{"id":928,"date":"2016-06-08T19:26:16","date_gmt":"2016-06-08T17:26:16","guid":{"rendered":"https:\/\/www2.hu-berlin.de\/ausstellungskritik\/zettelwirtschaft-2\/"},"modified":"2025-07-17T11:26:40","modified_gmt":"2025-07-17T09:26:40","slug":"kleberueckstaende","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www2.hu-berlin.de\/ausstellungskritik\/kleberueckstaende\/","title":{"rendered":"Angezettelt, Deutsches Historisches Museum"},"content":{"rendered":"<div id=\"attachment_332\" style=\"width: 3226px\" class=\"wp-caption alignnone\"><img data-recalc-dims=\"1\" loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-332\" data-attachment-id=\"332\" data-permalink=\"https:\/\/www2.hu-berlin.de\/ausstellungskritik\/worldpressphoto\/weitzel_white_cube_2\/\" data-orig-file=\"https:\/\/i0.wp.com\/www2.hu-berlin.de\/ausstellungskritik\/wp-content\/uploads\/2016\/07\/weitzel_white_cube_2.jpg?fit=3216%2C2448&amp;ssl=1\" data-orig-size=\"3216,2448\" data-comments-opened=\"1\" data-image-meta=\"{&quot;aperture&quot;:&quot;2.8&quot;,&quot;credit&quot;:&quot;&quot;,&quot;camera&quot;:&quot;FinePix S8000fd&quot;,&quot;caption&quot;:&quot;&quot;,&quot;created_timestamp&quot;:&quot;1464962608&quot;,&quot;copyright&quot;:&quot;&quot;,&quot;focal_length&quot;:&quot;4.7&quot;,&quot;iso&quot;:&quot;200&quot;,&quot;shutter_speed&quot;:&quot;0.011764705882353&quot;,&quot;title&quot;:&quot;&quot;,&quot;orientation&quot;:&quot;1&quot;}\" data-image-title=\"weitzel_white_cube_2\" data-image-description=\"\" data-image-caption=\"&lt;p&gt;World Press Ausstellung 2016 im Willy-Brandt-Haus Berlin&lt;\/p&gt;\n\" data-medium-file=\"https:\/\/i0.wp.com\/www2.hu-berlin.de\/ausstellungskritik\/wp-content\/uploads\/2016\/07\/weitzel_white_cube_2.jpg?fit=150%2C114&amp;ssl=1\" data-large-file=\"https:\/\/i0.wp.com\/www2.hu-berlin.de\/ausstellungskritik\/wp-content\/uploads\/2016\/07\/weitzel_white_cube_2.jpg?fit=1024%2C779&amp;ssl=1\" class=\"size-full wp-image-332\" src=\"https:\/\/i0.wp.com\/www2.hu-berlin.de\/ausstellungskritik\/wp-content\/uploads\/2016\/07\/weitzel_white_cube_2.jpg?resize=3216%2C2448&#038;ssl=1\" alt=\"World Press Ausstellung 2016 im Willy-Brandt-Haus Berlin\" width=\"3216\" height=\"2448\" srcset=\"https:\/\/i0.wp.com\/www2.hu-berlin.de\/ausstellungskritik\/wp-content\/uploads\/2016\/07\/weitzel_white_cube_2.jpg?w=3216&amp;ssl=1 3216w, https:\/\/i0.wp.com\/www2.hu-berlin.de\/ausstellungskritik\/wp-content\/uploads\/2016\/07\/weitzel_white_cube_2.jpg?resize=300%2C228&amp;ssl=1 300w, https:\/\/i0.wp.com\/www2.hu-berlin.de\/ausstellungskritik\/wp-content\/uploads\/2016\/07\/weitzel_white_cube_2.jpg?resize=1024%2C779&amp;ssl=1 1024w, https:\/\/i0.wp.com\/www2.hu-berlin.de\/ausstellungskritik\/wp-content\/uploads\/2016\/07\/weitzel_white_cube_2.jpg?resize=973%2C741&amp;ssl=1 973w, https:\/\/i0.wp.com\/www2.hu-berlin.de\/ausstellungskritik\/wp-content\/uploads\/2016\/07\/weitzel_white_cube_2.jpg?resize=508%2C387&amp;ssl=1 508w, https:\/\/i0.wp.com\/www2.hu-berlin.de\/ausstellungskritik\/wp-content\/uploads\/2016\/07\/weitzel_white_cube_2.jpg?w=2000&amp;ssl=1 2000w, https:\/\/i0.wp.com\/www2.hu-berlin.de\/ausstellungskritik\/wp-content\/uploads\/2016\/07\/weitzel_white_cube_2.jpg?w=3000&amp;ssl=1 3000w\" sizes=\"auto, (max-width: 1000px) 100vw, 