{"id":919,"date":"2016-07-03T18:50:39","date_gmt":"2016-07-03T16:50:39","guid":{"rendered":"https:\/\/www2.hu-berlin.de\/ausstellungskritik\/berlinbiennale-2-2\/"},"modified":"2025-07-17T11:26:41","modified_gmt":"2025-07-17T09:26:41","slug":"verstimmung","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www2.hu-berlin.de\/ausstellungskritik\/verstimmung\/","title":{"rendered":"Candida H\u00f6fer. Nach Berlin, Neuer Berliner Kunstverein n.b.k."},"content":{"rendered":"<div id=\"attachment_332\" style=\"width: 3226px\" class=\"wp-caption alignnone\"><img data-recalc-dims=\"1\" loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-332\" data-attachment-id=\"332\" data-permalink=\"https:\/\/www2.hu-berlin.de\/ausstellungskritik\/worldpressphoto\/weitzel_white_cube_2\/\" data-orig-file=\"https:\/\/i0.wp.com\/www2.hu-berlin.de\/ausstellungskritik\/wp-content\/uploads\/2016\/07\/weitzel_white_cube_2.jpg?fit=3216%2C2448&amp;ssl=1\" data-orig-size=\"3216,2448\" data-comments-opened=\"1\" data-image-meta=\"{&quot;aperture&quot;:&quot;2.8&quot;,&quot;credit&quot;:&quot;&quot;,&quot;camera&quot;:&quot;FinePix S8000fd&quot;,&quot;caption&quot;:&quot;&quot;,&quot;created_timestamp&quot;:&quot;1464962608&quot;,&quot;copyright&quot;:&quot;&quot;,&quot;focal_length&quot;:&quot;4.7&quot;,&quot;iso&quot;:&quot;200&quot;,&quot;shutter_speed&quot;:&quot;0.011764705882353&quot;,&quot;title&quot;:&quot;&quot;,&quot;orientation&quot;:&quot;1&quot;}\" data-image-title=\"weitzel_white_cube_2\" data-image-description=\"\" data-image-caption=\"&lt;p&gt;World Press Ausstellung 2016 im Willy-Brandt-Haus Berlin&lt;\/p&gt;\n\" data-medium-file=\"https:\/\/i0.wp.com\/www2.hu-berlin.de\/ausstellungskritik\/wp-content\/uploads\/2016\/07\/weitzel_white_cube_2.jpg?fit=150%2C114&amp;ssl=1\" data-large-file=\"https:\/\/i0.wp.com\/www2.hu-berlin.de\/ausstellungskritik\/wp-content\/uploads\/2016\/07\/weitzel_white_cube_2.jpg?fit=1024%2C779&amp;ssl=1\" class=\"size-full wp-image-332\" src=\"https:\/\/i0.wp.com\/www2.hu-berlin.de\/ausstellungskritik\/wp-content\/uploads\/2016\/07\/weitzel_white_cube_2.jpg?resize=3216%2C2448&#038;ssl=1\" alt=\"World Press Ausstellung 2016 im Willy-Brandt-Haus Berlin\" width=\"3216\" height=\"2448\" srcset=\"https:\/\/i0.wp.com\/www2.hu-berlin.de\/ausstellungskritik\/wp-content\/uploads\/2016\/07\/weitzel_white_cube_2.jpg?w=3216&amp;ssl=1 3216w, https:\/\/i0.wp.com\/www2.hu-berlin.de\/ausstellungskritik\/wp-content\/uploads\/2016\/07\/weitzel_white_cube_2.jpg?resize=300%2C228&amp;ssl=1 300w, https:\/\/i0.wp.com\/www2.hu-berlin.de\/ausstellungskritik\/wp-content\/uploads\/2016\/07\/weitzel_white_cube_2.jpg?resize=1024%2C779&amp;ssl=1 1024w, https:\/\/i0.wp.com\/www2.hu-berlin.de\/ausstellungskritik\/wp-content\/uploads\/2016\/07\/weitzel_white_cube_2.jpg?resize=973%2C741&amp;ssl=1 973w, https:\/\/i0.wp.com\/www2.hu-berlin.de\/ausstellungskritik\/wp-content\/uploads\/2016\/07\/weitzel_white_cube_2.jpg?resize=508%2C387&amp;ssl=1 508w, https:\/\/i0.wp.com\/www2.hu-berlin.de\/ausstellungskritik\/wp-content\/uploads\/2016\/07\/weitzel_white_cube_2.jpg?w=2000&amp;ssl=1 