Berufsbegleitender Teilzeitstudiengang der Humboldt-Universität zu Berlin in Kooperation mit dem Berliner Institut für Psychotherapie und Psychoanalyse

Vorlesungsreihe „Flucht und Verdrängung“

 

Eine Anthropologie, die davon ausgeht, dass Menschen sesshaft sein wollen, und eine Identitätspolitik, die die Frage, wer wir sind, mit der verknüpft, woher wir kommen, müssen gegenwärtige und vergangene Migrationsbewegungen als Phänomene wahrnehmen, die verbunden sind mit Mangel und Konflikt, Gefährdung und Gefahr. Um hier genauer zu differenzieren, sieht sich die psychoanalytische Kulturwissenschaft vor die Aufgabe gestellt, die unbewussten Aspekte gegenwärtiger (politischer und individueller) Fremdheitserfahrungen und ihre historische Genealogie nachzuzeichnen.

Im Wintersemester 2016/17 und im Sommersemester 2017 laden das BIPP und das Institut für Kulturwissenschaft zu einer gemeinsamen Vorlesungsreihe ein, die unter dem Titel „Flucht und Verdrängung“ gegenwärtige Fremdheitserfahrungen aus psychoanalytischer und kulturwissenschaftlicher Perspektive diskutieren will.

 

donnerstags, 18.15 bis 20 Uhr

Georgenstraße 47, 10117 Berlin, Raum 0.07

 

12.1.2017

Bernhard Waldenfels, „Fremde im eigenen Haus“

Ist der Mensch nicht Herr im eigenen Hause, so betrifft dies auch die Flüchtlinge, die uns als Gäste in Not heimsuchen. Ankunft und Aufnahme der Schutzsuchenden stellen sich als ein Doppelereignis dar, das immer wieder neue Antworten hervorruft. Feindschaft läßt sich verstehen als verdrängte Fremdheit; dann aber stößt die Verdrängung nicht bloß auf eigene Wünsche und Ängste, sondern ebenso auf fremde Ansprüche. Die Unbedingtheit der Gastfreundschaft verwirklicht sich nur in einer responsiven Politik, die in das Bestehende eingreift. Es bedarf einer Politik des Fremden, die Eigenes und Fremdes in ein neues Licht rückt.

 

26.1.2017

Mario Erdheim, „Das Fremde in der Adoleszenz“

Die Repräsentanz des Fremden erfährt im Verlauf der psychischen Entwicklung wichtige Transformationen. Eine davon ist geprägt durch die Adoleszenz: Die Fremdenrepräsentanz organisiert die Ablösung vom Familiären und die Zuwendung zum Kulturellen.

 

9.2.2017

Burkhard Liebsch, „Politische Verdrängung und Flucht“

Nur ursprünglich Fremde können überhaupt „zusammen“ leben. Gewalt droht ihnen schon dann ‒ lange bevor sie sich ggf. dazu gezwungen sehen, anderswo eine Zuflucht zu finden ‒, wenn sie für ein Zusammenleben den Preis bezahlen sollen, ihre ursprüngliche Fremdheit zu verdrängen oder zu verleugnen, um auf diese Weise „aufgehoben“ zu werden in einer fragwürdigen Familiarität, deren politische Implikationen hier mit Blick auf aktuelle Probleme der Flucht und der Migration bedacht werden.

 

20.4.2017

Rüdiger Eschmann, „Rechtspopulismus – Zur Psychoanalyse des Postfaktischen“

Aufklärung tut Not über die anthropologische Notwendigkeit von Fremdheit und Gastfreundschaft, von Differenz und Toleranz. Aufklärung tut Not, aber solange sie die Not verdrängt und verleugnet, die der Rechtspopulismus zu beantworten vorgibt, läuft sie ins Leere. Dann wird Aufklärung als ein weiteres Repressionsmanöver der Eliten erlebt und Wissen, Moral und Realitätsprüfung werden ignoriert. Es sind bereitliegende Muster des Unbewussten, die durch sozialökonomische Faktoren zum Leben erweckt und durch rechte Verführer ausgenutzt werden. Psychoanalytische Hypothesen sollen auf aktuelle sozialwissenschaftliche Befunde bezogen werden.

 

4.5.2017

Inga Anderson, „Trauernde Gemeinschaften?“

Trauerrituale und öffentliche Äußerungen der Trauer können Gemeinschaften stiften und stabilisieren. Die Ausdrucksformen der Trauer, ihre Gesten, ihre Rhetorik und ihre Symbole, erweisen sich dabei als reguliert und regulierend. Doch zugleich wird dem Affekt der Trauer ein gemeinschaftssprengendes Potential zugeschrieben, eine Kraft, die sich den Ein- und Ausschlüssen einer Regierung weder beugen will noch beugen kann. Welche besondere Rolle spielt diese Spannung dort, wo Verluste betrauert werden, die mit Flucht und Migration einhergehen?

