{"id":960,"date":"2016-06-05T09:13:30","date_gmt":"2016-06-05T07:13:30","guid":{"rendered":"https:\/\/www2.hu-berlin.de\/ausstellungskritik\/couleurs-desert-2-2\/"},"modified":"2025-07-17T11:26:44","modified_gmt":"2025-07-17T09:26:44","slug":"where-nature-runs-riot","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www2.hu-berlin.de\/ausstellungskritik\/where-nature-runs-riot\/","title":{"rendered":"Cyprien Gaillard \u2013 Where Nature Runs Riot, Spr\u00fcth Magers"},"content":{"rendered":"<div id=\"attachment_332\" style=\"width: 3226px\" class=\"wp-caption alignnone\"><img data-recalc-dims=\"1\" loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-332\" data-attachment-id=\"332\" data-permalink=\"https:\/\/www2.hu-berlin.de\/ausstellungskritik\/worldpressphoto\/weitzel_white_cube_2\/\" data-orig-file=\"https:\/\/i0.wp.com\/www2.hu-berlin.de\/ausstellungskritik\/wp-content\/uploads\/2016\/07\/weitzel_white_cube_2.jpg?fit=3216%2C2448&amp;ssl=1\" data-orig-size=\"3216,2448\" data-comments-opened=\"1\" data-image-meta=\"{&quot;aperture&quot;:&quot;2.8&quot;,&quot;credit&quot;:&quot;&quot;,&quot;camera&quot;:&quot;FinePix S8000fd&quot;,&quot;caption&quot;:&quot;&quot;,&quot;created_timestamp&quot;:&quot;1464962608&quot;,&quot;copyright&quot;:&quot;&quot;,&quot;focal_length&quot;:&quot;4.7&quot;,&quot;iso&quot;:&quot;200&quot;,&quot;shutter_speed&quot;:&quot;0.011764705882353&quot;,&quot;title&quot;:&quot;&quot;,&quot;orientation&quot;:&quot;1&quot;}\" data-image-title=\"weitzel_white_cube_2\" data-image-description=\"\" data-image-caption=\"&lt;p&gt;World Press Ausstellung 2016 im Willy-Brandt-Haus Berlin&lt;\/p&gt;\n\" data-medium-file=\"https:\/\/i0.wp.com\/www2.hu-berlin.de\/ausstellungskritik\/wp-content\/uploads\/2016\/07\/weitzel_white_cube_2.jpg?fit=150%2C114&amp;ssl=1\" data-large-file=\"https:\/\/i0.wp.com\/www2.hu-berlin.de\/ausstellungskritik\/wp-content\/uploads\/2016\/07\/weitzel_white_cube_2.jpg?fit=1024%2C779&amp;ssl=1\" class=\"size-full wp-image-332\" src=\"https:\/\/i0.wp.com\/www2.hu-berlin.de\/ausstellungskritik\/wp-content\/uploads\/2016\/07\/weitzel_white_cube_2.jpg?resize=3216%2C2448&#038;ssl=1\" alt=\"World Press Ausstellung 2016 im Willy-Brandt-Haus Berlin\" width=\"3216\" height=\"2448\" srcset=\"https:\/\/i0.wp.com\/www2.hu-berlin.de\/ausstellungskritik\/wp-content\/uploads\/2016\/07\/weitzel_white_cube_2.jpg?w=3216&amp;ssl=1 3216w, https:\/\/i0.wp.com\/www2.hu-berlin.de\/ausstellungskritik\/wp-content\/uploads\/2016\/07\/weitzel_white_cube_2.jpg?resize=300%2C228&amp;ssl=1 300w, https:\/\/i0.wp.com\/www2.hu-berlin.de\/ausstellungskritik\/wp-content\/uploads\/2016\/07\/weitzel_white_cube_2.jpg?resize=1024%2C779&amp;ssl=1 1024w, https:\/\/i0.wp.com\/www2.hu-berlin.de\/ausstellungskritik\/wp-content\/uploads\/2016\/07\/weitzel_white_cube_2.jpg?resize=973%2C741&amp;ssl=1 973w, https:\/\/i0.wp.com\/www2.hu-berlin.de\/ausstellungskritik\/wp-content\/uploads\/2016\/07\/weitzel_white_cube_2.jpg?resize=508%2C387&amp;ssl=1 508w, https:\/\/i0.wp.com\/www2.hu-berlin.de\/ausstellungskritik\/wp-content\/uploads\/2016\/07\/weitzel_white_cube_2.jpg?w=2000&amp;ssl=1 2000w, https:\/\/i0.wp.com\/www2.hu-berlin.de\/ausstellungskritik\/wp-content\/uploads\/2016\/07\/weitzel_white_cube_2.jpg?w=3000&amp;ssl=1 