"Unis sind keine Wärmehallen"
Journalist:
Herr von Trotha, Baden-Württemberg hat im Vergleich zu anderen Bundes-ländern überdurchschnittlich
viele Hochschulen im Europa-Ranking plaziert. Sind sie überrascht?
Trotha:
Nein, überhaupt nicht. Dieses Land war in Sachen Bildungspolitik immer schon
sehr engagiert. Schließlich finden Sie hier Hochschulen, die sich ihr Ansehen seit
Jahrzehnten, ja zum Teil seit Jahrhunderten erarbeitet haben. Das Teilnehmerfeld wurde
von Professoren zusammengestellt. Trotz der Expansion der Hochschulen kennen sich
die Fachvertreter untereinander immer noch sehr gut. Man kann sich auf das Urteil
der Professoren schon verlassen.
Die Ergebnisse der Studentenumfrage sind für Baden-Württemberg nicht so erfreulich.
Ehrwürdige Anstalten wie Heidelberg oder Tübingen landen im Europa-Vergleich im Mittelfeld
oder gar im hinteren Drittel. Die studierenden fühlen sich in Cambridge oder Oxford offenbar eher willkommen, besser aufgehoben. Dort gibt es noch so etwas wie eine
Lebens- und Leistungsgemeinschaft von Lehrenden und Lernenden. Bei uns gelten dagegen
die Ideale Wilhelm von Humboldts: Einsamkeit und Freiheit. Das Verhältnis zwischen
Lehrenden und Lernenden wird in großen Universitäten immer distanzierter, auch wenn
sich alle Beteiligten noch so sehr bemühen.
Ich bin dafür, daß ganz erhebliche Änderungen vorgenommen werden. Jede Erstberufung
sollte möglichst nur auf ein Jahr zur Probe erfolgen. Schon heute kann ich zwar eine
solche Berufung auf Zeit vornehmen, wenn aber andere Bundesländer eine Lebenszeitstelle anbieten, bin ich eben nicht konkurrenzfähig. Ich lebe privat in Konstanz, und von
dort aus sehe ich, daß auch an den benachbarten Schweizer Universitäten die Verbeamtung
auf Lebenszeit üblich ist, nicht aber bei den Eidgenössischen Technischen Hochschulen -und beide Systeme funktionieren. Man
muß aber auch sehen, daß die öffentliche Hand schon heute in vielen Bereichen nicht
mit den Gehältern der Wirtschaft konkurrieren kann. Das heißt: Wir zahlen weniger
als die Wirtschaft, bieten aber verläßlichere Arbeitsverhältnisse. Wenn ich mehr
zahlen könnte, hätte ich gar kein Problem, auf Zeitverträge überzugehen.
Das neue Hochschulrahmengesetz ist daran gescheitert, daß die SPD-regierten Länder
aus rein ideologischen Gründen gegen jede Studiengebühr sind. Dabei muß niemand bei
uns vom ersten Semester an bezahlen. Erst wenn die Regelstudienzeit sowie vier weitere
Semester abgelaufen sind, werden pro Semester etwa 1000 Mark fällig. Wir wollen damit
erreichen, daß sich junge Leute von Anfang an ihr Studium sinnvoll einteilen, aber
wir wollen auch die Universitäten zwingen, die Studiengänge so
anzubieten, daß sie in der Regelstudienzeit absolviert werden können.
Etwas Ungerechteres als die jetzige Situation kann man sich überhaupt nicht
vorstellen. Ich bin selbstverständlich der Überzeugung, daß niemand aus sozialen Gründen
am Studium gehindert werden darf. Ich möchte nur eine Enttabuisierung dieses Themas.
Aber noch mal: Mir geht es zunächst um den Abbau der Studienzeiten.Wir haben in Baden-Württemberg unter unseren 124 000 Uni-Studenten 11000, die länger als 20 Semester
studieren. Es gibt kaum einen Tatbestand, der das Ansehen der Universitäten mehr
diskreditiert als dieser. Das muß ein Ende haben.Unis sind Leistungsunternehmen und
keine Warte- oder Wärmehallen. Man kann nicht auf der einen Seite die Überlast der Hochschulen
beklagen und dann sagen, es kommt gar nicht darauf an, wie viele aus anderen Gründen
mit dabei sind.
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