1000px\" \/><p id=\"caption-attachment-332\" class=\"wp-caption-text\">World Press Ausstellung 2016 im Willy-Brandt-Haus Berlin<\/p><\/div>\n<p>Unsere Gegenwart scheint vor allem eines zu sein: gepr\u00e4gt von Krieg, Zerst\u00f6rung, Flucht, Tod und Trauer. Der weltweit gr\u00f6\u00dfte und international anerkannte Wettbewerb f\u00fcr Pressefotografie zeigt dieses unverbl\u00fcmte Abbild unserer Zeit auf sehr eindringliche und radikale Weise. Wer sich noch bis zum 26. Juni die Gewinner des diesj\u00e4hrigen Presse Awards im Willy-Brandt-Haus in Berlin anschauen m\u00f6chte, sollte sich dar\u00fcber im Klaren sein. Das was tagt\u00e4glich \u00fcber die unterschiedlichsten Informationskan\u00e4le f\u00fcr einen kurzen Moment unsere Aufmerksamkeit erh\u00e4lt, ger\u00e4t nicht einfach in Vergessenheit, sondern zeigt sich bei der World Press Ausstellung in kuratiertem Gewand und vor allem in geballter Form.<\/p>\n<p>Die sonst stark verstreuten Bildbotschaften werden hier im zweiten Stock der SPD Parteizentrale im White Cube pr\u00e4sentiert. Auf den kargen wei\u00dfen W\u00e4nden, deren Anordnung und Aufteilung im Raum jeglichem \u00e4sthetischen und gestalterischen Empfinden entbehrt, h\u00e4ngen, in acht verschiedene Kategorien aufgeteilt, die gro\u00dfformatigen Fotografien. In beinahe allen Rubriken sind Fotos von gefl\u00fcchteten, verwundeten oder toten Menschen vertreten. Polizeigewalt in den USA, Bandenkriminalit\u00e4t in Honduras, B\u00fcrgerkrieg im Sudan, \u00fcberf\u00fcllte Fl\u00fcchtlingsboote. Und das Thema Nummer eins: Der Syrienkrieg.<\/p>\n<p>Brennende Autos, zerst\u00f6rte H\u00e4user, komplett zerbombte Stra\u00dfenz\u00fcge. Alles ist Schutt und Asche, nichts scheint mehr an seinem Ort zu sein. Zwischen den Ruinen erkennt man schemenhaft eine einsame Person am Ende der H\u00e4userflucht. Nebel &#8211; verzweifelte Gesichter versuchen mit letzter Kraft verwundete Menschen aus der Gefahrenzone zu tragen \u2013 vielleicht sind sie schon l\u00e4ngst tot. Der Blick auf eine Stadt am Abend. Qualm steigt auf. Ist es die untergehende Sonne, oder eine eingeschlagene Bombe, die den Horizont erhellt, w\u00e4hrend der sternenklare Himmel unscheinbar und teilnahmslos dar\u00fcber h\u00e4ngt? Die Bilder des Fotografen Sameer al Doumy zeigen alle einen kurzen Moment w\u00e4hrend des mittlerweile f\u00fcnfj\u00e4hrigen Krieges in Syrien, hier in Douma im S\u00fcdosten des Landes. Die Momente, die hier festgehalten wurden, stellen den Krieg und seine zerst\u00f6rerische Macht in n\u00fcchterner Klarheit aus. Manchmal wirken die Szenen fast wie arrangierte Settings des Kunstfotografen Jeff Wall, der bewusst mit der Unsicherheit des Authentizit\u00e4tsgehalts von Pressefotografien und insbesondere Kriegsfotografien spielt. Hier verschwimmen die Gattungsgrenzen von Presse-und Kunstfotografie auf eindrucksvolle Weise. So liegt den Aufnahmen des aus Douma stammenden al Doumy, eine bestimmte Botschaft zu Grunde, die auf perverse Weise den Wahnsinn und gleichzeitig die \u00c4sthetik des Krieges herausstellt.