3000w\" sizes=\"auto, (max-width: 1000px) 100vw, 1000px\" \/><p id=\"caption-attachment-332\" class=\"wp-caption-text\">World Press Ausstellung 2016 im Willy-Brandt-Haus Berlin<\/p><\/div>\n<p>Unsere Gegenwart scheint vor allem eines zu sein: gepr\u00e4gt von Krieg, Zerst\u00f6rung, Flucht, Tod und Trauer. Der weltweit gr\u00f6\u00dfte und international anerkannte Wettbewerb f\u00fcr Pressefotografie zeigt dieses unverbl\u00fcmte Abbild unserer Zeit auf sehr eindringliche und radikale Weise. Wer sich noch bis zum 26. Juni die Gewinner des diesj\u00e4hrigen Presse Awards im Willy-Brandt-Haus in Berlin anschauen m\u00f6chte, sollte sich dar\u00fcber im Klaren sein. Das was tagt\u00e4glich \u00fcber die unterschiedlichsten Informationskan\u00e4le f\u00fcr einen kurzen Moment unsere Aufmerksamkeit erh\u00e4lt, ger\u00e4t nicht einfach in Vergessenheit, sondern zeigt sich bei der World Press Ausstellung in kuratiertem Gewand und vor allem in geballter Form.<\/p>\n<p>Die sonst stark verstreuten Bildbotschaften werden hier im zweiten Stock der SPD Parteizentrale im White Cube pr\u00e4sentiert. Auf den kargen wei\u00dfen W\u00e4nden, deren Anordnung und Aufteilung im Raum jeglichem \u00e4sthetischen und gestalterischen Empfinden entbehrt, h\u00e4ngen, in acht verschiedene Kategorien aufgeteilt, die gro\u00dfformatigen Fotografien. In beinahe allen Rubriken sind Fotos von gefl\u00fcchteten, verwundeten oder toten Menschen vertreten. Polizeigewalt in den USA, Bandenkriminalit\u00e4t in Honduras, B\u00fcrgerkrieg im Sudan, \u00fcberf\u00fcllte Fl\u00fcchtlingsboote. Und das Thema Nummer eins: Der Syrienkrieg.<\/p>\n<p>Brennende Autos, zerst\u00f6rte H\u00e4user, komplett zerbombte Stra\u00dfenz\u00fcge. Alles ist Schutt und Asche, nichts scheint mehr an seinem Ort zu sein. Zwischen den Ruinen erkennt man schemenhaft eine einsame Person am Ende der H\u00e4userflucht. Nebel &#8211; verzweifelte Gesichter versuchen mit letzter Kraft verwundete Menschen aus der Gefahrenzone zu tragen \u2013 vielleicht sind sie schon l\u00e4ngst tot. Der Blick auf eine Stadt am Abend. Qualm steigt auf. Ist es die untergehende Sonne, oder eine eingeschlagene Bombe, die den Horizont erhellt, w\u00e4hrend der sternenklare Himmel unscheinbar und teilnahmslos dar\u00fcber h\u00e4ngt? Die Bilder des Fotografen Sameer al Doumy zeigen alle einen kurzen Moment w\u00e4hrend des mittlerweile f\u00fcnfj\u00e4hrigen Krieges in Syrien, hier in Douma im S\u00fcdosten des Landes. Die Momente, die hier festgehalten wurden, stellen den Krieg und seine zerst\u00f6rerische Macht in n\u00fcchterner Klarheit aus. Manchmal wirken die Szenen fast wie arrangierte Settings des Kunstfotografen Jeff Wall, der bewusst mit der Unsicherheit des Authentizit\u00e4tsgehalts von Pressefotografien und insbesondere Kriegsfotografien spielt. Hier verschwimmen die Gattungsgrenzen von Presse-und Kunstfotografie auf eindrucksvolle Weise. So liegt den Aufnahmen des aus Douma stammenden al Doumy, eine bestimmte Botschaft zu Grunde, die auf perverse Weise den Wahnsinn und gleichzeitig die \u00c4sthetik des Krieges herausstellt.