Ist es gesund, Egoist zu sein?

"Gesundheit durch Eigensinn", fordert der Arzt und Schfiftsteller Dr. Till Bastian. Wer öfter an sich selbst denkt, lebt länger. Was ist dran an dieser These?

Journalist: Egoistisch sein ein erstrebenswertes Ziel?

Dr. Bastian: Nein, überhaupt nicht. Ich spreche nicht von Egoismus sondern vom Eigensinn. Sich nicht alles von der Gesellschaft diktieren lassen darauf kommt es an. Heute kämpfen wir nicht mehr gegen wilde Tiere oder bieten Räubern die Stirn die Herausforderungen der modernen Gesellschaft sind anderer Art. Leistungsdruck und Bürokratie sind allgegenwärtig. Wer "dazu" gehören will, muss viele Normen erfüllen, sich selber beobachten und sich ständig kontrollieren. Das beginnt bei der Steuererklärung, endet bei Modetrends und beim Idealgewicht. Viel zu oft denken wir an die anderen nicht an uns selbst.

Stets auf die Erwartungen anderer zu achten und diesen auch entsprechen zu wollen, erzeugt Wtress. Es ist einfach anstrengend, immer schick, leistungsfähig und erfolgreich zu sein. Und ist das Ganze von Misserfolg gekrönt, dann steigt die Belastung noch viel stärker an. Wenn dieser Stress nicht körperlich abgebaut werden kann, etwa wie in früheren Zeiten im Kampf oder durch Flucht, dann wird er zur schädlichen Dauerbelastung. Menschen die sich ihre eigene Werteordnung entwerfen, die es akzeptieren können, auch mal Außenseiter zu sein, und auf das dumme Gerede ihrer Nachbarn pfeifen, sind zwar nicht gegen Krankheiten gefeit. Aber sie haben wesentlich bessere Chancen auf ein langes und gesundes Leben.

Viele beispiele hat der britische Psychologe David Weeks dokumentiert er hat Querköpfe und Sonderlinge studiert, die es in England ja reichlich gibt. Ihre Lebenserwartung liegt über dem Durchschnitt. Und umgekehrt: "Supersenioren" das heißt Menschen, die älter als hundert Jahre sind sind oft zeitlebens selbstbewusst und unangepasst gewesen. Einsamkeit ist gesundheitsschädlich darüber sind wir uns einig. Aber ich komme dann am besten mit anderen Menschen aus, wenn ich es mit mir selber aushalte und nicht vor mir selbst weglaufen muss. Und vielleicht finde ich gerade durch dieses Zu-mir-selbst-Stehen wertfolle Freunde, die weniger auf Äußerlichkeiten, dafür aber um so mehr auf den Kern eines Menschen achten. Ein eigensinniger, selbstbewusster Mensch ist einfach interessanter und damit attraktiver. Selbstbewusstsein lässt sich ebenso trainieren wie die Fähigkeit zum Genuss. Und es ist nie zu spät, damit anzufangen. Das kann sogar zum sebstverstärkenden Prozess werden. Je klarer ich erkenne, dass es von mir selber abhängt, wie viel Lebensfreude ich empfinde, desto häufiger werde ich Gelegenheit zur Freude finden.


© 2000, Francopolis. Tous droits réservés.