2000w, https:\/\/i0.wp.com\/www2.hu-berlin.de\/ausstellungskritik\/wp-content\/uploads\/2016\/07\/weitzel_white_cube_2.jpg?w=3000&amp;ssl=1 3000w\" sizes=\"auto, (max-width: 1000px) 100vw, 1000px\" \/><p id=\"caption-attachment-332\" class=\"wp-caption-text\">World Press Ausstellung 2016 im Willy-Brandt-Haus Berlin<\/p><\/div>\n<p>Unsere Gegenwart scheint vor allem eines zu sein: gepr\u00e4gt von Krieg, Zerst\u00f6rung, Flucht, Tod und Trauer. Der weltweit gr\u00f6\u00dfte und international anerkannte Wettbewerb f\u00fcr Pressefotografie zeigt dieses unverbl\u00fcmte Abbild unserer Zeit auf sehr eindringliche und radikale Weise. Wer sich noch bis zum 26. Juni die Gewinner des diesj\u00e4hrigen Presse Awards im Willy-Brandt-Haus in Berlin anschauen m\u00f6chte, sollte sich dar\u00fcber im Klaren sein. Das was tagt\u00e4glich \u00fcber die unterschiedlichsten Informationskan\u00e4le f\u00fcr einen kurzen Moment unsere Aufmerksamkeit erh\u00e4lt, ger\u00e4t nicht einfach in Vergessenheit, sondern zeigt sich bei der World Press Ausstellung in kuratiertem Gewand und vor allem in geballter Form.<\/p>\n<p>Die sonst stark verstreuten Bildbotschaften werden hier im zweiten Stock der SPD Parteizentrale im White Cube pr\u00e4sentiert. Auf den kargen wei\u00dfen W\u00e4nden, deren Anordnung und Aufteilung im Raum jeglichem \u00e4sthetischen und gestalterischen Empfinden entbehrt, h\u00e4ngen, in acht verschiedene Kategorien aufgeteilt, die gro\u00dfformatigen Fotografien. In beinahe allen Rubriken sind Fotos von gefl\u00fcchteten, verwundeten oder toten Menschen vertreten. Polizeigewalt in den USA, Bandenkriminalit\u00e4t in Honduras, B\u00fcrgerkrieg im Sudan, \u00fcberf\u00fcllte Fl\u00fcchtlingsboote. Und das Thema Nummer eins: Der Syrienkrieg.<\/p>\n<p>Brennende Autos, zerst\u00f6rte H\u00e4user, komplett zerbombte Stra\u00dfenz\u00fcge. Alles ist Schutt und Asche, nichts scheint mehr an seinem Ort zu sein. Zwischen den Ruinen erkennt man schemenhaft eine einsame Person am Ende der H\u00e4userflucht. Nebel &#8211; verzweifelte Gesichter versuchen mit letzter Kraft verwundete Menschen aus der Gefahrenzone zu tragen \u2013 vielleicht sind sie schon l\u00e4ngst tot. Der Blick auf eine Stadt am Abend. Qualm steigt auf. Ist es die untergehende Sonne, oder eine eingeschlagene Bombe, die den Horizont erhellt, w\u00e4hrend der sternenklare Himmel unscheinbar und teilnahmslos dar\u00fcber h\u00e4ngt? Die Bilder des Fotografen Sameer al Doumy zeigen alle einen kurzen Moment w\u00e4hrend des mittlerweile f\u00fcnfj\u00e4hrigen Krieges in Syrien, hier in Douma im S\u00fcdosten des Landes. Die Momente, die hier festgehalten wurden, stellen den Krieg und seine zerst\u00f6rerische Macht in n\u00fcchterner Klarheit aus. Manchmal wirken die Szenen fast wie arrangierte Settings des Kunstfotografen Jeff Wall, der bewusst mit der Unsicherheit des Authentizit\u00e4tsgehalts von Pressefotografien und insbesondere Kriegsfotografien spielt. Hier verschwimmen die Gattungsgrenzen von Presse-und Kunstfotografie auf eindrucksvolle Weise. So liegt den Aufnahmen des aus Douma stammenden al Doumy, eine bestimmte Botschaft zu Grunde, die auf perverse Weise den Wahnsinn und gleichzeitig die \u00c4sthetik des Krieges herausstellt.