III. Sozialphilosophische Perspektive

Kontingenz der Erfahrung – Erfahrung der Kontingenz

Bockrath, F. (2012): Kontingenz der Erfahrung – Erfahrung der Kontingenz.

In: S. Körner/P. Frei (Hrsg.) Die Möglichkeit des Sports. Kontingenz im Brennpunkt sportwissenschaftlicher Analysen (129 -156) Bielefeld 2012: transcript

Franz Bockrath

Im vorliegenden Beitrag wird zunächst versucht, die reflexive Bedeutung von Erfahrungen als „immer schon“ vermittelte zu begreifen, womit zugleich das falsche Versprechen unmittelbarer Einsichten und unvermittelter Gewissheiten zurückgewiesen wird. In einem zweiten Schritt werden schließlich ebenso jene begriffszentrierten Vermittlungsversuche kritisiert, die mit dem Anspruch auftreten, Erfahrungen kategorial zu vereindeutigen, wodurch die Unbestimmtheit und Offenheit von Erfahrungsprozessen bedroht wird. Vor diesem Hintergrund wird in einem dritten Schritt am Beispiel der theoretischen Figur der „vermittelten Unmittelbarkeit“ (Plessner) die Frage nach dem reflexiven Potenzial der Kontingenz von Erfahrungen als Erfahrungen der Kontingenz für ästhetische Bildungsprozesse gestellt. In diesem Zusammenhang wird deutlich werden, dass die Offenheit und Reflexivität von Erfahrungsprozessen eng aneinander gebunden sind. Abschließend wird schließlich geprüft, welche Folgen sich für körperliche Lernprozesse ergeben, wenn sie im Sinne ihrer „vermittelten Unmittelbarkeit“ gedeutet werden.

Informelle Technisierungsstrategien im Hochleistungssport. Von der anpassenden Veränderung des Körpers bis zur Universalisierung des körperlichen Leistungsvergleichs

In: A. Kaminski/A. Gelhard (Hrsg.) Zur Philosophie informeller Technisierung (S. 115-134) Darmstadt 2014: Wiss. Buchgesellschaft

Franz Bockrath

Der Körper ist eine unhintergehbare Bedingung für die soziale Praxis des Hochleistungssports. Er gilt als ihr materialer Ausgangspunkt. Die Einbettung des Körpers in den sozialen Zusammenhang des Hochleistungssports verändert seine natürlichen Eigenschaften und sozialen Gebrauchsweisen in spezifischer Weise. Es wäre daher verkürzt, würde man ihn als bloßes Instrument zur Hervorbringung bestimmter Effekte – etwa sportlicher Höchstleistungen – begreifen. Die Erbringung sportlicher Höchstleistungen transformiert den Körper fortlaufend im Sinne seiner Anpassung an die Logik der Leistungssteigerung und Überbietung. Diese optimierende Anpassung erfolgt schrittweise und in praktischer Auseinandersetzung mit den dynamischen Anforderungen („citius, altius, fortius“) in diesem Lebensbereich. Umgekehrt gilt freilich auch, dass die Entwicklung spezieller Sporttechnologien durch die wachsenden Ansprüche der immer noch nicht ausgereizten Hochleistungskörper begünstigt wird. Diese Dynamik, so die hier vertretene Annahme, erschöpft sich nicht in technischen Entwicklungen und technologischen Zusammenhängen. Für das Verständnis des „rise of sport“ als Ausdrucksmoment gesellschaftlicher Industrialisierung und Urbanisierung sind technologische Einflüsse zwar zentral und dementsprechend auch für die hier angestellten Überlegungen bedeutsam. Die zunehmende Systematisierung des Leistungsdenkens im Hochleistungssport und seine Einbettung in übergreifende Vergleichskontexte beruht jedoch gleichermaßen auf sukzessiven Veränderungen körperlicher Praktiken, institutioneller Regelungen und sozialer Anordnungen, die im Begriff des „Großapparats“ oder der „Totalmaschine“nicht aufgehen. Sie lassen sich eher als „Interdependenzgeflecht“ (Elias 1997: 71) charakterisieren, dessen Grenzen offen sind, ohne jedoch beliebig auszufallen und hier im Begriff der informellen Technisierung exemplarisch aufgezeigt werden.

Der Selbstbezug im Handeln – ein blinder Fleck der Sozialphilosophie ?

In: Th. Alkemeyer/B. Boschert/R. Schmidt (Hrsg.) Aufs Spiel gesetzte Körper(S.235 -252) Konstanz2003: UVK

Elk Franke

Die traditionsreiche Frage, ob der Mensch als vernunftbegabtes Wesen seine Umwelt autonom und planvoll gestalten kann oder letztlich dabei nur das Ergebnis gesellschaftlicher Verhältnisse ist, gehört zu den traditionsreichen Fragen der Sozialphilosophie. Insbesondere Bourdieu hat dazu in den letzten Jahren weitreichende Deutungsangebote gemacht. Im Beitrag wird gezeigt, in welcher Weise sein Habitus-und Feldkonzept einerseits bisherige „scholastische“ Positionen relativieren kann, aber andererseits dabei unklar bleibt, in welcher Weise seine reflexive Soziologie auch einen Beitrag zur Selbst-Reflexion von Personen in sozialen Praxen sein kann.

