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S u c h r o b o t e r
Schriftenreihe herausgegeben vom
Forschungszentrum Populäre Musik
der Humboldt-Universität zu Berlin

in: PopScriptum 04 - Rechte Musik
© Klaus Farin, 1995



'Rechtsrock' - Eine Bestandsaufnahme

Klaus Farin, Deutschland


Ins Blickfeld der (Medien-)Öffentlichkeit geriet der «Rechtsrock» erst 1992. Auch die Bundesprüfstelle für jugendgefährdende Schriften (BPS), die in den 80er Jahren lediglich eine einzige Produktion — «Der nette Mann» von den Böhsen Onkelz — indiziert hatte, startete erst am 30. Oktober 1992 jene Verbotswelle, der bis heute (Mai 1995) 75 Tonträger und 72 szene-zugehörige «Fanzines» zum Opfer fielen. Doch schon ein flüchtiger Blick in die Indizierungsverfügungen zeigt, daß die BPS — bzw. die antragstellenden Jugendämter etc. — damit keinesfalls auf einen tatsächlichen Boom von neuen Aktivitäten rechtsradikal orientierter Bands reagierte: Die Mehrzahl der 1992/93 indizierten Tonträger stammte bereits aus den 80er Jahren, die indizierten Fanzines waren fast ausnahmslos längst vergriffen, Neuauflagen nicht geplant.

Anlaß und Ursache für Medien, Politik und «Jugendschutz» zur Beschäftigung mit dem Thema «Rechtsrock» wurde die rassistische Gewaltexplosion von 1991/92 bzw. die durch die internationale Empörung notwendig gewordene Suche nach Sündenböcken. Hier boten sich Skinheads, organisierte Neonazis und deren Musik geradezu an. So wurden in Politik und Medien immer wieder unreflektiert kausale Zusammenhänge zwischen dem Hören von «Rechtsrock» und dem Ausleben rassistischer Gewaltbereitschaft hergestellt. Gebetsmühlenartig taucht in den Medien ab Frühjahr 1992 die Behauptung auf, im Anschluß an Konzerte einschlägiger Rockgruppen sei es zu «Ausschreitungen» und «Übergriffen» vor allem auf Flüchtlingsunterkünfte gekommen, allerdings merkwürdigerweise, ohne daß diese Behauptung nur in einem einzigen Fall konkretisiert bzw. belegt wurde. Meine Nachrecherchen haben ergeben, daß diese «Überfälle» entweder von den AutorInnen selbst erfunden wurden (zur journalistischen «Dramatisierung» der Story) oder auf anderen zweifelhaften Quellen (vor allem früheren Beiträgen anderer Medien) basierten, die ihrerseits keine Belege nannten. Die wichtige Frage, ob Anfang der 90er Jahre wirklich ein gefährlicher Markt für rechtsradikale und rassistische Rockmusik in Deutschland entstanden war, konnte die inflationäre Medien«berichterstattung» nicht beantworten, da es den AutorInnen der Beiträge für gewöhnlich an minimalsten Grundkenntnissen zum Thema fehlte. Das «Aufklärungsinteresse» schien zumindest bei den journalistischen KollegInnen selbst nicht sehr groß gewesen zu sein. Eigene, z.B. lokale Recherchen finden sich kaum; neun von zehn Beiträgen in Funk und Printmedien enthalten nicht nur zuhauf sachliche Fehler (bis zu dreißig in einem einzigen Bericht habe ich gezählt), sie repetieren auch lediglich das, was andere zuvor gedruckt oder gesendet haben. Daß «Rechtsrock» zum Medienthema wurde, hat nichts mit dem realen Problemdruck zu tun und viel mit der verschärften Konkurrenzsituation auf dem Medienmarkt, die weitgehend die fundierte, langfristig angelegte und sauber recherchierte Aufklärung zugunsten spektakulärer, action-orientierter Reportagen verdrängt hat. Setzen beispielsweise, was recht häufig geschieht, Der Spiegel und BILD unisono ein Thema, hetzt der Rest der Branche aus Angst, zu spät zu kommen und ein möglicherweise wichtiges Thema zu verpassen, so schnell es geht hinterher. Eine Überprüfung dieses «möglicherweise», also der wirklichen Relevanz des Themas findet in der Regel nicht statt, da sie für die Entscheidung, ob das Thema «gemacht» (sic !) wird, keine Rolle spielt. So konnte es geschehen, daß Rockgruppen wie Störkraft , von denen bis zum Oktober 1992 kaum jemand auch nur einen Ton gehört hatte, plötzlich als ernstzunehmende Gesprächspartner von Talkshow zu Talkshow pilgern und Hunderte von Zeitungsspalten bevölkern durften — bis nun wirklich jeder Vierzehnjährige im ganzen Land wußte, was in war, und nicht wenige tatsächlich begannen, die Kaufhäuser zu stürmen, auf der Suche nach den «ultraharten Nazi-Bands».