<a href=\"#_ftn1\" name=\"_ftnref1\">[1]<\/a> Weil ein Mensch mit westeurop\u00e4ischem Hintergrund sich jedoch meist keine Vorstellung dar\u00fcber machen kann, was er da vor sich sieht, stehen wir wie unbeteiligte Beobachter am anderen Ende der Welt und k\u00f6nnen lediglich eine \u201eVerschiebung vom dokumentarischen Sehen zum dokumentarischen F\u00fchlen\u201c wahrnehmen. <a href=\"#_ftn2\" name=\"_ftnref2\">[2]<\/a> Ein Gef\u00fchl der Empathie aber auch der Hilflosigkeit wird evoziert.<\/p>\n<p>Auch die Fotografien von Abd Doumany reihen sich in dieses Gef\u00fchl der Machtlosigkeit ein. Wie in der Pressefotografie \u00fcblich, stehen neben allen ausgestellten Abbildern kurze begleitende Texte mit Informationen zur Entstehung, zum Ort und Datum, die das Bild in einen konkreten Kontext einbinden und eine Art Zeugnis- oder Beweisfunktion innehaben. Doch genau genommen ben\u00f6tigen diese Motive keine Beschriftung oder Erkl\u00e4rung. Der Mann, der den leblosen, toten, blut\u00fcberstr\u00f6mten K\u00f6rper seiner Tochter auf dem Scho\u00df liegen hat und sie mit einem fragenden Blick anschaut, als ob er nicht begreift, was da vor sich geht &#8211; dieses Bild spricht f\u00fcr sich, es bedarf keines Nachweises. In ihm spricht der Wahnsinn des Krieges auf so eindringliche und ersch\u00fctternde Weise, dass das betretende Schweigen im Ausstellungsraum fast schon zu einer Beklemmung wird. Und vielleicht ist genau deshalb der Beweis, dass es sich um authentische Abbilder des Syrienkrieges handelt, nicht notwendig. Diese Fotos scheinen uns eher wie ein Mahnmal zu sein, welches daran erinnern m\u00f6chte, dass der Krieg eine Kraft besitzt, die der Mensch nicht begreifen kann.<\/p>\n<p>Ist es also eine reale oder konstruierte Wirklichkeit, die von den dokumentarischen Bildern erzeugt wird? Glauben wir der Filmemacherin Hito Steyerl, dann ist jede scheinbare Realit\u00e4t in solchen Fotos ein Konstrukt. \u201eDie dokumentarische Form bildet demnach nicht die Realit\u00e4t ab, sondern ihren eignen Willen zur Macht.\u201c<a href=\"#_ftn3\" name=\"_ftnref3\">[3]<\/a> Doch welche Macht geht von diesen Fotografien aus? Die Fotografien haben alle den Anspruch, ein m\u00f6glichst authentisches Abbild der Wirklichkeit ins Licht zu setzen. Dabei wird dem Fotografen die Rolle eines Zeugen zugeschrieben. Doch bei genauerer Betrachtung sind auch Pressefotografien nichts anderes als Moment-Inszenierungen. Es werden Wirklichkeitsbilder konstruiert, die auf komprimierte Weise einen komplexen Sachverhalt, in diesem Fall den Krieg in Syrien, in einer Fotografie f\u00fcr die Welt zug\u00e4nglich machen. Sie sollen ein Gef\u00fchl transportieren, welches uns die Grausamkeit des Krieges erahnen l\u00e4sst. Durch das subjektive Auge der Kamera wird ein Bild hervorgebracht, welches die scheinbare Realit\u00e4t von Millionen von Menschen auf die Bildschirme der Nachrichtensender, in die Foren der globalen Social-Media-Communities und auf die wei\u00dfen, kargen W\u00e4nde des Willy-Brandt-Hauses bringt.<\/p>\n<p>Brian O\u2019Doherty h\u00e4tte die H\u00e4ngung in White Cube Manier der 20er Jahre wahrscheinlich mit einem sterilen Krankenhausflur verglichen.