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Selbstfindung durch Selbstüberwindung? Anmerkungen zu Eros und Tod im Extremsport.

In: A. Hagenova (Hrsg.) Filosofie sportu (124 -130) Prag 1999: Univerzita Karlova

Franz Bockrath

Dem sogenannten Extremsport wird seit einiger Zeit von ganz unterschiedlicher Seite eine besondere Aufmerksamkeit gewidmet. Nachdem die Extremsportler selbst in unterschiedlicher Weise Zeugnis über ihr jeweiliges Tun abgelegt haben, fragen inzwischen auch Pädagogen, Soziologen und vor allem Psychologen vermehrt nach seiner theoretischen Bedeutung. Dabei steht die Identitätsproblematik deutlich im Mittelpunkt des Interesses. Im folgenden ist beabsichtigt, diese Problemstellung am Beispiel des Extrembergsteigens zu erörtern, indem weniger die psychologische Seite als vielmehr ein Aspekt ihres philosophischen Hintergrundes beleuchtet wird.

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„Mortal engines“ – oder der Imperfekte Mensch.

In: F. Bockrath (Hrsg.) Anthropotechniken im Sport. Lebenssteigerung durch Leistungsoptimierung ? (S.29 – 60) Bielefeld 2012: transcript

Franz Bockrath

Richtete sich das anfängliche Interesse der physiologischen Forschung in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts noch auf außergewöhnliche Maßnahmen und Experimente, um die Grenzen lebendiger Organismen in der Grauzone zwischen Leben und Tod zu ermitteln – Hoberman (1998) nennt in diesem Zusammenhang „die Enthauptung, das Erfrieren, die Überhitzung, die elektrische Tötung, die Rauschmittelbetäubung oder das Ersticken“ -, so gelten bereits mit Beginn des 20. Jahrhunderts die Spitzen- und Hochleistungssportler als ideale Versuchspersonen. Der Ausruf: „Ihr Mörder! Ihr verfluchten Mörder!“, den der französische Radrennfahrer Octave Lapines bei seiner Gipfelankunft nach einer schweren Bergetappe gegen die Ausrichter der Tour de France von 1910 richtete, erscheint heute, unter entfalteten sportlichen Konkurrenzbedingungen, eher als unprofessionelles Verhalten denn als Anklage gegen perfektionsgetriebene Leistungsanforderungen. Im vorliegenden Beitrag wird im Rekurs auf Peter Sloterdijks Überlegungen zur „Anthropotechnik“ (2009) aufgezeigt, wie raffiniert moderne Überbietungsstrategien im Sport ausgestaltet werden und welche Konsequenzen sich daraus für die hiervon betroffenen Akteure ergeben.

Körperfremdheit

In: A. Hagenova‘(Hrsg.) K Probematice Jinakosti (S.30 -42) Prag 2001: Univerzita Karlova

Franz Bockrath

In der über die Grenzen Deutschlands hinaus bedeutsam gewordenen ‚Dialektik der Aufklärung‘ von Horkheimer und Adorno behaupten die Autoren: „Der Körper ist nicht wieder zurückzuverwandeln in den Leib. Er bleibt die Leiche, auch wenn er noch so sehr ertüchtigt wird.“ Im Sinne dieser kategorischen Aussage ist also von einer einseitigen Aufhebung der – von Plessner noch als konkret vermittelt gefaßten – Erfahrung des Leib-Seins und Körper-Habens auszugehen. Zumal die „neuere Kultur“, so Horkheimer und Adorno weiter, „kennt den Körper als Ding, das man besitzen kann“, insofern er vom Geist, als „dem Inbegriff der Macht und des Kommandos“, beherrscht und kontrolliert wird. Die leibliche Existenz des Menschen, die unwiderruflich verloren ist, tritt im fortschreitenden Prozeß der Zivilisation nurmehr als „Haßliebe“ gegen den Körper in Erscheinung, der als Verbotenes, Verdinglichtes und Entfremdetes zu begehren ist.

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Das Menschen–und Körperbild im sportwissenschaftlichen Diskurs diktatorisch verfasster Gesellschaften

In: F. Bockrath (Hrsg.) Anthropotechniken im Sport. Lebenssteigerung durch Leistungsoptimierung ? (S. 175-198) Bielefeld 2012: transcript

Elk Franke/Jochen Hinsching

Ausgangspunkt des Beitrags sind Slotergijks Ausführungen über Anthropotechniken. Mit der programmatischen Aufforderung „Du musst Dein Leben ändern „ und dem Verweis auf eine Anthropologie der subjektiven Leistungsverbesserung und Existenzsicherung beschreibt der Autor ein Menschen-und Körperbild, das in diktatorisch verfassten Gesellschaften nicht selten zur kollektiven Optimierung eine leistungsorientierten Humankapitals benutzt worden ist. Am Beispiel der NS-Zeit und dem Auslesesystem der DDR werden im Beitrag sportrelevante Aspekte der allgemeinen Problematik herausgestellt.