Die Szene heute

Es existieren derzeit in Deutschland etwa 60 bis 80 «Rechtsrock»-Bands [1], die zumindest irgendwann einmal ein Demo-Tape verbreitet haben bzw. schon live aufgetreten sind, und vermutlich noch einmal die gleiche Zahl von Bands musikbegeisterter rechtsorientierter Jugendlicher, die jedoch bis zur Wiederauflösung nie den Probenkeller verlassen werden. Die Szene ist klein, überschaubar und seit Jahren relativ konstant [2]. Keine einzige dieser Bands kann von ihrer Musik leben. Kein Wunder: Seit der rigiden Verbotspraxis fanden jährlich bundesweit nicht mehr als 30 bis 40 Konzerte mit «Rechtsrock—Bands statt. Veranstaltungsorte waren oft Proberäume und sogar mehrfach Privatwohnungen, zu denen dann 30 bis 100 Fans anreisten. In einigen Fällen traten Junge Nationaldemokraten und FAP-Aktivisten als Veranstalter auf. Das größte «Rechtsrock»-Konzert des letzten Jahres lockte 800 Fans an, die aus der halben Bundesrepublik angereist waren.
Insofern die Bands ihre Auftritte nicht gleich selbst organisieren, erhalten sie als übliche Gage die Benzinkosten, ein warmes Essen und Alkohol bis zum Abwinken. Die Platten-/CD-Honorare bestehen in der Regel aus einer Anzahl von Freiexemplaren, die die Bands dann selbst weiterverkaufen dürfen. Zahlt ein Label überhaupt Geld aus, so liegen die Spitzensätze bei rund 10.000,— DM plus zehn Prozent «Gewinnanteil», eine Summe, die nach Abzug der Record Release Party-Kosten fast immer in die Verbesserung des Equipments oder die Anmietung eines Probenraumes investiert wird. Neben etwa 40 bis 60 Demo-Tapes (incl. Sampler und Konzertmitschnitte) mit zumeist handsignierten Auflagen zwischen 30 und 400 Stück erschienen 1994 etwa 40 LPs/CDs mit Startauflagen zwischen 500 und 6.000; selten erreichte einmal eine Band fünfstellige Verkaufszahlen [3].


Vertriebswege

«Rechtsrock» ist Independent-Musik. Man bekommt ihn nicht an jeder Ecke oder im Plattenladen nebenan. Wer Produktionen von Bands wie Freikorps oder Odins Erben, Werwolf oder Triebtäter kaufen möchte, braucht Kontakte, Adressen.
Der Vertrieb des «Rechtsrock» erfolgt weitgehend über szeneeigene Label und Mailorder, Skin-Fanzines und Neonazi-Magazine, bei Konzerten und Parties, über Militaria- und (wenige) Plattenläden, in Ausnahmefällen über die Industriefirma Bellaphon, die sich über den mit ihr assoziierten Produzenten Ingo Nowotny mehrfach rechtsradikale Kuckuckseier aus dem Heavy-Metal-Sektor ins Nest legen ließ, was zwar betriebsintern schon gelegentlich Kontroversen auslöste, ansonsten aber folgenlos blieb.
Obwohl es derzeit etwa zwanzig Mailorder-Anbieter in Deutschland und noch einmal so viele Importeure gibt, heißt der Marktführer weiterhin Rock-O-Rama. Der Betreiber dieses bereits 1977 als Punk-Vertrieb gegründeten Unternehmens, Herbert Egoldt, zuvor kein Aktivist der rechten Szene, sattelte erst Mitte der 80er Jahre auf «Blood & Honour»- und «White Power»-Bands um, nachdem mit Punk nichts mehr zu verdienen war. Obwohl in der etwa 2.000 Titel umfassenden Vertriebsliste von Rock-O-Rama überwiegend nicht-rechte Punk-, Hardcore-, Rock 'n' Roll-, Psychobilly- und Ska-Bands angeboten werden, ist das Kölner Unternehmen der weltweit bedeutendste Anbieter von Nazi-Musik. Rock-O-Rama soll nach Auskunft von Insidern 10. 000 Stammkunden in seiner Versanddatei haben.


