Prager Balkon ein Meilenstein auf dem Weg zur deutschen und zur europäischen Einheit

Rede von Bundeskanzler Gerhard Schröder anlässlich der Festveranstaltung zum 10. Jahrestag der Ausreise der Botschaftsflüchtlinge am 30. September 1999 in Prag:

Sehr geehrter Herr Präsident,
sehr geehrter Herr Parlamentspräsident,
sehr geehrter Herr Ministerpräsident,
meine sehr geehrten Damen und Herren!

Heute vor zehn Jahren sind vom Balkon dieses Gebäudes Worte gesprochen worden, die den Lauf der Ereignisse in Europa dramatisch beeinflusst haben: "Liebe Landsleute, wir sind heute zu Ihnen gekommen, um Ihnen mitzuteilen, dass heute Ihre Ausreise in die Bundesrepublik Deutschland möglich geworden ist." Das war die erlösende Nachricht für viele Menschen, die der damalige Bundesaußenminister, also Sie, Herr Genscher, zusammen mit dem damaligen Kanzleramtsminister Rudolf Seiters, der auch hier ist, den hier zusammengedrängten Flüchtlingen aus der damaligen DDR überbringen konnte. Ich füge hinzu: Herr Genscher, dies wird eine historische Leistung bleiben, die mit Ihrem Namen und den Namen Ihrer Mitstreiter verbunden bleiben wird. Wir alle erinnern uns : In dramatischen Zugfahrten konnten etwa 4000 Bürgerinnen und Bürger der damaligen DDR Prag und die Botschaft verlassen, wo sie unter schwierigsten Bedingungen zum Teil wochenlang ausgeharrt hatten. Wer wird die aufreibenden Stunden vergessen können, als die "Züge der Freiheit", wie sie nicht zu Unrecht genannt
worden sind, noch einmal damaliges DDR-Gebiet durchqueren mussten. Welche Erleichterung müssen Sie, die Sie als ehemalige Flüchtlinge hier sind, gespürt haben, als sie schließlich die damalige innerdeutsche Grenze bei Hof überqueren konnten.

Die historische Prager Balkonszene war ein Meilenstein auf dem Weg zur deutschen und zur europäischen Einheit. Hier riss der Eiserne Vorhang. Nur wenige Wochen später stürzte die Berliner Mauer unter dem Ansturm friedlicher Menschen buchstäblich ein.

Verehrter, lieber Herr Präsident Havel, die tschechische Bürgerrechtsbewegung hat diesen Prozess maßgeblich mit vorbereitet, auch wenn sie brutal unterdrückt wurde: ihr Mut, auch Ihr ganz persönlicher Mut, verehrter Herr Präsident, hat Europa zum Guten verändert. Am 17 November brach sich der Freiheitswille von Tschechen und Slowaken Bahn in dem, was man "samtene Revolution" nannte, und legte die Grundlage für die Rückkehr der damaligen Tschechoslowakei nach Europa. Das ist ein historisches Ereignis von ungeheurer Tragweite.

Verehrter, lieber Herr Präsident, verehrter, lieber Herr Ministerpräsident, ich bin heute nach Prag gekommen, um all den damals Beteiligten den herzlichen Dank des gesamten deutschen Volkes für Ihren Beitrag zu dieser friedlichen europäischen Revolution auszusprechen. Meine Anerkennung, ja meine Bewunderung gilt zunächst den damaligen Zufluchtsuchenden, von denen ich einige hier heute ganz herzlich
begrüße. Ich denke, man kann sagen, dass Ihre Entschlossenheit, einem Leben in Unfreiheit zu entfliehen, vielen Menschen in der früheren DDR Hoffnung auf ein neues,
friedliches Leben gegeben hat und viele der Menschen in ihrer Zivilcourage bestärkt. Sie waren es, die nach der Regierungsübernahme durch die Solidarnosc in Polen und
nach der Grenzöffnung durch die ungarische Regierung dem SED-Regime einen weiteren schweren Schlag versetzten. Hiervon sollte sich das SED-Regime nicht mehr erholen.

Mein Dank und meine Anerkennung gilt auch dem hier anwesenden damaligen Botschafter Huber und allen Angehörigen der Botschaft sowie den Helfern des Deutschen Roten Kreuzes. Sie waren es, die in den entscheidenden Wochen wirklich einfühlsam und unbürokratisch schier Unmögliches geleistet haben. Danken will ich schließlich auch für die vielen offenen und gelegentlich versteckten Hilfen und Sympathiebezeugungen der Prager Bürgerinnen und Bürger und der Hilfsorganisationen, die sich von den Sicherheitskräften eben nicht einschüchtern ließen. Das tschechische Volk knüpfte damit an den unbeugsamen Widerstand gegen die kommunistische Diktatur an. Ein Widerstand, für den beispielgebend und beispielhaft Sie, Herr Präsident, Ihre Mitstreiter von der Charta 77 und die Akteure des Prager Frühlings stehen. Indem die Prager Bevölkerung den Deutschen half, half sie sich selbst auf dem Weg zu Demokratie und zur Verteidigung der Menschenrechte. Die Prager Ereignisse wurden so zu einem weiteren Auslöser der Wende auch und gerade in der damaligen Tschechoslowakei. Ich füge hinzu: Ohne den Beitrag von Tschechen und Slowaken, ohne den Beitrag der Völker in den anderen Reformstaaten Mittel- und Osteuropas hätte die deutsche Einheit niemals gelingen können. Die Solidarität, die wir damals erfahren haben das ist unsere feste Überzeugung , werden wir zurückgeben. Zugleich gilt: dass die Teilung Deutschlands Teil der Trennung Europas war. Deshalb hat die Wiedervereinigung Deutschlands auch den Weg für ein Zusammenwachsen Europas frei gemacht. Die Reformstaaten in Ost- und Südosteuropa werden hiervon profitieren.

Das vereinte Deutschland bleibt dem Ziel einer Vertiefung und Erweiterung des europäischen Integrationsprozesses verpflichtet. Beides Vertiefung und Erweiterung ist untrennbar miteinander verbunden. Die Beitrittsverhandlungen der EU mit Tschechien sind im vergangenen Jahr gut vorangekommen. Wir werden uns auch weiterhin dafür einsetzen, dass sie so rasch wie möglich zu dem von der Tschechischen Republik, von ihrer Regierung, vom Präsidenten gewünschten Erfolg führen.

Die deutsch-tschechischen Beziehungen sind heute besser, als sie je nach dem Zweiten Weltkrieg waren. Deutsche und Tschechen sind heute erstmals Verbündete in einem Militärbündnis und hoffentlich auch bald Partner in einer erweiterten Europäischen Union. Der Zukunftsfonds und das deutsch-tschechische Gesprächsforum haben schon seit einiger Zeit hervorragende Grundlagen für diese politische Entwicklung gelegt. Ihr Besuch in Bonn Anfang des Jahres, sehr geehrter Herr Ministerpräsident Zeman, hat hierzu einen wichtigen Beitrag geleistet. Wir wollen die Voraussetzungen weiter verbessern, dass Deutsche und Tschechen sich verantwortungsvoll und angstfrei mit ihrer eigenen Vergangenheit auseinandersetzen können. Lassen sie uns hieran gemeinsam arbeiten. Für das vereinte Europa, das wir gemeinsam mit den Partnern bauen, und für unsere gemeinsame Zukunft in der Mitte Europas.



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