Kendrick Lamar feat. W.E.B. Du Bois

von Max Alt

Kendrick Lamars neuestes Manifest „Damn.“ spendet Seelenheil für alle Hip-Hop Jünger. Dem 29-jährigen in Compton geborenen Rapper wird mit beinahe religiöser Treue und Verbundenheit jedes Wort von den Lippen abgelesen. In 14 Thesen, die mit einfachen und einem Punkt abgeschlossenen Titeln wie „Love.“, „Loyalty.“, „DNA.“, „Fear.“ und „God.“ auskommen, offenbart Lamar wieder einmal seine musikalische und künstlerische Stärke. Nach dem Vorgänger „To Pimp a Butterfly“ (2015), welches sich am Selbsthass eines schwarzen Mannes in einem rassistischen Amerika („Oh America, you bad bitch, I picked cotton and made you rich […] I’mma get my Uncle Sam to fuck you up. You ain’t no king.“) mit Hilfe von vertonten inneren Monologen, imaginierten Gesprächen und Wutausbrüchen in Kombination mit verkopften Live Arrangements, Bebop und Freejazz Einflüssen abarbeitete, gibt sich „Damn.“ mit einem bescheideneren musikalischen Repertoire und weniger Genre-Invasionen zufrieden. Was noch lange nicht heißt, dass das neue Lamar Album leichte Kost wäre. Die gesellschaftspolitische Sprengkraft und die bedeutungsschwangeren Texte bleiben nämlich – dem Hip-Hop Gott Lamar sei Dank!

 

Musikalisch zelebriert Kendrick Lamar auf seinem vierten Album weiterhin seinen Hang zu Soul, Jazz und psychedelischen Sounds, kommt dabei aber mit klareren Songstrukturen und Genre typischeren Hip-Hop Beats aus als auf dem Vorgänger. „Damn.“ glänzt durch einfache Gesten. Kurze Songtitel, kurzer Albumname, schlichtes Cover. Gerade diese Einfachheit, der Rückzug zu leichter verdaulichen Strukturen ohne dabei aber an popkultureller und gesellschaftspolitische Relevanz einzubüßen, ist die wahre Stärke des Albums. Entgegen seiner Hip-Hop Kollegen Drake oder Kanye West überhöht sich Kendrick Lamar nicht permanent selbst und stilisiert sich nicht zu einer gottgleichen Person, die über der Musikwelt schwebt. Lamar bleibt stets persönlich in seinen Texten, tief emotional wie religiös und drischt keine abgenutzten Phrasen. Inhaltlich knüpft „Damn.“ an die Vorgänger an und thematisiert die Zerrissenheit zwischen den multiplen Persönlichkeiten und Identitäten, wie sie vor allem schwarze Amerikaner erfahren müssen. („Ain’t nobody prayin’ for me? Nobody prayin’ for me!“) Die Probleme der Identitätsbildung, die Frage nach dem Selbst, die sich schwarze US-Bürger und Bürgerinnen in einer rassistischen Umgebung stellen, ist nicht neu. So hallt aus jedem Song Kendrick Lamars das Vermächtnis von William Edward Burghardt Du Bois wider. Der 1868 in Great Barrington, Massachusetts geborene Soziologe, Historiker und Bürgerrechtler konnte 1895 als erster Schwarzer überhaupt an der Harvard University promovieren. Das Thema: der transatlantische Sklavenhandel. Sein Studium brachte ihn nach Deutschland an die Humboldt-Universität zu Berlin und die Uni Heidelberg, wo er Vorlesungen Max Webers besuchte. Die Schriften Herders, Nietzsches und eben Max Webers beeinflussten Du Bois Hauptwerk „The Souls of Black Folks“ von 1903. Hierin illustriert Du Bois die psychischen und sozialen Konsequenzen des alltäglichen Lebens der Schwarzen seiner Zeit.  Vor allem der Begriff double-consciousness wird in Verbindung mit Du Bois Schaffen gebracht. Der Terminus beschreibt einen inneren Konflikt, den Unterdrückte in einer sie unterdrückenden Gesellschaft erleiden – ein doppeltes Bewusstsein der eigenen Person und Identität. Der Begriff bezieht sich auf die psychologische Herausforderung, sich immer durch die Augen des Unterdrückers wahrzunehmen, durch die Augen einer vornehmlich weißen und rassistisch eingestellten Gesellschaft. Du Bois stellt also fest, dass man als schwarzer US-Bürger immer das ist was man ist und gleichzeitig das was die Unterdrücker aus einem machen – einen Schwarzen eben. Gleichermaßen beinhaltet Du Bois double-consciousness den Versuch, den afrikanischen Ursprung der afro-amerikanischen Bevölkerung mit der weißen, westlichen geprägten Kultur und ihren Werten zusammenzuführen.

Kendrick Lamar artikuliert diesen Zustand der double-consciousness auf „Damn.“ unablässig. „I’m a Israelite, don’t call me Black no mo’. That word is only a color, it ain’t facts no mo’.“ Gleich nach dem Interlude am Anfang des Albums bohrt sich der Song „DNA.“ wie ein Projektil in die Köpfe der weißen Gesellschaft und ist gleichzeitig eine Kampfansage und zynische Auseinandersetzung mit den Vorurteilen gegenüber der Hip-Hop und Black Culture. In „DNA.“ verarbeitet Lamar ein Zitat des amerikanischen Autors und TV Moderators Geraldo Rivera, der 2015 in einem Interview mit der Huffington Post behauptete: „Hip-hop has done more damage to black and brown people than racism in the last 10 years.” Mit trotzigem Sarkasmus antwortet Kendrick Lamar: „Sex, money, murder – our DNA“. W.E.B. Du Bois wäre wahrscheinlich stolz mit welcher hartnäckigen Akribie Kendrick Lamar die Unterschiede zwischen schwarz und weiß, zwischen dem eigenen Gesicht und dem Spiegelbild, der Realität und der Scheinheiligkeit auf künstlerische Art und Weise ans Licht bringt. Du Bois schreibt: „One ever feels his twoness, – an American, a Negro; two souls, two thoughts, two unreconciled strivings; two warring ideals in one dark body“ Die moderne Übersetzung dieser Zeilen lautet wie folgt: „Gang members or terrorists, et cetera, et cetera. America’s reflections of me, that’s what a mirror does.“ Der Autor – Kendrick Lamar.

Der psychosoziale Zustand der double-consciousness ist nach über 100 Jahren noch immer tief in der US-amerikanischen Gesellschaft verankert. Kendrick Lamar beschreibt dieses afro-amerikanische Grundgefühl und bringt diese Problematik auf die popkulturelle und gesellschaftspolitische Tagesordnung. In kleinen Dosen verteilt Kendrick Lamar sein gesellschaftskritisches Gift – und dazu das passende Gegengift. „America, God bless you if it’s good to you. America, please take my hand. Can you help me underst…“ Hier bricht Kendrick die Zeile ab. Amerika hilft ihm nicht zu verstehen. Der amerikanische Traum ist eben nicht für jeden ungeachtet seiner Herkunft und Hautfarbe gedacht. Doch diese Wahrheit will das weiße Amerika oft nicht sehen. Das schwarze Amerika hingegen salutiert vor der Wahrheit. Der Prophet Lamar hat gesprochen: „The reason my power’s here on earth. Salute the truth, when the prophet say – I got loyalty, got royalty inside my DNA.“

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