Die Fans

«Die Jugend» gibt es ebenso wenig wie «den Jugendtrend». Eine dominante Jugendkultur existiert heute so wenig wie vor dreißig oder fünfzig Jahren, nur daß heute die Palette der Möglichkeiten größer und farbiger geworden ist, damit aber auch die Fluktuation höher und schneller, die Abgrenzungsrituale oberflächlicher und gleichzeitig diffiziler. Neben den etablierten Jugendidolen, Mainstreamstars wie Michael und Janet Jackson, Take That oder Bon Jovi, existieren unzählige Nischen- und Subkulturen: Techno, Rap, Punk, Heavy Metal, Hardcore, Psychobilly und klassischer Rock 'n' Roll, Soul, Ska, Reggae und seine Weiterentwicklungen (Raggamuffin, Dancehall...) usw., und um jeden Musikstil gruppiert sich eine eigene jugendliche Lifestyle-Szene. «Rechtsrock» und seine Fangemeinde ist eine dieser Farben, wobei in diesem Begriff nicht nur zwei Analyseebenen — Musik und politische Orientierung -, sondern sogar verschiedene Musikstile vereint werden.

Der typische «Rechtsrock»-Fan ist weiß, männlich und unter 30 Jahren. Einwanderer- und weiblichen Jugendlichen sowie älteren Fans und Musikern begegnet man in dieser Szene selten. Skinheads stellen entgegen der öffentlichen Wahrnehmung nur einen Teil der Anhängerschar dar [4].
Die Fanszene rekrutiert sich aus verschiedenen Motivationssträngen:
1. Ein Teil der Fans hört diese Musik aus politischer Überzeugung. Einfach gesagt: Jungnazis, junge Rassisten hören nazistische und rassistische Musik, um sich ideologisch aufzurüsten und in ihrer politischen Identität zu bestätigen. Diese Fans lehnen beispielsweise die «Negermusik» der ursprünglichen Skinheads, den Ska, häufig grundsätzlich ab. Die musikalische Qualität und Ausrichtung der Bands ist gegenüber den textlichen Aussagen zweitrangig...
2. Ein Teil der Fans ist quasi ausschließlich an der Musik interessiert. Heavy Metal — Fans hören eben (oder sammeln) Heavy Metal, unabhängig davon, ob die Bands oder deren Texte links oder rechts orientiert sind. Skinheads hören (oder sammeln) alles, was von Skin-Bands auf den Markt kommt... So sollte es nicht verwundern, wenn zum Beispiel auf Cassetten, die Jugendliche selbst für den Walkman oder Jugendclub zusammengestellt haben, die Toten Hosen nach den Böhsen Onkelz erklingen, Die Ärzte auf Störkraft folgen.
3. Ein Teil der Fans ist zwar an den Texten interessiert, aber nicht unbedingt rechts orientiert. Denn ein nicht zu unterschätzender Wert ist die Authentizität der Bands. Die Musiker kommen aus den gleichen Verhältnissen wie ihre Fans, leben wie sie, trinken mit ihnen, beantworten ihre Briefe, verschicken oft ihre Platten und Konzertdaten selbst. Es sind Stars zum Anfassen, Idole mit Bodenhaftung.
Dementsprechend ist auch ihre Musik. Der Sound ist geradlinig, simpel, laut — für Eltern und LehrerInnen garantiert ungenießbar. Die Texte ? Straßenlyrik, wie sie jeder 14jährige schreiben könnte. Auch rechtsradikale Bands vertonen nicht nur ihren Rassenwahn, sondern singen ebenso über Parties und Freundschaften, Fußball und Fußballrandale, Arbeitslosigkeit und Ärger mit den Staatsorganen, Sex und Liebe. Sie drücken das aus, was ihre Fans tagtäglich bedroht und erfreut, und das in einer Sprache, die auch die ihrer Fans ist. Die zumeist nur rudimentäre, simple Lyrik dieser Songs ist ebenso wie die oft handwerklich grausame Vertonung nicht nur eine Schwäche, wie elitäre Kritiker gerne behaupten, die sich über die «Primitivität» dieser Musik auslassen, sondern