<a href=\"#_ftn4\" name=\"_ftnref4\">[4]<\/a> Und angesichts der ungl\u00fccklichen Anordnung der hochwertigen Pressefotos w\u00e4re dieser Vergleich auch angemessen. Ohne jegliche Konzeptualisierung wird auf der einen Seite \u2013 wie eben beschrieben \u2013 der Krieg in allen seinen Facetten gezeigt und an der gegen\u00fcberliegenden Fensterfront h\u00e4ngen wie zum Trotz Sport- und Naturfotografien. Die schwarz-wei\u00dfen Unterwasserbilder von Anuar Patjane Floriuk zeigen eine Tauchercrew um einen riesigen Wal schwimmend. Ein imposantes Bild. Auf den Aufnahmen von Christian Ziegler zeigt sich die Natur von ihrer kuriosesten Seite. Farbenfrohe Cham\u00e4leons in Nahaufnahme. Der Anblick der traumatisierenden Kriegsabbildungen scheint diese Themen jedoch zwangsl\u00e4ufig in den Hintergrund zu dr\u00e4ngen \u2013 so, als w\u00e4ren es belanglose Angelegenheiten, die in der World Press auch noch irgendwo untergebracht werden mussten.<\/p>\n<p>Hier liegt die T\u00fccke der Ausstellungskonzeption. Anstatt die Kategorien f\u00fcr sich sprechen zu lassen, scheinen sie miteinander zu konkurrieren. Zumindest in der konkreten Ausstellungssituation im Willy-Brandt-Haus. Denn die Wanderausstellung wird in insgesamt 45 L\u00e4ndern gezeigt. Es bleibt zu hoffen, dass an den anderen Ausstellungsorten eine gelungenere Pr\u00e4sentation der Fotografien zu sehen sein wird. Eine Pr\u00e4sentationform, die allen Rubriken ihren Platz und auch Themen, wie die Rettung von Orang-Utans in den Regenw\u00e4ldern von Sumatra oder die Synchronschwimmer aus Schweden f\u00fcr sich sprechen l\u00e4sst. Denn diese Informationen treten nicht nur in der World Press Photo Ausstellung in den Hintergrund, sondern gehen auch meistens in der Nachrichtenflut des Alltags unter. Sollten wir diesen Momenten, die auch unser Leben bestimmen, dann nicht gerade bei solch einer Ausstellung ein wenig mehr Aufmerksamkeit schenken? Vor allem sollten wir sie nicht mit dem Krieg konkurrieren lassen, der unsere Sinne \u00fcberfordert und keinen Platz mehr f\u00fcr andere Themen l\u00e4sst.<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref1\" name=\"_ftn1\">[1]<\/a> Auf diesen Grenzgang machte schon Walter Benjamin in seiner medienkritischen Schrift \u201eDas Kunstwerk im Zeitalter seiner technischen Reproduzierbarkeit\u201c aufmerksam. F\u00fcr weitere Informationen siehe Walter Benjamin: Das Kunstwerk im Zeitalter seiner technischen Reproduzierbarkeit, in: Ders.: Illuminationen, S. 136-169, hier: 168f.<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref2\" name=\"_ftn2\">[2]<\/a> Hito Steyerl (2008): Die Farbe der Wahrheit. Dokumentarismen im Kunstfeld, Wien: Turia + Kant, S. 13.<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref3\" name=\"_ftn3\">[3]<\/a> Hito Steyerl (2008): Die Farbe der Wahrheit. Dokumentarismen im Kunstfeld, Wien: Turia + Kant, S. 10.<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref4\" name=\"_ftn4\">[4]<\/a> Brian O\u2019Doherty \u00fcber den White Cube: Brian O\u2019Doherty (1996): In der wei\u00dfen Zelle. Inside the White Cube\u201c Berlin: Merve.