<a href=\"#_ftn1\" name=\"_ftnref1\">[1]<\/a> Weil ein Mensch mit westeurop\u00e4ischem Hintergrund sich jedoch meist keine Vorstellung dar\u00fcber machen kann, was er da vor sich sieht, stehen wir wie unbeteiligte Beobachter am anderen Ende der Welt und k\u00f6nnen lediglich eine \u201eVerschiebung vom dokumentarischen Sehen zum dokumentarischen F\u00fchlen\u201c wahrnehmen. <a href=\"#_ftn2\" name=\"_ftnref2\">[2]<\/a> Ein Gef\u00fchl der Empathie aber auch der Hilflosigkeit wird evoziert.<\/p>\n<p>Auch die Fotografien von Abd Doumany reihen sich in dieses Gef\u00fchl der Machtlosigkeit ein. Wie in der Pressefotografie \u00fcblich, stehen neben allen ausgestellten Abbildern kurze begleitende Texte mit Informationen zur Entstehung, zum Ort und Datum, die das Bild in einen konkreten Kontext einbinden und eine Art Zeugnis- oder Beweisfunktion innehaben. Doch genau genommen ben\u00f6tigen diese Motive keine Beschriftung oder Erkl\u00e4rung. Der Mann, der den leblosen, toten, blut\u00fcberstr\u00f6mten K\u00f6rper seiner Tochter auf dem Scho\u00df liegen hat und sie mit einem fragenden Blick anschaut, als ob er nicht begreift, was da vor sich geht &#8211; dieses Bild spricht f\u00fcr sich, es bedarf keines Nachweises. In ihm spricht der Wahnsinn des Krieges auf so eindringliche und ersch\u00fctternde Weise, dass das betretende Schweigen im Ausstellungsraum fast schon zu einer Beklemmung wird. Und vielleicht ist genau deshalb der Beweis, dass es sich um authentische Abbilder des Syrienkrieges handelt, nicht notwendig. Diese Fotos scheinen uns eher wie ein Mahnmal zu sein, welches daran erinnern m\u00f6chte, dass der Krieg eine Kraft besitzt, die der Mensch nicht begreifen kann.<\/p>\n<p>Ist es also eine reale oder konstruierte Wirklichkeit, die von den dokumentarischen Bildern erzeugt wird? Glauben wir der Filmemacherin Hito Steyerl, dann ist jede scheinbare Realit\u00e4t in solchen Fotos ein Konstrukt. \u201eDie dokumentarische Form bildet demnach nicht die Realit\u00e4t ab, sondern ihren eignen Willen zur Macht.\u201c<a href=\"#_ftn3\" name=\"_ftnref3\">[3]<\/a> Doch welche Macht geht von diesen Fotografien aus? Die Fotografien haben alle den Anspruch, ein m\u00f6glichst authentisches Abbild der Wirklichkeit ins Licht zu setzen. Dabei wird dem Fotografen die Rolle eines Zeugen zugeschrieben. Doch bei genauerer Betrachtung sind auch Pressefotografien nichts anderes als Moment-Inszenierungen. Es werden Wirklichkeitsbilder konstruiert, die auf komprimierte Weise einen komplexen Sachverhalt, in diesem Fall den Krieg in Syrien, in einer Fotografie f\u00fcr die Welt zug\u00e4nglich machen. Sie sollen ein Gef\u00fchl transportieren, welches uns die Grausamkeit des Krieges erahnen l\u00e4sst. Durch das subjektive Auge der Kamera wird ein Bild hervorgebracht, welches die scheinbare Realit\u00e4t von Millionen von Menschen auf die Bildschirme der Nachrichtensender, in die Foren der globalen Social-Media-Communities und auf die wei\u00dfen, kargen W\u00e4nde des Willy-Brandt-Hauses bringt.<\/p>\n<p>Brian O\u2019Doherty h\u00e4tte die H\u00e4ngung in White Cube Manier der 20er Jahre wahrscheinlich mit einem sterilen Krankenhausflur verglichen.