<a href=\"#_ftn1\" name=\"_ftnref1\">[1]<\/a> Weil ein Mensch mit westeurop\u00e4ischem Hintergrund sich jedoch meist keine Vorstellung dar\u00fcber machen kann, was er da vor sich sieht, stehen wir wie unbeteiligte Beobachter am anderen Ende der Welt und k\u00f6nnen lediglich eine \u201eVerschiebung vom dokumentarischen Sehen zum dokumentarischen F\u00fchlen\u201c wahrnehmen. <a href=\"#_ftn2\" name=\"_ftnref2\">[2]<\/a> Ein Gef\u00fchl der Empathie aber auch der Hilflosigkeit wird evoziert.<\/p>\n<p>Auch die Fotografien von Abd Doumany reihen sich in dieses Gef\u00fchl der Machtlosigkeit ein. Wie in der Pressefotografie \u00fcblich, stehen neben allen ausgestellten Abbildern kurze begleitende Texte mit Informationen zur Entstehung, zum Ort und Datum, die das Bild in einen konkreten Kontext einbinden und eine Art Zeugnis- oder Beweisfunktion innehaben. Doch genau genommen ben\u00f6tigen diese Motive keine Beschriftung oder Erkl\u00e4rung. Der Mann, der den leblosen, toten, blut\u00fcberstr\u00f6mten K\u00f6rper seiner Tochter auf dem Scho\u00df liegen hat und sie mit einem fragenden Blick anschaut, als ob er nicht begreift, was da vor sich geht &#8211; dieses Bild spricht f\u00fcr sich, es bedarf keines Nachweises. In ihm spricht der Wahnsinn des Krieges auf so eindringliche und ersch\u00fctternde Weise, dass das betretende Schweigen im Ausstellungsraum fast schon zu einer Beklemmung wird. Und vielleicht ist genau deshalb der Beweis, dass es sich um authentische Abbilder des Syrienkrieges handelt, nicht notwendig. Diese Fotos scheinen uns eher wie ein Mahnmal zu sein, welches daran erinnern m\u00f6chte, dass der Krieg eine Kraft besitzt, die der Mensch nicht begreifen kann.<\/p>\n<p>Ist es also eine reale oder konstruierte Wirklichkeit, die von den dokumentarischen Bildern erzeugt wird? Glauben wir der Filmemacherin Hito Steyerl, dann ist jede scheinbare Realit\u00e4t in solchen Fotos ein Konstrukt. \u201eDie dokumentarische Form bildet demnach nicht die Realit\u00e4t ab, sondern ihren eignen Willen zur Macht.\u201c<a href=\"#_ftn3\" name=\"_ftnref3\">[3]<\/a> Doch welche Macht geht von diesen Fotografien aus? Die Fotografien haben alle den Anspruch, ein m\u00f6glichst authentisches Abbild der Wirklichkeit ins Licht zu setzen. Dabei wird dem Fotografen die Rolle eines Zeugen zugeschrieben. Doch bei genauerer Betrachtung sind auch Pressefotografien nichts anderes als Moment-Inszenierungen. Es werden Wirklichkeitsbilder konstruiert, die auf komprimierte Weise einen komplexen Sachverhalt, in diesem Fall den Krieg in Syrien, in einer Fotografie f\u00fcr die Welt zug\u00e4nglich machen. Sie sollen ein Gef\u00fchl transportieren, welches uns die Grausamkeit des Krieges erahnen l\u00e4sst. Durch das subjektive Auge der Kamera wird ein Bild hervorgebracht, welches die scheinbare Realit\u00e4t von Millionen von Menschen auf die Bildschirme der Nachrichtensender, in die Foren der globalen Social-Media-Communities und auf die wei\u00dfen, kargen W\u00e4nde des Willy-Brandt-Hauses bringt.<\/p>\n<p>Brian O\u2019Doherty h\u00e4tte die H\u00e4ngung in White Cube Manier der 20er Jahre wahrscheinlich mit einem sterilen Krankenhausflur verglichen.