auch ein identitätsstiftender Faktor, dem von Jugendlichen favorisierte Musikstile vom Rock 'n' Roll bis zum Punk schon immer ihre Attraktivität verdankten. Das hat zunächst natürlich nichts mit «rechts» zu tun. Knallharter Rock und aggressive Texte sind keine Frage der politischen Orientierung. Rockmusik ist politisch neutral, Rebellion kein Privileg der Linken. Die derzeitige Attraktivität rechter Bands ist auch eine Folge des Vakuums auf der anderen Seite. Linksrebellische, deutschsingende Rockbands wie meinerzeit Ton Steine Scherben oder Udo Lindenberg gibt es heute kaum, mit Ausnahme der immer noch quicklebendigen Punkszene, oder sie sind Talkshow-kompatibel und somit Massenware. Daß ein Herbert Grönemeyer heute als «radikal» gilt, sagt wohl genug.
Für viele Jugendliche bedeutet «links» = etabliert. Gerade für männlich dominierte, Hardrock-orientierte Jugendszenen herrscht links ein Vakuum bzw. offene Abweisung und Ausgrenzung. Auch viele linksliberal orientierte Angehörige der Elterngeneration, obwohl selbst Rock-sozialisiert, haben große Probleme damit, diese Musik und vor allem deren aus eher «proletarischen» Milieus stammende Fans zu akzeptieren.
«Rechtsrock» ist so für viele Ältere doppelt verdächtig:
1. wegen seiner Texte und 2. wegen seiner Musik.

«Rockmusik führt zur Abhängigkeit von Alkohol, Drogen, zur Gewalttätigkeit und zur Homosexualität.» aus: «Wie man dekadente Musik erkennt. Ein Kulturführer.» Hrsg. von der KP Chinas (1983)

«Rechtsrock» ist ein Glücksfall für jene, die seit Jahren mit der These «Heavy Metal fördert Aggressionen» gegen lautstarke Rockmusik Sturm laufen. Natürlich ist das längst durch zahlreiche Studien widerlegter Unsinn [5]. Die Rezeption von Musik erfolgt differenzierter. Hardrock, Punk, Techno etc. können aggressiv stimulieren, aber ebenso Aggressionen abbauen. Entscheidender als das individuelle Produkt ist a) die Intensität bzw. Ausschließlichkeit des Konsums eines bestimmten Genres (z.B. Horror- oder Gewaltfilme) oder einer bestimmten Orientierung (z.B. Rechtsrock) sowie b) die persönliche Lebenslage des Rezipienten. Jugendliche werden nicht durch den Konsum von rechtsorientierter Rockmusik rechtsradikal, durch den Konsum von Horrorvideos oder Gewaltliteratur gewalttätig und grausam. Hört ein Jugendlicher intensiv «Rechtsrock», ist dies ein Signal für seine Umgebung (Freunde, Familie, LehrerInnen etc.), daß dieser Jugendliche möglicherweise rechte Orientierungen entwickelt hat, eine dringende Aufforderung, sich mit dem Jugendlichen und seiner Erlebnis- und Alltagswelt ernsthaft zu beschäftigen. Eine Ausgrenzung des Betreffenden bzw. Verbote bestätigen den Jugendlichen in seiner Haltung, daß er da etwas ganz Besonderes hört, und «die Gesellschaft»/«die Eltern»/«die Schule» sowieso gegen ihn sind. Verbote vermögen sicherlich Mitläufer und Randfiguren der Szene abzuschrecken, stabilisieren jedoch bei den ohnehin gefährdeteren Jugendlichen die negative Einstellung und die Zugehörigkeit zur Szene.
Fazit: Eine intensive oder gar ausschließliche Zuwendung eines Jugendlichen zu dieser Musik sollte sein persönliches Umfeld aufmerken lassen. Doch: Nicht jeder «Rechtsrock»-Fan denkt selbst rechts. Ob der Konsum bedenklich ist oder nicht, erfährt man erst auf der Grundlage einer gewissen Akzeptanz der jugendlichen Entscheidungsfreiheit. Verbote verhärten die Fronten und bedeuten letztendlich den Verzicht auf jegliches (pädagogisches) Einmischen.