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<hr \/>\n<p>World Press Photo 2016<br \/>\n03. Juni \u2013 26. Juni 2016<\/p>\n<p>Willy-Brandt-Haus Berlin<br \/>\nWilhelmstra\u00dfe 140<br \/>\n10963 Berlin<\/p>\n<p><a href=\"http:\/\/www.worldpressphoto.org\/collection\/photo\/2016\">www.worldpressphoto.org<\/a><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Unsere Gegenwart scheint vor allem eines zu sein: gepr\u00e4gt von Krieg, Zerst\u00f6rung, Flucht, Tod und Trauer. Der weltweit gr\u00f6\u00dfte und international anerkannte Wettbewerb f\u00fcr Pressefotografie zeigt dieses unverbl\u00fcmte Abbild unserer Zeit auf sehr eindringliche und radikale Weise. Wer sich noch bis zum 26. 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Nach Berlin<\/em> im Neuen Berliner Kunstverein n.b.k.<\/span><\/p>\",\r\n      \"align\": \"top\",\r\n      \"row\": 1,\r\n      \"col\": 1,\r\n      \"colspan\": 18,\r\n      \"offsetx\": 0,\r\n      \"offsety\": 0,\r\n      \"spaceabove\": 0,\r\n      \"spacebelow\": 0,\r\n      \"yvel\": 1,\r\n      \"push\": 1,\r\n      \"relid\": 7,\r\n      \"frameOverflow\": \"\"\r\n    },\r\n    {\r\n      \"type\": \"text\",\r\n      \"cont\": \"<p style=\\\"text-align: left;\\\"><span style=\\\"font-size: 20px;\\\">Jannik Sch\u00e4fer<\/span><\/p>\",\r\n      \"align\": \"top\",\r\n      \"row\": 2,\r\n      \"col\": 3,\r\n      \"colspan\": 13,\r\n      \"offsetx\": 0,\r\n      \"offsety\": 0,\r\n      \"spaceabove\": 0,\r\n      \"spacebelow\": 0,\r\n      \"yvel\": 1,\r\n      \"push\": 3,\r\n      \"relid\": 6,\r\n      \"frameOverflow\": \"\"\r\n    },\r\n    {\r\n      \"type\": \"text\",\r\n      \"cont\": \"<p style=\\\"line-height: 1;\\\"><span style=\\\"font-size: 20px;\\\">Candida H\u00f6fer, Jahrgang 1944, ist die Grande Dame der Deutschen Gro\u00dfformatfotografie. Seit Jahrzehnten schwebt sie durch die Kunstwelt, ihren Bildern eignet eine viel diskutierte Dialektik zwischen fotografischem Blick und Wahrnehmungsblick, gerichtet auf das r\u00e4umliche Milieu des Menschen. Der Einladung des Neuen Berliner Kunstvereins (n.b.k.) folgend hat sich H\u00f6fer nun in aus ihren Bildern weniger bekannte Gefilde hervorgewagt und pr\u00e4sentiert das Resultat \u00a0vom 03. Dezember 2016 bis 29. Januar 2017 in einer Ausstellung mit dem Titel\u00a0<em>Nach \u00a0Berlin<\/em>.<\/span><\/p><p style=\\\"line-height: 1;\\\"><span style=\\\"font-size: 20px;\\\">Inspiration bezieht sie dabei, dem Ausstellungstext zufolge, aus Ideen des 1931 erschienen Filmklassikers \u201cEmil und die Detektive\u201d (basierend auf K\u00e4stners gleichnamigem Roman), der sich, unter anderem, durch seine bis dato wenig bekannte dokumentarfilmische Darstellung der Hauptstadtszenerie und seine dramatischen Wendungen aus ungewohnter Perspektive auszeichnet, n\u00e4mlich der Perspektive von Kindern.<sup>1\u00a0<\/sup>Die Erz\u00e4hltechnik unerwarteter, gar dramatischer Wendungen aufgreifend wendet sich Kurator Marius Babias im Ausstellungstext an das Publikum, um deren \u201eentt\u00e4uschte Erwartungen\u201c vorwegzunehmen, die sich, so vermutet er, wohl auf die ber\u00fchmten H\u00f6fer\u2019schen Bibliotheksaufnahmen gefreut h\u00e4tten.