<a href=\"#_ftn4\" name=\"_ftnref4\">[4]<\/a> Und angesichts der ungl\u00fccklichen Anordnung der hochwertigen Pressefotos w\u00e4re dieser Vergleich auch angemessen. Ohne jegliche Konzeptualisierung wird auf der einen Seite \u2013 wie eben beschrieben \u2013 der Krieg in allen seinen Facetten gezeigt und an der gegen\u00fcberliegenden Fensterfront h\u00e4ngen wie zum Trotz Sport- und Naturfotografien. Die schwarz-wei\u00dfen Unterwasserbilder von Anuar Patjane Floriuk zeigen eine Tauchercrew um einen riesigen Wal schwimmend. Ein imposantes Bild. Auf den Aufnahmen von Christian Ziegler zeigt sich die Natur von ihrer kuriosesten Seite. Farbenfrohe Cham\u00e4leons in Nahaufnahme. Der Anblick der traumatisierenden Kriegsabbildungen scheint diese Themen jedoch zwangsl\u00e4ufig in den Hintergrund zu dr\u00e4ngen \u2013 so, als w\u00e4ren es belanglose Angelegenheiten, die in der World Press auch noch irgendwo untergebracht werden mussten.<\/p>\n<p>Hier liegt die T\u00fccke der Ausstellungskonzeption. Anstatt die Kategorien f\u00fcr sich sprechen zu lassen, scheinen sie miteinander zu konkurrieren. Zumindest in der konkreten Ausstellungssituation im Willy-Brandt-Haus. Denn die Wanderausstellung wird in insgesamt 45 L\u00e4ndern gezeigt. Es bleibt zu hoffen, dass an den anderen Ausstellungsorten eine gelungenere Pr\u00e4sentation der Fotografien zu sehen sein wird. Eine Pr\u00e4sentationform, die allen Rubriken ihren Platz und auch Themen, wie die Rettung von Orang-Utans in den Regenw\u00e4ldern von Sumatra oder die Synchronschwimmer aus Schweden f\u00fcr sich sprechen l\u00e4sst. Denn diese Informationen treten nicht nur in der World Press Photo Ausstellung in den Hintergrund, sondern gehen auch meistens in der Nachrichtenflut des Alltags unter. Sollten wir diesen Momenten, die auch unser Leben bestimmen, dann nicht gerade bei solch einer Ausstellung ein wenig mehr Aufmerksamkeit schenken? Vor allem sollten wir sie nicht mit dem Krieg konkurrieren lassen, der unsere Sinne \u00fcberfordert und keinen Platz mehr f\u00fcr andere Themen l\u00e4sst.<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref1\" name=\"_ftn1\">[1]<\/a> Auf diesen Grenzgang machte schon Walter Benjamin in seiner medienkritischen Schrift \u201eDas Kunstwerk im Zeitalter seiner technischen Reproduzierbarkeit\u201c aufmerksam. F\u00fcr weitere Informationen siehe Walter Benjamin: Das Kunstwerk im Zeitalter seiner technischen Reproduzierbarkeit, in: Ders.: Illuminationen, S. 136-169, hier: 168f.<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref2\" name=\"_ftn2\">[2]<\/a> Hito Steyerl (2008): Die Farbe der Wahrheit. Dokumentarismen im Kunstfeld, Wien: Turia + Kant, S. 13.<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref3\" name=\"_ftn3\">[3]<\/a> Hito Steyerl (2008): Die Farbe der Wahrheit. Dokumentarismen im Kunstfeld, Wien: Turia + Kant, S. 10.<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref4\" name=\"_ftn4\">[4]<\/a> Brian O\u2019Doherty \u00fcber den White Cube: Brian O\u2019Doherty (1996): In der wei\u00dfen Zelle. Inside the White Cube\u201c Berlin: Merve.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<hr \/>\n<p>World Press Photo 2016<br \/>\n03. Juni \u2013 26. Juni 2016<\/p>\n<p>Willy-Brandt-Haus Berlin<br \/>\nWilhelmstra\u00dfe 140<br \/>\n10963 Berlin<\/p>\n<p><a href=\"http:\/\/www.worldpressphoto.org\/collection\/photo\/2016\">www.worldpressphoto.org<\/a><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Unsere Gegenwart scheint vor allem eines zu sein: gepr\u00e4gt von Krieg, Zerst\u00f6rung, Flucht, Tod und Trauer. Der weltweit gr\u00f6\u00dfte und international anerkannte Wettbewerb f\u00fcr Pressefotografie zeigt dieses unverbl\u00fcmte Abbild unserer Zeit auf sehr eindringliche und radikale Weise. Wer sich noch bis zum 26. 