestellt, sondern als ein recht h\u00e4ufiges Ph\u00e4nomen, welchem man mit Offenheit und Toleranz gegen\u00fcberstehen sollte.<\/span><\/p><p style=\\\"line-height: 1;\\\"><span style=\\\"font-size: 20px;\\\">In Bezug auf das Thema \u201eBart\u201c ist innerhalb der Ausstellung auch der modische und \u00e4sthetische Aspekt unumg\u00e4nglich. So werden beispielsweise Bartwettbewerbe und verschiedene Bartkategorien vorgestellt, wobei vorwiegend stereotypisierte, aber auch individuelle \u201efreestyle\u201c Bartformen auftauchen. Den Abschluss der Ausstellung bildet f\u00fcr mich die interaktive Do-it-your-Selfie-Ecke, in der man mit Hilfe einer Kamera ausprobieren kann, wie welcher Bart am eigenen Gesicht aussieht. Hat man ein Foto gemacht, kann man entscheiden, ob es neben der Kamera auf einem Flachbildschirm unter vielen anderen Selfies erscheinen soll oder nicht. Die Idee der Interaktion von BesucherIn und Ausstellung ist in diesem Punkt definitiv gelungen und passend zum Thema \u201eBart\u201c gestaltet. Nichtsdestotrotz stellt das \u201eSelfie-Machen\u201c ein eher spa\u00dfiges Unterfangen, und weniger eine kritische Auseinandersetzung mit der Kulturgeschichte des Bartes, dar. Auch die zum gr\u00f6\u00dften Teil unbeantworteten Fragen in den ausgelegten B\u00fcchern best\u00e4tigen diese Wahrnehmung. Die Ausstellung will die Meinungen und Empfindungen der BesucherInnen erfahren und gleichzeitig \u201eausstellen\u201c. B\u00e4rte liegen im Trend und erleben im Augenblick vor allem bei jungen Leuten ein gro\u00dfes Revival. Das Interesse am Thema ist dementsprechend vorhanden; so ist der Ausstellungsraum w\u00e4hrend meines Besuches voller Menschen, die sich flink hin und her bewegen, scheinbar auf der Suche nach Antworten und nicht auf dem Weg, Antworten auf offene Fragen zu geben.<\/span><\/p>\",\r\n      \"align\": \"top\",\r\n      \"row\": 3,\r\n      \"col\": 1,\r\n      \"colspan\": 18,\r\n      \"offsetx\": 0,\r\n      \"offsety\": 0,\r\n      \"spaceabove\": 0,\r\n      \"spacebelow\": 0,\r\n      \"yvel\": 1,\r\n      \"push\": 1,\r\n      \"relid\": 8,\r\n      \"frameOverflow\": \"\"\r\n    },\r\n    {\r\n      \"type\": \"text\",\r\n      \"cont\": \"<p style=\\\"line-height: 1;\\\"><span style=\\\"font-size: 15px;\\\">Bart \u2013 zwischen Natur und Rasur<br \/><\/span><span style=\\\"font-size: 15px;\\\">11.12.2015 bis 03.07.2016<br \/><\/span><span style=\\\"font-size: 15px;\\\">Neues Museum Berlin<\/span><br \/><span style=\\\"font-size: 15px;\\\">Bodestra\u00dfe 1-3<\/span><br \/><span style=\\\"font-size: 15px;\\\">10178 Berlin<\/span><\/p><p style=\\\"line-height: 1;\\\"><span style=\\\"font-size: 15px;\\\"><a href=\\\"http:\/\/www.smb.museum\/museen-und-einrichtungen\/neues-museum\/home.html\\\">www.smb.museum.de<\/a><\/span><\/p>\",\r\n      \"align\": \"top\",\r\n      \"row\": 4,\r\n      \"col\": 5,\r\n      \"colspan\": 9,\r\n      \"offsetx\": 0,\r\n      \"offsety\": 0,\r\n      \"spaceabove\": 0,\r\n      \"spacebelow\": 0,\r\n      \"yvel\": 1,\r\n      \"push\": 5,\r\n      \"relid\": 621,\r\n      \"frameOverflow\": \"\"\r\n    }\r\n  ]\r\n}","phonegrid":"","jetpack_sharing_enabled":true,"jetpack_shortlink":"https:\/\/wp.me\/p7ChHw-eL","jetpack-related-posts":[{"id":331,"url":"https:\/\/www2.hu-berlin.de\/ausstellungskritik\/worldpressphoto\/","url_meta":{"origin":915,"position":0},"title":"World Press Photo 2016, Willy-Brandt-Haus Berlin","author":"Die Redaktion","date":"3. 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