Die Folgen der Repression

Waren bis 1991/92 Konzerte mit eindeutig neonazistischen Bands sowie die Produktion von entsprechenden Platten und CDs in Deutschland im Grunde genommen folgenlos möglich, so wurde die Szene seitdem zum Abtauchen gezwungen. Für eine Entwarnung ist es allerdings zu früh, die staatliche Repression hat — unabhängig von ihrer rechtsstaatlichen Zweifelhaftigkeit und politischen Unglaubwürdigkeit — durchaus zwiespältige Auswirkungen.

1. Deutsche Bands können seit 1993 praktisch keine offen neonazistischen oder krass rassistischen Platten/CDs mehr veröffentlichen. Auch Konzerte mit entsprechenden Bands sind derzeit kaum möglich und nur unter strengster Abschirmung durchführbar. Wird ein Konzerttermin und Ort bekannt, hat dies in der Regel einen großangelegten Polizeieinsatz, zahlreiche Festnahmen und bundesweite Schlagzeilen zur Folge. Das hat zur Verunsicherung der Szene geführt, «normalen» Fans, die diese Musik vielleicht hören möchten, aber nicht über einschlägige Szene-Kontakte verfügen, wurde es deutlich erschwert, an entsprechende Produktionen heranzukommen, geschweige denn Bands live zu erleben.

2. Ausländische Bands sind davon allerdings kaum betroffen. Britische, amerikanische, skandinavische etc. Bands können weiterhin mit eindeutigen Texten aufwarten. Ihre Produktionen sind weiterhin über deutsche Mailordervertriebe wie Rock-O-Rama oder über Bestelladressen in Dänemark, Belgien, Frankreich, Großbritannien oder anderen Staaten erhältlich.

3. Bands, die weiterhin eindeutige Aussagen transportieren wollen, veröffentlichen ihre Songs gleich nur auf Demo-Tapes, d.h. auf mit einfachster Technik preiswert und unzensiert selbst aufgenommenen Cassetten. Deren Vertrieb läßt sich faktisch nicht unterbinden. Da die Mehrheit dieser Bands ohnehin nur von Gleichgesinnten und Szene-Angehörigen erhört werden will, bedeutet dies keine ernsthafte Einschränkung ihres Schaffens.

4. Andere «Rechtsrock»-Bands, sicherlich die mit Abstand größte Gruppe, passen ihre Texte an. Sie vermeiden eindeutig (neo)nazistische Reizwörter, loten die Grenzen der Legalität aus, indem sie ihre Ansichten in eine juristisch kaum angreifbare Sprache verkleiden, für ihren Rassismus Formulierungen wählen, die eben auch aus deutschen Parlamenten zu hören sind — die Fans wissen ja ohnehin, was gemeint ist. Bei Konzerten werden «Sieg Heil!»-Rufe oder das Erheben des rechten Armes sofort mit dem Hinweis «Wir wissen ja, wie wir denken» unterbunden. Distanzierungen von den Gewalttätern gehören quasi zum guten Ton: «Wir haben es satt, mit Idioten und Mördern in einen Pott geschmissen zu werden.», verkünden Sturmgesang auf ihrer im April '94 eingespielten Produktion «Erschaffen im Sturm», «Die Provokationen sind vorbei, sie haben ihren Dienst getan.» — «Kameraden — distanziert Euch von Gewalt. Wissen ist Macht !!!», fordern Oi Dramz die Hörer ihrer '94er CD «Skinhead» auf. Und Rheinwacht warnen in ihrem Song «Valhalla»:

«Den rechten Arm zum Gruß gestreckt
hast Du nur Haß und Gewalt gesät
lachend stehst Du jetzt vor einem brennenden Haus
es laufen die letzten Leute heraus
Viele von uns werden nun gejagt
das ist die Antwort auf Deine dumme Tat
Viele von uns mußten dran glauben
denn Du mußtest fremdes Leben rauben.»