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Sogar interkulturelle Querelen werden zum Teil tats\u00e4chlich \u00fcber Zettel in Miniaturformat respektive Aufkleber und Briefmarken ausgetragen. Bis zum 31. Juli werden in der Sonderausstellung \u201eAngezettelt\u201c im Deutschen Historischen Museum Berlin solche Klebezettel und Sticker mit rassistischen und vor allem antisemitischen Botschaften aus der Zeit von 1880 bis heute ausgestellt, kommentiert und interpretiert.<\/span><\/p><p style=\\\"line-height: 1;\\\"><span style=\\\"font-size: 20px;\\\">Dabei scheint sich die Ausstellung in ihrem medialen Konzept der \u00dcberwindung ausschlie\u00dfender gesellschaftlicher Prozesse verschrieben zu haben, wie schon in einem Video zur Beginn der Ausstellung, in der das architektonische Konzept erl\u00e4utert wird, deutlich wird. In jedem der Themenr\u00e4ume ist eine sogenannte \u201eInklusive Kommunikationsstation\u201c installiert, auf der \u00fcber der deutschen Version des Informationstexts zum jeweiligen Bereich der Ausstellung der Kommentar noch einmal in Brailleschrift eingearbeitet ist. Damit er\u00f6ffnet sich sehbeeintr\u00e4chtigen Personen \u00fcberhaupt erst ein Zugang zu den Exponaten und vor allem die M\u00f6glichkeit, in irgendeiner Art und Weise am \u00f6ffentlichen Protest durch Aufkleber mit politischen Statements teilzunehmen. Zudem sind in die Stellw\u00e4nde, die die Themenr\u00e4ume voneinander trennen, Monitore eingelassen, auf denen die Informationen noch einmal in Geb\u00e4rdensprache dargeboten werden \u2013 auch diesen Service leistet nicht jedes Museum.<\/span><\/p><p style=\\\"line-height: 1;\\\"><span style=\\\"font-size: 20px;\\\">Inhaltlich setzt sich die Ausstellung mit Strategien der Diskriminierung bestimmter Bev\u00f6lkerungsgruppen aufgrund ihrer Herkunft oder ihrer Religion auseinander. Einige dieser Rassismen sind dabei offensichtlich um die Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert so gesellschaftsf\u00e4hig geworden, dass sie sich in den Mikrokosmen des Alltags wiederfinden, wie die ausgestellten Briefmarken, Aufkleber und Sammelalben (f\u00fcr Kinder) zeigen.<\/span><\/p><p style=\\\"line-height: 1;\\\"><span style=\\\"font-size: 20px;\\\">Die Exponate sind in f\u00fcnf Themenr\u00e4umen nach bestimmten Schwerpunkten geordnet. Die zeitgen\u00f6ssische, \u00fcberlebensgro\u00dfe Schwarz-Wei\u00df-Fotografie, die an der Hauptfront eines jeden Abschnitts prangt, lenkt optisch von den Aufklebern und den dazugeh\u00f6rigen Tafeln mit erg\u00e4nzenden geschichtlichen Hintergrundinformationen ab, die vor diesem Hintergrund angebracht sind. Verbesserungspotenzial liegt au\u00dferdem in der inhaltlichen Struktur der Exponate, die relativ lose gehalten ist. Zu Beginn ist der Rezipient v\u00f6llig auf sich allein gestellt in der Entscheidung, in welcher Reihenfolge er die einzelnen Ausstellungsbereiche besichtigen m\u00f6chte. Beim Durchlaufen der Themenr\u00e4ume f\u00e4llt auf, dass bestimmte Motive und Spr\u00fcche redundant sind, unabh\u00e4ngig davon, mit welchem Thema sich der Besucher besch\u00e4ftigt. Es f\u00e4llt