<sup>2<\/sup>\u00a0Jene um ihr Gl\u00fcck betrogenen Zuschauer erwartet in der Ausstellung eine ungeahnte Welt \u2018kleinerer\u2019 Aufnahmen H\u00f6fers: Stadtfragmente, verlebte Orte, Innenraum-Gestaltungen und Spuren im Nebel sind in Vitrinen, an W\u00e4nden und in drei Projektionen aufgereiht.<\/span><\/p><p style=\\\"line-height: 1;\\\"><span style=\\\"font-size: 20px;\\\">Da verwundert es ein wenig, dass die Ausstellung trotz dieser Vorwarnung mit vier gro\u00dfen Werken aufwartet, die in ihrer monumentalen, architektonischen R\u00e4umlichkeit das klassische Werk H\u00f6fers zu verk\u00f6rpern scheinen. Menschenleere Orte voll impliziter seelischer Pr\u00e4senz, die den Betrachter in ihrer Spannung zwischen Materie und Milieu verweilen lassen. Doch wenn gerade diese im Stil bekannteren Werke in\u00a0<em>Nach Berlin\u00a0<\/em>nicht im Vordergrund stehen sollen, weshalb flankieren sie derart prominent die Ausstellung? L\u00e4uft Kurator Babias mit dieser Diskrepanz des Gezeigten auf kommunikativer und kuratorischer Ebene nicht Gefahr, die neuen Arbeiten H\u00f6fers in den Schatten ihrer gro\u00dfen Geschwister zu stellen?<\/span><\/p><p style=\\\"line-height: 1;\\\"><span style=\\\"font-size: 20px;\\\">An der R\u00fcckwand des ersten von drei miteinander verbundenen R\u00e4umen, h\u00e4ngen sieben Detailfotografien der Ma\u00dfe 80x65cm. Sie tragen Namen wie Cord, Rain oder Lines, sind konkrete Dinge, doch im Bild mehr abstrakte, atmosph\u00e4rische Fragmente, die fast nichts darzustellen scheinen und doch auf seltsam bekannte Weise gefangen halten. Ein fernes Haus allein auf einer Wiese, versteckt im Regenschleier; ein Stofftuch, ganz nah, hier und da zerschlissen, an seinen Bruchstellen hell ausgef\u00fcllt mit Str\u00e4ngen glei\u00dfenden Lichts; ein kitschig bestickter Hotelvorhang, eingezogen, links vor rotem Teppich und toter, gelber Tapete. Die R\u00fcckwand der Ausstellung eine Sammlung stiller, erst im Detail verliebter Blicke.<\/span><\/p><p style=\\\"line-height: 1;\\\"><span style=\\\"font-size: 20px;\\\">Den Raum mittig zerteilend und geradewegs zulaufend auf die R\u00fcckwand eine gro\u00dfe Vitrine best\u00fcckt mit 19 kleinen Aufnahmen unterschiedlichen Formats. Viel Schwarz\u00a0 und\u00a0 Wei\u00df, Wind, Licht und Schatten. Ein verlassener Asphaltparkplatz, umschlungen von\u00a0 wilden Palmen; ein schwarzer Innenraum, zersetzt durch hell erleuchtete T\u00fcren, Fenster, \u00d6ffnungen; eine wei\u00dfe, von vielen an ihr vorbei ziehenden Schultern stark verkratzte Wand.<\/span><\/p><p style=\\\"line-height: 1;\\\"><span style=\\\"font-size: 20px;\\\">Dazu, ein Dutzend Schritte nach rechts, in der zweiten von drei Parzellen, zwei Projektionen, eine gro\u00df, eine klein, senkrecht platziert zum Blickpunkt, der Rest des Raumes nackt, wie auch der gesamte Ausstellungsbereich, mit wei\u00dfen W\u00e4nden \u00fcber betongrauem Grund. Die beiden Projektionen, \u201cFotografische Aufnahmen Candida H\u00f6fers in \u00dcberblendungen\u201d,<sup>3<\/sup>\u00a0wieder: Kleinstes, lang betrachtet, vielleicht solches was dem fremden Blick zun\u00e4chst verborgen bleibt, anders als dem Schulkind, welches, vertr\u00e4umt, von Tag zu Tag dem selben Wege folgend, immer wieder darauf st\u00f6\u00dft: Gr\u00fcn, sich aus Bordsteinbeton zw\u00e4ngend; Fliesen, eingeengt im Kampf mit anderen Stra\u00dfenfasern, die sich ebenso unerm\u00fcdlich ihren Weg zu bahnen versuchen; Tropfen auf einer Scheibe, ein schemenhaft vorbeihuschendes Gef\u00e4hrt.