 

19.5.2017 (freitags!), 19 Uhr

Alain Vanier, „Zur Aktualität der Gewalten“

Indem er in seiner Antwort auf Einstein Recht mit Gewalt verbindet, kommt Freud, nach Totem und Tabu und der ursprünglichen Mordtat, auf die fundamentale Frage nach dem sozialen Band zurück, auf die Gewalt, die es gleichzeitig begründet und bedroht, sowie auf das, was sie reguliert.
„Gewalt wird gebrochen durch Einigung“, weil „…es nicht mehr die Gewalt eines Einzelnen ist, die sich durchsetzt, sondern die der Gemeinschaft“; so garantiert die Gewalt das Recht. Aber er fügt hinzu: „Es ist ein Fehler in der Rechnung, wenn man nicht berücksichtig, daß Recht ursprünglich rohe Gewalt war und noch heute der Stützung durch die Gewalt nicht entbehren kann.“
Aber was ist die Natur dieser Gewalt? Ist es eine oder sind es mehrere? Lacan unterstreicht mit Freud, dass der Krieg eine der Formen des menschlichen Umgangs (commerce) ist und dass er tief in den Strukturen des Austauschs wurzelt, von dem er eine seiner Modalitäten ist. Aber wenn nach Freud der Zusammenschluss einer Gruppe immer auf dem Ausschluss einer anderen beruht, die den ganzen Hass polarisiert, wie steht es dann heute, in Zeiten der Globalisierung, wo die Grenzen und Traditionen uns nicht mehr vom Anderen trennen; in diesen Zeiten, wo man sich vermischt, wo sich der wachsende Individualismus padoxerweise auf einen Körper bezieht, der als ein organisches Material begriffen wird, als Kanonenfutter der modernen Kriege, wo die Unterscheidung von militärischer und ziviler Funktion – sich einer Intuition Walter Benjamins fügend – subvertiert wird?

 

1.6.2017

Monika Englisch und Sanja Hodzic, „ Der Körper als Vermittler unbewusster Botschaften im transkulturellen Dialog“

Mit dem Körper fühlen wir uns in die Welt ein, er ist vor dem Hintergrund der Dynamik von Flucht- und Migrationsbewegungen wie auch der Hybridisierung unserer Gesellschaften ein sich ständig wandelnder Ort gesammelter Erfahrungen mit dem Selbst, dem Sozialen und dem Kulturellen. Die Einschreibungen der Gesellschaft und Kultur in den Körper gewinnen in unseren Behandlungszimmern zunehmend an Bedeutung – sie warten als „Botschaften des Körpers“ darauf, in der Begegnung mit dem Anderen eine Bedeutung zu finden. Wir gehen aus der Perspektive der Theorie und der klinischen Erfahrung im Vortrag der Frage nach, wie sich die kulturelle Dimension der Identität unserer Patienten und unsere eigene in der analytischen Beziehung begegnen. Den unbewussten Botschaften des Körpers kommt in diesem Dialog eine besondere Bedeutung zu.

 

15.6.2017

Thomas Macho, „Niemandsland, Todesstreifen, Träneninsel: Zur Entstehungsgeschichte der Nicht-Orte zwischen den Grenzen“

Ausgehend von Marc Augés Theorie der Nicht-Orte soll die Geschichte der Übergangszonen zwischen den Staatsgrenzen nachgezeichnet werden. Einerseits wird es dabei um Prozesse der Institutionalisierung (Registrierung, Namensgebung, medizinische Untersuchung, Ausstellung von Dokumenten usw.) gehen, andererseits um die Ausprägung imaginärer Zuschreibungen (des Todes, der Passage, des Unbewussten), die mit psychoanalytischen Theorien und Begriffen kommentiert werden soll.

 

13.7.2017

Susanne Lüdemann, „Flucht, Verdrängung und das ‚nationale Ding’“

Wenn Xenophobie und Rassismus im Gefolge der sogenannten „Flüchtlingskrise“ mit dem Wiederaufleben eines − im Zeichen Europas für überwindbar gehaltenen − Nationalismus erklärt werden, so kommt das einer Tautologie gleich: Ebensogut kann man den wiederauflebenden Nationalismus durch Xenophobie und Rassismus „erklären“ – und hat damit ebenso wenig gesagt. Unklar bleibt vor allem, wie in den gegenwärtigen Bedrohungsszenarien von „Überfremdung“, „Invasion“ und „rechtsfreien Räumen“ psychische und politische Vorgänge ineinandergreifen − welches psychische, geopolitische oder nationale „Ding“ (S. Žižek) durch die „Flüchtlingskrise“ (die absurderweise nur noch als Krise der Aufnahmeländer wahrgenommen wird) überhaupt bedroht wird. Der Vortrag sucht Antworten in verdrängten historischen Kopplungen von nationalstaatlichen Grenzen und Körpergrenzen.