teilweise schwer, thematische Zusammenh\u00e4nge auszumachen. Die Warnung \u201eKauft nicht bei Juden\u201c beispielsweise ist im Laufe des Rundgangs immer wieder in leicht abgewandelten Ausf\u00fchrungen zu finden. Solche Wiederholungen sind zum Teil sicherlich der Tatsache geschuldet, dass sich an den \u201aArgumenten\u2019, derer sich Rassismus und Antisemitismus bedienen, offensichtlich nicht allzu viel ge\u00e4ndert hat. Neben dieser Erkenntnis verdeutlichen die Sticker au\u00dferdem, wie sehr den Strukturen dieser Rassismen existenzielle \u00c4ngste in der Bev\u00f6lkerung zugrunde liegen. In dem Teil der Ausstellung, der sich mit Kolonialgeschichte und den daraus entstanden Rassismen besch\u00e4ftigt, ist immer wieder zu lesen, dass es die deutsche Frau und die \u201eReinheit der Rasse\u201c zu sch\u00fctzen gelte. Die Notwendigkeit, in einer gro\u00dfen Bandbreite an Kontexten auf diese Problematik hinzuweisen, um solche Denkstrukturen zu dekonstruieren, wird mehr aus deutlich.<\/span><\/p><p style=\\\"line-height: 1;\\\"><span style=\\\"font-size: 20px;\\\">Andererseits werden die Klebezettel durch den Prozess des Sammelns aus ihrem urspr\u00fcnglichen Kontext gel\u00f6st und die Kuratoren sind damit in der Pflicht, neue Zusammenh\u00e4nge zwischen diesen Diskursbeitr\u00e4gen herzustellen. Im Idealfall ist damit gew\u00e4hrleistet, dass die Sammlerst\u00fccke unabh\u00e4ngig von ihrem urspr\u00fcnglichen Funktionszusammenhang mit anderen Stickern, die ja ebenfalls zur \u00f6ffentlichen Debatte beitragen, in Dialog treten k\u00f6nnen. Teilweise funktioniert das auch, denn in \u201eAngezettelt\u201c wird keineswegs lediglich rassistischen und anti-semitischen Parolen eine B\u00fchne geboten. Auch die Strategien der Gegenwehr werden umfangreich thematisiert. Im ersten Themenraum beispielsweise, der sich ausschlie\u00dflich mit antisemitischen Parolen auseinandersetzt, werden Sticker mit judenfeindlichen Aussagen einer kleinen Sammlung der Zettel gegen\u00fcbergestellt, die auf Initiative des \u201eCentralvereins deutscher Staatsb\u00fcrger j\u00fcdischen Glaubens\u201c gedruckt wurden.<\/span><\/p><p style=\\\"line-height: 1;\\\"><span style=\\\"font-size: 20px;\\\">Leider wird dieses Prinzip aber in den folgenden R\u00e4umen zunehmend vernachl\u00e4ssigt. Die F\u00fclle an Aufklebern l\u00e4sst die einzelnen Narrative un\u00fcbersichtlich werden, und es gelingt nur teilweise, die mannigfaltigen Kontexte, in denen diese rassistischen und antisemitischen Aufkleber entstanden sind, miteinander in Beziehung zu setzen. Der ein oder andere Besucher verl\u00e4sst die Ausstellung sicherlich mit dem Gef\u00fchl, von der Menge der Exponate erschlagen zu sein \u2013 wenngleich die grundlegende Botschaft gegen Rassismus und Antisemitismus zweifelsohne ankommt.<\/span><\/p><p style=\\\"line-height: 1;\\\"><span style=\\\"font-size: 20px;\\\">In Zusammenhang mit dem Selbstverst\u00e4ndnis dieser Ausstellung als ein Medium, das \u00fcber den rassistischen und antisemitischen Diskurs aufkl\u00e4ren m\u00f6chte, wird zudem in einer Randnotiz zu Beginn des Rundgangs die Frage aufgeworfen, inwiefern das Abreiben eines Klebezettels schon eine Methode der Zensur darstellt. Eine relativ subtile Antwort darauf gibt es mit dem Portrait Irmela Mensah-Schramms. Die