<a href=\"#_ftn4\" name=\"_ftnref4\">[4]<\/a> Und angesichts der ungl\u00fccklichen Anordnung der hochwertigen Pressefotos w\u00e4re dieser Vergleich auch angemessen. Ohne jegliche Konzeptualisierung wird auf der einen Seite \u2013 wie eben beschrieben \u2013 der Krieg in allen seinen Facetten gezeigt und an der gegen\u00fcberliegenden Fensterfront h\u00e4ngen wie zum Trotz Sport- und Naturfotografien. Die schwarz-wei\u00dfen Unterwasserbilder von Anuar Patjane Floriuk zeigen eine Tauchercrew um einen riesigen Wal schwimmend. Ein imposantes Bild. Auf den Aufnahmen von Christian Ziegler zeigt sich die Natur von ihrer kuriosesten Seite. Farbenfrohe Cham\u00e4leons in Nahaufnahme. Der Anblick der traumatisierenden Kriegsabbildungen scheint diese Themen jedoch zwangsl\u00e4ufig in den Hintergrund zu dr\u00e4ngen \u2013 so, als w\u00e4ren es belanglose Angelegenheiten, die in der World Press auch noch irgendwo untergebracht werden mussten.<\/p>\n<p>Hier liegt die T\u00fccke der Ausstellungskonzeption. Anstatt die Kategorien f\u00fcr sich sprechen zu lassen, scheinen sie miteinander zu konkurrieren. Zumindest in der konkreten Ausstellungssituation im Willy-Brandt-Haus. Denn die Wanderausstellung wird in insgesamt 45 L\u00e4ndern gezeigt. Es bleibt zu hoffen, dass an den anderen Ausstellungsorten eine gelungenere Pr\u00e4sentation der Fotografien zu sehen sein wird. Eine Pr\u00e4sentationform, die allen Rubriken ihren Platz und auch Themen, wie die Rettung von Orang-Utans in den Regenw\u00e4ldern von Sumatra oder die Synchronschwimmer aus Schweden f\u00fcr sich sprechen l\u00e4sst. Denn diese Informationen treten nicht nur in der World Press Photo Ausstellung in den Hintergrund, sondern gehen auch meistens in der Nachrichtenflut des Alltags unter. Sollten wir diesen Momenten, die auch unser Leben bestimmen, dann nicht gerade bei solch einer Ausstellung ein wenig mehr Aufmerksamkeit schenken? Vor allem sollten wir sie nicht mit dem Krieg konkurrieren lassen, der unsere Sinne \u00fcberfordert und keinen Platz mehr f\u00fcr andere Themen l\u00e4sst.<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref1\" name=\"_ftn1\">[1]<\/a> Auf diesen Grenzgang machte schon Walter Benjamin in seiner medienkritischen Schrift \u201eDas Kunstwerk im Zeitalter seiner technischen Reproduzierbarkeit\u201c aufmerksam. F\u00fcr weitere Informationen siehe Walter Benjamin: Das Kunstwerk im Zeitalter seiner technischen Reproduzierbarkeit, in: Ders.: Illuminationen, S. 136-169, hier: 168f.<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref2\" name=\"_ftn2\">[2]<\/a> Hito Steyerl (2008): Die Farbe der Wahrheit. Dokumentarismen im Kunstfeld, Wien: Turia + Kant, S. 13.<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref3\" name=\"_ftn3\">[3]<\/a> Hito Steyerl (2008): Die Farbe der Wahrheit. Dokumentarismen im Kunstfeld, Wien: Turia + Kant, S. 10.<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref4\" name=\"_ftn4\">[4]<\/a> Brian O\u2019Doherty \u00fcber den White Cube: Brian O\u2019Doherty (1996): In der wei\u00dfen Zelle. Inside the White Cube\u201c Berlin: Merve.