<\/span><\/p><p style=\\\"line-height: 1;\\\"><span style=\\\"font-size: 20px;\\\">Wie Kommentare, die sich aus den Schritten des Betrachters ergeben, und sich auch in den dritten Raum des n.b.k. verlaufen, der sich mit seinen beiden zwei Meter gro\u00dfen Werken, R\u00fccken an R\u00fccken reibt mit den beiden Kolossen\u00a0 im Hauptraum, die gleichfalls, einander gegen\u00fcber h\u00e4ngend, den Raum bestimmen.\u00a0 Hier h\u00e4ngen\u00a0<em>Neuer Stahlhof D\u00fcsseldorf IV &amp; V<\/em>. Einblicke einer anderen Welt, in der Treppenh\u00e4user, aus der Vogelperspektive und nach grafischer Bearbeitung, wie das Frauengeschlecht geformt stehen. Ihr Schlohwei\u00df durchbrochen von marmornen Treppenstufen und Sicherheitstreppenstufen, die ihren Benutzern auch in rauen\u00a0 Zeiten festen Halt bieten sollen.<\/span><\/p><p style=\\\"line-height: 1;\\\"><span style=\\\"font-size: 20px;\\\">Zwischen den Teilabschnitten der Ausstellung lebt ein drittes, r\u00e4tselhaftes Element: Eine Projektion von 1979 mit dem Titel\u00a0<em>T\u00fcrken in Deutschland<\/em>. Ein 8 Minuten Loop mit 80 Bildern. Scheinbar zusammenhangslos fotografierte Gruppen t\u00fcrkischer M\u00e4nner und Frauen, aufgenommen auf deutschen Stra\u00dfen Ende der 1970er Jahre. An Stra\u00dfenecken, Esstischen, vor Gesch\u00e4ften. Fesche Schlaghosen, bunte Farben, frische Gesichter in biederen, deutschen Stra\u00dfen, die kess drein blicken, oder einfach ihrer Wege gehen. Der Ausstellungstext sagt: \u201cEine Reihe von Fotografien aus der bekannten Seite\u00a0<em>T\u00fcrken in Deutschland\u00a0<\/em>von 1970, die Alltagsszenen aus dem Leben t\u00fcrkischer \u2018Gastarbeiter\u2019 in den 1970er Jahren u.a. in K\u00f6ln, Hamburg und Berlin versammelt.\u201d. Mehr wird nicht\u00a0 preisgegeben, was erstaunt, als sich herausstellt, dass dies Candida H\u00f6fers letzte \u00f6ffentliche Arbeit war, in der sie Menschen statt urbane R\u00e4ume zeigte, lange noch bevor sie internationale Bekanntheit erlangt hatte.<\/span><\/p><p style=\\\"line-height: 1;\\\"><span style=\\\"font-size: 20px;\\\">Was haben diese alten Snapshots von \u201cGastarbeitern\u201d in der Ausstellung zu suchen? Ist es, wie ein Beobachter anmerkt, das Vergn\u00fcgen an der Serie? Das scheint zu wenig, angesichts der Raffinesse H\u00f6fers, doch die l\u00e4sst sich nicht in die Karten blicken. Auf Nachfrage spricht Kurator Babias kryptisch von den aktuellen Gegebenheiten, die sich aufdr\u00e4ngen.