«Gewaltverherrlichung kann der rechten Szene nur schaden» (René Heizer), haben viele Rechte inzwischen erkannt. Das bedeutet nicht unbedingt eine Veränderung der Einstellungen. So erklärt der frühere JN-Barde René Heizer, der 1993 seine alten Lieder im Aufwind der Szene erneut auf den nationalen Markt brachte, im gleichen Interview mit seinem Produzenten Manfred Rouhs «(Europa vorn»): «Man kann Solingen und Mölln als Endresultat einer bankrotten Kulturpolitik der herrschenden Parteien bezeichnen. Falls tatsächlich junge Deutsche Mordanschläge gemacht haben — was noch nicht bewiesen ist -, ist die Schuld nicht bei den Jugendlichen zu suchen, sondern bei den verantwortlichen Politikern, die der deutschen Jugend ein artfremdes Umfeld angeboten haben.»
Auch Störkraft — Sänger Jörg Petritsch äußert sich in einem Brief an den im März '95 wegen Beihilfe zum versuchten Mord zu 8 Jahren verurteilten Herausgeber des Nazi-Zines «United Skins», Carsten Szczepanski, zu seinen Distanzierungserklärungen — die er u.a. in der Talkshow «Einspruch» von sich gegeben hatte: «Fast 3 Mio. Menschen haben die Sendung gesehen, somit wurde ein riesiges Publikum erreicht, was wir sonst nicht haben — wir sind im Gespräch und nicht nur Störkraft sondern alle die, die die gleichen Ziele haben. Natürlich stehen wir voll und ganz zu dem, was wir gemacht haben, doch der Druck auf uns wurde so stark, daß wir ihm kaum noch standhalten konnten. Wir haben Anzeigen wegen Volksverhetzung laufen, das hindert an freier Entfaltung. Wir mußten gewisse Zugeständnisse in der Öffentlichkeit abgeben, um vor Gericht besser dastehen zu können.»

Während sich also ein harter Kern in den subkulturellen Untergrund zurückgezogen hat, versuchen andere Bands, mit «gemäßigten», gerne «unpolitisch» genannten Produktionen eine größere Akzeptanz zu erreichen oder zumindest Verbote jeglicher Art zu vermeiden. Ein Teil der Szene zog aus der Repression die Schlußfolgerung, daß die Eskalationsstrategie der offenen Herausforderung dieses Staates, wie sie schon früher linksmilitante Bewegungen bis zur RAF erprobten (und daran scheiterten) und in der Wiedervereinigungseuphorie der Jahre 1989-'92 auch in der rechten Szene hoffnungsfroh praktiziert wurde, nicht funktioniert. Es ist weder gelungen, den Nationalsozialismus auf der Straße zu legalisieren noch entsprechende Parteien parlamentarisch zu etablieren. So setzt man nun wieder auf verdeckte Vorgehensweisen — auch in der Musik [6].

Der bis vor wenigen Jahren recht überschaubare Markt für «Rechtsrock» mit dem Kölner Vertrieb und Label Rock-O-Rama/ISV als Quasi-Monopolist hat sich ausdifferenziert. Allein seit 1992 entstanden acht neue Mailorder und Plattenlabel, die sich ausschließlich um «Rechtsrock» bemühen. Die politische Herkunft und Orientierung von Produzenten und Bands wird in der Regel zumindest oberflächlich unter Attributen wie «unpolitisch» oder «nonkonform» verdeckt, so daß zwar Szene-Angehörige orientiert sind, der Staat aber keine Möglichkeiten des Eingreifens bekommt. Nicht wenige Bands bemühen sich, das Skinhead-Image abzulegen. Nicht nur die Haare wachsen, auch die Musik erhält neue Farben. Neben die führenden Spielarten des Heavy Metal treten Mainstream-Rock, Pop, Techno, Liedermacher oder, zur Zeit auch unter deutschen Bands sehr populär, Balladen. Die Texte fordern nicht mehr «Ausländer raus» sondern «Drogenkriminelle raus», man gibt sich deutschnational statt nationalsozialistisch, statt «Asylanten» geraten nun Linke in den Zenit der Feindorientierung.