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<hr \/>\n<p>World Press Photo 2016<br \/>\n03. Juni \u2013 26. Juni 2016<\/p>\n<p>Willy-Brandt-Haus Berlin<br \/>\nWilhelmstra\u00dfe 140<br \/>\n10963 Berlin<\/p>\n<p><a href=\"http:\/\/www.worldpressphoto.org\/collection\/photo\/2016\">www.worldpressphoto.org<\/a><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Unsere Gegenwart scheint vor allem eines zu sein: gepr\u00e4gt von Krieg, Zerst\u00f6rung, Flucht, Tod und Trauer. Der weltweit gr\u00f6\u00dfte und international anerkannte Wettbewerb f\u00fcr Pressefotografie zeigt dieses unverbl\u00fcmte Abbild unserer Zeit auf sehr eindringliche und radikale Weise. Wer sich noch bis zum 26. 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In der Berliner Galerie Spr\u00fcth Magers wird hierf\u00fcr eine riesige Leinwand installiert, auf welcher der Film f\u00fcr drei Monate zu sehen ist. Bereits vorm Betreten des Raumes \u2013 beim Ausgabetresen der 3D-Brillen etwa, der sich im Eingangsbereich befindet \u2013 schallt zwar ged\u00e4mpft, aber trotzdem laut, eine sich st\u00e4ndig wiederholende Melodie durch die Galerie, die sich vom Eingang hoch in die anderen Ausstellungsr\u00e4ume zieht und das ganze Geb\u00e4ude zum Vibrieren zu bringen scheint.<\/span><\/p><p style=\\\"line-height: 1;\\\"><span style=\\\"font-size: 20px;\\\">Es handelt sich um ein Sample des Songs \u201eBlack Man\u2019s World\u201c, einem Rocksteady Klassiker von Alton Ellis. Der K\u00fcnstler Gaillard w\u00e4hlte neun Sekunden des Refrains aus, verzerrte sie seltsam und lie\u00df sie sich in ihrer gesampelten Version st\u00e4ndig wiederholen. Das Sample hat etwas Gespenstisches mit seinen langgezogenen, etwas zu hellen T\u00f6nen. Alton Ellis verweist in seinem Refrain \u201eI was born a loser\u201c auf die massive Diskriminierung von Schwarzen in den USA. Zwei Jahre nachdem das Lied 1969 erschienen war, wurde es jedoch umgeschrieben: Der Refrain lautete von diesem Zeitpunkt an \u201eI was born a winner\u201c.<\/span><\/p><p style=\\\"line-height: 1;\\\"><span style=\\\"font-size: 20px;\\\">Es ist also jenes Lied, das die BesucherInnen gewisserma\u00dfen umh\u00fcllt, sobald sie den gro\u00dfen Raum der Installation betreten. Oder eher schon vorher, da die Melodie dumpf in allen R\u00e4umen der Galerie zu h\u00f6ren ist. Kein Wunder also, dass die bearbeitete Version innerhalb des Hauptraumes unglaublich laut ist \u2013 allerdings nicht unangenehm schrill, sondern angenehm dumpf und hypnotisch, sodass man sich ihr nicht mehr entziehen kann oder will.<\/span><\/p><p style=\\\"line-height: 1;\\\"><span style=\\\"font-size: 20px;\\\">Innerhalb des Ausstellungsraumes bildet eine komplette Wand die Leinwand. Sie scheint so riesig, dass man sich zwangsl\u00e4ufig klein f\u00fchlt. Einerseits durch ihre tats\u00e4chliche Gr\u00f6\u00dfe, andererseits auch durch die dreidimensionale Optik, durch die alles vergr\u00f6\u00dfert scheint. Durch die 3D-Brille wird im ersten Moment zus\u00e4tzlich das Gef\u00fchl vermittelt, auf einem Vorsprung zu stehen und hinab in ein gigantisches, erleuchtetes Tal zu schauen. Auf einem Steinvorsprung vielleicht, da der Boden aus k\u00fchlem Beton besteht. Alle Szenen wurden von Gaillard nachts gedreht. Die Dunkelheit beschr\u00e4nkt sich aber nicht auf das Video. Auch der gro\u00dfe Ausstellungsraum ist fensterlos und die W\u00e4nde sind schwarz gehalten, was eine Reduktion auf die Lichter im Film bewirkt. Die k\u00fcnstliche Beleuchtung durch riesige Scheinwerfer, die Gaillard nutzt, hat gleichzeitig etwas Unheimliches und Sch\u00f6nes.