<\/span><\/p><p style=\\\"line-height: 1;\\\"><span style=\\\"font-size: 20px;\\\">Wo die Erkl\u00e4rung sich entzieht, macht sich eine Verstimmtheit bemerkbar. Die Projektion ist r\u00e4umlich etwas versetzt in die Hauptwand der Ausstellung hinein und leicht versteckt hinter einer S\u00e4ule platziert. Rechts neben den sieben Detailfotografien und etwa einen Meter tiefer in den Bauch des Geb\u00e4udes eingelassen, betont entfernter vom Betrachter, haben die\u00a0<em>T\u00fcrken\u00a0<\/em>ihren Raum. H\u00f6fer schafft ihnen Fl\u00e4che zum atmen, ganze neun St\u00fchle stehen aufgereiht davor. Hier wird gesessen und zugeschaut, ein Kino f\u00fcr die Betrachtung des Fremden. Im Nebenraum, wo die \u00dcberblendungen der Stadtfragmente laufen, steht man mitten im Raum, ganz ungebunden. Hier aber zieht etwas Unerwartetes in den Raum ein, verfremdet seine vermeintliche Form durch neue Anwesenheit, erzeugt Spannung. Ein neues Bild lugt hervor aus dem Nebel der Gro\u00dfstadtfragmente<em>.<\/em>\u00a0H\u00f6fer greift f\u00fcr\u00a0<em>Nach Berlin<\/em>\u00a0zur\u00fcck in ihr eigenes Archiv, ihre eigene, jugendlich-faszinierte Fremderfahrung und Begeisterung. Gro\u00dfe, kleine, sichtbare, unsichtbare, fremde, unfremde Eindr\u00fccke pochen darauf, den Blick zu an diesem Ort der versteckten Stra\u00dfenz\u00fcgen noch weiter zu heben. Auf,\u00a0<em>Nach Berlin.<\/em>\u00a0Eine dramatische Wendung. Ganz, wie in\u00a0<em>Emil und die Detektive<\/em>.<\/span><\/p><p style=\\\"line-height: 1;\\\"><span style=\\\"font-size: 20px;\\\">1 Babias,\u00a0 Marius:\u00a0 <em>Candida H\u00f6fer \u2013 Nach Berlin. Ausstellungstext.\u00a0<\/em>Neuer\u00a0 Berliner\u00a0 Kunstverein.\u00a0 Berlin,\u00a0\u00a0 2016.<\/span><\/p><p style=\\\"line-height: 1;\\\"><span style=\\\"font-size: 20px;\\\">2 Vgl. Ebd.<\/span><\/p><p style=\\\"line-height: 1;\\\"><span style=\\\"font-size: 20px;\\\">3 Ebd.<\/span><\/p>\",\r\n      \"align\": \"top\",\r\n      \"row\": 3,\r\n      \"col\": 1,\r\n      \"colspan\": 18,\r\n      \"offsetx\": 0,\r\n      \"offsety\": 0,\r\n      \"spaceabove\": 0,\r\n      \"spacebelow\": 0,\r\n      \"yvel\": 1,\r\n      \"push\": 1,\r\n      \"relid\": 8,\r\n      \"frameOverflow\": \"\"\r\n    },\r\n    {\r\n      \"type\": \"text\",\r\n      \"cont\": \"<h1 style=\\\"line-height: 1;\\\"><span style=\\\"font-size: 15px;\\\">Candida H\u00f6fer <\/span><span style=\\\"font-size: 15px;\\\">\u2013 <\/span><span style=\\\"font-size: 15px;\\\">Nach Berlin<br \/><\/span><span style=\\\"font-size: 15px;\\\">3. Dezember 2016 \u2013 29. Januar 2017<br \/><\/span><span style=\\\"font-size: 15px;\\\">Neuer Berliner Kunstverein<br \/>Chausseestrasse 128\/129<br \/>Berlin\u00a0<br \/><a rel=\\\"noopener\\\" href=\\\"http:\/\/nbk.org\/\\\" target=\\\"_blank\\\">http:\/\/nbk.org<\/a><\/span><\/h1>\",\r\n      \"align\": \"top\",\r\n      \"row\": 4,\r\n      \"col\": 5,\r\n      \"colspan\": 9,\r\n      \"offsetx\": 0,\r\n      \"offsety\": 0,\r\n      \"spaceabove\": 0,\r\n      \"spacebelow\": 0,\r\n      \"yvel\": 1,\r\n      \"push\": 5,\r\n      \"relid\": 621,\r\n      \"frameOverflow\": \"\"\r\n    }\r\n  ]\r\n}","phonegrid":"","jetpack_sharing_enabled":true,"jetpack_shortlink":"https:\/\/wp.me\/p7ChHw-eP","jetpack-related-posts":[{"id":331,"url":"https:\/\/www2.hu-berlin.de\/ausstellungskritik\/worldpressphoto\/","url_meta":{"origin":919,"position":0},"title":"World Press Photo 2016, Willy-Brandt-Haus Berlin","author":"Die Redaktion","date":"3. 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