Sturmwehr: Eure Zeit ist vorbei

«du bist links und kommunist
rote fahne antifaschist
pds oder mlpd
es tut mir im herzen weh

marx und engels eure ideale
antideutsche linksradikale
eure zeit ist schon längst vorbei
mitteldeutschland endlich frei...

randale und terror von autonomen
bald wird man euch dafür belohnen
eure zeit ist vorbei
gegen links unser schrei

Refrain:
du denkst verkehrt
deine meinung ist heute nichts mehr wert...»

Der «Rechtsrock» der 90er Jahre klingt (textlich) nicht mehr so offensichtlich barbarisch wie der der 80er, aber er ist damit auch potentiell konsensfähiger geworden. Ob dies besser ist, wage ich zu bezweifeln.

Kettenhund: alltag

«unverständliche gesetze
skandale, keine arbeitsplätze
korruption und steuerlügen
den bürger vorsätzlich betrügen

Refrain:
habt ihr es noch nicht erkannt
das ist der alltag in unserem land
steh'n kurz vor dem ruin
wer kriegt das wieder hin ?

großstadtlichter leuchten zufrieden, hell
gedanke an wohlstand vergeht schnell
steigende preise, wohnungsnot
zerfall der moral, drogentod

das land ist in großer not
von terror und gewalt bedroht
bald ist es vollbracht
das volk um den lohn der arbeit gebracht»



Endnoten

  1. Dazu zähle ich sowohl Bands mit neonazistischen und/oder rassistischen Texten als auch jene, deren Mitglieder der rechten Szene angehören, obgleich die Songtexte dies nicht zu erkennen geben. 

  2. Zum Vergleich: Allein in Sachsen wurden 1994 fünfundsechzig christlich-pazifistische Bands von kirchlichen Gruppen gesponsert. 

  3. Außerdem drängen natürlich «Rechtsrock»-Bands aus aller Welt auf den deutschen Markt. Da diese in ihren Heimatländern keinen dem deutschen Recht vergleichbaren Zensurbestimmungen unterliegen, sind deren Textaussagen und (Cover-)Bildmotive in der Regel deutlich drastischer als die der gebremsten Deutschen. 

  4. Das hängt mit der musikalischen Entwicklung zusammen. Die traditionellen Skinheadmusikstile sind Ska, eine frühere Version des Reggae, und Oi! (also Punk; «Oi!» ist lediglich ein Marketingbegriff, mit dem die Skinszene sich Anfang der 80er Jahre vor allem von Modepunks abzugrenzen suchte); dem musikalischen Trend des «Rechtsrock» vom Punk zum Heavy Metal seit Mitte der 80er Jahre folgte nur ein Teil der Skinszene, vor allem die jüngeren. 

  5. Vgl. z.B. das von den Soziologen Michael Altrogge (Freie Universität Berlin) und Rolf Amann (Scala media) im Auftrag der Landesmedienanstalt erarbeitete Gutachten «Struktur, Nutzung und Bewertung von Heavy Metal-Videoclips», Berlin 1990. 

  6. Natürlich haben auch immer wieder Bands oder einzelne Bandmitglieder der rechten Szene ernsthaft den Rücken gekehrt. Die Fluktuation ist in diesem Bereich sogar überrraschend groß, so daß jedes einmal gefällte Urteil regelmäßig überprüft werden sollte. 

Literatur

Klaus Farin/Eberhard Seidel-Pielen: Skinheads. (C.H. Beck) München 1993.

Klaus Farin/Eberhard Seidel-Pielen: «Ohne Gewalt läuft nichts!» Jugend und Gewalt in Deutschland. (Bund-Verlag) Köln 1993.


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