<\/span><\/p><p style=\\\"line-height: 1;\\\"><span style=\\\"font-size: 20px;\\\">Der Film beginnt mit einer Aufnahme von Rodins\u00a0<em>Denker<\/em>-Skulptur. Es handelt sich um eine Monumental-Reproduktion des Pariser Originals aus dem Jahre 1882. Kreisf\u00f6rmig bewegt sich die Kamera um das Denkmal, dessen Sockel bei einem Anschlag irreparabel zerst\u00f6rt worden ist. Die Skulptur mit besch\u00e4digten Beinen wurde allerdings in ihrem kaputten Zustand vorm\u00a0<em>Cleveland Museum of Art\u00a0<\/em>in Ohio wiederaufgestellt und bildet den Auftakt f\u00fcr Gaillards Video.<\/span><\/p><p style=\\\"line-height: 1;\\\"><span style=\\\"font-size: 20px;\\\">Die Aufnahme wechselt abrupt. Zur Musik bewegen sich nun B\u00e4ume \u2013 eine pl\u00f6tzliche Dynamik nach der Bronzeskulptur, die den stillen Mittelpunkt der ersten Aufnahme bildete. Die B\u00e4ume, die man jetzt sieht, wirken im Scheinwerferlicht unwirklich satt in ihren Farben. Durch einen starken Wind wiegen sie sich unaufh\u00f6rlich hin und her \u2013 es ist schwer zu sagen, ob sie zur Musik tanzen oder mit ihren langen \u00c4sten aufbegehren und versuchen, sich in einer Art Kampf zu befreien.<\/span><\/p><p style=\\\"line-height: 1;\\\"><span style=\\\"font-size: 20px;\\\">W\u00e4hrend die Bilder der Palmen und B\u00e4ume, sowie der Rodin-Statue in den USA aufgenommen wurden, wechselt der Schauplatz in der dritten Szene. Von oben wird das Berliner Olympiastadion gefilmt. Es ist von einem Feuerwerk umgeben, das j\u00e4hrlich zur Pyronale, einem Feuerwerkswettbewerb, dort veranstaltet wurde und wird. Die 3D-Aufnahme aus der Vogelperspektive f\u00e4ngt die glitzernden, bunten Funken der Feuerwerksk\u00f6rper ein und vermittelt das Gef\u00fchl, als ZuschauerIn selbst mitten in der Explosion zu schweben, w\u00e4hrend das Stadion darunter immer kleiner wird.<\/span><\/p>\",\r\n      \"align\": \"top\",\r\n      \"row\": 3,\r\n      \"col\": 1,\r\n      \"colspan\": 18,\r\n      \"offsetx\": 0,\r\n      \"offsety\": 0,\r\n      \"spaceabove\": 0,\r\n      \"spacebelow\": 0,\r\n      \"yvel\": 1,\r\n      \"push\": 1,\r\n      \"relid\": 5,\r\n      \"frameOverflow\": \"\"\r\n    },\r\n    {\r\n      \"type\": \"img\",\r\n      \"cont\": \"\/wp-content\/uploads\/2016\/06\/Bildschirmfoto-2016-06-05-um-16.23.44.png\",\r\n      \"align\": \"top\",\r\n      \"row\": 4,\r\n      \"col\": 0,\r\n      \"colspan\": 17,\r\n      \"offsetx\": 0,\r\n      \"offsety\": 0,\r\n      \"spaceabove\": 0,\r\n      \"spacebelow\": 0,\r\n      \"yvel\": 1,\r\n      \"push\": 0,\r\n      \"relid\": 412,\r\n      \"attid\": 95,\r\n      \"sizes\": {\r\n        \"full\": \"\/wp-content\/uploads\/2016\/06\/Bildschirmfoto-2016-06-05-um-16.23.44.png\"\r\n      },\r\n      \"w\": 469,\r\n      \"h\": 160,\r\n      \"ar\": 0.3411513859275053,\r\n      \"alt\": \"\",\r\n      \"frameOverflow\": \"\"\r\n    },\r\n    {\r\n      \"type\": \"text\",\r\n      \"cont\": \"<p style=\\\"line-height: 1;\\\"><span style=\\\"font-size: 20px;\\\">In einer letzten Aufnahme \u2013 auch diese folgt ohne \u00dcbergang, sondern mit einem blo\u00dfen Schnitt, der nicht abrupt, sondern weich und behutsam wirkt \u2013 wird eine gro\u00dfe deutsche K\u00f6nigseiche gezeigt. Die Kamera nimmt wieder ihre kreisf\u00f6rmige Bewegung auf und filmt so die dichten \u00c4ste des alten Baumes. Das Video geht zu Ende und die Musik verstummt nur kurz, um direkt danach mit der ersten Aufnahme des\u00a0<em>Denkers<\/em>\u00a0wieder einzusetzen.