Berlinerin hat sich seit 1981 der Beseitigung rassistischer Aufkleber verschrieben. Eines der Alben, in denen sie ihre Fundst\u00fccke fein s\u00e4uberlich archiviert hat, kann in der Ausstellung durchgebl\u00e4ttert werden. In einem kurzen Video werden ihre Motivation und ihre Vorgehensweise geschildert. Dadurch erf\u00e4hrt das Entfernen von rassistischen Stickern aus dem \u00f6ffentlichen Raum eine gewisse Legitimierung \u2013 zu Recht, immerhin werden hier verfassungswidrige Inhalte beseitigt.<\/span><\/p><p style=\\\"line-height: 1;\\\"><span style=\\\"font-size: 20px;\\\">Mensah-Schramms Engagement ist also offensichtlich auch im Jahr 2016 notwendig, denn noch immer werden \u00f6ffentliche Pl\u00e4tze mit unscheinbaren Klebezetteln, auf denen rassistische Parolen prangen, \u00fcbers\u00e4t. Vor allem seit immer mehr Kriegsfl\u00fcchtlinge den Weg nach Deutschland suchen, gewinnt das Thema kontinuierlich an Aktualit\u00e4t und Brisanz. Den Kuratoren gelingt es damit, die zeitliche Br\u00fccke zwischen 1880 und dem 21. Jahrhundert zu schlagen. Trotz der strukturellen Probleme, die die Ausstellung in ihrer konventionellen, schlichten Konzeption hat, wurde das Bewusstsein f\u00fcr diese Problematik bei den allermeisten Besuchern gesch\u00e4rft, das wird im letzten Themenraum deutlich. Die Museumsg\u00e4nger sind hier eingeladen, selbst auf einfachen Post-Its ihre Gedanken niederzuschreiben. Fast jede dieser zum gro\u00dfen Teil sehr weltoffenen, toleranten Botschaften, die dabei entstanden sind, ist eine kleine Gegenwehr gegen Rassismus und Antisemitismus.<\/span><\/p>\",\r\n      \"align\": \"top\",\r\n      \"row\": 3,\r\n      \"col\": 1,\r\n      \"colspan\": 18,\r\n      \"offsetx\": 0,\r\n      \"offsety\": 0,\r\n      \"spaceabove\": 0,\r\n      \"spacebelow\": 0,\r\n      \"yvel\": 1,\r\n      \"push\": 1,\r\n      \"relid\": 8,\r\n      \"frameOverflow\": \"\"\r\n    },\r\n    {\r\n      \"type\": \"text\",\r\n      \"cont\": \"<p style=\\\"line-height: 1;\\\"><span style=\\\"font-size: 15px;\\\">Angezettelt \u2013 Antisemitische und rassistische Aufkleber von 1880 bis heute<\/span><br \/><span style=\\\"font-size: 15px;\\\">20. April bis 31. Juli 2016<\/span><\/p><p style=\\\"line-height: 1;\\\"><span style=\\\"font-size: 15px;\\\">Deutsches Historisches Museum<\/span><br \/><span style=\\\"font-size: 15px;\\\">Unter den Linden 2<\/span><br \/><span style=\\\"font-size: 15px;\\\">10117 Berlin<\/span><br \/><span style=\\\"font-size: 15px;\\\"><a href=\\\"https:\/\/www.dhm.de\/\\\">www.dhm.de<\/a><\/span><\/p>\",\r\n      \"align\": \"top\",\r\n      \"row\": 4,\r\n      \"col\": 5,\r\n      \"colspan\": 9,\r\n      \"offsetx\": 0,\r\n      \"offsety\": 0,\r\n      \"spaceabove\": 0,\r\n      \"spacebelow\": 0,\r\n      \"yvel\": 1,\r\n      \"push\": 5,\r\n      \"relid\": 621,\r\n      \"frameOverflow\": \"\"\r\n    }\r\n  ]\r\n}","phonegrid":"","jetpack_sharing_enabled":true,"jetpack_shortlink":"https:\/\/wp.me\/p7ChHw-eY","jetpack-related-posts":[{"id":331,"url":"https:\/\/www2.hu-berlin.de\/ausstellungskritik\/worldpressphoto\/","url_meta":{"origin":928,"position":0},"title":"World Press Photo 2016, Willy-Brandt-Haus Berlin","author":"Die Redaktion","date":"3. 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