Zur Heterogenität urbaner Sporträume

In: J. Funke-Wienecke/G. Klein (Hrsg.) Bewegungsraum und Stadtkultur. Sozial-und kulturwissenschaftliche Perspektiven (S. 145 – 167) Bielefeld 2008: transcript

Franz Bockrath

In urbanen Kontexten, wo unterschiedliche Räume und Raumvorstellungen nicht nur nebeneinander existieren, sondern sich wechselseitig beeinflussen und bedingen, entstehen seit einigen Jahren konkurrierende Bewegungskonzepte, die einen anderen Umgang mit Körper und Raum demonstrieren. Innerstädtische Straßenräume, die für den verkehrsgerechten Transport von Waren und Menschen geschaffen wurden, werden an Sommerabenden durch rollende Scharen von Inlineskatern im Rahmen regelmäßig durchgeführter „blade – nights“ zweckentfremdet. Stadtmarathons zwängen sich durch enge Häuserschluchten. Mountainbiker nutzen die Geländer öffentlicher Gebäude für ihre waghalsigen Sprünge. Skateboarder umkurven verschreckte Passanten in Fußgängerzonen. Beachvolleyballer bemühen sich angestrengt, das Bild trister Innenstädte in strandähnliche Atmosphären zu verwandeln. Cross – golfer haben sich entschieden, nicht länger auf alternative Nutzungsformen freier Stadtflächen zu warten. Sportkletterer wetteifern an Brücken und Hochhäusern usw. Die Liste sogenannter Trendsportarten, die vor allem in Städten praktiziert werden, ist inzwischen beachtlich lang. Um so erstaunlicher ist es, dass die Stadtsoziologie dieser Entwicklung der sportiven Nutzung von Räumen, Plätzen und Straßen bisher nur wenig Beachtung geschenkt hat.

Natursport als Hallensport: Bewegungsräume zwischen Determinismus und Voluntarismus

In: J. Funke/G. Klein (Hrsg.) Bewegungsraum und Stadtkultur. Sozial-und kulturwissenschaftliche Perspektiven (S. 169 – 184) Bielefeld 2008: transcript

Elk Franke

Hätte vor drei Jahrzehnten jemand prognostiziert, dass es einen Ski- und Klettersport in der Halle geben wird, wäre er sicher verlacht worden. Inzwischen haben sich beide Sportarten mit unterschiedlichen Einschränkungen und Ausdifferenzierungen auch in der Halle etabliert. Nachfragenwert ist dabei, in welcher Weise der Handlungs-Raum einer Sportart diese Verlagerung in die Räumlichkeit einer Halle verträgt. So verlor der Handball als Feldspiel seine Bedeutung und überlebt als Hallensport. Dagegen ist Hallenfußball bisher nur ein Lückenbüßer in der Spielpause.

Der Sport – die Religion des 20. Jahrhunderts ?

In: H. Schwaetzer (Hrsg.) Explicato mundi. Aspekte theologischer Hermeneutik (S. 219 – 239) Regensburg 2000: Roeder

Elk Franke

Es gibt Situationen im Leben, denen wir gern eine Schlüsselbedeutung zuweisen. In ihrer verdichteten Form erschließen sie bisher verborgen gebliebene Lebensbereiche. Am 28.11.1993 gab es für mich einen solchen erhellenden Augenblick. Reinhold Mokrosch hatte seine zwei Mitstreiter für eine empirische Wertforschung überraschend am Freitagabend zum Fußballspiel des VFL ins Stadion An der Bremer Brücke eingeladen. Obwohl schon seit mehreren Jahren im Wettstreit um die Erforschung von Moralauffassungen miteinander verbunden, wurde erst am diesem Abend deutlich, welche integrierende Bedeutung ein Fußballspiel für eine Forschergruppe haben kann. Der Philosoph in dieser Runde zeigte sich als fachkundiger VFL-Fan, der Sportwissenschaftler mußte sich schon aus beruflicher Sicht engagiert zeigen und der Religionspädagoge gab dem Abend seinen interpretativen Stempel. Als in der Ostkurve nach dem Führungstreffer der Osnabrücker die Wunderkerzen angezündet und sie im Rhythmus des Anfeuerungsgesanges hin und her bewegt wurden, platzte es aus ihm heraus: „Das ist ja wie in der Kirche – nein, es ist in der Form von Ergriffenheit mehr als wir es dort vermögen“ – Woraus sich die ironisch-nachdenkliche Frage ergab: „Ist der Sport die Religion des säkularen 20. Jahrhunderts?“

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