<\/span><\/p><p style=\\\"line-height: 1;\\\"><span style=\\\"font-size: 20px;\\\">Gaillards Auswahl der eindrucksvollen Bilder ist keinesfalls willk\u00fcrlich. Vielmehr braucht es etwas Abstand und eine gewisse Zeit, bis sich die Bilder wie ein Puzzle in ihrer Aussage zusammensetzen k\u00f6nnen. Von der Rodin-Statue, die von einer linksmilitanten Organisation, die gegen Rassismus in den USA k\u00e4mpfte, zerst\u00f6rt wurde, bis zu der Eiche, die bei den Olympischen Spielen 1936 in Berlin dem US-Amerikaner Jesse Owens geschenkt wurde, da dieser vier Mal die Goldmedaille gewann. Owens Siege wurden weder von den Nationalsozialisten, noch von seinem, von Rassismus gepr\u00e4gten Heimatland je anerkannt. Die K\u00f6nigseiche pflanzte er trotzdem in Cleveland, dem Ort, an dem er f\u00fcr den Wettkampf trainierte. Dort steht sie bis heute, genau wie der\u00a0<em>Denker\u00a0<\/em>von Rodin.<\/span><\/p><p style=\\\"line-height: 1;\\\"><span style=\\\"font-size: 20px;\\\">Des Weiteren kommen die sich wiegenden B\u00e4ume nicht etwa urspr\u00fcnglich aus Amerika; weder die Palmen noch der Wacholder, der seinen Ursprung in S\u00fcdostasien hat. Beide Pflanzenarten pr\u00e4gen heute wie selbstverst\u00e4ndlich Kaliforniens Landschaftsbild, ohne dass man sich ihrer eigentlichen Heimat bewusst w\u00e4re.<\/span><\/p><p style=\\\"line-height: 1;\\\"><span style=\\\"font-size: 20px;\\\">Cyprien Gaillard schafft es in seiner Videoarbeit, Zusammenh\u00e4nge herzustellen und diese sichtbar zu machen. Und zwar nicht mithilfe von Schrift oder Sprache, sondern durch die Kombination von gigantischen dreidimensionalen Bildern. Sie alle werden mit dem sich st\u00e4ndig wiederholenden Refrain unterlegt, der einem nicht mehr aus dem Kopf gehen will. Der Trancezustand der sich wiegenden B\u00e4ume scheint sich schleichend auf die BesucherInnen zu \u00fcbertragen \u2013 oder umgekehrt.<\/span><\/p><p style=\\\"line-height: 1;\\\"><span style=\\\"font-size: 20px;\\\">Erst wenn man den gro\u00dfen Raum verl\u00e4sst, die Brille absetzt und sich die Bilder noch einmal ins Ged\u00e4chtnis ruft, kommt die Frage auf, wie genau sich die unterschiedlichen Bestandteile des Videos zu einem Ganzen verkn\u00fcpfen lassen. Ein Ganzes, das von Entfremdung und Entwurzelung, von Rassismus, Diskriminierung und Zerst\u00f6rung erz\u00e4hlt, aber auch von Neuanf\u00e4ngen und Umdeutung \u2013 nicht zuletzt aufgrund der Umdichtung von \u201eI was born a loser\u201c zu \u201eI was born a winner\u201c. Einige Hintergrundinformationen lassen sich in der ausliegenden Ausstellungsbrosch\u00fcre nachlesen. Allein durch das Anschauen des Films werden die komplexen Zusammenh\u00e4nge, die so viele Bereiche gleichzeitig ber\u00fchren und anprangern, nicht klar.<\/span><\/p><p style=\\\"line-height: 1;\\\"><span style=\\\"font-size: 20px;\\\">Das Wissen \u00fcber menschliche Schicksale \u2013 wie etwa das von Jesse Owens \u2013 soll mithilfe menschenleerer Orte vermittelt werden, die trotzdem mit Erinnerungen aufgeladen sind oder von historischen Ereignissen zeugen. Jene Orte der Vergangenheit wurden durch hochmoderne Technik eingefangen und aufgezeichnet. Die HD Aufnahmen wirken aber weder fehlplatziert, noch gewollt. Gaillard verschleiert durch die beeindruckende mediale Darstellung kein Wissen, sondern schafft hierdurch den Schl\u00fcssel zu der Vermittlung selbst. Statt die BesucherInnen zu \u00fcberladen oder zu benebeln kreiert er ein Ganzes, das in Erinnerung bleibt. Die Art und Weise, auf die der K\u00fcnstler dieses Ganze in seinen Zusammenh\u00e4ngen erzeugt, wirkt nachhaltig und regt zum Nachdenken an. Ich w\u00fcrde sagen, der Film wirkt nachhaltiger als im Moment des Schauens selbst. Zu eindrucksvoll sind die Aufnahmen, als dass man sie direkt nach einer\u00a0<em>message\u00a0<\/em>untersuchen m\u00f6chte.<\/span><\/p><p style=\\\"line-height: 1;\\\"><span style=\\\"font-size: 20px;\\\">Gaillards Arbeit \u00fcberzeugt durch diese enorme Wirkmacht auf die eigenen Sinneseindr\u00fccke und ihren Immersionseffekt, ohne zu \u00fcberspitzen oder zu \u00fcberfordern. W\u00e4hrend man als BesucherIn w\u00e4hrend des Filmes noch das Gef\u00fchl hat, sich in den Bildern und der Melodie aufzul\u00f6sen und die eigene K\u00f6rperlichkeit f\u00fcr diese Dauer vergisst, setzt hiernach das Nachdenken umso st\u00e4rker ein und hallt nach. Verl\u00e4sst man das Geb\u00e4ude, kann man gar nicht anders, als sich zu fragen, was es mit diesen Bildern und dieser Melodie eigentlich genau auf sich hat\u2026<\/span><\/p>\",\r\n      \"align\": \"top\",\r\n      \"row\": 5,\r\n      \"col\": 1,\r\n      \"colspan\": 18,\r\n      \"offsetx\": 0,\r\n      \"offsety\": 0,\r\n      \"spaceabove\": 0,\r\n      \"spacebelow\": 0,\r\n      \"yvel\": 1,\r\n      \"push\": 1,\r\n      \"relid\": 405,\r\n      \"frameOverflow\": \"\"\r\n    },\r\n    {\r\n      \"type\": \"text\",\r\n      \"cont\": \"<p style=\\\"line-height: 1;\\\"><span style=\\\"font-size: 15px;\\\">Cyprien Gaillard \u2013 Where Nature Runs Riot<\/span><br \/><span style=\\\"font-size: 15px;\\\">2.Mai\u201316.Juli 2015<\/span><\/p><p style=\\\"line-height: 1;\\\"><span style=\\\"font-size: 15px;\\\">Spr\u00fcth Magers<\/span><br \/><span style=\\\"font-size: 15px;\\\">Oranienburger Stra\u00dfe 18<\/span><br \/><span style=\\\"font-size: 15px;\\\">10178 Berlin<br \/><a href=\\\"http:\/\/www.spruethmagers.com\\\">www.spruethmagers.com<\/a><br \/><\/span><\/p>\",\r\n      \"align\": \"top\",\r\n      \"row\": 6,\r\n      \"col\": 5,\r\n      \"colspan\": 10,\r\n      \"offsetx\": 0,\r\n      \"offsety\": 0,\r\n      \"spaceabove\": 0,\r\n      \"spacebelow\": 0,\r\n      \"yvel\": 1,\r\n      \"push\": 5,\r\n      \"relid\": 621,\r\n      \"frameOverflow\": \"\"\r\n    }\r\n  ]\r\n}","phonegrid":"","jetpack_sharing_enabled":true,"jetpack_shortlink":"https:\/\/wp.me\/p7ChHw-fu","jetpack-related-posts":[{"id":331,"url":"https:\/\/www2.hu-berlin.de\/ausstellungskritik\/worldpressphoto\/","url_meta":{"origin":960,"position":0},"title":"World Press Photo 2016, Willy-Brandt-Haus Berlin","author":"Die Redaktion","date":"3. 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